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Full text of "Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens"

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HHlräft|/li/ttiHSt*H aller Hrl, soweit sieb dieselben zur Aufnahme eignen, gelangen 
/IIIIlHlltll$JIIII$Jlll zum Preise von m. 1.— für die gespaltene tlonpareillezeile zum 
Abdruck. Auftrage auf ganze und balbe Seilen nach Uereinbarung. Annahme von Anzeigen 
dureb die Union Deutsche Uerlagsgeseilschaft ia Stuttgart, Berlin, Leipzig. « • « • 



Soeben beginnt zu erscheinen: 

K. F. BECKERS 

WELTGESCHICHTE 

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Vierte Auflage 

Nach dem neuesten Stande des geschichtlichen Wissens 
revidiert und bis zum Jahre 1900 fortgeführt von 

Professor Dr. K. H. GROTZ 



Professor Dr. J. MILLER 

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40 Pfennig pro Lieferung. 

Die Vorzüge der Beckerschen Weltgeschichte sind längst bekannt: zweck- 
mässige Auswahl des Stoffes, lebendige, anschauliche Dar- 
stellung, übersichtliche Anordnung und Einteilung, warme Vater- 
landsliebe, breite Berücksichtigung der neuen und neuesten 
Geschichte. 

Diesen Vorzügen verdankt das altberühmte Werk seine bisherige Verbreitung 
in allen Kreisen des deutschen Volkes. Die Bearbeiter der neuen Auflage waren 
bemüht, diese Vorzüge zu erhalten und mit dem Reize der Darstellung die Zu- 
verlässigkeit nach dem heutigen Stande des geschichtlichen Wissens zu vereinen. 



Alle 8— 14 Tage wird eine Lieferung ausgegeben. * Die meisten 
Buch- und Kolportagehandlungen nehmen Bestellungen entgegen. 




Union Deutsche Verlagsgesellschaft 

Stuttgart * Berlin * Leipzig. 



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ficht und Kraft. 



Die Elektrizität und 
ihre Anwendung im 
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Gin r)andbuch für F)aus und f amitte, insbesondere 

für die reifere Jugend* 



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Cb* Schwänze. 



mit zahlreichen Abbildungen. * Preis elegant gebunden 6 mark. 

3n allgemein nerftönblidber SJatftelluna. gibt baS <8ud) eine gejdjidttlicbe (5 ntroidelung 
ber ßebt« oon ber (Sleftrijität mit einer fnftematijdien 33ejd)reibung ber auf biefem ©ebiet gc 
toonnenen, äuiserft jablreiajen ©rfabrungen unb ©rrungenidjafteu. Sie neuere Cvntnndelunfl 
blejer &8tjjenj(baft, roüdje bie moberne (Sleftrotedmif gejeitigt unb bem bcrflofjenen 3abr- 
bunbert l)tniid)tUd} ber frörberung be§ geiamten «ulturftrebenS ber Dienjdjbcit einen ganj 
eigenartigen <5bara!ter aufgeprägt bot, ift aufä eingebenbfte berüditdjtigt. Xem gebitbeten 
fiaien, iusbefoubere ber beranreifenben 3ugenb, mirb in biefem 33ud) ein uolilommen flarer 
iinblid in baS meitueraroeigte Öebiet ber (Heftrijität unb bereu prattiidje SBermertung int 
täglitben Sebeu geboten, es i[t mitbin ein ebenfo belehrenbcS, luie inteteffattt unterbaltenbe§ 
<8ui, baS in jeber Familie toillfommcn jein wirb. 



Bibliothek der« 
U Unterhaltung 

und de$ Wissens 



BiWiotbek 

Unterhaltung 



und des Wissens 



mit Origiaal-Beiträaen 

der hervorragendsten Seftriftsteller und eelcbrtcn 

sowie lablretcbe» Simstrationen 



Jahrgang 1901 • Siebenter Band 




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Stuttgart « Bcrüa « teipxia 

Union Deutsche UerlagsaeselUcbaft 



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Bibliothek 



der 



Unterhaltung 



und des {Dissens 



mit Original-Beiträgen 

der hervorragendsten Schriftsteller und Gelehrten 

sowie zahlreichen ailustrationen 



Jahrgang 1901 • Siebenter Band 




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Stüttflart • Berlin • tt\pt\§ 

Union Deutsche UerlagsgcselUchaft 



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3?rucfi bcc 
Unton ©eutfd&e 

tn Stuttgart 



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4 



Jnbalts-Vetieicbms, 

Seite 

Tata Iftorgana. Roman von Gustav Jobannes Rrauss 
(Fortsetzung) 7 

Olle wir mac Kinley wiederwählten, eine Humoreske 
von der letzten Präsidentenwahl. Don D. B. (Harren 61 

mit Jllustrationen von Riebard mahn. 

Die Weltmeisterschaft in Scblitmbflblailfen. Sport. 

4 

bilder von €. Roller 81 

mit 9 Jllustrationen. 

Jbre Schuld. Dovelle von €mma merk 97 

Die Grotten und Bohlen von St Canxian. €ine Sabrt 
in die Unterwelt des Rarstes. Uon r>ans Scbarwerker 157 

mit 13 3Hu$trationen. 

Die vier tewperamente oder Die Reise naeb Berlin. 

Humoristische Skizze von Kiedrich Cbieme .... 177 
Aus dem Leben der Insekten und Spinnen, natur- 
wissenschaftliche Skizze von Professor Dr. Ol. r>e$s . 191 

mit 10 Illustrationen. 

Emphysem und Asthma. Jferztlicbe Skizze von Dr. med. 
Rreusner 205 



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6 3nfjafts-Der3etdjnts. 

mannigfaltiges: Seite 

€in Uater, der sieb zu helfen weiss 212 

neue Erfindungen: 

L Briefordner nebst Cocher 215 

mit 2 JllustMttonen. 

IL Der elektrische mann 216 

mit .Illmtralion. 

HI. Eausbaltungsbuttermaschine 218 

mit .Illustration. 

6in fürstliches Honorar 219 

6in kleines tnissverständnis 222 

€ine chinesische Radlerin 223 

mit Jllustration. 

Königin und Quäkerin 225 

Die Apfelsine 226 

€in UorlSufer Darwins 228 

Die $prad)e der Bugen 229 

folgerichtig 233 

Cüje man garriere macht 234 

€ine neue niagarabrücke 234 

mit ^Illustration. 

Cord Bristols OJette 236 

€in merkwürdiger (Dürrn 238 

Die Unglucksfeder 239 

Der tausch 239 

Kraben essen 239 

Kindischer Aberglaube 240 




f ata CDorgana* 

Roman von Gustav Johannes Krauss. 

(forUclzunfl.) ^ ^ (üaebdruck verboten.) 

neuntes Kapitel. 

tau Rxttr) flürjte fid) mit bem ganjen lobernben 
(Sifer, beffen tljr lebhaftes . Naturell fäfjig mar, 
in bie SurdSjßi&rung ber 55läne, bie fie jur Um-- 
geftaltung t^ved fiauäroefenS unb ityrer Gebens« 
roeife in ber ©ifenbaljn sroifd^en 3)reöben unb 
Sedin entworfen l;atte. 

•ftodj am 9tad>mittag ifjrer §eimfefjr fu^r fte ju ber 
©efinbeoermittterin, beren fte fidj §ur 23efdjaffung ifjreä 
$au3perfonate bebiente, unb fjatte mit i^r eine Unter* 
rebung, beren lange 2)auer gräuletn 2Senbt, bie unten 
im SBagen auf bie ©ebteterin roarten mufjte, in ßrftaunen 
fefcte unb beunruhigte. 

®ie böfen 2lljnungen beö ältlichen gräuletnä foßten 
fid& rafdjer unb Dottftänbiger erfüllen, al§ baö fonft mit 
Sl^nungen, audj mit böfen, ju gefdjeljen pflegt. 

£)ie grau flommergienrat fam enblid) aus bem £aufe, 
»or bem ber Säagen fjtelt, roieber fyeroor, rief bem ßutjdjer 
ju, bafc er 6djulte unb bann ßefler & deiner 
fahren foHe, unb flieg bann ein. ©oroie bie (Squipage 
baljinrollte, teilte grau SBotfje ifjrer ©efeUfc^afterin, um 




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8 



^ota JTTorgana. 



üoh bem flutfäer nid&t belaufest gu werben, in frangöjtfd&er 
Sprache, furg unb trodfen mit, bajj fie ftcij als gefünbigt 
gu betrauten unb morgen fdfjon baS $auS gu uerlaffen 
Ijabc, weil if)re Nachfolgerin ba gugielje. gür baS oer* 
tragSmäfcige 5Hed&t auf oterteljä^rlt^e Äünbigung werbe 
fte entfdjäbigt werben, unb gmar reidfjltd&. 

„©näbige grau!" tief bad ältliche f^räulein, gang grün 
im ©eftd&t cor Aufregung. „2BaS Ijabe id(j benn »er* 
fäulbetV So ÄnaU unb gaU . . 

„St!" gifdjte grau 33ot§e energifdfj, inbem fte mit 
ben klugen bebeutungStwtt nadfj bem breiten 9iü<fen beö 
$utfdf)erS wintte, unb gräulein üffienbt ging fofort von 
bem Seutfdfjen ins grangöfifd&e über. 

„$iefe plöfclidje Sntlaffung fd&äbigt mid& weit meljr, 
als Sie mit (Selb gut madEjen fönnen, ba§ müffen Sie 
bodj einfeljen, 2Kabame. 34 werbe fdjjwer eine anbere 
Stelle befommen, man wirb mifjtrauifdfj nad& bem ©runbe 
meiner ©ntlaffung fragen, ©ang abgefefjen oon meinen 
gefränften ©efüljlen . . . meine Sreue, meine Ergeben« 
(eit . . 

3(jre §errin fdjjnitt iljr mit einer raffen, wädjtlidjen 
fianbbewegung baS 2Sort ab. „Stäben nehmen Sie feinen, 
meine 23efte. 34 entlaffe nämlidj mein ganges ^erfonal, 
gugleitf) mit 3^nen unb unter gleiten Sebingungen. 3)a 
wirb man nidjt gerabe für 3^ ©ntlaffung einen be* 
fonberen ©runb fudfjen, fonbern fid& baS Sange einfach 
mit ber Saune einer laprigiöfen grau erflären, bie eben 
neue ©efufjter um jidj) gu fefjen wünfdfjt. Unb bei ben 
anberen" — grau Sot^e betonte biefeS fd&arf — „wirb 
man bamit redjjt haben. " 

„Sei ben anberen?" ftammelte gräulein SBenbt mit 
erlöföenber Stimme. „93ei mir ^aben Sie alfo einen 
befonberen ©runb?" 

„3awol)l, meine 93efte. 34 »ermiffe nämlidj bic 



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Hörnern von <5uj*at> Johannes Kranfc. 9 

£reue unb Ergebenheit, bie ©ie mir eben anpreifen 
wollten, ziemlich ftarf an 3|nen." 
„©näbige grau!" 

„2lh, ©te proteftieren !" fagte Äitty ungebulbig. „5Rem 
nen ©ie baS etwa 2reue unb Ergebenheit, wenn man 
gegen feine £errin fonfpiriert? 28enn man an fold^e, 
bie ein ^ntereffe baran haben, auf bem Saufenben gu 
fein, Berichte über bie £)ame fd^ieft, an beren ©eite man 
lebt? ©ie haben fidj nicht fchön benommen, meine Siebe !" 

2)aS ältliche gräulein bot einen Möglichen Stnblicf, 
wie ftc fo ängftlich * n i^ver SBagenecfe gufammenfroch 
unb ftch mit gittetnber ©timme &u oerteibigen fudjte. 
„3ch hätte Berichte 

„Samohl. ©ie waren währenb unferer Seife bie 
$rioatbeteftioin beS greiherrn o. 3Hahlow," fagte grau 
Sothe mit fühler 33eftimmtheit. 

3efct fd&nellte ber Dberförper ber ©efeflfehafterin aus 
feiner .gufammengefunfenheit empor. „»Weine ©näbige, 
baS ift . . ihr oerfagte bie ©timme. 

grau fiittn fah ftc unter ben gufammengeftogenen 
brauen fyzxvox fcharf an. „. . . eine Stige, motten ©ie 
am @nbe gar fagenV »h, *>aS ift ftarf! $a mufc ich 
Sh^en benn boch eine Keine ©efchichte erzählen, ©e* 
bad)t hatte ich wir baS fchon lange, als ich aber neulich 
in ©raj einen SBrief in grünem Hmfchlag bei 3hn«t be-- 
merfte, unb weiter 3h*e ©orgfalt bemerite, ben Srief uor 
mir gu oerhehlen, ba hatte ich 8um erftenmal baS be* 
ftimmte ©efühl, baf$ gerabe biefer 33rief einen folgen 
©eridjt enthalten müffe. Unb ich 9^9 ©ache nach. 
Das war nun freilich ©pionage oon meiner ©eite, unb 
baher auch nicht fchön, aber es mar eben Notwehr. 3<h 
ging alfo ein paar ©tunben fpäter auf baS $oftamt unb 
flagte bem ©djalterbeamten mein Seib, baft ich (inen 
Srief an greiherrn ». Mahlow, Berlin, aus SBerfehen 



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10 tfata morgaria. 



unfrankiert in ben flaften geftecft hätte. 3)a ber Slbreffat 
feinem Liener ein für allemal ben Sluftrag gegeben habe, 
bie Annahme mit Strafporto belafteter Sßoftfadjen &u oer* 
weigern, fo werbe ber ©rief, ber fet)r mistige 2Rittct* 
lungen enthalte, nun Ijödjft wahrfcheinlicjh gurücfgehen. 
3)ie Defterreicfjer ftnb gefällige Seute, unb befonberS ben 
gut gefleibeten äuSlänberinnen gegenüber aerfliefjen fte in 
Siebenäwürbigfeit. 3)er betreffenbe £err liefe fld^ alfo 
fofort »on einem Kollegen auf bem $Ma$ am «Schalter t>er» 
treten unb führte mich nach bem Sirow*** in bie für 
baä äuölanb beftimmten ©riefe fortiert werben. ©aä gadfj 
für Berlin würbe burdfjfucht, unb mein 5Wann hatte fehr 
balb ba$ Vergnügen, mir ben an ben ftretyerrn SBilhelm 
griebridj o. 9Jiar)toro gu ©erlin abreffierten grünen ©rief 
entgegenhalten unb mir geigen ju fönnen, baft ber ©rief 
rWfjtig franfiert war, ich mir alfo unnüfce Sorge gemacht 
^abe. 3$ bebanfte mich natürlich bei bem freimblidjjen 
§errn fehr oerbmblich für bie wertvollen Sluffdfjlüffe, bie 
ich ^ m oerbanlte. 3$ hatte m * r nämlich auch £anb* 
fchrift ber Slbreffe genau angefehen unb wufete nun gang 
beftimmt, ba& ber ©rief wirflich oon 3h«en gefchrieben 
tuar unb nicht pon jemanb anberem, ber gufäHig auch 
grünes Briefpapier gebrauchte/' 

gräulein SBenbt fah wahrhaft mitleibäwürbig aus, 
als ihre Herrin baä fo falt unb ruhig erjählte. %foxt 
grauen äugen flacferten unruhig hin h**, »te bie 
einer 2Bahnftnntgen, bie äBinlel beö wellen 5Nunbe3 jogen 
ftch nach abwärts gleich ben SJtunbwinleln eine« weiner* 
liehen Äinbeä, ihr Ätem feuchte mühfam. 

Site grau ©ottje geenbigt hatte, hob bie arme alte 
^ßerfon flehenb bie #änbe. „©näbige %xau, ich ... ich 
fdjwöre 3h n * n • • • ber . . . ber $err Sfattmeifter hat ... 
hat nicht . . 

„$errt>. Mahlow hat fidt) biefe $ienfie nicht befteöt," 



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Homan von (Suftar 3°^ anncs Kraug. 11 

fiel i$r ftittg ins 2Bort. „5)08 weife ic&. Saju ift er 
Diel ju fefyr ©entleman. @r Ijat fte ftd& aber gefallen 
laßen. 3lucf) baS ift f$on Jeljr fdfjlimm für tyn." Sie 
Sluaen ber frönen grau funfeiten bro§enb. Sann fufjr 
fie wieber fort, in ruhigem, geringfd&äfcigem $one: ,,©ie 
ijaben aus eigenem äntrieb gefanbelt. Satwn bin idj 
überzeugt, audfj ofjne 3^re Beteuerungen. 2öa3 für etnen 
@runb ©te fyaben, ben SRittmeißer fo au — ju protegieren, 
motten wir fagen, unterfudje idfj nidf>t. ©ie fönnten einem 
leib tljun, wenn bie ©efd&id&te ntdjt fo unfagbar lädfjerlidf) 
wäre. " 

3e|t antwortete bie ©efeflfdjafterin nichts meljr. 3n 
»erjweifelter, quälenber ©dfjam liefe fie ben Äopf Rängen, 
über bem bie grauen gebern beS £uteS trübfelig nicften, 
wie wacfelnbe SHtweibleinlöpfe. Sie lefcten 3Borte grau 
ßittpS, meljr no<$ ber %on, in bem biefe -Körte 
fprodjjen worben waren, Ratten bem armen alten Sing 
beut(icf) gezeigt, bafe bie unljeimlid) fluge grau ba neben 
iljr baS fläglidfce ©e$eimnis ber wafjnftnnigen Siebe, bie 
fie, bie ©ealterte, SReialofe, Sienenbe, für ben fd&önert unb 
ftoljen 9Jtonn im §erjen trug, burdjidfjaut Ijatte. 3Bcil 
fte ftdfj felbft iljm nid&t geben fonnte, fyatte fie t^n glücflid& 
madjen motten, tnbem fte i§m fjalf, bie anbere p er- 
ringen, bie alles baS befafe, wonadj er ftrebte unb was 
i§r fehlte. 

grau SBotlje fümmerte ftcf) wenig barum, was in ber 
(Seele ifjrer ©efettfd&afterin oorgefjen mod&te. ©ie §ing 
wä^renb ber galjrt t>on einer flunjtyanblung jur anberen 
ifjren ©ebanfen nad& unb orbnete unb tiberlegte im ©eifte 
bie Singe, bie in ben nädfjften Sagen ju beforgen waren, 
immer aufs neue. 

(Snblidfc befahl fie bem Äutfdfjer, nad& §aufe ju fahren. 

21IS ber SBagen vor bem fdjjmiebeeifernen portale ber 
$itta fjielt, melbete ber Siener, ber bienftfertig Ijeran* 



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12 S aia fllorgatta. 



geftürjt war, um baS %fyox offnen, mit ber 3Jtiene 
eines SKanneS, bei* ftch fidler fühlt, feine unangenehme 
yiatyify ju überbringen : „Der $err 9littmeifier ftnb Dar 
einer falben ©tunbe gelommen. Der £err SRittmeifter 
erwarten bie gnäbige grau im roten 3i m ^ er <# 

3um nicht geringen (Srftaunen beS SBadferen fah bie 
gnäbige grau nicht fehr erfreut aus, als fte bie SKelbung 
entgegennahm. Sie nicfte blofc Iura mit bem fdjönen 
Raupte unb fdjritt bann, ihr flleib ein wenig hodjraffenb, 
fo eilig auf bem ÄteSweg baljin, ber burch ben Vorgarten 
ftum £aufe führte, als gälte es, etwas Unangenehme« ju 
beforgen, was man am beften raf<§ thut, um es bann 
(08 ju fein. Der Safai merfte mit bem ©pürftnn ber 
Dtenenben, bafi ba irgenb etwas nicht in Orbnung fein 
muffe, unb fah gräulein SBenbt fragenb an, als wolle 
er ftch bei ihr SRatS erholen. 

(Sr erfchraf nicht wenig, als er baS ältliche gräuletn 
fo recht fcharf angefehen hatte. Sieber Gimmel, wie fah 
bie aus ! ßs lag etwas in ber Suft . . . gang ftcher lag 
etwas in ber Suft! 

(Sr hätte um fein Seben gern oerfucht, bie ®efell* 
fcfjafterin auszuholen. 316er baS wagte er nicht, gräu* 
lein SBenbt war gegenüber ben Sebienfteten niebrigerer 
Äategorie im £aufe niemals allju leutfelig ; wenn fte aber 
gar foldje Slugen machte, wie eben je|t, war es geraten, 
fte in SRuhe $u laffen. 

€>o fd)Iich ber arme fierl benn Doli jener ängftlich 
fiebernben Neugier, wie fie jenen, bie gewohnt ftnb, oon 
ben Saunen anberer abzuhängen, eigentümlich ift, hinter 
ber ©efeUfchafterin h*r ins £auS. 6r begab ftch gerabes^ 
wegS in bie flüdje, wo bie Dtenerfdjaft eben $um 92adh* 
mittagSfaffee uerfammelt war, unb fünf SDlinuten fpäter 
wufeten es SJtännlein unb Söeiblein, bafi wieber einmal 
etwas in ber Suft lag. 



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Hornau von (Suftao 3ofyä» n e 5 Kraug. 13 

2US Sitty in baS rote 3tmmer, einen Meinen ©alon, 
beffen ^enfter nadjj bem parfäfjnlidjen Wintergarten ber 
SSilla führten, trat, fprang ÜBafjlom, ber, baS ©eftdjjt in 
bie £änbe uergraben, auf einem ber fleinen gauteuils 
gefeffen fjatte, auf, fttirjte auf bie junge grau &u unb 
tpollte ftc an fidj aiefjen. 

@rblaffcnb trat er aber einen Stritt jurfief, als es 
iljm fd&arf entgegen ftifdfjte: „£üten ©ie ftd& bodfj! S)ie 
2$ür ift offen !" 

,3a fo!" 

@r nidte unb ging, bie 2lljür &u fd&lief$en. Sann 
wanbte er ftdfj an Aittg unb fagte bitteren SoneS: 
„SBerjeifj, bafc idfj wieber einmal unuorftd&tig mar. 6r* 
muttgenb ift biefer (Smpfang nadjj fo langer Trennung 
übrigens gerabe nidfjt. 2)u fdfjeinft mir fefjr üeränbert, 
ßitty." 

„3$ mir gar nidfjt," antwortete bie junge grau fttyl. 
„3dfj mar von jeljer eine geinbin aller überflüfftgen Hm 
t>orfid)tigfeiten. 3)aju gehört auc$ baS 3)u, baS man 
audjj unter oier Slugen md&t gebrauten fott, weil es 
einem bann ganj fidjer einmal t>or gremben entfd&lüpft." 

„SRun, unb märe baS llngläcf gar fo grofe, Ätttp, 
wenn es bie üJtenfd&en errieten, bafc wir uns Heben unb 
uns fjeiraten wollen?" 

3)ie fd^öne grau, bie eben bie fianbfdfjutye oon ben 
ßänben ftreifte, §ob ben 33li(f unb fal) ben SWann eigen* 
tümlid) an. „Stollen wir baS wirflidj, 2Waf)low? 3<$ 
fann midf) burdjjauS nid&t erinnern, ein BinbenbeS 93er* 
fpredjen abgegeben ju Ijaben." 

SCro^bem (te augenbli<flid& in bem greiljerrn einen 
©egner fa§, ben ftc nieberringen mufete, unb i^n beSfjalb 
beinahe fjaftte, bewunberte fie im ftiHen feine männliche 
6d)önf)eit, bie ber in ifjm aufwaDenbe Qoxn prachtvoll 
fyeroortreten lieg. 2Bie feine äugen flammten, bie feinen 



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14 fata HTorgana. 



Lüftern gudften, rote auf ber marmornen ©tirn bie Blaue 
2lber fchrooH! 

@r trat ganj bid&t an ßitty ^eran, fajjte ftc mit bei* 
ben gäuften an ben §anbgelenfen unb fah ihr fd&arf in 
bie Slugen, als nu>He er fic ihr mit feinem Stiele aus 
bem ßopfe fengen. ©ie juefte aber mit feiner äBimper. 
£alt unb fetnbfelig, wie baS »lifcen ftäljlerner Clingen, 
funfeiten ihm ihre Slugen entgegen. 

„SBoju brüefen ©ie mir baS Ärmbanb ins gleifch?" 
fragte fte ruhig. „3<h wetfj eS ohnehin, bafj ©ie ftarf 
ftnb — unb brutal." 

Sangfam lieft er ifjre £änbe los. 21(8 ob nid^tö ge* 
fdjefyen märe, fu(jr grau 33otlje augenblicflich fort. ihre 
rechte $anb, bie noch &ur ßälfte im §anbfdf)uh ftaf, aus 
ifyrer lebernen §ütle §u befreien. 3h™ gleichgültige SRulje 
roirfte gegenüber ber Seibenfdjaft, bie in bem ÜJlanne 
ftdjtlid) tobte, beinahe unheimlich- 

SWa^lom tljat ein paar ftarfe ©cfiritte in baS 3i^^er 
hinein, ©ann fefjrte er um unb fam wieber ju ihr tyran. 
„©agen ©ie, baft ©ie mit mir fpielen!" flehte er in 
weitem $one. „(SineS 3h*** beliebten SSerwanblungö- 
ftüefe, bie $fonen fo t>iel Vergnügen machen unb bem 
anberen fo roefje tljun. ÜJle^r ift eS ja bodfj nicht, fann 
e3 nicht fein. 3<h bitte ©ie, fagen ©ie ja!" 

©ie hatte nun enblidfj ben rechten §anbfdfjuh von ber 
§anb gqerrt. ©ie legte baS $aar jufammen, glättete 
ed unb legte eS auf ben $tfch, aHeS fo ruhig, als führe 
fte babei ein leichtes, nichts bebeutenbeS ©efpräch- „3<$ 
roeife nicht, roaS ©ie motten, lieber greunb," fagte fte. 
„3$ bin boch eigentlich nur auf biefe Steife gegangen, 
roetl ich mi<h nicht entfetteten fonnte. 2Öeil ich fern t>on 
9Jiabrib, bem jerftreuenben ©efeßfdfjaftsleben entrüeft, nach* 
benfen wollte über mich unb baS, roaS ich thun 



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Hontem oon (Suflao 3°^ annes Kraug. 15 

müffe, um, bann oor ber 9teue, bie ju fpät fommt, mög* 
lichft ftd&er gu fein. 3<h ^a6e 3hnen baS ja, als mir 
5l6fchieb nahmen, gang rüdtyaltloS gefagt. " 

„9lun gut/ warf er in mühfam beherrfd&tem $one 
ein. „äber jefct ftnb ©ie ja wieber ba. (Sie müffen fich 
alfo entfchloffen haben, fonft ..." 

©ie fdjüttelte lebhaft baS fd&lanfe £aupt. „3$ fyabt 
bie Klarheit über mich felbft, ohne bie ich einen fold&en 
©chritt nicht thun will, noch immer nicht. 3)a irren ©ie, 
SRahlow. Unb — es tljut mir leib, 3h«™ baS fagen 
*u müffen — wenn ich mich entfeheibe, fo wirb ber @nt* 
fchlufc laum gu 3^ren ©unften ausfallen. 3)aS weife ich 
heute bereits, aber auch nur baS." 

<Sr war totenblaß geworben unb ftanb cor ihr, ein 
Silb ber SJergweiflung, aber ein in grg gegoffeneS 33ilb, 
unb baS SJilb einer ftolgen Sergweiflung, bie nicht baren 
benft, fich gu bemütigen. Sie 3^^ne preßten fich ihm 
wie im Ärampfe gufammen, baS hörte fie, bie ihren ©egner 
fo fd&arf beobachtete, an bem leifen finirfchen in feinem 
■Dtunbe. 

(Snblich fyattt er ftch fo weit gefaxt, um fpred^en ju 
lönnen. 3Hit entfteHter ©timme fagte er: „©ie wollen 
mir alfo ben SRücfjug mit friegerifchen (Sljren offen laffen. 
(Sbelmütig von 3^nen, fd&öne grau. 316er vielleicht haben 
©ie bie ©nabe, meine Neugier nach ben ©rünben &u be* 
friebigen, bie ... bie .. . nach a fl e m • • • i*V auf 
mal . . ." 

(Sr fonnte nicht weüerreben unb bi& ftch gornig auf 
bie Sippen. 

©ie fah ihm mit ber Söliene lühler Neugier ins ©e* 
ftcht unb judfte bie Slchfeln. „©rünbe! $Ber wirb nach 
©rünben fragen wie ein ^ebant? SSietteicht aber ift baS 
ber ©runb, bafe ©ie mir gu herrifch finb, gu fehr geneigt, 
3h*er Umgebung ben gujj auf ben ÜRacfen j\u fefcen. 



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16 ifata HTorgana. 

Gittern folgen 9Jtanne fann idfj gut fein, feljr gut, unb 
id& war 3fjnen feljr gut, -JJtoljlom, fönnte cS trieHeidjt audj 
nodfj länger fein. 2lber heiraten? 9c*ein. 3)agu liebe idj 
meine S^rei^eit gu feljr. Unb weil id& mir benfe, bafe ©ie 
heiraten wollen, unb baS möglid&ft balb, gebe idfj ©ie 
eben frei." 

23or bem legten ©afce fjatte fte ein wenig gezaubert, 
©ollte fte iljn wirflicij auSfpredjen? tiefer J&inweiS auf 
feine zerrüttete ©jtfteng, bie Sefdjulbigung, bafe er es 
gumeift auf iljr Vermögen abgefe^en fjabe, war fdfjneibenb 
graufam. Slber wer eine Operation twllgiefjen will, barf 
feine ©dfjeu twr bem Keffer fyaben unb vor bem quäl« 
sollen Süden beä ©efd&öpfeS, in beffen lebenbigeS gleifdj 
bie falte ©d&neibe bringt, ©o warf fte i^m benn baS 
28ort f)in. ©o nad&läfftg, in fo felbftüerftänblicijem Sone 
fpracij fte es aus, bafe ber fäärffte SJeobadfjter nidfjt Ijätte 
merfen fönnen, eS fofte fie Ueberwinbung, baS gu fagen. 

©ie falj fofort, bafe ber rafdje ©d&nitt, ben fie geführt, 
feine SBirfung getf)an fjatte. 3Waf)low wufete jefct, bafe 
eS aus mar, gang aus. 2)aS geigte fein 3ufammengucfen, 
fein jäl)eS (Srblaffen, baS ©tarrroerben feines SBlicfeS. @S 
war, als Ijätte ben STOann ein eleftrtfd&er ©d&lag ge* 
troffen. 

Swet ©efunben ftanb er fo, lautlos, regungslos. 
®ann fam wieber Seben in bie SBilbfäule. W\t einem 
raffen ©riffe raffte er $ut unb £anbfdfjuf)e auf, bie auf 
bem niebrigen $ifdfjdfjen neben bem ärmftuljl, in bem er 
üorf)in gefefjen Ijatte, lagen. @ine furge, ftumme, froftige 
Serneigung, unb $err ». ;3JtofjIom ©erliefe baS 3^ mer r 
fjocfy aufgerichtet, mit feften ©^ritten. — 

Sief aufatmenb liefe ftdj flittp in ben Slrmftufjl 
finfen unb ftüfcte bie ©tirn in bie weifee £anb. 

3f>r war gang fonberbar gu 3)iut. ©ie fjatte ifjr 
erreicht, unb bod) fam fte fidfj vor, als f)ätte fie ctttc 



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Sdjladjt oerloren. 3)ie 9lrt, in ber er auf ifjren fd&onungS- 
lofen Angriff geantwortet Ijatte, imponierte ifjr unb em* 
pörte fie jugleid). #atte baS nid^t au8gefef)en roie 35er- 
adjtung? äÖie bie Seradfjtung beS Cannes gegen ba§ 
SBeib, ba§ mit xijm ein freuelljafteg Spiel getrieben, roie 
bie Seradjtung beä abeligen Dffijierö gegen ben füljl be* 
red&nenben Srämerftnn, ber ftdfj nidfjt baoor jdfjeut, ben 
Untertrieb aroifd&en retc^ unb arm redjt nad)brüdlid) ju 
Betonen, roenn e§ iljm fo taugt. 

3)a3 roar ja gerabe, als fjätte er tf)r ben i'aufpafc 
gegeben ! 

2)ie gufjfptttf ber frönen grau trommelte nerüöä 
auf bem Seppidj, fte roanb ftdf) auf iljrem Si$ roie in 
förperlidfjem Unbehagen. $ann fprang fte auf unb begann 
im Limmer auf unb ab $u gelten. 

Sie roollte ba$ fjäfelicfje, peinigenbe ®efü(jl, baS fie 
fo mitten im ©elingen iljrer fdjroierigften kleine befallen 
fjattß, abfd&ütteln unb jroang fid;, an anbereS &u benfen, 
an greunblidfjereö. 2ln 9Hattl)iaö OTooöbörfer badjte fie, 
an „$iefel", roie fie iljn im füllen jefct fdjon nannte, 
unb iljn fpä'ter laut nennen roollte, juerft eine Sdtlang, 
roenn nur er eö fyörte, unb nadjljer oor allen anberen aud). 

„Wiefel . . . Riefet . . . Wiefel." 

Sie fagle ben tarnen ein fjalbeS ©ufcenb 2ftal uor 
fid) 1)111, als roolle fie fid^ ba£ befyaglicfye, ein roenig träge 
§inüberfdjleifen be3 i ins e, ba§ ifjrer norbbeutfdfjen Sunge 
ein roenig fdjroer fiel, mögltdfjft ed)t unb naturgetreu ein* 
üben. £abet lächelte fie glüdlidj cor fid) f)in unb breitete 
fogar einmal bie Sinne fyalb au§, al§ roolle fie irgenb 
etroaö, irgenb jemanb umarmen unb an ifjre iBruft 
brüden. 

§icfel! 3öas für ein entjüdenber ^umc ba§ boefi 
roar! (SS roar Stimmung in biefem tarnen, 9^atur= 
ftimmung. 2ior ädern aber fal) unb l)örte fte bei bem 

1901. VII. 2 



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18 fata Illorgaita. 

Klange biefeS üftamenä ben 9Jlann, ber ir)n trug, bie 
©lieber fertig unb fdjnjeöenb oon trofciger ßraft, ba3 
©efid)t bunfel ge6räunt oon 2Binb unb Söetter, fo bau 
ber rote 3ttunb unter bem flaumigen Sungmannöbart unb 
bie treuherzigen 39lauaugen oon biefer bunflcn §aut feit« 
fam lebhaft abflachen. Unb baä ©efidjt trug bie 3"fle 
ihrcä jungen Sängers, ber rote -JKunb war fein 2Wunb, 
bie fetten Slugen fallen fic mit feinem 23licfe an. 

3n Söirflid^feit war 3Jiattr)iaS ja nicht fo braun, ©r 
hatte ja in ber Stube gefeffen unb war nicht auf ben 
$öl)en ^erumgeftiegen mit ber S3üd)fe auf ber Schulter 
ober ber ferneren 2ljt be£ §o(jfned)teö. 2lber barauf 
fam'3 auch gar nicht an. @r mar bod) einer auö bem 
$olfe biefer Säger unb §oljfäfler. @r gehörte zu biefem 
©efchledjte oon Männern, bie l)eute nod() an ihre Uroor^ 
fahren gemannten, an bie alten Seutfchen, bie ben SBären 
unb ben 2luerochfen jagten unb ba3 gewaltige 9fömerreich 
zertrümmerten, an jeneö feufdrje unb reine $olf, beffen 
einige Safter barin beftanben, bafe bie SKänner nad) ber 
3agb ober nach ber fiegreichen 6d)lad)t ben pumpen 
manchmal ein wenig zu rafd) freifen liefjen unb auf bie 
rollenben Würfel ju l)o^e (Sinfä^e wagten. $ie grauen 
aber waren ihnen ben ©öttern rierwanbt, fie ehrten fic unb 
matten fie zu ^riefterinnen. Wxt breiig Sahren freite 
ber 9Rann, unb baö SBetb, baö er bann nahm, war feine 
erfte Siebe. Senn baö lodere Sebcn ber jungen Börner, 
baö in ber alten römiferjen ©efeUfdjaft wie in ber heutigen 
als liebenämürbige Schwerenöterei betrachtet unb lädjelnb 
gebulbet würbe, ba3 galt biefen Barbaren alö eine fchimpf; 
lidje, entel)renbe Sadje. 

üBie fic fidj fclmte nach biefer Feinheit, auö ber alles 
anberc l)eroorblüf)t, waö bie Siebe f bftlidt) madjt: bic rot 
lobembe Seibenjchaft, bic Scib unb Seben wagt, bie 03e; 
liebte zu erringen, bie treuherzige Snnigfcit, bie nidjtö 



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Koman von (Suftao 3°^ annes Kräng. 19 

von ironifdjer ©elbftbefpöttelung roeifi, unb bie £reue, 
bic nid^t baran benft, ba3 ©efcfjenf, ba§ fic Ijeute ge* 
geben, morgen mieber &urücf juneljmen ! 

SBäfjrenb iljr ba§ alles burdj bie Seele gog, nur jum 
Seil Kar gebaut, pm gröfeeren Seil in bdmmernben ®e* 
füllen unb (Smpfinbungen, ftanb baä SBilb 9RooSbörfer3 
immer beutlid&er cor ifjrer aufgeregten ©eele. ©ie fefjnte 
ftd) nadj tfjm, fo bafc fte nafje baran mar, fo mie fle ging 
unb ftanb, bie treppe fjtnabjulaufen unb bie nädjfte 
Drofdjte anzurufen, um &u ifym ju fahren. 

Wiefel, Wiefel! 

©ie liebte ifm. Gnblici enbli* liebte fte! ©ie 
mehrte i(jm nidjt, bem glücffeligen Taumel, ber ifn: ganjeS 
s I3efen immer milber erfaßte, ©ie ljätte jaulen mögen 
über fid) felbft unb äugleidj »or greube meinen. @$ mar 
eine ©timme in ifyr, mie fie über grauen fommt, bie ftd) 
lange 3a^re oergeblidj nad) einem ßinfce gefeint I)aben, 
unb benen bann enblid) ba3 ©lücf ber ÜJiuttcrfctjaft bodj 
nodj befdjert mirb. 

3*>r $erj lebte alfo. (Sö mar nidjt tot geroefen. 93lofi 
gefdjlafen ljätte e3, immerfort gefdjlafen, mie DornröSdjen 
im epfjeuumfponnenen $önig§fdjlofe, roeil eben ber föedjte 
nidjt gefommen mar. 3e^t aber, jefct mar er ba. 5Bci 
feinem bloßen Taljen roaren bic Siegel unb Pforten oon 
felbft aufgefprungen, unb all ba3 Scben, baä fo lange ge* 
fdjlafcn r)atte, warb Iebenbig, unb baö fdjeintote ^ringefe-- 
lein fprang oon feinem Sager empor. 

@r — er liebte fie mieber. 3e^t fcr)on mar er ganj 
unb gar xljx eigen, trofc feiner finblidjen ©emiffenöbiffe, 
bie i^n fo Iiebreiflenb fleibeten. ©ie r)atte ja feine $er$enä* 
angft, feine leibenfdjaftlidje Stufjeloftgfeit gefeljen, als 
s J)laf)Ioro . . . 

Da mar fie im Kreislauf ifjrer ©ebanfen mieber bei 
bem 9)ianne angelangt, ber fie oorfjtn bei feinem 3öeg» 



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20 



,fata lltorgatta. 



gange in einer fo peinlichen Stimmung jurticfgelaffen 
^atte. 

3)iefe Stimmung war uerflogen. Sie backte nun ohne 
£af} an ihn, eher in leifer ÜBehmut. 

@r war bodj, trofc allem unb allem, ein Sollmenfch, 
biefer Mahlow, Schön , oornehm , flug. SBarum nur 
hatte er baS 2öunber nicht wirfen fönnen, baS bem jungen 
Steirer gelungen mar, ofjne er cä wollte, ohne bafe 
er es ahnte? 3a, warum nur? SBar es gewefen, weil 
fte bei feinen järtlichen 2öorten, bei feinen fiüjfen nie 
recht ^atte baran glauben fönnen, bafi eS ihm rechter 
@rnft fei, weil fte immer an .biß ^unbett anberen fyattt 
benfen müffen, ju benen er vor ihr fo gefprodjen, bie er 
fo gefügt hatte? Sielleicht mar fte auch baS ©efüljl nie 
recht los geworben, baß es nicht bie Siebe allein mar, 
bie ihn immer wieber auf balbige Verlobung unb $eirat 
brängen lieft, bafj er von ben 9Jcanichäern gehest mar. 

2lrmer 3Kenfch! @r fonnte ja nichts bafür, bafc ein 
junger Offizier oon altem tarnen fo oiel Gelegenheit hat, 
feine ©mpfinbungSfähigfeit unb fein §ab unb @ut ju oer* 
fchroenben. Gr märe oieKeicht ber fechte gewefen, wenn 
fte ihn nicht erft fennen gelernt hätte, als er fcfjon eine 
bewegte Sergangenheit hinter ftd) hatte unb bie materielle 
Sorge feinem ganzen ^5cifteö- unb Gefühlsleben ihren 
entabelnben Stempel aufgebrüeft hatte. 

@r war nicht ber fechte gewefen, aber unter anberen 
Umftänben hätte er es fein fönnen. Um biefer Möglich* 
feit willen wollte fte für ihn thun, was fte tljun fonnte, 
ohne babei tljr eigenes Selbft &um Dpfer ju bringen. 

9?ur war bie Schwierigfett babei, bafc fte bie £ilfe, 
bie fte ihm gewähren wollte, letften mufete, ohne bafe er 
etwas baoon merfte. Sonft nahm er fie nicht an. 

grau 33ott)C war es nicht gewohnt, bafe ftch ihrem 
SttiHen aHju grojje Schwierigfeiten entgegentürmten; fie 



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Vornan oou <5nf*ar> Johannes Kräng. 21 

faltete fefyr ungnäbig bie fd^öne ©tirn, als fic bie erften 
beiben äuSfunftSmittel, auf bie fte oerfiel, bei näherer 
Prüfung als unbraud&bar von ber £anb roeifen mu&te. 

(Snblidfj ^atte fte bas richtige. 

,,3dj) roerbe jutn alten Rettmers fahren/' backte fie. 
„Ginen geroiffen Ginflufc auf ben Siebermann Ijat mir 
ber $err Äommer^ienrat ja l)interlaffen. $er alte Sdfjuft 
ift jebenfallS felbft ber Hauptgläubiger, unb bie übrigen 
fjat er an ber $anb." 

©c brüefte auf ben Änopf ber eleftrifd&en JUingel. 

@in fjübfdjeS Söffen trat jagfjaft ein. <5te falj 
^öc^ft erftaunt barein, als bie gnäbige grau fo guter 
Saune fdjien. $arl Ijatte bodfj oortjin er^ä^lt, bafe etroaS 
in ber Suft liege. 

„SRufen ©ie gräulein Söenbt, fiaura. Unb bann 
fjolen 6ie mir eine 2)rofd)fe, aber eine gefdfjloffene." 

Sie fileine üerfdfjroanb, unb gleidj barauf trat bie @e* 
feflfdjafterin ein. 2)ie Diänber ttjrer Slugen unb bie 9tafen; 
fpt^e waren gerötet, in iljrer Stimme Hangen nodj bie 
£f)ränen nadj). 

„grau fiommerjienrat befehlen?" 

fiittn l)atte ein im ßkunbe gutes #era, beffen @äte 
freilidj nur bann ^um £>urdf)brudfj fam, wenn fidj bie 
fdjöne grau bei fo rofiger Saune befanb roie eben je^t. 
(Sie rebete alfo bem oergrämten gräulein fo freunblidj ^u, 
ftdj bie <3adje nidjt gar fo fef)r &u fielen ju nehmen, bafc 
filara 2Benbt bie rotgeränberten grauen Slugen beinahe 
entfefct aufrife, roaS ifjrem Mageren weifen ©efidjt einen 
nidfjt aHp geiftreidjen SluSbrucf oerlielj. 

2(lS bem frönen triebe ber 9iädf)ftenltebe genug ge* 
tfjan mar, gab fiittn ber $efeHfd(jafterin iljre Aufträge. 

w 3$ fatjre nodjj einmal aus. 6ie fmb fo gut unb 
teilen injroifc^en bem ganzen ^erfonal mit, bafe es ge* 
fünbigt ift unb morgen sieben mufj. 3eber erhält brei 



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22 



,fata OTorgaiia. 



Monate Sohn unb gleichfalls für brei Monate ffiohnungS» 
unb ßoftgelb. berechnen 6ie bic einzelnen Soften, fo 
beiläufig blofe. 2luf etliche üJtarf mehr fommt es ja bei 
folgen (Gelegenheiten nicht an. gerner bringen 6ie bic 
ßlebefarten in Drbnung unb tragen in bie 3)ienftbüd)er 
bie «Seugniffe ein, alle fo glänjenb, als es nur möglich 
ift, ohne unroahrfcheinlich gu wirfen." 

2)ie ©efeüfdfjafterin &og fich mit einem unenblidj bis» 
freien SluSbrucf von teilnahmsvollem $ebauern in ber 
SJtiene oorfidjtig jurücf. @S war bodfj mehr als flar, ba& 
bie fdfjöne Srau ^ommerjienrat nicht gang gefunb im 
ßopfe mar. tiefer völlige Umfturg beS ganzen $auS« 
rvefenS, ohne jeben erfidfjtlichen ©runb! 2)iefer plö^liche 
StimmungSivechfel ! $er arme, arme 9Jiahloiv! 6r war 
äUDor mit fefjr finfterer 5Jliene, im ©eftcht gan& afd^- 
faljl, fortgegangen. £)aS gräulein r)atte ihn, hinter bem 
genftervorljange beS (Stimmers oerborgen, beobachtet, 
wie er mit langen, h^flen Stritten burch ben Vorgarten 
bavonftürmte. Sie ^atte fich bie bitterften Vorwürfe bar* 
über gemacht, bafi fte bie Sdfjulb an bem $orbe trug, 
ben ber vergötterte -äliann im roten Salon offenbar be* 
fommen fyattt. 3efct aber fing ßlara Söenbt an flu 
glauben, bafe biefer ßorb eher ein ©lücf für ben grei* 
herrn fei. $enn eine grau ju fyahzn, bie ... l)\\x . . . 
(Sine böfe Sache, fo ettvas. 

SBährenb bie ©efellfchafterin an biefer Theorie aur 
ßrflärung beS fonberbaren SöefenS ihrer Herrin herum* 
grübelte, fuhr ftitty bereits, ziemlich ^¥ in bie @dfe 
ihres gefchloffenen äöagenS gebrüeft, burch Seitenftra&en, 
in bie ftc faum je vorher gefommen mar unb in benen 
fie um leinen $reiS gefeljen werben wollte, weil baS ju 
ben übelften ©erüdjjten über fte hätte 2lnlaf$ geben müffen. 
3Me SanfierS von bem Spezialfach beS §errn, &u bem fie 
fuhr, wohnen eben nicht in ben vornefmiften Stabtvierteln. 



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Cornau ron (Huflar 3°^ anncs Krauß. 23 

9lu3 bcm nämlichen ©runbe mar es iljr fe^r angenehm, 
bafj, obwohl cö fdf)on äiemlidf) bunfel mar, im Sljorroeg 
be$ grofjen Kaufes, Dor bcm ber 2Bagen enblidfj f)ielt, 
noclj fein ©a3 brannte. 6ie fc^tüpf te rafdj auö bem 
2öagen, roinfte bem flutfd&er, bafi er warten folle, unb 
ljufdjte bann in bie §öl)le, bie iT;r bunfel entgegengäfmte 
unb einen bumpfen ©erudfj, roiberlid) fäuerlid), roie uon 
bem 2lngftf<!jttJei& gequälter 9Kenfdfjen l)errüf)renb, auf bie 
Strafjc fjerauöfanbte. 

2lm #ufee ber treppe begegnete iljr ein £err, ber in 
©ang unb Haltung bcn Offizier in 3iml uiwerfennbar 
»erriet. 6rft erfdfjraf fie, als ifjre fdjarfen klugen aber 
tro$ be§ tiefen £albbunfel8 feftgeftellt Ratten, baft ber 
9Wann iljr uöflig fremb war, nitfte fie befriebigt. Sei 
§errn Tellmers roar'3 alfo nodf) ©efdjäftäaeit. 

Sorfidfjtig ftieg fie bie treppe empor. 2)ie Stufen 
maren fteil unb ausgetreten, unb ba3 ©elänber anpfaffen 
freute fie fidfj. 

@nblidfj t)aite fie bie richtige £f)ür gefunben. Sic 
flingelte , unb ein Ijagerer junger Sdjjreifcer öffnete iljr, 
ber t)or ßrftaunen faft in Dljnmadjt fiel, als er beim 
Sdjeine ber von ber 3)edc be3 $or$immer$ Ijerabljä'ngen- 
ben Petroleumlampe erfannte, bafe es eine junge, oor- 
nefjme unb allem Slnfcljein nad) gut fituierte ®amc mar, 
bie an biefer %f)üx fo fpät noeö (Sinfafj begehrte. 

„£err fiellmerö ift ja eigentlich . . . nicf)t mefjr -}U . . . 
p fprecf)en," ftotterte er. 

„2lber auSnafjmSroeife bodj, nidjt roafjr?" ergänzte bie 
3)ame rufjtg. „Felben ©ie ifjm alfo, bitte, bafc iljn 
jemanb auSna^mömeife ju fpred)en roünfdfjt, unb jroar 
möglich fofort." 

3)er junge £err fnitfte unter biefer fjerrifdjen 
ftimmtfjeit ber gremben faft jufammen. Heber feine eigenen 
güfje ftolpernb, ftürjtc er auf eine ber Spüren ju, bie 

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24 



(fata UTorgana. 



aus bcm SBorjimmer in bic inneren SRäume führten, rife 
fic auf unb bat bie gnäbige grau mit tiefem 23ücfling, 
einzutreten. Sann rafte er auf eine anbere 3f)ür &u, 
um #errn Rettmers &u fjolen. 

Siefer tarn fo rafdj, ba& ßittp faum 3eit gefunben 
fyatte, ftdf) in bem fleinen (3alon, in bem fie ftanb, um« 
&ufefjen unb feft&uftellen, bafe es Ijier auSfafy wie in ber 
guten Stube eines foliben, öietteidjt gu pebantifcf) foliben 
berliner Rentiers aus bem ßleinbürgerftanbe , als ber 
.§ausljerr aud& fdfjon eintrat. 

„2lfj, meldte ©fjre, grau flom . . 

„St!" sifdjjte grau Sotlje energifefy, wobei fte nadfji 
ber Sljür bliefte, bie ber Sdjreiber eben oon aufeen juj;og. 
Rettmers fdjmieg erfdjjrocfen unb ftanb nun vor feinem 
23efudfje in ber Haftung eines bemütigen Höflings, ber 
nadj ber (Stifette ju warten tyat, bis bie grau Königin if)n 
anrebet. 

ßith; liefe iljn ein paar <5e!unben warten. @S inter* 
effterte fie, fidf) ben SJiann anjufe^en. Siefe behäbige 
©eftalt im ehrbaren fc^marjen ©efyrocf, biefer 5lpoftelfopf 
mit bem lang Ijerabwallenben 2Beij$bart unb bem ein 
wenig paftoralen 3ug um 9)iunb unb klugen ... wer fyätte 
oermutet, bafe hinter biefer woljlanftänbigen äufjenfeite 
einer ber gefäfjrlidfjften $el)labfdfjneiber Berlins fteefte? 

„Sefcen mir uns, " fagte Äith) enblidfj. 

^ad^bem fie $la$ genommen Ratten, fu&r fie fort: 
„3dfjenfen Sie mir mal reinen SBein ein, §err §eUmerS : 
wie fteljt es eigentlich mit bem greiljerrn o. 3Wal)low? w 

3n bem ©efidjjte beS SBudjjererS ging eine merfmürbig 
rafd&e Skränberung oor fic3^. 23is jefct war bort nichts 
ju lefen gewefen als gottergebene Semut, oerbunben mit 
einem fanften (Srftaunen über bie unerwartete @fjre, bie 
feinem geringen £eim burefy ben 53efud& ber grau Som- 
merjienrat tfittp 33otl)e, geborenen o. £opfgarten, wiber* 



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Homan pon <Sujtat> Johannes Kräng. 25 

fu&r. Sowie aber ber ÜRame Wlatyow von ben Sippen 
ber Dame gefallen mar, falj £err Tellmers einem au3 
gierigen Slugen fpäfjenben ©eier, bem ein nmnberlidjjeS 
9Jaturfpiel einen langen weifjen 33art am Unterfd&nabel 
Ijatte warfen laffen, täufd&enb äfjnlidfj. 

„§m . . . fo fo . . . idj roeifj nidE>t redjt . . 

fr <3ie fönnen rufyig fpredjen," fagte Sittp gelaffen. 
„Sie fd&aben iljm nidfjt. @r Ijat S^nen roaljrfdfjeinlidj) 
erjagt, bafe er fi<$ bemnädfjft mit mir verloben wirb. 
Damit tft e§ vorbei." 

2Bie von einem $ettfdfjenfc§Iag getroffen fuljr ber 2lUc 
in bie §ö^e unb griff ftdfj mit beiben $änben naef) bem 
ffopfe. „2Baö?" jeterte er. „äBaS?" 

„6$ ift aus," mieberfjolte äittn rufjig. 

„Wein ©elb! 9Jkin fd)öne8, fdjöneS (Mb! Das ift 
^Betrug! Slber er fott mir '3 bü&en, ber Sdfjroinbler, ber 
^Betrüger, ber #alunfe, ber ..." 

„föuln'g, 9Jtonn!" Ijerrfdfjte ifjn grau Sot^e unmutig 
an. „2Ba§ ift baä für ein betragen? Sdfjämen Sie fid& 
benn gar nidf)t?" 

„Sie fjaben gut reben," faulte ber ©elbmann giftig 
äurücf, roäfjrenb er fidf> ben Sd&weift von ber Stirn 
roifdjjte, mit ber bloßen §anb, ofjne fein ^afdjentudfj $u 
bemühen. „Sie sedieren nichts. 3a, wenn man'3 retfjt 
befielt, finb Sie mitfdfjulbig baran, bafj anbere i^r fauer 
jufammengebarbteö bi jidjjen . . . " 

„Da3 ift eine gredf)f)eit, Tellmers," fagte Äittn eifig. 
„£üten Sie 3ljre ßunge! Ober meinen Sie oielleidjt, 
\d) roeife um bie ©efdudfjtc nidjt, bie Sfynen etliche Säfjr-' 
djeit ©efängniö eingetragen fjätte, roenn 23otfje es Ijätte 
eingeftefjen motten, bafj audfj er fidj einmal Fjabe betrügen 
laffen unb gar tjon feinem eigenen Slngeftellten? 3$ 
meijj barum, unb t)erjäl)rt ift bie ©efajidjte au$ nodfj 



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26 ^ata HTorgana. 

£>ie zornige 9^öte in bem ©eftdjt be3 alten £errn roiclj 
plöfclid) einer fallen klaffe, bie grofee, breite, fette @e- 
fialt flog fid& bemütig unb erfd&recft gufammen. @S war, 
als ob Rettmers unter bem SBlide ßittgS um einige 3oß 
fleiner würbe unb augleidfj com gleifd&c fiele. $er eljr^ 
bare fdfjwarsc s Jioä, ber if)m eben nod& fo rootjtyäbig praß 
am Seibe fafe, fcf)lotterte ja jefct förmlidf) über 33ruft unb 
©djultern. 

„Serben ©ie, gnäbige grau!" ädfote er. „2lber ... 
aber ... idj ... wenn man fo fein fauer ftufammens 
gebarbteö . . . " 

Srau 23otfje fdjnitt ifjm baö Söort ab. Raffen Sie 
bodj biefe lädjerlid&e Diebengart. 2)en ©runbftotf 3ljre3 
$Bermögen§ Ijaben (Sie bem feiigen Slommerjienrat ab« 
gefctyminbelt ; ber ffieft mag ja ftufammengebarbt fein, aber 
ba f;aben nidfjt ©ie gebarbt, fonbern bic anberen, bie 
armen Teufel, bie Qtjnen in bie flauen fielen, ©o liegt 
bie ©adfje. $)arum beffamieren ©ie nidjt, fonbern fefcen 
©ie fid) roieber, unb antworten ©ie vernünftig auf meine 
grage: wie ftefyt e3 um ben greifjerrn v. -iDialjlow?" 

Tellmers liefe fid) nieber unb roifcljte fid) roieber bie 
©tirn. diesmal aber gebrauste er fein 2!afd()entud& 
baflu, fein feinet, roeifeeS Safdjjentudf), in beffen ©de ein 
grofeeö Sonogramm geftidt mar. „gaul, oberfaul," fagte 
er fummertjoff. „3e^t, ba ©ie oon iljm nichts me^r 
roiffen motten, ift ber 9flann für feine fünfzig Pfennig 
mel)r gut. $abei ^at er aber minbeftenS bveifeigtaujenb 
9ftarf ©Bulben." 

„@twa3 bauon wirb ja roofjl gebedt fein?" 

„3arool)l, gebedt! Steine ©pur!" 
ift bog baß ®ut ba?" 

„5öeit über ben 2Bert belaftet, gnäbige grau. Ueber 
ben Sfficrt! ©ein trüber, ber barauf fifct, mirtjd^aftet 
mit 9JUi£)' unb 9?ot bie §t)potl)efenjinfen Ijerauä. 2Senn'ö 



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Hornau von (Suftar 3°l> atn,c s Kraug. 27 

$ur 3wang3t>erfteigerung fommt, faden no<$ von ben ein* 
getragenen $orberungen weldfje aus." 

„Unb bie ©rbfd&aften, bic er 5U erwarten rjat?" 

„9Hd&t 'ne 9)tarf. <Sr fjat ja wofjl fo 'n alte« 
Fräulein üon £ante unb einen Dnfel. £)ie £ante aber 
fjat nur fo 'n bifcd&en, fjunbertimbgroanftig -JWille. 3)a§ 
erben bie beiben trüber &u gleiten teilen. $>a§ Sefta* 
ment Hegt beim ©ericr)t. 9iun f)at aber ber föittmeifter 
feinen fd&on t)or Sauren an (Selbmänner cebiert, 
bie iljn bamalö rangierten unb ü)m nodj 'n paar Kröten 
(jerau3$aljlten. 3§rc eigenen gorberungen fjaben fie fidj 
babei natürlich mit in erfter »ieifje bejaht gemalt. 6oldje 
Serie miffen ftd) ja immer ju becfen, ein reeller ©efcljäftSs 
mann aber fällt fyerein." 

@r fjielt inne, um über bie Skrberbtrjeit einer Sßelt, 
in ber eö einem reellen ©efdfjäftämann fo traurig ergeljen 
fann, red&t au§ tieffter 6eele j\u feufgen. ©er farfaftifdfje 
33licf ber $)ame ibm gegenüber aber liefe ben (Seufzer 
nidjt fo redjjt falbungSootf geraten, unb §err §ellmev3 re- 
ferierte weiter, wobei feine (Stimme ein wenig geärgert 
flang: „bliebe alfo noef) ber Dnfel. $a3 ift aber ein alter 
Querfopf, ber fief) bereits mit bem Spater beä 9ttttmeiftcr§ 
nid)t pertrug unb bie ©öljne ferjon gar nidjjt fefjen will. 
@r will überhaupt niemanb feljen, fonbern Ijauft wie ein 
$adj§ in feiner Söitta in <Stegli$. ©er Sitte ift ja ftfjwer 
reidf). 6eine oier, fünf 9RiHiönd(jen rjat er beifamnjen — ' 

„©0 Diel?" warf grau Sittn erftaunt ein. 

„(Sljer merjr, mefjr efyer als weniger," üerfidjerte $efl* 
merS, bem bei ber Sorftellung fo oielen ®elbeö ba$ 
■Jöaffer ftdjtlid) im -Jttunbe ^ufammenlief. „$at er in 
2lmerifa gemacht. @r war ein fmarter Saufmann. 2)a* 
t>on friegen bie Neffen aber feinen roten Pfennig. Heber* 
fjaupt feiner. Srrentjäufer will ber 9llte nad) feinem Xobe 
baoon bauen laffen. @r fagt, bie lieben £>eutf d)en fämen 



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28 f ata Jttorgana. 

ihm allefamt fo närrifdj vor, bafc ber 9torrenhäufer viel, 
mel ju wenig feien. (Sine boshafte Ganaille, ber 2Ute. 
Slber ein vorzüglicher ©efchäftSmann mar er feiner 3*tt, 
trofc feines alten 2lbel8." 

grau ©otfje nicfte gebanfenvoll mit bcm fdjönen £aupt. 
„2)ann ftefjt es freilich fchlimm um bie £)reif$igtaufenb," 
fagte fte langfam. „<5ie ftnb ber Hauptgläubiger?" 

Tellmers fuhr ftch roieber mit beiben §änben an bie 
Schläfen. „®ott fei'S gellagt, ja! Ueber awanjigtaufenb 
2Rar! 3Bec$fel W ich ihm btSfontiert — " 

„2)a beträgt 3h* mirflidfjer Schaben vielleicht gwölf- 
taufenb," fdfjaltete ßittg trocfen ein. 

3)er Söucherer fyob bie klugen mit leibvollem SluSbrucf 
&ur Secfe empor, als moHe er ben 3Jlieter, ber eine 
treppe ^ö^er mofjnte, jum 3 eu 9 cn anrufen, wie bitter 
unrecht ihm gethan mürbe. @r roagte aber nichts £u ant* 
morten. grau 33otf>c faf) ihm mit l)umoriftifd;em Slugem 
ämtnfern ju. Sein ftummeS (Spiel beluftigte fie fichtlich. 

Wad) einer SBeile fagte fte: „2)a Sie aber fdfjon ein- 
mal fo tief brin fifcen, märe eS vielleicht baS flügfte, 
menn ©ie ben Slcft feiner äßechfel auch noch auffauften 
unb ihm bann $cit sunt Rahlen liefen. Vielleicht rafft 
ftch ber SDtfann noch auf, wenn ihm ber $als nicht ju* 
gejchnürt wirb." 

3fjre Hoffnung, ber SBudherer mürbe ben Sorfdjlag 
als blutigen $oljn auffaffen unb mütenb auf fie los fahren, 
mürbe fchmäfjlich enttäufdht. $err Tellmers mar ein ge* 
riebencr alter gudf)S. SBäljrenb er ben verzweifelten ©reis 
fpielte, ber feinen verlorenen (Srfpamiffen nachmimmert, 
hatte er fidj heimlich ben $opf verbrochen, maS ber SBefucö 
ber Srau fiommerjienrat eigentlich ju bebeuten h<*&en 
fönne, menn jmifdjen il)r unb feinem Klienten mirflich 
alles vorbei mar. 2)ie le$te 2öenbung beS ©efprächeS 
marf ihm einen orientierenben 93lt$ in biefeS £)unfel. 



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Hornau von <3uftav ^obaunes Kranjj. 



29 



Sr fat) bic Same liftig an unb jagte: „2tl3 3^ r 
Strohmann würb' idjj'S fdf)on tljun." 

„SDaö ift gut!" fagte Äittn, ein wenig verblüfft. „3Bie 
fäme id& ba^u?" 

§eHmer3 wiegte nadfjbenflidf) ba8 Slpoftelljaupt. 5Wan 
fal) i&m babei beutlidj an, rote innig er ben Xriumpf) 
feiner überlegenen ©eifteafraft genofj. „3$ bin ein armer 
Wann von geringer §erfunft," fagte er bemütigen Soneä. 
„9Rein SSater war 33ubtfer. 34 Ijabe midj niemals in 
ben feinen Greifen beroegt. 28ie fann id) ba mtffen, was 
für ©rünbe eine Same au§ biefen fireifen für iljre §anb* 
lungen fjat? 34 ^ ann IjödfjftenS raten. 35ielleidfjt pafet e8 
S^nen nidfjt, bafe ber $err Mittmeifter gleich nad) 3^ rem 
33ru<$ mit i^m oor bie §unbe gel)t. Sie Sadfje mar 
giemlid) befannt geworben. Sa fönnten bie Seute fagen, 
Sie Ijätten il)n auf bem ©ewifjen, roeil er ftd) in ber 
3«it, bie (Sie it)n — (Sie oer^ei^en, grau 5lommerjien* 
rat! — am ÜWarrenfcil führten, anberöwo umfefjen unb 
vkMdft Erfolg l)ättc ^aben fönnen." 

@r f>telt inne. Unter bem wet&cn Schnurrbart judte 
eä fjämifdfj. 

Sann fufjr er üorficfjttg fort: „SaS roarc fcfjon ein 
©runb. &$enn icf) Sie mefjr für eine Stealpoliliferin 
galten barf, fo fann idj nod) anberS raten. Sie Ijaben 
mit iljm gebrochen, aber metleidjt nur auf $t\t. @r fann 
ficb mißliebig gemacht Ijaben, ©iferfüdjtelet unb fo. Sa 
wollen Sie if)n los fein, fidj ifjn aber für fpciter fon* 
feroieren." 

Äittn mar bei biefer lauernben 9tebc beö alten Sdfjurfen 
ein wenig rot geworben. „Sie raten etwas impertinent, 
#eHmerä," unterbrach fie if>n in Ijodjmütigcm Xone. „Sie 
wiffen alfo nun, waö Sie *u tf)un fjaben. Sie rangieren 
ben greifyerrn unb eröffnen if)m nod) einen weiteren 
Ärebit »on jeljntaufenb SRart. Sabei barf er aber ntdfjt 



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30 iata IHorgana. 



bemudfjert werben, oerftanben? Sie werben ba einmal 
Gelegenheit haben, bie 3^otte beä gotteöfürchtigen SBtcbcr* 
mannö, bie 6ie fo gern fpielen, auch im ©elbpunfte 
burchjufüljren. $ie alten Rapiere löfe ich mit bem oollen 
Setrage bei Sfaen ein, ebenfo bie, bie fich jefct noch in 
ben $änben 3h re * Herren Kollegen bepnben unb bie Sic 
wahrfchcinlicf) fel)r billig einfjanbeln werben. $ie $)iffe* 
renj mögen Sie an ber ©efdjidfjte oerbtenen. dagegen 
ftnb Sie ju abfolutem Stillfchweigen oerpflichtet, gegen 
jebermann, hören Sie? SBenn ich bahinterfomme, bafc 
Sie etwas weitererzählt fyahtn, fo bürfen Sie fich auf 
baö Schlimmfte gefajjt machen. Namentlich ber greifjerr 
felbft barf burchauS nicht ahnen, woher bie plöfcltche 3Jcv* 
änberung 3h r *3 2öefen$ fommt. $er 93erfel)r ^wifchen 
unö ift brieflich. 2öenn Sic felbft ju mir fommen müffen, 
fo bemühen Sie ftch über bie Seitentreppe unb lajfen fich 
als Sapeftierer Sehmann anmelben." 

Sie beenbete bie Unterrebung mit einem leichten ßopf-- 
niefen, erhob fich unb raufchte an bem äBucherer oorüber, 
ber fidj bis &ur @rbe Derneigte unb il)r bann folgte, l)in* 
auä. 2)em Schreiber im $oraimmer, ber iljr bienftfertig 
bie $hür aufriß antwortete fie auf feinen beuoten ©rufe 
oiel, uiel freunblicher als bem 33rotfjerrn be§ armen 
Sllaoen. 

%xo% biefer fehlten Sehanblung, bie fic §errn §ell« 
merö hatte angebeihen laffen, folgte ihr bie treppe hinab 
baö fatale ©efüf>l, bafe fie bie lleberlcgenheit be3 ge» 
riebenen alten Sd)laufopf3 ju foften befommen Ijabc. 
£a£ Semufetfein, bafe nun gwifdfjen ihr unb biefem 3)?en* 
fchen eine oertrauliche Seaiefjung beftanb, beläftigte fic 
wie baö ®efül)l einer efelerregcnben förperlichen 33e* 
fubelung. SBie ^uoor nach ^ em 2Öeggange Mahlows 
flüchtete fie fich *w* & en peinlichen ©ebanfen in «Suhinfts* 
träume oon einem ^iebeöglücf, baö über alle 2tta&cn innig 



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\ Roman von (Sujtoo Johannes Krauß. 81 



roax unb bie firoft biefer 3nmgfeit aus bcr grofjen Un- 
fdfjulb unb ^etn^eit fdjöpfte, bie if)r aus ben klugen ifjreö 
(beliebten entgegenleud)tetc. 

3^rc Slugen funfeiten rote ^roei ©lerne in bem ©unfel 
beö 2üagen$, ü)r Sltem ging rafdj, ifjr §er$ Köpfte mit 
jagenben ©dalägen. £)urd) ben <5inn aber jogen tljr bie 
23erfe aus SenauS „$)on 3uan": 

„^d) mödjte, wafdjenb mid) von alten Xagen, 
Sen Djean buvdj meine ©eelc jagen." 



Zehntes Kapitel. 

5ür OTattljiaä s 2Jiooöbörfer roaren bie erften läge in 
Berlin eine böfe Seit. 

5Die fnabenlmft fd)eue unb ; 3 ugletd) leibenfdjaftlicb roilbe 
Siebe $u feiner frönen ©önnerin, bie ifjm Bisher roie ein 
im Verborgenen glimmenbeS ©djabenfeuer ba§ #er^ mit 
tljrem ^lut^aucr) geängftigt Ijatte, ofpte mit Ijeß auffteigen- 
ben glammengarben ben <5i$ bes Unfjeilö anzeigen, 
Ijatte in ben Minuten, in benen ber junge SJienfdf) babei 
fteljen muftte, als $ittn unb ber fdjöne ftofye Qrembc fo 
vertraulich miteinanber umgingen, bie Herfen burdjbrodjen, 
bie fie nieberfyalten unb erftiefen wollten, unb loberte 
nun roilb unb jügelloö. Sie guten Korfäfce, bie 9Jfattf)iaö 
fo tief unb ernft gefaxt Ijatte, fcfjmolsen vor bem glütjen= 
ben 2(tem biefcö 33ranbe$ matfjtloä baljin roie 2öad)3, 
unb baö £Mlb be3 jungen 9)iäbdjenö in bem flehten $aufe 
im fernen ©raj ging im §erjen 9DJoo3börfer§ unter, roie 
in ber üBranbröte, mit ber ein ©ro&fetter ben 9tad;tf}immcl 
anglül)t, bie Sterne erbletdjen unb untergeben. 

3n ber erften 9fodjt, bte ber junge Wann unter bem 
$adje feinco neuen £eim3 ^ubradjte, roar bic 65efal/r 
^iemlicb groft, bafc er 3elbftmorb beging. 60 roütenb 



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32 (fata IHorgana. i 

^erfleifd^ten ihm bic quälenbfien (Smpfinbungen, bic ein 
3Jlann erfaßten fann, ohnmächtige, fjoffnungSlofe Siebe 
unb ohnmächtiger, ^offnung§(ofev £afj, ba8 £er$. 60 
nahe an ben 9tanb be$ 5Baf)nfinn3 wirbelte ihn ber 
©türm ber Seibenfdjaft, bafe er, als bie $roölf ©erläge 
ber SHitternadjt non irgenb einem ßirdjturm ber fremben 
Stabt $u i(jm ^ereinbrö^nten, nieberfniete unb $itternb, 
mit gefalteten £änben, als uerridjte er fein 2(benbgebet, 
ben Seufel anflehte, ben perfönlidjen Teufel mit SBodtö* 
füfjen unb hörnern, er möge ihm erfcheinen unb ben 
fyöflifdjen $aft mitbringen, ben WooSbörfer fo gerne mit 
feinem §er$blut unterzeichnen wollte, um reid) unb »or* 
nehm ju werben. So reich unb t>ornel)m, roie e§ einer 
fein mufcte, ber einen abeligen 9ieiteroffi*ier im &wev 
fampf erlegen unb bann um baä fchönfte Sßeib ber @rbe 
freien rooUte. 

Slber fein Stammeln üerflang ungehört. £err Samiel 
fam nicht. Statt feiner !am bie Ernüchterung, eine 
jener Raufen ooll Sleinmut unb SobeSmattigfeit, bie in 
. ben Stürmen beö menfehlichen $er$en3 baö finb, roaS 
im Drfan auf tropifcher See bie Slugenblicfe plötjlich ein* 
getretener bänglicher SBinbftide, in benen bie 2ßolfen 
pfeilfchnefl über ben büfteren Gimmel jagen, bie 2Bogen 
turmhoch fich aufbäumen, bic Segel be3 Schiffes aber 
fcf)laff unb fdjroer unb tot, t>on feinem s iötnbhaudj gebläht, 
an ben haften hängen. Matthias warf fich, ba§ G5c- 
ficht nach unten, über fein 33ett unb fchludfete in frampf* 
haften Stögen wie ein mibljanbclteg $inb. (Sr fühlte 
fich fo Hein, fo nichtig, fo uerworfen, fo lächerlich, fo 
über alle 9)Ja&en elenb. 3£er mar er benn, bafj er feine 
Slugcn fo hoch erhob, bafe er in uerblenbeter ainmajjuncj 
nach ben Sternen langte? Unb feine arme, arme ^epi, 
bie il)n fo lieb hatte, bie niel(eicl)t gerabe jetjt in ihrem 
engen Stühren in ©raj baö bunfelhaarige Köpfchen in 



Hornau von (Sujlao 3°I) ai " les Kraug. 



33 



bic Ätffen vergrub unb in einen Sipfd ber Settbecfe bifc, 
bamit i^re ©dforoefter es nid&t Ijöre, rote fie in ©eljnfucljt 
nad& intern SJerlobten meinte! 3n ©cfjnfucijt nadj einem, 
ber if)re Siebe gar nidfjt oerbiente, ber in oermeffener 
Seibenfdfcaft an eine anbere badfjte! 

ÜJlooäbörfer wollte bem (Spul, ber iljm Seib unb 
©eele be^e^te, entrinnen. 3urücf nadjj ©raj wollte er, 
gleidj morgen. Reumütig Eintreten cor fein 9Jtäbdf)en 
wollte er, ifjre £änbe in ben feinen galten, ifjr Beichten 
unb fte um SBerjetljung bitten. SBaS ^atte er mit ber 
vornehmen 3)ame unb tfjrem Kavalier &u f Raffen? 

2I6er ba fdfjrie bie (Siferfudfjt roieber roilb unb gettenb 
in feiner ©eele auf, unb ber tolle $e£enfabbatfj ber Seiben* 
fdfjaft braufte t>on neuem los. SBenn btefer ßaoaüer 
fie unglücflid& machte, bie ©djjöne, ©ute, (Sble! 6al) er 
nid&t auS wie ein blonber, freier Teufel, biefer §err 
x>. 5JtaI)loro, als er fidfj auf bem 33aljnf)of ßittgS bemächtigte? 
Unb ber 33licf, mit bem fie füg nadfj ifjm felbft, nadj 
bem armen SJtattljiaS, umgefefjen fjatte! Sag es nid)t in 
biefem 93licf wie ein Hilferuf, roie eine ftumme, angftooüe 
Sitte: ©tefj mir bei? (Srlöfe midfj von biefem 23öfen! 
Söarum follte er tf)r benn nid)t Ijelfen, fte nidfjt lieben 
bürfen? SBarum fie nidf)t auef) tfm? 2Beil er $u gering 
war? ©eine ^erfunft, fein ©tanb waren gering, aber 
er felbft nidjt. 6ie Ratten boef) ein Talent in if)tn ent* 
bedft, ein großes Talent, baS mefyr wog als ein perga* 
mentener Stammbaum. Unb wenn er je^nmal ein 
geringer 9Hann gewefen märe, mar es nid)t in ^unbert 
Sudlern j\u lefen, bafi bie ftol^eften grauen, Königstöchter 
fogar, tfyre Siebe oft unb oft ber ©eringften einem, einem 
tfjrer eigenen Liener, gxifdjenft Ratten? 

3Kit fteberifd&er §aft grub 5Jtattl?ia8 in feiner du 
innerung nadfj ben großen unb fleinen 3cicfcen, bie bafür 
fpradjen, bafe Sittp ifjn liebte. @r ijatte fie balb alle 

woi. vn. s 

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34 «fata Ittorgana. 

beifammen ; von jenem legten fonberbaren, um Vergebung 
fleljenben, feine §ilfe anrufenben SBlicfe auf bem 8af>n< 
fteig big ^urücf gu bem borgen im £otel 3)amel, roo 
iljn bie fdjöne grau fo naf)e an ifyrc ©ehe fjatte treten 
feigen, baft er ben ©uft ibreS $aareä einatmen, bie 
lebenbige SBärme iljreS Seibeä füllen mufete, fehlte nic$t 
eines biefer Siebeöjeidjen. 

„6ie ift mir gut! Sie ift mir gut!" jubelte unb 
fro^Iodte e3 in if)in. 

2)ann roieber fdfjlug bie @iferfucf)t tfjre mörberifdjen 
©eierfänge in baä arme, sucfenbe §er&. 

@nblidj fdjlicf 9Hattljia8 erfdjöpft ein. 

2U§ er beä anberen SRorgenö jum grüfjftücf in baä 
C^immer ber gamilie fam, fafjen iljn ade mit oerftofjlener 
Neugier an. 2Sie bcr junge SHenfdj auöfaf)! $iefe bunflen 
Glinge unter ben fieberifdj glänjenben klugen, baö ©eftdjt 
über 9ladjt beinahe ()ager geroorben, unb ber SWunb fo 
rot unb l)eife. §evr Siebet»©teinfelö fdjüttclte unjufrieben 
ba3 graulocfige £aupt, ate er alle biefe Seiten eineö 
nerftörten ©emüteS bemerft fjatte, feine grau roünfdjte im 
ftillen auf bie (Sr^fofette, wie fie bie grau $ommer$ientat 
nannte, alles Unheil Ijerab, ba3 ber §immel über eine 
fdjöne (Sünberin nur Dewangen fann. 2)ie Scfprrftfteüerin 
Bettina l)ätte am liebften Rapier unb Söleiftift geholt, um 
im 2(nblicfe beä s JJiobeflö eine ©djilberung be3 ©inbrudte 
5U ffijjieren, ben ein im $etje eineö raffinierten SBeibeö 
^appelnbcr leibenfdjaftlidjer $nabe madjt, nadjbcm- er eine 
Wafyt in (Siferfudjtäqualen burd)road)t l)at. Sutten wr* 
liebte fidj beinahe in ben romantifdjen Jüngling. 

„9ton, #err ÜJiooSbÖrfer," fragte bie ^auöfrau nad) 
einer 2Bei(e , „roie roar benn bie erfte 9?adjt in ber 
grembe?" 

9J?attf)ia$ bcbanfte fiel; für bie gütige 9Jad)fragc, oljne 
ben #lict von feiner fiaffeetaffe 51t erljcben. „3?iel ge- 



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Hornau ron (Suftao 3°b anncs Kraufj. 3b 

fd&Iafen $ab' icfc grab nit," meinte er. „Wir ift fo mel 
im Äopf §erum 'gangen." 

3)q3 6f>epaar unb bie ältefte Softer roedfjfelten einen 
febr berebien 33Ii<f. 

„SBafjrfdjeinlidj fonnten <5ie nic^t fdjlafen, weil Sie 
iiu uiel an baS oergnügte Seben benfen mufjten, baS ©ie 
bier in Serlin als ©tubierenber ber 2Hufif führen trollen," 
bemerfte ber $rofeffor ft^er^aft. „3)a werben <3ic fidj 
aber geirrt fjaben, mein ©obn. (Sin paar £age gebe i<b 
3l)nen frei, bamit ©ie fieb Berlin anfefjen, bann aber 
Reifet es Ijeran an bie Slrbeit." 

9RattbiaS fd&üttelte febr energifdf) ben Slonbfopf. 
„Daran benf idjj nit, £err Sßrofeffor, an baS luftige 
Seben. 3<b brauch' audfr bie paar Sag' nidfjt. Berlin 
roerb' i<$ fdjon ganj von felber fo nadj unb naclj fennen 
lernen, äm Iiebften mödfjt' id> gleidj je$t anfangen ju 
üben unb ftu lernen unb nid&t aufboren, bis idfj fertig 
bin, ganj unb gar fertig." 

. „Sin mistiges Seiten!" backte Settina. „Seiben- 
fäaftlidjjer ^b^tigfeitstrieb, um ftdfj ber ©eliebten roürbig 
gu jetgen unb fidfj in ibre .©pfjäre $u ergeben." 

„2)aS ift reebt!" lobte ber SKuftHe^er feinen ©cbüler. 
,,©ie Ijaben in furjer 3eit ©rofeeS ju leiften, ba ift biefer 
Feuereifer febr nötig.' 1 

„'S iS nidjt allein bie TOuftf," antwortete -BiattbiaS. 
„3$ fjab' nur bie fed^S SolfSfdjulflaffen g'mad()t in ©rag, 
unb bann eine gemerblicbe gort&übungSfcbul' befudfjt. 
$a merb' icb aueb fonft nod) aHerbanb lernen müffen, 
©prägen aum 33eifpiel." 

9Riebel»©teinfelS nidfte. „©eroife. SSor allem ein bißchen 
gran*öfifd& unb Stalienifcb. " 

„3a, " fufjr WooSbörfer eifrig fort. „Unb bann raerb' 
td) roobl aud) eine TOenge lefen müffen. So bie Sücber, 
bie man gelefen Ijaben mufe." 



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36 ^ata IKorgana. 

„2)arin werbe id& 3l)nen jur £anb gef)en," fagte 
Settina. „3$ &*ft&* fetbft eine ganj anftänbige S3t6Iio= 
tljef, unb waö idfj nidj)t fjabe, bekommen wir aus ber 
2eil)bibliotf)ef. 3dj werbe 3*)nen Ijeute nod> bie Stfte ber 
©ad^en äufammenftellen, mit benen ©ie ftc§ juerft befannt 
machen muffen." 

gräulein SuiSdjjen wollte um ifjr Seben gern an 
biefer furchtbar intereffanten £rjätigfeit, au$ bem jungen 
Slelpler mit ben melancfjolifdjen Slugen einen falonfäfjigen 
©tabtmenfdjen gured&tau fultimeren, i&ren Slnteil fyaben. 
(Sie war fteinunglüdfltcr), als iljr nidjt gleicf) einfiel, worin 
biefer Anteil wofjl befteljen fönne. ßnbltcr) aber r)atte 
fic'ö gefunben unb wanbte fidfj nun freubeftrafjlenb an 
if)ren $apa. 

„§err 3Koo§börfer wirb bodj audfj ßlaoierftunben fjaben - 
müffen. 2Benigften3 fo Diel, bafc er feine Partien ftubieren 
ober ftcij ju einem Siebe begleiten fann. 2)iefe ©tunben 
gebe id& ir)m, ja?" 

,,©u(f' mal einer!" rief ber alte §err vergnügt, 
„gröfd&eld&en will filaoierftunbe geben ! 5!annft boer) felber 
nichts MedjteS, grofdj !" 

$a3 junge 5)iäbcr)en oerjog fc^moHenb ben fyübfd&en 
9Jhmb. „5öeil tdj nod) in feinem #onjert mitwirfen fann? 
33raud/ idfj bodf) gar nidjjt, um $errn 9Jtoo3börfer bie 
SlnfangSgrünbe beizubringen." 

Später oielleidjt, Sröföeld&en. ©leid) im Slnfang 
würbe ifym'S ju riel werben. (Singen, ©pvadjen, SeF- 
türe . . . JUaoierfpielen aud; nod;? 2So foll er benn bie 
3eit flu allem Ijerfriegen?" 

l'uiädjen wollte ju ber ablefjnenben Haltung irjrcö 
53aterö gerabe eine fjödjft ungnäbige 6d)molImiene auf* 
fefcen, alö iljr 9)fattljia3 ju §ilfe fam unb oerfidjerte : 
„D, $err *ßrofeffor, um bie Seit i3 mir nit bang'! 
äöenn einer waö lernen will, finbet er fdjon bie 3eit 



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Hörnern oon (Sujiao 3ot^annes Kräng. 37 



bagu. 2lnS filaoierfpielen Ijab' iclj oljnebem f elber ge* 
bac^t. 2Benn baS gnäbige gräul'n fo gut fein will, idfj 
werb' fd&on red^t fleißig fein." 

Stuf Anregung oon gräulein Hülsten würbe fofort 
ein ©tunbenplan beraten, nad) bem ber Sag SRooSbörferS 
gwifdjjen ben oerfd&iebenen ©tubien, bie iljm oblagen, 
verteilt werben follte. 

»IS biefe Einteilung feftgelegt war, fagte Settina, 
bie ftdj an tr)tcr Erörterung wenig beteiligt Ijatte, mit 
trodfenem $umor: „SSenn (Sie baS ein 3aljr lang aus* 
galten, #err SWooSbörfer, bann finb Sie gefeHföaftlidj) 
unmöglich cor Silbung. Stamentlidj bie £erren werben 
ftd^ bafür bebanfen, mit einem -äHenfdjen umgugeljen, ber 
alles baS erft in ber jüngften 3^it gelernt unb barum nodfc 
nidjt oergeffen Ijat." 

Siefe SJSropljeaeiung fd&recftc SJlattljiaS nid&t ab, mit 
ber ©urd&fityrung beS Programms fofort anzufangen. 
S3iS gum gweiten grüfjftücf trieb er unter Seitung beS $ro* 
fefforS ©efangSübungen, bann faft er neben SuiSdjen am 
£laoier unb oergofe fauren Sd&weifj über ben ©djjwierigfeiten 
beS gtngerfafceS. £)ann fafc er über jwei Sänben ©erfjarbt 
Hauptmann, mit benen bie Sücjjerlifte, bie iljm Settina 
aufgestellt r)atte , anfing. 9ladfj bem SJlittageffen machte 
er unter ber Anleitung ber grau ^rofeffor bie Erfahrung, 
ba| baS grangöftfdje eine wunberlid&e ©pradfje ift, in ber 
man au fdfjreibt, wo man o fagt, in ber man Enbfilben 
oerfdjlucfen unb audj fonft nodfj allerlei £interlift anwen* 
ben mufj, bie einem eljrltdjen £)eutfdjjen ferner genug fällt. 

3lati) biefen ©pradjftubten r)attc ber üon Semetfer 
glüljenbe junge 9Jtann feine ©efangSübungen wieber cor* 
nehmen wollen. 2)agu fam es aber nidjt, weil bie 
Slbenbpoft einen ©rief braute, bei beffen Slnblicf alle 
feine ©ewiffenSqualen in iljm neuerbingS lebenbig wur* 
ben. $ie Slbreffe war oon $epis £anb gefdjrieben. 



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38 % fata !Ror$ana. 



@r ging mit bem ©djreiben in fein ßimmer hinüber, 
öffnete es jögernb unb la§: 

„■Kein lieber, lieber SKattljiaS! 

©oeben fjaben wir Sein Seiegramm befommen, in 
bem Su uns ©eine glüdflid&e Stnfunft mitteilft. 3$ 
fdjreibe Sir fofort, roeil idj mir benfe, bafj Su Sidj in 
ben erften Sagen, beoor Su Sid) mit ben SJlenfdjen bort 
angefreunbet f)aft, redjt einfam unb oerlaffen Dorfommen 
wirft, unb eS Sir eine greube fein wirb, einen 33ewei8 
ju befommen, bajj bie Seute weit unten im 6üben, $tm« 
fdjen ben Sergen, an Sid) benfen. 

Unb bann roitf idj Sir trief, triel ©lücf roünfdjen, 
9Mtf)iag. SHöge eö ber Hebe ©ott fo fügen, bafc Seine 
Seftrebungen @rfolg f)aben, unb alle Seine SBünfdje ftdj 
erfüllen. 

Sater fjat ftdf) fefjr gefreut über baS Seiegramm unb 
läfet Sid) red^t fd)ön grü&en. 2ludj bie Butter unb 
TOarie unb 9Ki^erI. füfte Sid> ^erjlid^ als 

Seine $epi." 

9JlattfjiaS 2Jioo3börfer lad bis fjerab gu ber Unterfdjrift, 
bann breite er bas Statt roieber um unb begann t>on 
oorne ju Iefen, unb bann fielen aus feinen Slugen bie 
fieifjen Sfjränen auf baS Srieffein, fo bafj baS feine blafj* 
blaue Gslfenbeinpapier, ba§ fidj $epi offenbar angefdjafft 
r)attc, um ifyrem t>ornef>m geworbenen Verlobten feine 
©djanbe ju madjen, garftigc gierten befam, unb bie ein 
roenig f^ulmäbdjenljafte §anbfd)rift an mannen ©teilen 
in einem trüben fletneu Seidje ertranf. 

SaS arme, arme &inb! SBenn fie geafjnt Ijätte, mos 
fjin bie SBünfdje gingen, beren Erfüllung fie beim lieben 
©ott baS SBort rebete! Ober aljnte fie es unb raünfd)te 
iljm biefe Erfüllung bod), roeii fie ü)n fo unenblid) lieb 
Ijatte, bafe fie bereit mar, fein ©lücf mit ifyrem eigenen 
Unglücf i\x erfaufen? %a\t rooUte eä bem jungen 9Rann 



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<■ 1 w 

I 



f— » 



Hornau doii (Suftap ^ofjamtcs Kranjj. 39 

fcfjeinen, als lefe er eine foldje Sl^nung grotföen ben 
Reiten beS fo fcltfam refigniert flingenben (Schreibens 
feiner jungen Braut. 

Unb mie es ihn quälte, bafj fein neues Seben gleich 
mit einem betrug anfing, ber an ben alten greunben 
begangen mürbe! $as Seiegramm, über baS fidj Sater 
Söein^ierl fo gefreut hatte, baS $epi mit biefem Jjerftigen 
©riefe beantwortete, es mar ja gar nicht von ihm. SRtcbel* 
©teinfels ^atte es moht abgefanbt, mährenb er felbft 
geftern nachmittag in feinem Limmer fafj unb feinen ©e* 
banfen übrig hatte für feine Sieben in ber §eimat, unb 
er hatte bie 2)epefche fo abgefaßt, als rühre fte von 
ÜRatthtaS felber tyx, um bie guten &ute nicht gu be* 
unruhigen. 

(Sinen Slugenbltcf mar eS Matthias mieberum gu 3Wut, 
als müfje er ben nag gemeinten ©rief in fein Saften« 
buch ^9 en / bann feinen £ut nehmen unb aus bem §aufe 
fchleichen, um vom nächften Bahnhof nach ©raj gu fahren. 
5lber bie Slnrcanblung mich balb oon ihm. 3" 8<»h tuaren 
bie Banbe, bie ihn an bie <Stabt feffelten, roo Rittr) lebte, 
unb feine SBiüenSfraft oon bem Banne, in ben ihn baS 
fchöne 2Beib gefchlagen hatte, &u gelähmt. @r beroteS ftch 
mieber einmal mit hunbert (Scheingrünben, bafe er ftch 
lächerlich machen mürbe burdfj folche flucht. 

$)ann framte er (Schreibzeug unb Briefpapier tyxvox, 
um 55epi ju antworten. @r fuchte bie fpärlichen @inbrücfe 
aufammen, bie ihm oon feiner gahrt mit bem ^rofeffor 
im ©ebächtniS h<*fan geblieben maren, um $epi einen 
Begriff von ber ©rojjartigfeit Berlins ju geben, er fdjif* 
berte ben $rofef[or, feine grau, Bettina unb Suife, er 
fprach oon feinen Arbeiten unb ©tubienplänen. 

2113 ber Brief enblich fertig mar, fdjlofe i(jn 3HooS* 
börfer mit fieberhafter (Sile unb flingelte gleich barauf 
bem Sienftmäbchen, um baS Schreiben aus ber öanb 



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40 jätet ITCorgana. 

gu Ijatcn. @r fürchtete ^ctmlic§, bag er es fonft bodj 
noch geweiften unb an feiner (Stelle einen anberen, ehr* 
Uferen 93rief treiben mürbe, ber burch feine ^^rlid^feit 
grofceS £ergeleib über $epi brächte. 

„3u was fottf ich baS thun?" murmelte er trübe 
oor ftch hin. „6ie wirb ja bo' ben fein'n £errn heiraten, 
unb i . . . mein ©Ott, mann i nit §in roerb', fo roerb' i 
halt mit ber 3d* ruhiger roer'n unb mein arm'S Sßcperl, 
toaS mi' fo gern f)a&en thut, aus ©rag Ijolen." 

<5ie mar aber nicht gang echt, biefe SReftgnation. (Sie 
war nur eine jener Spiegelfechtereien oor bem eigenen 
3d), gu benen auch ber (S^rlia^fte guroetfen greift, wenn 
er ©runb hat, mit fidj felbcr ungufrieben gu fein unb 
biefem quälenben ©efühte entrinnen möchte. 28äre bie 
oergidjtenbe Stimmung fo gang aus bem SCiefften feines 
.§ergenS ^erauSgeboren geroefen, fyätte SJcatthiaS nicht fünf 
Minuten nach Abgang bes Briefes fdjon roieber über feinen 
SBüdjern gefeffen unb mit folgern Reiften, ungebulbigen 
(Stfer ©tubien getrieben, beren er nicht beburfte, ber be« 
fcheibenen $epi 2BeingterI gu gefallen, bie if)tn aber 
bringenb unb unumgänglich nötig roaren, wenn er grau 
ßittp Sotfje ebenbürtig werben wollte. 

$on feinem Qbol hörte Matthias in ben nächften 
Sagen nichts. 2)er ^rofeffor fchien es gefliffentlid) gu 
oermeiben, feinem ©djjüler gegenüber ben Atomen ber 
frönen grau auSgufprechen, unb bie jungen Seute, bie 
bas berühmte Konferoatorium Giebel* ©teinf eis befuc&ten 
unb 3Watthta3 neugierig, ^od^mütiö unb gumeift auch 
giemlich mifjgünftig anftarrten, fdjienen noch nicht gu 
roiffen, roer in bem jungen §anbroerfsgefeffen ben phäno* 
menalen Senor embeeft hatte. 3Jlatthia3 hielt fidj übrigens 
oon ihnen allen, oon ben 3ünglingen mit ben ©enielocfen 
über ber Stirn, wie oon ben ein wenig breift unb eman* 
jipiert fich gebärbenben jungen 3Häbchen, faft unhöflich 



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Hontem von (Suftao 3oftanttes Kraufj. 41 

fern. @r wollte feine Sefanntfchaften höben, bie ihn ge* 
fiört unb gerfireut unb feine 3 e *t * n 9lnfpru<h genommen 
gälten, er wollte arbeiten, arbeiten, arbeiten mit unjer* 
fplitterter, gefammelter Sraft. 

3fjm mar gu 2Rut, wie ber Solange nor ber Häutung 
in ihrem alt unb unanfefjnlich geworbenen Söalge ju 9Wut 
fein mag. 3Bie fte fidt) nach bem Slugenbltcfe bunfel unb 
unberoufet fcr)nt, ber fie oon biefer »erbrausten fiüße er* 
Iöfen unb ifjr trjrc neue, glatte unb fd&öne $aut fchenfen 
foß, fo brängte in ihm alles mit bemustern ffiotten nach 
bem Sage hin, ber ihm freiließ nodj in unerreichbar ferner 
Sufunft ju ftehen fdjien, nach bem Sage, an bem er gutn 
erftenmal bie Fretter einer ©chaubühne unter feinen güfcen 
haben, ben weiten SRaum eines SheaterS mit ben jauch* 
genben Sönen feiner Stimme erfüllen follte. $ann mar 
er fein ©dfjneibergefelle mehr, fonbern ein Dpernfänger, 
bann . . . 

Unb SRatthiaS 2JiooSbörfer fang unb flimperte, par* 
Uerte unb ftubierte Sag um Sag, vom frühen borgen 
bis fpät hinein in bie Waty. $er ^rofeffor mufjte bei* 
na^e grob werben mit ihm, um ihn bagu gu bewegen, 
ba& er eines SIbenbS auf einen furgen Summel burdj Mc 
SPotSbamer (Strafe mitfam, ben ber 3llte mit Settina, 
bie ben ganzen Sag an ihrem Romane gefchrieben hatte, 
unb mit feinem ©djüler unternahm, um bie übereifrigen 
jungen Seute gu gwingen, frifche 2uft gu fchöpfen. 

2lm fünften Sage nach SHooSbörferS Slnfunft ging 
Settina nach bem gweiten grühftücf aus, um ftch wieber 
einmal über bie lieben Sollegen gu ärgern, wie fie fagte. 
®ie gamilie fafe bereits bei bem im £aufe eingeführten 
fpäten SJtittageffen, als bie junge $ame wieber gurücf* 
fam. 

Settina, bie oor junger gu fterben r>evficherte, oer- 
fdjlang ein paar Sifjen mit foldjer @ile, bafi bie anberen 



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42 ^ata ITToruiana. 

fic crftaunt unb bcforgt anfallen. 2)a§ fflätfel bicfer £aft 
löfte fich balb. £)a§ gräulein ftecfte big in bie ©chuf) s 
fpi^cn hinab oott 9teuigfeiten unb ^atte fo fdfjnell ge* 
geffcn, um roenigftenS bcn fchlimmfien junger flu ftillen 
unb fo balb wie möglich gum (Stählen gu fommen. 

„lieber grau Sotf>e laufen wieber einmal bie toflften 
©erüdf)te um." 

SKooSbörfer nmrbe purpurrot, als Settina fo begann, 
unb fein fierj flopfte fo ftarf, bafc er ängftlich meinte, 
3liebels©teinfete unb Suiten, jwifchen benen er fafe, 
mähten biefeS aufgeregte Jochen §ören. 

„3ch mar nämlich in unferem Slub, " fuhr Settina 
fort, „unb traf ba grofee ©efellfchaft, fo bie ftänbigen 
giguren ber lieben ßoHegenfcijaft. SSiUp Sergheim mar 
barunter, iljr wifit*ja, ber rothaarige, mopänäfige Surfch, 
ber t>or fünf Sauren eine neue $icf)terfchule grünben unb 
bie Sitteratur oon ©runb auö umftürjen wollte, ftdfj aber 
jetjt babei beruhigt fjöt, für gamilienblätter SBobeberidjte 
ju fcfjreiben unb bie auf ©enfation arbeitenben 2agee* 
Leitungen mit ©fanbalgefdjidjtchen &u t>erforgen, bie er in 
ben Malerateliers aufjchnüffelt unb ber $ienerfdf>aft ber 
oberen 3^^utaufenb abfragt." 

„Saft boch ben Sergheim!" unterbrach grau Giebel* 
©teinfelö, bie vor Neugier brannte, ifjrc Tochter. „2Ba3 
hat er t>on grau Sothe er^lt?" 

Settina tranf einen (Sdjlucf Sier unb antmortete 
bann: „£>ie gute grau fdfjeint fich eine 3lrt efftatifdj* 
mpftifchen Voller angefchafft ju haben. <5ie ^at ^eiligen* 
bilber uon Saftmir Sfojmartnowsft) gefauft." 

®er ^rofeffor tljat einen 2luöruf be§ (Srftaunenö. 
„2)00 nennft bu Stoller, Settina? SSenn ba3 wahr ift, 
fo ift e3 vielleicht baß Sernünftigfie, waö bie grau ^otm 
mer&ienrat jemals gethan ^at. 3)te Silber ftnb gut unb 
ber junge ^ßolacfe einer unferer begabteften 9Mer." 



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Kornau poh (Suftar 3°i? a,mc * Kräng. 43 



„SaS weifc id& alles," antwortete bie ©djriftftellerin. 
„Voller ift es aber bodfj." 

„ffieiter, weiter !" brannte bie Butter, bie es Settina 
anfafj, bafc fie nodf) mefjr unb nod& intereffantere üJteuig» 
feiten im Hintertreffen ^atte. 

„gerner $at fte iljre gefamte Sienerfdjjaft entlaffen, 
twn ber ©cfcOf^aftcrin Bis herunter gum legten flüdfjem 
mäbdfjen. Sie neuen Seute ftnb ausnahmslos ©tibbeutfdje. 
Ser Sutfdjer ift aus SMünd&en, ber Siener ein Defter* 
reifer, bie ilöcfnn eine ©tuttgarterin, unb fo weiter. 
Sie OefeUfdfjafterin aber ift gar ein ältlidfjeS ßbelfräulein 
aus 3nnSbrucf, eine Sirolerin, bie (jier §iemlid(j lange 
feine ©teile fmben fonnie, weil fte weber bei ^roteftanten 
nodfc bei 3"ben eintreten wollte." 

„Sie grau Hommerjienrat ift bodfj aber audfj $rote* 
ftantin," warf 9Rattl)iaS fdf)fidf)tern ein. 

„©tunmt, §err flef)lfopf*@olbgrubenbeft$er. Xxoty 
bem ift bie fromme Same gu grau S3otI)e gegangen. 
93ielleid&t fommt es baljer, bafe man ftdfj ergäbt, bie 
fc^önc flittn wolle gum flatljoliaiSmuS übertreten." 

Settina madjjte eine Sunftyaufe, um bie Aufregung, 
bie biefe 9{ad^ri(^t bei iljren ©Item unb bei SuiSdjen 
hervorgerufen hatte, fid) austoben ju (äffen unb um 
9Jtattf)iaS fdjarf ju beobachten. 

Ser junge 9Kann war blafc geworben oor Shtfreguna,. 
9JUt niebergefdfjlagenen Slugen fafc er ba, ftarrte auf baS 
$tfdjtuch neben feinem Heller, als fä^e er eine SBifton auf 
bem weiften Untergrunbe ber feinen Seinwanb. ©eine 
rechte $anb, bie mit einem ßrümcfyen 33rot medfjanifdj 
fpielte, gitterte ftarf. 

Sie blonbe Same niefte mit ber ÜJiiene eines 9iatur* 
forfcfjerS, ber bei einem @Eperiment an feinem SBerfudjS* 
tiere bie erwarteten @rfdjeinung.en pünftlid) eintreffen fiel)t, 
unb griff bann wieber in baS ©efpräd) ber anberen ein. 



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I 

44 tfata IKorgana. 

„ShreS luftigen Sebent wegen fannft bu baS nid^t 
glauben, ^Dtoma? Wit bem luftigen Seben l)at es aber 
geknappt, fd&eint es. $er fofette ^arifer ©efdjmacf roirb 
aus ber Sitta SJothe hinausgeworfen, unb eine ganj an» 
bere Sichtung hält ihren Ginaug. SBenigftenS ^at grau 
Söothe bei Heller & deiner eine (Saloneinrichtung oon 
höchft feierlichem Grnft beS <3tilS gefauft, unb bie Ver- 
ehrer ber frönen grau fcheinen famt unb fonberS ben 
Abfdjieb belomtnen &u ha&en. 3Me einen warten oergeb* 
lieh auf eine Anzeige, bafc bie ©öttin wieber auf ^Berliner 
Grbe wanbelt, bie anberen machten ben SSerfuch, ungebeten 
aufzuwarten, unb würben nicht empfangen. 2)er £aupt* 
hahn aus bem umfangreichen Jtorbe aber läfet Bezweifelt 
bie glügel hängen. $er greifjerr t>. Mahlow ift nirgenbS 
ju fehen in biefen Sagen. Stofür erjählt man ftch, ba& 
er ftch &w mehreren 3^tungen fehr energifch um baS 
SReffort für ©port unb 9JtilitärifcheS bewirbt, er, ber immer 
ben ©ranbfeigneur fpielte. 3Kan bringt biefeS ©erebe 
mit einem anberen ©emunfel in äufammenhang, 
wohl t)on ber entladenen $)ienerfchaft ber Äommer^ien* 
rätin r)crrür;rt. Gr fei ein paar (Stunben nach ber 2ln* 
fünft ber 2)ame bort gewefen unb nach furjer 3eit 
wieber weggegangen , wobei er fehr blaft unb aufgeregt 
au§gefef)en \)abz." 

Watthtaä litt wahre Höllenqualen währenb biefer Gr* 
jählung Bettinas unb beS lebhaften ©ejprächs, baS fich 
baran fnüpfte. Gr hätte am liebften laut fjerauSgejubelt 
oor greube über ba§, waö er hörte, unb mufete ftatt beffen 
fogar feine Lienen ängftlich hüten, bamit fich in ih nen 
feine aßju lebhafte Anteilnahme »errate. 

£>a ging bie %\)\\x auf, unb baS $ienftmäbchen 
brachte ein jterlicheS 93illet rjercin. 

„gür ben £>erm Sßrofeffor. Gin Liener l)at ben 
©rief gebracht unb wartet auf Antwort. " 



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Hörnern von «Sujtoo Cannes Kräng. 45 

Siebel'SteinfelS langte eilig nach bem ßärtdjen. 3IS 
er einen S3licf auf bie $anbfdfjrift ber Slbreffe geworfen 
hatte, rief er erftaunt: „2Bie ber SBolf in ber gabel! 
Eon grau Sothe!" 

Die Damen reeften bie ,£älfe rang, unb 9Jtottf)ia8 
fdjofc alles 33lut gum $erjen, roährenb ber alte $err ben 
Umfchlag bebäd&tig öffnete, baS Siöet ^erauöjog, es 
auffchlug unb lag. 

2118 er fertig mar, reifte er es SJlooSbörfer. „§ier. 
®S geht ©ie auch an." 

3n feiner fieberhaften Erregung fonnte ber junge -Wann 
bie gro&en, fräftigen ©chriftjüge, mit benen baS Kärtchen 
bebeeft war, !aum entziffern. OTüfjfam las er: 

„Verehrter £err Sßrofeffor! Ueber allerlei Singelegen« 
Reiten bin ich noch nicht baju gefommen, mich nach un* 
(crem angehenben §elbentenor gu erfunbigen. (SS wäre 
fcr)r hübf<h oon 3§nen, wenn ©ie'in ben näd&ften $agen 
einmal mich abenbs befugten, um mir bei einer Sajfe 
Seric^t ju erftatten. könnte baS gleich tyutt fein, 
fo märe mir'S am liebften. Den jungen §errn bringen 
©ie vielleicht mit. 

2öoHen ©te burdf) ben Diener 23efd)eib fagen laffen 
3hw ©ie alle aerbinblich grüfeenben 

Rxtti) 9othe. w 
Matthias h°b ben 33licf erft roieber oon ber Sparte, als 
ber ^rofeffor ifjnbrängte: „9hm, ©ie Träumer, roaS folt 
ich jurüeffchreiben? ©ehen mir h^ute fchon, ober erft 
morgen?" 

2JiooSbörfer fuhr fidj mit ben gingern burch baS blonbe 
§aar. „3ch ... ich root)l, h* ute • • • wenn §err 

^Profeffor Stit haben ich bin ber Dame fo Biel 

Danf fchulbig." 

„^Berfteht fidj, oerfteht fich," rief ber alte £err, roobei 
er ju Matthias' ^cimlic^er Empörung bas Iinfe Sluge 



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46 cfata ITIorgana. 



föalffjafi einfniff. „3$ irerbe alfo jdjreiben, bafe wir 
§eute um a$t Uljr fommen." 

@r ging in baä Nebenzimmer, um bie Antwort auf 
eine feiner flarten ju frifceln. 

ÜJlatt^iaS benufcte bie nädfjfte ©etegenljeit, um aus 
bem 3immer &u entfpringen, nodj) e^e ber alte #err 
jurüdfam. 2118 er ftc$ in feiner ©tube befanb, unb bie 
2J(jür hinter ftcij oerriegelt ^atte, atmete er toie erlöft auf. 
©ott fei 2)anf! ©egen baS 3iro me * brüben, in bem 
einen fo oiel neugierige Slugen forfdfjenb unb fragenb an* 
fafjen, mar ja ber SRoft beö ^eiligen Saurentiuö bie reine 
Sommerfrifdje ! 

(ix wollte gerabe in bie rofenroten Träumereien oer* 
ftnfen, bie von ben (Srgäljlungen SettinaS unb fcer ©in* 
labung ßittpä in ifjm ^erauf6ef^rooren toorben roaren, 
als er jäfjlingä jufammenfu^r. 

Herrgott, bie franfröftfd&e ©tunbe! $>ie Ijätte er bocf) 
beinahe ganj\ unb gar oergeffen gehabt. Unb baS burfte 
nidfjt fein. 2)aä fjätte ben Seuten toieber Slnlafc §u allerlei 
»eben gegeben. 

$aftig roufd; er ficlj ©efidfjt unb £änbe, um fid^ ab- 
jufüljlen, unb fe^rte gu ben anberen jurücf, bie nodfj im 
©peife^immer um ben (Sgtifd^ fafien. Sei -äWooSbörferä 
Eintritt ftocfte i^r ©efpräclj. @3 mar alfo oon i§m bie 
SRebe geioefen. 

(Sin wenig oerlegen oerneigte er fid) oor grau Giebel* 
©teinfefä. „grau Sßrofeffor, roenn «Sie \o gut fein motten, 
meine franjöfifdje <Stunbe ..." 

$ie toürbige SDame machte ein ©efid&t, als ob fie e3 
äufeerft merfroürbig finbe, bafj 9Äaitljta$ fid) fjeute mit 
Dttenborffd)en (Säfcdjen unb mit Sefeübungen bcfaffen 
motte, fie erljob fid; aber bodf) unb ging oorau§ in baö 
^ebenjimmer, 100 ber grofee Sdjreibtifd) ftanb, an bem 
^Kooöbörfer feinen Unterricht empfing. 



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Kornau von (Suftao 3otyannes Kraujj. 47 

©ie ©adfje wollte o6cr heute nicht recht gehen, ©er 
junge 2Jtann, ber ftocfenb aus bem franjöfifchen Sefebuch 
oorlaS, §atte bie (Smpfinbung, baß er feine ©adje ^eute 
oiel fd^Iec^ter mache als geftern unb oorgeftern. $ie 
3unge war ihm fo fd&mer, unb bie fremben, ungewohnten 
Saute wollten ftch gar nicht recht bilben. Sie Severin 
wie§ tljn aber nicht auredfjt. <5ie fafe ba, ^atte bie ©tirn 
in bie §anb gefttifct unb blicfte trgenbwohin ins Seere. 

(Snblich legte grau $iebel-6teinfel3 ihre uofle, weifee 
§anb auf 9Jloo3börfer3 2lrm, um ben jungen -äRann in 
feinem fjeifjen bemühen um bie richtige 2lu3fpradfje ju 
unterbrechen. 

„Saffen wir ba§ tyutz, §err -JJiooSbörfer. 3<h weife 
nic^t warum — Dielleicht oon ber §i$e heute — aber ich 
bin nicht im ftanbe, %fyntn aufmerffam aufhören. @r* 
ääljlen wir uns lieber was $übfcheS, ober beffer <3ie mir. 
6ie fernen ja fo fleißig, bafe 6ie noch gar nicht recht 
baju gefommen finb, mir Don 3h*ß* £eimat §u erzählen. 
s JKir ^at bie 6teiermarf fo gut gefallen. ©ra& felbft 
finb' ich einfach entjücfenb. Unb wie (Sie grau 33otf)e 
fennen gelernt haben, weife ich eigentlich auch noch nicht 
recht. " 

„3lha!" badete SJiooSbörfer. „ftabrauf will fie hin* 
aus!" $ann gab er ihr einen wahrheitsgetreuen, furzen 
Bericht beS Hergangs, fchnitt aber ber alten $ame bie 
eingehenberen fragen, bie er oermetben wollte, mit einer 
ganj erftaunlichen biplomatifdfjen ©efchicflidfjfeit ab. <Sie 
jeugte baoon, wie fdjnell fich manchmal ungelenfe Um 
fdjulb in bie behenbc ©eifteSgegenmart berer, bte etwas 
$u oerbergen haben, oerwanbeln fann. (Sr begann in leb* 
haft fliefeenber $ebe oon ©ra$ unb feiner fchönen Um* 
gebung ju erjä^len, oon ben ©rajer beuten, ihren Sitten 
unb Gebräuchen, von s Dieifter SBeinjicrl, fetner grau unb 
feinen £öd)tern, von bein Sohne, ber bem alten .fierrn 



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48 



$aia ttlorgana. 



in ber 9Rur ertrunfen war, unb oon fjunbert anberen 
fingen, baoon ba3 eine ober ba8 anbete grau SRiebel- 
©teinfelS jebeSmal ben 2Beg oerrannte, wenn fte ba3 
©efprädj toieber auf grau Äitty SBot^e unb i^re ©tellung 
ju bem @rjä§Ier Bringen wollte. 

DiefeS ©piel oon £afdfjcnrootten unb liftigem @nt* 
weichen bauerte fort, bis e§ an bie Sfjür flopfte unb 
2ui8c§en baS bunfelfjaarige Söpfdjen im Sljürfpalt er- 
fd&etnen Hefe. 

„£err 3Koo8börfer, $apa läfet fagen, ©ie müßten 
nun rafdfj Toilette madjen. @te ift ein Viertel naefc 
©ieben. 44 

©er junge SWann oerfdfjtoanb eiligft, unb ba8 gräulein 
fiel mit einer fjlut oon gragen über iljre 9Hama $er. 
SuiSdfjen fjatte feljr tool)l gemerft, bafj irgenb meldte ganj 
unb gar romantifdfje unb geljeimniäoolle 3ufammenljänge 
jtoifdjjen bem intereffanten ©teirer unb ber noer) inter* 
effanteren grau ßommerjienrat befielen mufjten, bie in 
ifjrer lebhaften Igungenmäbd&enpljantafie als ein rounber* 
lid&eä 5treu$ung8gefcr)öpf oon ßngel unb Böfem Dämon 
erfdfjien. 9tun brannte fie oor Neugier nad& genaueren 
ßinjelrjeiten. 

grau Dtife, bie biefe (Sinaelfjeiten felBft nidfjt fannte, 
unb ifyre 2Biffenfdfjaft bem jungen Dinge aud) bann forg« 
lidj oerfcrjroiegen IjaBen mürbe, roenn fie etwas gemußt 
fjätte, fertigte bie nieblidje gragerin ein roenig britef ab. 

„Quäle nidjt, Suife. 9Jkn foH fidj aud) gar nicf)t 
fo oiel um anberer Seute Angelegenheiten fümmern. Da8 
fdfjicft fidjj nidjt." 

Das gräulein liefe fdjmoHenb ba§ Äöpfd^en Rängen. 
DeSrjalB faf) fie baS flüchtige Erröten ber Verlegenheit 
nic§t, baS über baä ooHe ®efic^t iljrer Butter Ijinging. 
Die grau ^ßrofeffor mar ficlj Beroufet geroorben, bafe fie 
juoor eine ganje, ju nüfclid&eren Dingen geioibmete 



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Hornau t?ou (Suftao Cannes Kraug. 49 



©tunbe barauf aerroenbet fjatte, gegen biefeS Verbot ber 
©d)icflidjfeit au fünbtgen. 

©leid) barauf txattn bie beiben §erren ein, um fid) 
gu empfehlen, grau 9ttebel*©teinfelö tagte fid} mit frau* 
liebem ©tofye, ba& ifyr Sljefjerr im SBefudjSanjuge äufeerft 
Dornefjm unb ftattlid^ auöfelje, unb gräulein SuiSdjen 
fanb ben intereffanten jungen ©teirer „einfa(f> furdjtbar" 
fd)ön. ©ie mürbe orbentlidj befangen, als fte ifjm bie 
£>anb reifte. 

elftes Kapitel. 

Unterwegs fpradjen bie beiben -Dlänner, ber alte unb 
ber junge, nidjt t)iel. 3§re ©ebanfen roaren iljren 
©dritten üorauSgeflogen unb irrten um baö §au8, meld&eS 
bas 3**1 W*f** ©dritte mar, freilid; in oerfdjtebener 2lrt. 
2)ie ©ebanfen beS SßrofefforS glichen ber neugierigen 
Elfter, bie üütooSbörferS ber ©djmalbe, bie in ©efjnfudjt 
nadj bem grüljling bie glügel Ijebt jum 3"S in* Seite, 
beffen 3**1 nodj gar nid)t fennt. 

2118 fie oor ber SJiHa Sotlje in ber $t er garten ftrafje 
ftanben, liejj 3Rattl)ia§ ben Äopf finfen, unb ba3 §erj 
mürbe if)m ferner. 3n biefem fürftlidjen £aufe alfo 
mo^nte fie, baS fo roeit hinter ben forgfältig gepflegten 
SBorgarten jurütfmidj, als roünfdje eS nidjt, oon ben 
Slicfen ber burd) bie ©tragen fyaftenben ÜJienge aus inbis* 
freter ÜRälje angeftarrt ju merben. 2)aS funftoolle fd&miebe* 
eiferne ©itter, baS prächtige portal, biefe 33eete nol! 
frembartig glüljenber Slumen im Vorgarten, t)on fmaragb* 
grünem Mafen umfdjloffen — — mie tief mar bodj ber 
Slbgrunb aroifdjen ber föniglidjen grau, bie btefeö £au3 
berooljnte, unb einem armen Surften, ber geftern nod& 
ein ©djneibergefeöe mar, unb, menn er aud) morgen ein 
Sünftler fein follte, bod) mieber nur von ifjrer §anb auf 
biefe £öfje gehoben morben mar! 

1901. VII. 4 



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50 Sata XUorgana. 



2Bäljrenb !Dioo^börfcr mit bcr 23erfudjung rang, oor 
bem 93orgartengitter unb bem fdjmiebeeifernen portal beS 
$au|eö feiner fjeimltdj (beliebten bie gludf)t &u ergreifen, 
fjatte ber ^rofeffor geflingelt. @in Liener in blauem 
dlod mit ftlbernen treffen mar IjerauSgefttir^t unb öffnete, 
als 9tiebel'©teinfelö feinen tarnen nannte, roeit ba§ Sljor, 
um bie §erren mit tiefer 33erneigung in ben r»on Gpljeu 
überranften Saubengang treten ju laffen, ber uon bem 
portale nadj ber #au3tf)ür führte. 

„3)ie gnäbige grau erroartet bte Herren fdjon. $>er 
#err ^rofeffor roiffen ja rooljl 23efd)eib?" 

SRiebel'-SteinfelS nidte unb f^ritt, roäfjrenb ber Safai 
baö %1)ox nrieber fdjlojj, mit feinem <5d)üler, ben er unter 
bem 5lrme gefaxt Ijatte, bem £aufe ju. 2U3 fie eben bie 
©tufen ju ber Pforte Ijinaufftiegen, erfd)ien grau $otlje, 
bie if)ren (Säften bis r)icr^er entgegengegangen mar, in ber 
Türöffnung unb ftredie ben Herren beibe £änbe entgegen. 

„SDonner unb $oria!" 

^rofeffor $iebel*©teinfcf§ unterbrüefte ben SluSruf 
mit ÜJ?ül)C ju einem fyatölauten, unöerftänblidjen ©e« 
murmel. 2öar biejeö Seufeföroeib btlbfdjön in feinem elfen* 
beinfarbigen, an bie Sradjt ber beutfdjen grauen im 
Mittelalter gemafjnenben §auägeroanbe, uon bem fic§ ber 
feine ßopf mit ber bunflen $aarfronc fo mirfungöooÜ 
abljob! tiefer Sttattfjiaä ÜSJtoosbörfer r)attc ein gang um 
oerftf)ämte3 ©lud. 

2öäf)renb ber alte §err grau Söotfje einige mi^ig-- 
galante SBorte fagte, ftreifte er mit einem rafdjen Seiten« 
blid baS ©efidjt feineö SdjülerS, 9?a natürlich ... bie 
reine Serjüdung! Unb wie feft ber Soflpatfdj bie ftier* 
Iidje $anb l)ielt, bie unter bem Spifcengeriefel be§ 2ler* 
melö fyeroorfam. @3 falj gerabe auö, als wolle er ba§ 
§änbd)cn in feiner gauft mür6e brüden, um eö bann auf: 
»ueRen. 



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Cornau von (Suftat? 3o^anucs Kraug. 51 



£)ie fcrjöne grau bemerfte ben beobadfjtenben SBIicf be§ 
?5rofeffor3, errötete ein wenig unb 50g ifjre fianb au§ 
ber 5Roo3börfer3 gurücf, was eines jiemlic^ fräfiigen 
fleinen 9luefö beburfte. 

Um bem aujjer ftd) geratenen Süngling 3^* jur 
Sammlung ju laffen, rief fie mit etmaS übertriebener 
Suftigfeit: „3efct aufgepaßt, .$err $rofeffor! @3 giebt 
etwas ganj SefonbereS ju fefyen!" 

„22eife idjj fetjon," antwortete ber alte §err troefen. 
„flafimir SRogmarinowsln. " 

grau SBotlje liefe ben 2lrm beö ^rofefforö, ben fie ge* 
nommen Ijatte, um ir)re ©äfte in baS Snnerc be§ §aufe3 
5u führen, Io§ unb blieb fteljen. 

„SBorjer miffen «Sie 

s Jttebel--<5teinfete fd^munjelte oergnügt. ,,2lmt3gef)eim-' 
ni§, ©näbigfte!" 

„3)a§ ift aber bod) . . . gerabeju fräljwinfell)aft ift 
eö !" rief Sittn empört. 

$er ^rofeffor surfte bie äld&feln. „SSaS motten 6ie?" 
fragte er. „gür <5ie märe aud) $ariS ein ßrärjwinfel, 
weil ©ie audj bort bie ^ufmerlfamfeit auf ftd) fönten* 
trieren mürben. 2öir grauen, befdjeibenen 2ltftagsmotten, 
wir geljen in ber grofjen 6tabt unter. 2i>enn aber bie 
fd&önfic grau r»on Berlin W. auf einmal muftifdje Wla- 
bonnen lauft, bann reben alle $affeel)äufer oon nidjtö 
anberem." 

Äitti; antwortete mit einem $opffdf)ütteln, bem nidfjt 
red&t ju entnehmen war, ob fie fid) gefdjmeidjelt füllte 
ober ob fie peinlid) berührt war. 2)ann wanbte fie fid; 
ju Watlrjiaö. 

„©eben Sie mir Qljren 2lrm, frommer Sd)üler. $er 
•IReifter ift mir &u unartig." 

T>a3 bebeutete für ben jungen s JJtann eine Äataftroplje. 
(ix fjatte bei ber Scgrüjjung fein Utfort l)eroorgebracf)t, 



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52 j^ta lltorcjaua. 



fonbern fich, im Ueberfchrvange beS ©efühls ftumm $e- 
roorben, auf ben nachhaltigen §änbebrucf unb bic ver* 
dürfte Miene befchränfen müffen, bie £err 9*iebel*SteinfelS 
beibe bemerft ^atte. 3e^t hatte er eben eine leiblich 
flingenbe 23emerfung feinem von ber (Srr^gung fyaib 6e« 
täubten ©eifte abgerungen. 216er eben als er ben SMunb 
öffnen wollte, fie von fich su geben, fchlüpfte bie f leine, 
tveiche, warme §anb ßittgS in feinen 2lrm unb fchmiegte 
fich fo vertraulich* innig an ihn. 3)a mar es mit ber 
Möglichkeit, etivaS ju fagen, nrieberum aus. ®er fo müh* 
fam jufammengefuchte- Sa$ jerftob in bem ©türm ber 
Seibenfdjaft, ben bie leichte, leife Berührung in bem jungen 
SWenfdjen entfeffelte. 

$er „reine tyox" ahnte nicht, bajj fein Sßerftummen, 
baS von einem jähen, gleichfam fehreefhaften Stammen« 
fahren begleitet mar, ber fchönen grau an feiner Seite 
mehr fagte unb ihr lieblicher bünfte als bie getftreidjfie, 
ivoljlttingenbfte Schmeichelei, SBäfjrenb ßittu mit bem 
tveltgervanbten alten §errn, ber an ihrer rechten Seite 
einherfchritt, ein rotziges Sßortgeplänfel führte, fefjnte fie 
fich innig banach, ihren Steim an feinem 6(onben Schopf 
flu faffen unb ihn ju füffen, bis bem lieben, füfjen, halben 
jungen ber 2ltem fo recht grünblich verginge. 

Snjnjifchen mar bie fleine ©efeflfdjaft burch eine gludjt 
von eleftrifch beleuchteten ©emächern, bereu fchier fönig« 
liehe bracht an Matthias' tvanfenben Sinnen faum em« 
pfunben vorüberging , in ben Salon gefommen , in bem 
baS fo viel bejprocfjene Muttergotteöbilb beS poInifd)en 
Malers an ber SBanb hing. 

9ftebel:Steinfel3, ber fchon in ben bisher burchfehrittenen 
3immern allerlei SJeränberungen bemerft hatte, bie ben 
heiteren, von SebenSluft gleichfam ftral)lenben Räumen ein 
ernfteres ©epräge gaben, tuufete beim betreten beS ©e- 
machet fofort, bafj er bie bei Seiler & deiner erftanbene 



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Koman von (Sujtoo 3°^ antlC5 Kraufi. 53 

(Sinridjtung oor fich ^atte, bcrcn ftrenger Grnft <\u ber 
früheren in einem fo fdjroffen ©egenfafce ftanb. $ie 
fernere ©ebiegenfjeit ber in altnieberlänbifchem Stil gc* 
haltenen OTöbel, bie bunfelfarbigen Xeppidje unb Sortieren 
matten in ber Xfyat einen faft feierlichen (Sinbrucf. £)er 
feinftnnige ©raufopf witterte fofort eine gctüiffe fombolifche 
SBebeutung hinter bem Umftanbe, bag gerabe ber ehemalige 
rote ©alon eine fo eingreifende Umgeftaltung erfahren 
hatte. 

tiefer rote Salon mar ja ba§ Limmer gewefen, in 
bem ber greirjerr o. ÜRahlow bei feinen häufigen 33efuchen 
fich am liebften aufhielt. 2Bie oft hatte 9tiebel*StetnfeI§, 
nielchen grau Sittn, bie eine leibenfchaftlicrje OTufiflicb* 
haberin war, häufig $u fich einlub, mit ben beiben frönen 
SRenfchen hier ben getrunfen. fiitttftrug bann meift 
ein ©efellfchaftsfleib oon apfelblütfarbener Setbe, befjen 
weit gurücffaffenbe Slermel bie weiften, ebel geformten 
Unterarme ber fdjönen grau enthüllten. SSon bem Sofern 
rot unb ©olb ber Einrichtung umrahmt, mar fte bem 
$rofeffor manchmal wie eine SSerförperung ber über* 
fchäumenben SebenSfreube, wie eine mobeme 2(pfjrobite 
erfchienen. 

Unb jefct bilbeten bie ernften, bunflen garbentöne beö 
nämlichen Raumes ben £intergrunb für eine anbere weifi* 
gefleibete grauengeftalt , bie mit jener nur bie 3üge be3 
feingefchnittenen 2lntli$e3 gemeinfam hatte. 2lu8 ber 
SenuS war ein ©retchen geworben, ein ©retchen mit 
einem leifen Slnhaudj üon 9Jtagbalenentum. 

Slnbere ©ötter wollen anbere Stempel unb anbere 
Sßriefterinnen. 

£er alte $err hatte fict) biefe ©ebanfen burch ben 
$opf gehen laffen, wäfjrenb er that, alö märe er in bie 
Betrachtung be3 SttabonnenbilbeS, baö als einiges ©e* 
mälbe an ber SängSwanb be3 SaIon§ ^ing, oerfunfen. 



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54 ,V ata IHonjaiu. 

3*fct rocdte ifm bie mofjlflingenbe Stimme bcr §au3frau 
mit ber grage aus feinem Sinnen: ff 2Bic finben Sie, 
bajj baö 23ilb in biefer Umgebung wirft, £err ^}rofeffor?" 

9^iebeI*Steinfe(6 tfjat einen Sdjritt nadj rüdroärts, 
blidte um fidj, auf baS 33ilb unb mieber im Limmer 
untrer. @3 faf) aus, als motte er fein Urteil erft nod) 
einmal fontroKicren, ef)e er'S auSfpradj. 3n äöirflidjfeit 
bilbete er ftdc) erft jefct eines. 

„©an^ ausgezeichnet, gnäbige grau !" fagte er enblidj. 
„33iel beffer, als es in ber SluSftellung' bei Spulte roirfte. 
Sie fjaben ba ein Sunftt>erftänbniS beroiefen, um baS 
Sie mancher ©aleriebireftor beneiben bürfte." 

grau ßittn lächelte banfbar. Sic füllte in ben SBorten 
beS SßrofefforS roirflidje, efjrlidje Slnerfennung, nidjt blofe 
baS Ijerfömmlic&e Seftreben beS ©afteS, ber £auSfrau 
SlngenefjmeS ^u fagen. 25ann raanbte fie fid) an SWooS« 
börfer, in beffen 2Irm ifjre £anb nodj immer lag. 

„Unb roaS fagen Sie?" 

„©näbige grau ... idj ... rote barf id> ba mitreben? 
Sd; fjabe nodj fo wenig gefefjen." 

Äittn nidte ifjm ermutigenb jut. „3)a3 tfjut nidjtS. 
3m ©egenteil! 2luf Sie muffen fünftlerifdje ©inbrüde 
ja oiel tiefer unb reiner roirfen als auf bie Seute, bie 
uiel gefeljen fjaben, weil Sie eben nod) nidjt überfättigt 
unb abgeftumpft finb. Sie werben baS, was Sie empfim 
ben, oiellei^t nidjt fo ganj !(ar ausbrüden fönnen, benn 
baflu geljört Uebung f aber mir uerfteljen Sie fdjon, ber 
£err fljrofeffor unb icr)." 

„3dj ... id) ..." $er junge ffllenfd) fudjte ocrlegen 
nad) ben ridjtigen Korten. „(Ss ift üielletdjt am ridjtigften, 
wenn id) fag\ mir ift ju 3J2ut mie in einer flirren unb 
jug(eid) mie wenn id) in einem §auS mär', mo liebe, 
gute, ein biffel ernftljafte 5flenfd)en roolmen, bei benen id; 
am liebften bleiben mödjte." 



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Vornan uoit (Suftar Johannes Kraufj. 55 

@r fonnte nid&t meiterreben, beim ßitty jdjmiegte fidj 
fo innig an feinen 9lrm, bag eä ifjm rate geuer burdj 
bic Slbern juefte, unb ba3 5flabonnenbilb, auf bem fein 
Slicf rufjte, nor feinen äugen in weite gerne gurücf* 
äuroeidjen fdjien, roo eö in rofigen, unruhig roogenben 
Hebeln faft oerfdjioanb. Rxttt) bemerfte baS Unheil, baö 
fie ba angerichtet fjatte, unb liefe ein wenig tjermirrt ben 
$lrm 9ftoo8börfer§ loä. 

3u iljrer innigen SBefriebigung fyatte ber fonft fo 
jdjarf beobad)tenbe alte £err ben fleinen 3roifd)enfatt ntc^t 
bemerft. ^iebcl=©teinfelö tropfte feinem 6d;üler fräftig 
auf bie ©djulter unb rief freubeftra^Ienb : „SRenfdj, 
wenn id) nid)t felbft geholfen f)Ätte, Sie aus ber (Sro^er 
©djneiberwerfftatt fjeruorflufjolen, idj rnüfete roaljrljaftig 
glauben, Sic feien ein burdjtriebener fleiner Schäfer, ber 
bie Unfd&ulb Dom Sanbe fpielt, um baburd) bie raffinierte 
geinfjeit feiner (SinfäHe rec$t wirffam nu machen. 3n 
bem, roaä (Sie ba gefagt Ijaben, mar meljr brin als in 
manchem Äunftberidjt auö berufener geber." 

9Jlattf)ia$ fuf)r ftd) mit ber §anb über bie feuchte 
©tirn unb fab oerroirrt non einem flum anberen. 2öa3 
war baä nur? 2)er *ßrofeffor lobte iljn, Ritix) aber ijatte 
ftdj oon ifjm lo3 gemalt. $atte er fie oerlefct? . . . Slber 
nein, fic falj iijn ja fo freunblitfj an. 

3n biefem Slugenblicf trat eine $)ame ein, bie bie 
beiben Herren nidjt fannten, alfo roofjl bie neue ©efell- 
fdjafterin. 

„gräulein r>. $uggftein," ftettte ßittn baä jierlidje 
^erföndjen cor, ba§ mit feinen fanften hellblauen Slugen 
unb bem rejignierten 3 u 9 e um weifen -äJiunb, ber 
eljebem fefjr Ijübfd) geroefen fein mochte, an eine 9tonnc 
gemannte, bie aus irgenb einem (Srunbe roeltlidje 5Ueit>ung 
angelegt fjatte. 

2)ie ®ame mar ftdjtlid) erfreut, in 3)iattl)ia3 einen 



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56 



^ata IHorgana. 



falben Sanbämann begrüßen, ßittg unb ber ^rofeffor 
beobachteten Iädjelnb, wie bie beiben, bie ihr ©cfpröd^ 
hodjbeutftf; angefangen fjatten, auf einmal in ihre h e * $ 
mifdjen Dialefte hineingerieten, wobei bie ein wenig rauhe 
tirolerifdje SJlunbart oon ben Sippen ber jierlidjen Dame 
broßig genug Hang. 

„3e$t müfien Sie aber auch «in bißchen Äofdjat fingen, 
$err ;3Woo3börfer," fagte bie ©auöfrau enblidj. „Sie 
haben fogar eine 3tther &ur Serfügung, um ftch barauf ju 
begleiten, gräulein t>. ?5uggftein beftfct eine." 

•3ttan begab fich in ba§ üJluftf jimmer, in beffen -Kitte 
ein fleineä Sifchchen gerüeft würbe. Die (Sefeflfchafterin 
holte ihr 3nftrument, unb Matthias fpielte unb fang. 

Die 2lugen ber ©efeöfchafterin würben größer unb 
größer, je länger fte juhörte. 

„©näbige grau," flüfterte fie enblich aufgeregt fiittn 
„gnäbige grau, ber junge SWenfch ift ja ein ganj 
großer ßünftler!" 

ßittg niefte mit glücffeliger SKiene. Sie hörte in ber 
Stimme 3Jioo3börfer3 bie feftliche Erregung mitflingen, 
bie in allen Nerven beS jungen SWanneä lebte. Seine 
Stimme hatte Seele befommen, in ber 3lrt, wie er biefe 
einfachen SSolfölieber fang, lebte fich <*flcg baS aus, was 
nicht wagte, fich anberä ju äußern. @r liebte fie, Hebte 
fte mit jener urgewaltigen, ben ganjen ÜJtann beherr* 
fchenben Seibenfehaft, nach ber fie ftch fo lange gefehnt 
hatte. 

Die fdjöne grau fdjloß bie klugen, lehnte ftch in ihren 
Seffel gurücf unb tranf bie fchmeljenben, twn allen ©luten 
be8 s JJtenfchenherjen3 burch^itterten $öne mit halbgeöffnetem 
SJtunbe gleichfam in fich hinein. @r fah fte nicht an, 
währenb er fang, fie iljn nicht, währenb fte juhörte, unb 
bodj war biefeS Singen unb Saufchen wie eine Umarmung, 
eine unenblich aarte unb innige Umarmung ber Seelen. 



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Cornau t>on (Sußcu? 3ofyannes Kraug. 57 

2luf einmal fd^ob ^JZatt^iad bic &\ttyx fo energi^ 
gurücf, bafe bie SBafefaiten fummten. 

„3$ weife nicf)t . .. id& fann ntd&t meljr!" [liefe er in 
einem $one fjewor, ber gang merfmürbig rauf) unb um* 
flort flang. 

2)ie begeifterten Sobfprüdje beS 9$rofefforS unb beS 
.gräuleinS v . sguggftein Ijörte er gefenften #aupteS an, 
ofyne gu antworten ober bie fo lebhaft auf iljn (Sinreben* 
ben audj nur angufeljen. @rft als Rxttt) als lefcte gu iljm 
trat, ifym bie £anb reifte unb ifym irgenb etwas greunb* 
liebes fagte, f)ob er ben ßopf unb traf bie in iljrer Ijeim* 
liefen Bewegung boppelt fdjöne grau mit einem SBlicfe, 
ben fte in allen -Keroen füllte wie einen eleftrifdjen Schlag. 

s JJlan ging nun hinüber in baS ©peifegimmer unb 
fefcte fidj gu £ifd)e. SXugcr ber Xaffe gu ber fiittt) 
bie Herren gelaben fatte, gab es alten SRljeinmetn unb 
wenige, aber auserlefene ©eridjte. 

©efprodjen würbe fjauptfäcfylid) t>on SfflooSbörferS 3u« 
fünft. £)er ^rofeffor rüfjmte bie Energie, mit ber 2Hat' 
tl)ia3 ftdj in bie Stubien geftürgt fjatte, unb meinte, wenn 
ber junge 3Jlann fo fortfahre, fönne er nodj cor 2Iblauf 
eines 3 ö $ re 3 auftreten. 2US 5KooSbötfer baS fyörte, ging 
ein freubigeS 2eud)ten über fein ©eftd)t, unb er atmete 
tief auf. 

Sum fdjwargen fiaffee gingen bie wer bann IjinauS 
auf bie grofee ^erraffe, bie über ben Sorgarten beS $aufeS 
weg ben 23Iicf auf bie 2iergartenftraße unb auf bie 
fdjwargen Saumwipfel Tratte, über benen bie IjeK leuchten* 
ben ©terne am bunflen ÜHadjtfjimmel ftanben. $ie elef* 
trifte ^Beleuchtung ber ^erraffe fjatte Älitp, als fie IjerauS* 
famen, auSgef^altet. 3n bem ftimmungSooHen £alb* 
bunfel, baS fein £idjt eingig oon ben Saternen an ber 
belebten ©trafee jenfeits beS SBorgartenS empfing, fafjen 
bie Slattpflangen, mit benen bie SEerraffe gefdjmütft war, 



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f>8 



,fata UTortjatta 



feltfam unb geheimnisvoll aus, von bem 33lütenffor bcö 
(Martens jchien eö ftärfer unb fdjroüler Ijeraufjubuften al8 
bei geltem Sicht. Sebc ber Saumfronen, beren fattgrüne 
Saubmaffen von bem roeifcen Sichte, baö oon ber Strafte 
her in fie hinein* unb burdj fie hinburchfehimmerte, roun* 
berlicfj belebt würben, festen eine -iDiärdjenroelt, in beren 
heimlichem ©Ratten weifte (Slfdjen hufäten. SenfeitS be^ 
tro|tg gejaeften ft^roarjen ©itterS aber, ba3 alle biefe 
träumerifche ©tiHe, ben ®uft unb ben ©Ratten gegen 
bie- 2Mt ba brauften abfchloft, ihren Einbruch gleichfam 
mit brohenben Spiesen unb ^eHebarben abwehrte, rollten 
auf bem l)ell beleuchteten Slöpfjalt bie 2Bagen ^in unb 
^er, iftabfatyrer fauften auf ftahlfunfelnben 9täbern bli#* 
fcr)neQ vorüber, manchmal taufte bie rounberlidf) ^üpfenbe 
$entaurengeftalt eineä Deiters für einen 2(ugenblicf auf, 
unb baä fröhliche ©timmengeroirr ber jaljllofen (Sparer* 
ganger Hang, burdf) bie Entfernung gebä'mpft, herüber. 

3)a3 ©efpräch ber oier 9Jcenfchen, bie auf ber Xerraffe 
groifchen ben Halmen beifammen faßen, geriet gar balb 
in§ ©toefen. $er ^rofeffor fog gebanfenooH an feiner 
3igarre, gräulein o. ^uggftein, in beren £er$en ber 
poetifdt)e 3^eij ber ©tunbe allerlei uerfeboßene 3 u 9 cn ^ 8 
träume roieber r)eraufbefcrjnJor, feufjte einigemal tief unb 
vernehmlich auf. ftittg unb 9Jtattf)iaä, bie jiemlich nahe 
nebeneinanber faften, genoffen ba8 ©lücf, jebeS be§ an* 
beven 9lähe flu fühlen, in einem fonberbaren 3 u ft a}1 ^ c 
halb träumerifcher ©eligfeit, bie für ben Slugenblicf alle 
©orgen einfehläferte, alle SBünfche jum ©djroeigen braute 
in ihren £erjen. 

Enblidj brach Siebel*©teinfete baö ©chroeigen. ©eine 
©timme Hang gebämpft, als jögere fie, biefe foftlidje 
©tille ftören, als er unvermittelt fagte: „@S ift oieleS 
anberS gemorben bei Sfjnen, gnäbige grau. Ueberrafchenb 
anberS unb — verleihen ©ie — fchöner." 



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Kornau von (Snftar Johannes Kraufi. 59 



OJtottl)iaS faf) baS weifje ©efidjt ÄiiiijS fid) für einen 
Moment oott flu ifjm wenben, ifjre Slugenfterne leuchteten 
ifjm burdj baS ©unfel mit einem unenblidj gärtlidjen 33Iitfe 
entgegen. $ann faf) er wieber nur baS bunfle £aar ber 
(beliebten, ©ie fjatte fid) ju bem s 4irofe[f or gewanbt, um 
ju antworten. 3Jlooäbörfer a6er wufete, bag jebeS ifjrer 
SBorte ju tf)tn allein gefprodjen mar. 3)aS f)atte iljm 
ber ftumme Süd twrfyer ja angefünbigt. 

,,3d) meijj, lieber greunb, bag früher mandjeS nidjt 
fdjön war." $)te Stimme ber fdjönen grau !(ang weid), 
eS bebte barin wie ©elbftanflage. „3$ war audj nie» 
mals glüdlidj, niemals befriebigt von bem raufdjenben, 
(ärmenben Se6en. 2lber id) fannte ja nidjts anbereS. 
steine Altern führten ein grofeeS §auS, in beffen ge* 
räufdjüoflem treiben niemanb baju fam, fid) auf ftd) 
felber ju befinnen, ber Äommerjienrat ein nodj größeres 
unb geräufdjoollereS. 2)a3 bradjte feine Stellung als 
©rofcfaufmann fo mit fid). (Sr f;at Diefleic^t fogar etwas 
mefjr getfjan, als gerabe nötig war, um feiner grau, bie 
um fo mel jünger war als er, baS Seben an feiner ©eite 
möglidjft leicht unb angenehm &u madjen. 2llS er bann 
ftarb, waren bie gefeflfdjaftlidjen SBerbinbungen unb 23er« 
pflidjtungen einmal ba, unb baS Sfläberwerf fdjnurrte 
weiter, bis — ja, bis id) auf biefe Steife ging." 

„— bis id) bidj fennen lernte !" Hangen bie legten 
«Borte im Dljre 9)iooSbörferö, ber fidj mit 2flüf)e enthielt, 
in (Segenwart ber beiben anberen fiittn gu Süfeen au 
fallen. 

„3dj fann ja bauon fpredjen," fuljr biefe leife fort. 
„@S wirb fo t>iel geflatfdjt werben über midj, bafe idj 
fogar fpredjen mufi, um bie wenigen jWenfd^en, auf beren 
Meinung id) 9Bert lege, baran ju t?ert)inbern, an ben 
fllatfdj fcpefclidj bodj au glauben. 3)iefe Seife war eine 
gluckt. 3$ wollte einmal IjerauS aus allem bem, was 



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fid) immer roieber an miefj fyeranbrängte, ftd& meiner be* 
mädjtigte, unb was mir bodj fo unenblidj fdfjal unb 
ntd)tgfagenb unb erbärmlidj Ijoljl festen. Unb vor allem, 
idj mar in ©efaf)r, in eine oerfefjlte gmeite @fje fjinem* 
jugeraten, bie micij bann für ein ganzes Seben verurteilt 
r)ätte, in ber £retmül)le ber fogenannten ©efellfdjaft 8u 
bleiben, baä fernere 9Jab immerfort gu treten, treten, 
treten, fmlb betäubt oon feinem ßnarren, enbloS mübe 
oon ber Slnftrengung, bie bodr) um feinen ©cfjritt cor* 
töärtö bringt. Unb bavor fjatte idjj gurdljt, i$, von ber 
man glaubte, bafe fie nichts anbereä fennt unb nmnfdjt." 



töottjetjuug folgt.) 




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Ödie wir 

(ßac Kinley wiederwählten. 

Gine fjumoreske von der letzten Präsidentenwahl. 

üon D. B. ttlarren. 

1. 

Seit einem falben Qa^re etroa Befonb id) mich im norb* 
amerifamfdjen SBunbeSftaate üJtaine. SiefeS Sanb ift 
ber norböftlichfte Staat bei* Union unb grenzt an (Sanaba. 
(5S fyat ein fefjr rauhes fllima, unb tdj befanb midj I)ier 
jur 2öieberherfteUung meiner ©efunbheit. 

3dj ^aite mir in Stfrifa baS -äMartafieber geholt, 
unb jroar in auögiebigfter 2ßetfe. 3^un giebt es moI)I 
feine unangenehmere firanf^eit als baS 3Jialariafieber. 
GS ift ein jahrelanges «Sterben, Bei welchem 3Kilj unb 
Seber allmä^lid) ju ©runbe gehen unb ber firanfe oon 
Sag ju Sag mehr burd) gieberfroft, £i§e, Sruftbeflem* 
mungen unb «öerjfchroädje leibet. 3$ fyattt fdjon faft 
mit bem Seben abgefdjlojfen, als ein mir befreunbeter 
Slrjt mir als lefeteS ^ettungSmittel oorfchlug, nad) bem 



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62 Wie n?ir DXac Ktnlcy UMcbenpätyten. 

raupen -äJcaine gu gehen. 3$ tljat'3, ging fogleich t>on 
$ortlanb, wo ich gelanbet war, nach bem 3 nneren unD 
fing halb an, meine SJtalaria fegnen. 

Söeldje Marren finb wir bodj eigentlich in unferem 
ganzen Sljun unb Treiben! 2ßtc bie @fel in ber Xrct* 
müfjle laufen wir immer auf bemjelben $fabe. 2Ber 
uon unö nach Slmerifa gel)t, ber befugt -Kern 3)orf, 
ßfn'cago, San Francisco, I)5dt)ftcnö noch SSafhington unb 
•Nero Drleanö; bann ift man fertig unb glaubt Slmerifa 
$u fennen. Slber bie -SRorbftaaten ftnb gerabe bie aller* 
intereffanteften, befonberö für einen Säger, unb ich bin 
ein leibenfdjaftlidjer Säger. 

2)iefe§ SKaine l)at ein merfmürbigeS Älima; erft im 
3uni ^ören bie -Jtachtfröfte auf, unb im September fangen 
fie fdjon roieber an. grühjatn* giebt eö gar nicht; auf 
ben SBinter fefct im %\ini Q^ich eine bärenmäfeige ,§ifce 
tagö über ein, unb nadj wenigen Monaten ift ein SBinter 
ba, von bem man ficfj in ^Dcutfcrjlanb faum eine 25or* 
ftellung machen fann. Slber e§ ift ein gefunbe§ Sanb, 
unb e§ h a * au$ fruchtbare Thäler, wie jjum Seifpiel am 
s ilrooftooffluf$ , einem 9c*ebenflu{* bes St. 3ofcn , wo eine 
Vegetation Ijerrfcht, bie faft an bie Tropen erinnert, unb 
baä frudjtbarfte Sanb gefunben wirb, baö man Dielleicht 
in ganfl ^iorbamerifa fmt- 2)ie Viehzucht ift bebeutenb, 
unb bie riefigen 28älber liefern ein nmnberbareö SBaufjola, 
ba§ aud; ben £auptau§fuhrartifel beö Sanbcö bilbet. 
^mei 2)rittel beS ganzen Territoriums finb noch W't 
äBälbern bebedt, unb ^war meift mit h^rüdjen ÜJaubroäl* 
bem. Unb in biefen oiele Duabratmeüen großen Kälbern 
finbet man ein 2Bilb, wie eö fich ber Säger nur wünjdjen 
fann: Sären, flaribu (Dtenntier), äßölfe, wilbe ßafcen, 
23iber, 2Jcoofetiere (.^irfchc oon ganj befonberem ßkwidjt 
unb öröfce), unb bie jahllofen glüffe liefern gifdje in 
ftaunensroevter s Dknge. 



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Von D. 23. Marren. 



63 



Sftadjbem ich längere 3eit * m Sanbc herumgezogen 
mar, würben bie Unfälle beS 2Bechfelfieber3 feltener, unb 
ich burfte hoffen &u genefen. 9BoUte ich aber für immer 
gefunb werben, fo mufjte ich nünbeftenö noch ein 3ahr 
im Sanbe bleiben. ÜHeine ^erhältniffe erlaubten mir, &u 
leben, roo ich roollte; ich mar Sunggefelle unb nach allen 
Dichtungen fyn unabhängig. 3<h ging alfo nach bem 
Slrooftooftfjal , in ber 9iälje von 2lft)lanb , einer Stabt 
Don ungefähr breitaufenb ©inroolmern, unb faufte mich 
hier an. SBie fich balb fjwGuSftellie, h aiie i# Wne be- 
fonberS glüefliche äßal)l getroffen. 3$ fam fchon beim 
Slbjchluf; beä ßaufeö mit bem griebenöricfjter ber ©raf* 
fchaft, Samens SDuranb, in ßonflifr. tiefer Wann, ber 
^mar englifch fprach unb feinen tarnen englifch auöfprechen 
liefe, mar ein -Madjfomme ber erften ßinmohner, melche 
befanntlich in biefer ©egenb gran^ofen geroefen maren, 
unb er hotte gegen mich, ben 3)eutfdf>en, eine befonbere 
Abneigung, @r behauptete, $lnfprüdje auf einen £eil ber 
garm ju haben, bie ich übernahm, unb eö fam einem 
^rogefe. tiefer mürbe nicht in 2lffjlanb geführt, benn 
hier mar 2)uranb felber ©raffchaftSrichter, fonbern mir 
mußten bie Sadje in #oulton jum Slustrag bringen, 
unb $uranb oerlor ben ^rojefc. 

(S$ mar mir bieö auö uerfcfjiebenen ©rünben un» 
bequem, ift auch in SHincrifa nicht gut, mit bem 
höchften politifchen Beamten ber ©raffefjaft, in ber man 
wohnt, auf fchlechtem gufe $u fteljen. SDann aber hatte 
Duranb eine Richte, für bie ich m ^ c h aufrerorbentlid) inter* 
effierte. HJlarie mar aber aud) mirflich baö intereffantefte 
OTäbdjen, baö ich jemals fennen gelernt hatte. Unjraeifel* 
haft nerbanfte fie iljre grofte «Schönheit unb pifante Gr* 
fdjeinung ihrer Stbftammung. 3h re Scbhaftigfeit, il;re 
elegante gigur maren baö Crbteil beö franaöfifdjen SDlutcS, 
ihre blonbe Schönheit nmrjclte in bem englifdjen, fur&, 



64 



tüte n>ir T\\ac Kitilcy n>ieberroäl]ltett. 



gräulein SKarie $uranb ocrcinigtc bie SBorjüge ber 
^tanjöftn unb (Snglänberin in ihrer Sßerfon. ©ie ritt wie 
ein (Soroboij, fchofc wie Sooperö Seberftrumpf unb war 
ebenfo burfd&ifoä wie echt weibltd), furjum, ein Heblid(jeö 
©efchöpf, an baS ich mein £erfl im Umfeljen t>er(or. 
2)er alte £)uranb war Qunggefelle, unb ich glaube, er 
ging mit ber 2lbftcf)t um, feine SRidjte felbft ju heiraten. 

£5er SBinter war recht langweilig auf meiner garm 
bei 2lf!)Ianb, unb meine einige Söefchäfttgung mar, fjeim* 
lieh mit SDtarie gu forrefponbieren, obgleich fte fidj feljr 
äurtidfhaltenb geigte, <5ie beantwortete meine ^Briefe ^öd)ft 
feiten, aber ich merfte boefj, bafc ich ihr nicht gleichgültig 
war. 

Anfang %\xl\ hatte ich ba8 Unglücf, auf ber 3agb &u 
ftürjen unb mir ben gufj gu brechen. 3$ K ß 6 m ^ nach 
^orilanb transportieren, weil ich ^ier Sierße unb im 
flranfenljauS bie nötige ^Pflege fanb. <5ef)r wohlgethan 
hatte mir bie grofee {teilnähme ÜRarieS bei meinem Un* 
glücf, unb ifjre Briefe würben, feitbem ich im flranfen* 
häufe lag, auch häufiger, 3 € fc* befanb ich mich in ber 
SRefonoaIeöjen§ ; ich lonnte fdjon ^erum^infen, aber eö 
bauerte wahrfdjeinlid) noch einige 3«it # bis ich meinen 
gufj wieber wie früher gebrauten fonnte. 2ln leiten 
unb S a Ö en war vorläufig nicht ju benfen. 

60 ftanb ich eineä frönen Borgens am §afen unb 
fal) §u, wie bie Schiffe ein* unb auSgelaben würben. 2)a 
faßte mic§ jemanb am 2lrm. 

„(Belobt fei @ott, SBill, bafc ich bich treffe! 34 fterbe 
oor ßunger unb ©ntfräftung. Sorg mir einen £oÖar!" 

£er SKann, ber mich mit biefen SBorten anrebete, 
mochte etwa fünfunboiergig Sahre alt fein; er ^atte ein 
bartlofeö, blaffeä ©efidfjt, bem man lange (Entbehrungen 
anfafj, unb feine ßleibung war befeft. Gr War mir gänj« 
lieh unbefannt. 



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Von V. V>. UXureii. 



65 



„3dj bin nidjt ber, ben <2ie meinen," fagte idj, 
„aber wenn ©ie in ^ot finb, miß idj Qfjnen mit SSer* 
gnügen einen Dollar geben." 3$ reichte ir)m bie TOünie, 




unb alö er midj fragenb anfaf) , rührte mid) fein W\ä 
fo fefyr, bafe icf; ^in^ufügte : „53eljalten Sie ben $ottar 
nur unb fommen Sie mit mir. roeifj Ijier in ber 
s Jiäfje ein gutes 2ofa(, in bem mir finben, roaS mir 
brauchen." 

1901. VII. 5 

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Wk mir Mac Kmley miebenpätyteu. 



„6ie ftnb ein 3)eutfd)er, ich erfenne 6ie an 3^rcr 
ShiSfpradje," entgegnete in beutfdjer (Sprache ber grembe. 

„£)ann ftnb mir ja SanbSleute," erflärte ich, „unb 
nun IjaBe ich erfi recht bie Verpflichtung, mich um <5ie 
gu fümmern." 

Qdj führte ben SanbSmann in ein SReftaurant in ber 
§afenftraf$e, unb balb barauf fiel er mit ber ©ier eines 
Verhungerten über bie ©peifen tyx, bie ihm Dorgefefct 
mürben. 

3)abei erjagte er mir feine ©chicffale. ©arret nannte 
er fidj unb mar ein ärtift. @r hatte Unglücf gehabt, er 
mar fleftürjt unb fonnte feinen Veruf als ^arterreafrobat 
nicht mehr ausüben. @ine 3eitlang ernährte er fich t)on 
Safdjenfpielerei, aber eS mar ihm &u(e$t recht fchledjt ge< 
gangen. Grüben im englifdjen Territorium, in 9teu« 
Vraunfchmeig, maren ihm feine Apparate unb fein ganjeS 
Vefifctum geflogen morben. @r hatte ftd& müljfam burch 
ben SBinter hinburdjgebettelt unb mar jefct nach Sßortlanb 
gefommen. Gsr hatte mich für einen ehemaligen 3^ ugs 
genoffen gehalten, mit bem ich mohl einige 2lef)nlidjfeit 
haben mochte, unb beShalb hotte er mich um Unterftü|ung 
angef prochen. 

@S mar baS alte Sieb t>om aerunglücften Slrtiften, 
ber ftch nicht mehr mit feiner Sefdjäftigung ernähren 
fann unb nicht meifc, maS er anfangen foll. @r roufcte 
nicht einmal, mo er hin mollte. 3dj riet ihm, er folle ein 
paar SBochen in ^ortlanb bleiben unb ftch erholen, unb 
ich &ot ihm auch ©elb an. (Sr lehnte eS juerft ab, inbem 
er fagte, er fönne mich ja niemals roieberbejaf)len, unb 
eS fei ihm fehreeflich, üon SUmofen au leben. Um ihn auf 
anbere ©ebanfen &u bringen, engagierte ich *h n fchlieftlicl; 
als meinen ©efretär, obgleich ich nichts gu fdjreiben I;atte, 
als meine Briefe an Sflarie. Unb bie fd)rieb ich natürlich 
felbft. 



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Poii D. S. Warrcn. 



67 



(Sineä ÜÖlorgenS fam ©artet &u mir, um mir eine 
gro&artige ^bee gu unterbreiten. (St bat midj bringenb, 
auf feinen SBotfdjlag eingugeljen, bamit er in bie Sage 
fomme, feine ©d&ulb bei mir roiebet gutgumacfjen. @3 
fei iljm futd&tbat btücfenb, baß et mir auf feine anbere 
2Beife ba§, roaS id> für ifyn ausgelegt fjatte, jurütfna^len 
fönne, unb roenn et audfj jugeben müffe, idj) fei bet 
Iiebcnäroütbigfte unb gutmütigfie 5Renfdf>, bem er je be= 
gegnet, fo fei bodj audj feine (Stellung bei mir für ifm 
brücfenb; benn in Sßttflid&feit be&al)le idj iljn für ba$ 
9Jicijt8tf)un, unb baS fei ebenfo fc&Umm wie ein SUmofen. 

2U3 et mit feine 3bee entroidfeft fjatte, ladete i$, unb 
als et von mit oetlangte, idfj foffe bie ©acfje mitmad&en, 
sollte idj guetft gar nid&tS baoon nriffen. Slbet fd&liefjHcI) 
übetlegte tdj, bafe bie näd&ften 2öocf)en füt mid) bod& nodjj 
eine Kuweit bilbeten, unb wenn ic& ba eine untetljaltenbe 
23efd&äftigung fanb, fonnte idfj eigentlich gang aufrieben 
fein. $ie gange <5ad&e machte mit jubem ©pa&, unb fo 
fd&Iug idj benn in ©arretS batgebotene $anb ein unb 
erflärte, idf) rooUe mit if)m jufammen feinen SBotfdfjlag 
ausführen. 

■Koclj am felben Sage gingen mir ju bem §oI^änbler 
9Jiufltn3, bem güfjrer ber tepublifanifcf)en Partei im 
(Staate 3Jtoine, unb machten iljm unferen 9?orfdf)Iag. 
OTuflinS ladete hellauf unb fagte bann, mir feien ein 
paat gang uetteufelte $alunfen, unb er fei feft übetgeugt, 
ba<i SBa^Ifomitee mürbe auf unferen 2$orfd&lag mit 3Scr* 
gnügen eingeben. 

2. 

3n Derter lamen mir mit unferem Unternehmen auf 
bie 2öelt. 3Bir mieteten einen 6aal unb annoncierten 
auf mannSljofjen ^lafaten: „(MrofeeS IjiftovifdjjeS ^Rufeum 
oon ©arret & ßomp." 



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68 Wie wir macKinley ttncbcnrätyten. 

SaS (Sntree war aujierorbentliclj Billig, nämlidj nur 
jjef)n Gents, unb wir befamen einen ungefjeuerlidjen 3u- 
lauf. 3nnerfjaI6 vierunbuwanjig Stunben fpradh ganj 
Sejrter von uns. 

9Jian wirb fid& vielleicht wunbern, wie mir plöftüdj 
ju einem f)ifiorifc$en 9Rufeum famen. Sie <5adj)e mar 
ober feljr einfach 2Bir hatten baS „•üftufeum" innerhalb 
vieren Sagen felbft jufammengeftellt, unb &war aus 
lauter wertlofen ©egenftänben. SaS ganje Slrrangement 
war nichts als eine 2B a Ij l m a ch e. Sie $räfibentenmahl 
ftanb nach vierjährigem SurnuS in 9lorbamerifa wieber 
einmal vor ber Xtyixx, baS Reifet vorläufig bie 2öaf)l ber 
Gleftoren, ber äßahlmänner, reelle erft fpäter ben ^Jräft* 
benten wählen füllten. Sa jeber (Sieftor aber von feinen 
•föäfylern auf einen beftimmten Äanbibaten eingefroren 
wirb, weift man nach bem SluSfatI ber @leftorenwaf)len 
jdjjon genau, wer ber näcfifte $räfibent fein wirb. 

@S giebt in Slmerifa nur jroet grofce Parteien, eine 
republifanifdfje unb eine bemofratifcfje. Sie republifaniftfje 
gartet war für 9JlacÄinleu, ben bisherigen Sßräfibenten, 
währenb bie bemofratifche für SBrnan eintrat, ber fdfjon 
bei ber vorigen 2Baf)l 5Jtac flinlegS ©egenfanbibat ge* 
wefen war. 3Jlan barf nicht vergeffen, baft in Slmerifa 
eine ^räfibentenwahl ebenfo eine politifc^e wie eine ©e* 
fc^äftdfad^e ift. Sie Partei, beten ^räfibent gewählt 
wirb, fommt bamit ans töuber unb befefct alle Stellungen 
vom Sßräftbenten bis jum legten 2tyütfte$er # nicht nur 
in ben ^auptftäbten, fonbern überall im £anbe, wo 
irgenb ein Beamter, unb fei es felbft nur ber Nüttel eines 
©raffdjaftSgerichtS, vorhanben ift. Sie Parteien bieten 
alfo alles mögliche auf, um §u pegen, unb beSljalb ift 
bie Agitation für eine amerifanifdjje $räfibentenwahl 
etwas, was man fich in unferem fjörmlofen Guropa gar 
ntc^t vorfteHcn fann. Sie aufrcgenbften 2Bahlvorbereitungen 



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Von T>. 8. iDarren. 



60 



unb Agitationen, bic man je in 25eutfchanb für bcn 
S^cid^Stag gehabt hat, vergalten fich gu einer amerifanifchen 
SBahfoorbereitung unb Agitation ungefähr rote ba§ Ijarmlofc 
Gaffeln einer 9läf)mafdjine §u bem betäubenben flradjen 
ber $onnerfchläge eines SropengemitterS. @3 ift unerhört, 
was aufgeboten wirb, um im ^arteitntereffe wirfen. 
Monatelang ^errfd^t bie fürchterltchfte Erregung in ber 
gangen Union, unb in ben legten 23ochen unb Sagen oor 
ber 2öaE)I fterjt, um einen vulgären Auäbrucf gu gebrauten, 
bie 33et>ölferung ber ganjen Union auf bem ßopf, unb 
eö gefd)er)en $inge, bie man für unglaublich galten foHie, 
wenn man fic nicht eben felbft miterlebt l)at. 

Sie rcpubltfanifche Partei nun ^atte unfere 3*** 
aeeeptiert, unterste unä reiflich mit ©elb, unb ba tdt> 
fo wie fo ber Anficht mar, bajj 3)iac ßinlerj für 2lmerifa 
wertvoller fei, als 23rgan mit feiner Silberplanfe, fo 
ging ich <w3 uoHer Uebergeugung in biefen üffiafjlfampf, 
uon bem ich *n« «cht uiel Unterhaltung Derfprach unb ber 
mir über bie 3*»* SWonoaleSgeng hinweghelfen foßte. 

$ie „Silberplanfe" ift ba§ Programm SrtjanS, baö 
ihm gum @iege rjclfcn foHte. Ungmeifelhaft ift 33ri)an 
interejftert oon ben 23efifcern ber 6ilberminen, unb biefe 
wollen, baj* in Amerifa bie ©olbwährung abgefchafft unb 
bie (Silberwährung ober wenigftenS ein gemifcrjtcö ©elb* 
fvftem eingeführt wirb. $a3 6ilber, baö je$t fehr ent* 
wertet ift, mürbe, wenn es roieber gu Münzen üerwenbet 
wirb, aufeerorbentlidfj im greife fteigen, unb bie 6il6er* 
minenbefifcer, bie gum Seil ben betrieb auf ihren 23erg= 
werfen einftellen mußten, mürben gu fteinreichen Seilten 
werben, wenn ba§ 6ilber wieber im greife ftiege. (§3 
war meine fefte Uebergeugung unb auch bie aller $te* 
publifaner, bafe bie Einführung ber 6ilbermährung für 
Slmerifa eine Rrife bebeuten würbe, bie gang unabfeljbar 
traurige folgen haben müßte. 



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70 



Wie w'iv IXlac Kiulcy nncbertpaljUcn. 



Unfere Aufgabe war nun, in humoriftifdjer Söcifc für 
ben ^räfibenten 9Jkc flinleq gu wirfen. Unfer 3Jiufcum 
war, aufrichtig gefprod&en, nichts weiter als ein Ulf, aber 
ein für 2(gttationSgwecfe ungweifetyaft feljr wertoofler, 
unb baö Serbienft ber (Srftnbung gebührte ©arret. Gr 
hatte bie 3bee gehabt, ich fyatte ben %z$t ausgearbeitet, 
unb ©arret, ber als ehemaliger Slrtift auch baS Sieben 
unb Ausrufen oerftanb, erflärte bie 2)inge in unferem 
•JKufeum bem ^ublifum, baS gewöhnlich aus bem Sachen 
gar nicht ^erauSfam. 

2Bir fingen bei ber (Srflärung mit ben ^armlofeften 
fingen an. 2Öir geigten ein <5tücf Ijollänbifchen fläfe, 
baS an einem Sinbfaben befeftigt war unb Ijin unb h er 
gefdjmungen würbe. $aS war „ber fliegenbe £ollänber". 
2Bir geigten einen (Säbel als Reliquie, weil bamit ber 
berühmte Slbmiral $emei) in <3ee geftoefien fei, als er 
auSgog, Manila &u erobern. SSeiter geigten wir einen 
fleinen Sotenfopf aus Papiermache unb erjagten, bieS 
fei ber ©djäbel beS ßanbibaten 33n;an gemefen, als er 
fünf ^afjre alt war. $ann fam ein (Schäbel, ber etwas 
größer war; von biefem erjagten mir, es fei ber <2d)äbel 
beS ßanbibaten 93njan, als er fünfzehn $a\)xt alt mar. 
gnblich würbe ber 6<häbel eines 2ttibt>erS mitfamt ben 
Römern uorgegeigt unb bem ^ublifum mitgeteilt, bieg 
fei ber ©djäbel SBruanS wäfjrenb feiner jefcigen ßanbi« 
batur. 25er 2ßi$ mar plump, ich 9 e & c ä u > a &** wirf- 
fam. 68 mürben ferner humortfttfehe Reliquien gegeigt, 
meiere Sflacßinle» lobten unb Sörpan fchabeten, unb ba 
ber Slmerifaner aufeerorbentlich mel #umor befifct, fo 
gingen bie Seute miliig auf alles ein, unb waren fie erft 
inS Sachen gefommen, fo lachten fte über bie größten 
^ichtigfeiten. 

2)a wir natürlich mit biefen fingen, bie fich auf bie 
beiben ßanbtbaten begogen, nicht auSgefommen wären, 



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Von D. 53. IlXmeii. 



71 



geigten tuir nod) Reliquien aus bcm Ickten Kriege grotfc^en 
Spanien unb 5(merifn, befjen ^ad^rcirfungen ja nodj in 





aßen ©cmütern nacfoitterten unb burd) befjen (Einfluß ja 
audj bie 2öiebernmF)l 9Jtac ßinleijö ju flanbe adommen ift. 



72 tü'xe mir Ittac Ktnfey miebcrtpäfylten. 

Set biefen StriegSreliquien gingen wir fehr oft aus bcm 
fd&erafjaften Xon in einen ernften über, wobei natürlich 
bie £apferfeit unb ber SobeSmut ber amerüanifchen 
Gruppen gebüljrenb gelobt würbe, unb wenn bann ©arret 
mit fräfttger unb gefdjulter ©timme irgenb eines ber Sic= 
ber intonierte, bie wäljrenb beö flrtegeä populär geworben 
waren, bann fiel bie ganje äkrfammlung ein, unb es gab 
eine patriotische 23egeifterung ohnegleichen. 3)ann trat ich 
auf unb hielt eine fur&e, aber einbringlidje äöahlrebe ju 
©unften $Rac flinleuä unb ein wenig gu Ungunften SrnanS, 
unb bamit hatten wir gewöhnlich einen großen (Srfolg. 

2113 britter Sßunft be3 Programms nach bem humo* 
riftifdjen unb hiftorifch s patrtotifchen folgte gewöhnlich eine 
Vorführung oon Safdjenfpielerfunftftücfen oon feiten 
©arretö, bie inbeS fämtlich auch ein politifdjeä ©emanb 
hatten. Seber fennt wohl bas (Spiel mit ben brei 
Mechern, eines ber erften fiunftftütfe, bie ber Dilettant 
lernt, welker ein wenig „jaubern" will. $)er Sluöführenbe 
fteHt brei Söedjer mit ber Deffnung nad; unten oor fich 
hin, unb unter einem biefer Lecher liegt eine 9iuf$. Shtrch 
Changieren, baö Reifet §tn* unb $erfdjieben ber Sedier, 
weiß er bie -Muß fo gefdjtcft ben $la$ wechfeln gu laffen, 
bajj gewöhnlid; berjenige, ber raten foll, wo ftdj bie -Hufi 
befinbet, fehlgreift. Sludj biefeö ©piel r)atten wir „poli* 
tifch" gemacht. Unter ben mittelften Sedier würbe eine 
©ilbermünje gelegt. 2)arauf machte ©arret feinen $ofuö- 
pofuö unb fragte, ob er jefct jeigen folle, wa§ aus ber 
©Übermüde unter -Mac Linien würbe. 2Benn ba§ $ubli* 
htm bie§ bejahte, fo hob er ben Secher auf, unb es lag 
anftatt ber ©Übermüde ein ©olbftücf ba. SBenn aber ge- 
zeigt werben follte, wa§ unter 23rnan aus ber Silber« 
münje würbe, fo jeigte fich &rint Stufheben be§ Lechers 
ein SBlättdjen Rapier, unb auf biefem Slättchen ftanD ge* 
brudt ba§ äBort „Sanferott". 2)ann bat fid) ©arret ben 



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Von X). 3. tüarren. 



£ut etncä ber Slnwefenben aus unb jog aus bem £ut 
enblofe Waffen von Betteln, welche immer größer würben, 
unb auf benen gebrueft ftanb: „$5ie Union banferott 
burdj bie <2ilberplanfe SrganS." Diefe Settel würben in 
bag *ßublifum geworfen unb erregten jubelnbe £eiter!eit. 
•Man riß, ja man fd)lug ftdj um biefe wertlofen Finger, 
unb bie Agitation gu ©unften 2Wac ßinlepS unb gu Üm 
gunften SrgdnS war wieber einmal erfolgreich. 

9ladjbem wir in $e£ter unb Srewer ©lücf gehabt 
Ratten, wagten wir uns nach Drono unb Dlbtown ; bann 
ftieg unfer 9ttut fo, baß mir auch nach ben größeren 
©täbten, nach Sangor unb felbft nach Slugufta, ber 
£auptftabt beS SanbeS, mit unferem üBufeum gingen. 
@S lag eigentlich in unferem Programm, fykx unfere 
S^ätigfeit abschließen. SCbcr eS war jefct Slnfang Df* 
tober, wenige 2Bochen vor ber 2öaf)l, unb ba fam bie 
Nachricht, baß im %f)al von Slrooftoof bie SluSfichten für 
3Rac RinUr) nicht fo gut fein foHten wie bisher, weil 
bort unter ben reiben garmern eine private Agitation, 
unb jwar burdj bie tarnen, ftattgefunben ()atte. 2)ie 
grauen fpielen in Slmerifa eine große $oHe bei ben 
SBa^en. (Sine energifdfje $ame, bie eS verfteht, if)re 
©efdjlechtSgenoffinnen gu beeinfluffen , fann eine 2lgi< 
tation ju nidjte machen, welche Millionen von Dollars ge* 
foftet §at. 

©o war ba unten im 2lrooftoofifjale irgenb eine 
fanatifdje Slnhängerin SBrganS in gefchiefter 2Beife bamit 
vorgegangen, bie tarnen für fich gu gewinnen, unb hatte 
fo glücflicfj operiett, baß bie grauen ifjre SSäter, Sräutt* 
game unb ©atten beeinflußten, unb baß es hödjft nmljr* 
fdjeinlidj mar, baß 93ri)an bort einen erheblichen ^rojent' 
fa$ von (Stimmen erhalten würbe. @S war ©efahr im 
Sßerjuge, unb es galt, biefeS faft verlorene Serrain unter 
allen Umftänben wieber &u gewinnen. 5Jtan fehiefte 



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74 lt>ic mit ITiac Ktnlcy wiederwählten. 

2)auerrebner l)in, bie bafür befahlt würben, um läßlich 
an awanjig »erfdjiebenen ©trafeenetfen einer ©tabt &u 
reben unb täglich ftunbenlang ju ©unften SJtac SinlepS 
unb gegen Srpan einzutreten, unb als fdjwereö ©efdjüfc 
fdjicfte man fchltefjlich auch unfer ^Jtufeum oor. 

3$ fann nicht fagen, bafe mir bie ©adje angenehm 
gewefen wäre. 3<h war in *on Slftlanb felbft 

anfäf jtg, ich mar bort SBäfjler, ^atte unter "ben garmern 
al§ ©entleman uerfehrt, unb eö mar mir recht unlieb, 
jefct bort als politifdjer 9)tarftfd)reier aufzutreten. $a 
erhielt ich eine 9tad)rid)t, welche ade meine söebenfen über 
ben «Raufen warf: -iökrie $uranb, meine Slngebetete, mar 
öffentlich %ii ©unften 9)iac $inlet)§ aufgetreten. Sie fjatte 
gegen bie Agitation ber $ame, welche 2lnl)ä'ngerin 33rgan8 
war, grauenmeetingS einberufen, hatte glän^enbe kleben 
&u ©unften ber republifanifdjen Partei gehalten unb war 
tiaburdj im ganzen 5lrooftoofthale 311 einer befannten 
unb felbft oon ben ©egnern geachteten 3)ame geworben. 
2)ie eigentümliche Stellung, welche bie grau in Slmertfa 
einnimmt, umgiebt fie, felbft wenn fie fich am SBaljlfampf 
beteiligt, mit einem gewiffen Nimbus, ber aud; bem 
politifdjen ©egner imponiert. 3>e£t 9 a & eä für mich ^ n 
3bgern meljr, ich mufete unbebingt nach bem Slrooftoof* 
t^al, um in 3Karie nicht nur bie ©cliebte , fonbern auch 
bie $arteigenoffin ju unterftü^en. 

2Bir gaben in brei, wer Heineren Drten SorfteHungen 
mit bem gewohnten (Srfolg, unb bie 33rt)an*^artei wütete, 
darauf famen wir nach 2lfl)lanb unb gaben unter un* 
geheuerlichem 3"^«f unfere erfte Sorftedung, bie aber 
baburch eine feljr unangenehme Unterbrechung erlitt, bajj 
ber dichter £)uranb mit jjmei $olt$iften erfchien unb un§ 
verhaftete, fowie ba§ hiporifche 9Hufeum fonfiögierte. Unb 
jwar gefchah unfere Verhaftung wegen 23etrug3. 



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Don V. 3. IParrcii. 



75 



8. 

3m polittfdjen $ampf, befonberö aber in ber erregten 
3*tt ber ^räfibentenroaljl , nimmt man eä in 2(merifa 
bem geinbe gegenüber audf) mit ber ©eredjtigfeit nidjt 
attju genau. 9)Jan oernidfjtet ben ©egner unter Umftänben 
audfj burdf) mijjbräudfjlidje Slnroenbung ber ©efefce, unb 
erleidfjtert roirb btcfe Ungeljeuerlidfjfeit burdf) bie ©eridfjtä; 
uerfaffung unb bie gefefclicljen SBeftimmungen, bie fid) 
auf ba§ ©eridfjtSröefen be^eljen. 

(SinerfeitS ift bie[e3 ©efc$ fel)r liberal, eS fann *um 
SBeifpiel jeber beliebige, Wann ober Srau, oor ©eridjt 
als SBerteibiger auftreten, or)ne Surift ober irgenbroie be* 
fonberS gebilbet ju fein. $)ie einigen Stebingungen finb : 
üöfünbigfeit unb Unbefdfjoltenljeit; anbererfeitS ift baö 
©efefc aber gerabeju tljöridjt, roenn eS ftcrj um bie ®e* 
fdfjroorenen Ijanbelt, unb e3 roirb alles burdfj eine 3urn, 
alfo burd) ©efdfjroorene, abgeurteilt. 

©efdfjroorener barf berjenige unter feinen Umftänben 
werben, ber fidj über ben gatl, ber &ur SJerljanblung 
fterjt, „fd&on eine eigene Stnfidjt gebilbet fjat", roeil ba§ 
©efefc annimmt, eine foldje $erfon fei als ©efdjroorener 
nidjt mel)r unparteitfdfj genug. SBer nun 3eitungen lieft 
unb fo über ben betreffenben gatt oorljer etroaS erfuhr, 
Ijat ja feine eigene 2lnfidf)t über bie Angelegenheit unb 
ift alfo unfähig, ©efdjroorener &u fein, ©o fommt e§, 
bafe in einer folgen 3urg feljr oft nur Ungebilbete ftfcen, 
Seute, bie überhaupt nidjt lefen fönnen ober fein 3nter= 
effe an irgenb roeldfjer Sef türe t)aben. 3n ben oerftänbigen 
Greifen ber ©ebilbeten weife man bafjer längft, bajs bie 
©efdfjroorenen geroöfjnlidj feljr ungebilbete -üJtenfdfjen finb, 
roeldje oft faum im ftanbe finb, ben 3Serf)anblungen mit 
SJerftänbniä ju folgen, unb roelcrje man bafjer im guten 
unb im böfen ©inne in gan$ ungeheuerlicher SBeife be* 



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76 JtHe mir IMac Ktnlcy wiebenpäbltcn. 

• 

einfluffen fann. 2)uranb wollte gegen uns unb wofjl 
fpeziell gegen mich biefen Sinflujs im fdjlimmfien ©inne 
ausüben, inbem er zur SluSlofung als ©efdjmorene nur 
Seute einberief, welche Anhänger BrnanS waren. 

Sie 3lnflage gegen uns war gerabeju lächerlich, unb 
jeber vernünftige ÜJienfch mufjte fte bafür fjalten. ©ie 
lautete, wie bereits ermähnt, auf Betrug. 3ßir foßten 
in betrügerifcher 3tbficht unb um uns unberechtigte Ein- 
nahmen gu Beschaffen, bem ^ublifum für fein gutes 
©elb Singe als edjt gezeigt höben, bie unecht waren. 
Um bie Anhänger BrnanS, befonberS unter ben ©c* 
fd)worenen, ju reiben unb gegen uns einzunehmen, hatte 
man ben ©cherz aus unferer ©djaufteßung herausgegriffen, 
ben ich felber fdjcm als plump bezeichnet höbe, ben 
©djerz mit ben brei ©djäbeln Brians. Sie 2lnflage* 
fdjrift behauptete, Brnan habe notorifdj feinen flopf nodj, 
habe nur einen ßopf, unb wer brei ftöpfe oon ihm t>ox- 
zeige, fei ein Betrüger, befonberS wenn er ©elb bafür 
nähme, ©elb tum Seuten, welche 311 bem ©lauben ge* 
bracht wären, brei echte tföpfe BrpanS üor ftcfj ju höben. 

©0 lächerlich biefer Borwurf unb bie Slnflage waren, 
fo hötte lefctere- boch wahrfdjeinlich Erfolg. Sie ©e* 
fdjworenen fprad)en uns fdjulbig, wir famen ins ©e* 
fängniS für mehrere Monate unb fonnten nicht mehr zu 
©unften 9Jiac ßinlenS agitieren, ebenfo wie wir als @e* 
fangene am 2öaf)ltage unfere ©timmen nicht für ihn ab- 
geben burften. 

3um ©lücf geht in $lmerifa alles rajdj, felbft wenn 
es ftch um eine ^immctfd^rctcnbc Ungerechtigfeit h^nbelt. 
Drei Sage nach unferer Verhaftung foflte bereits bie 
öffentliche Berljanblung gegen uns ftattfinben. 

Es war am 2lbenb Dor bem BerljanblungStage. 3dj 
faj$, mit feineSwegS angenehmen ©ebanfen befchäftigt, 



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78 It>ie mit IHac Kinley nnebenpäfjlten. 

in meiner QzUz. $lö$li<h raffelte ber Sdjlüffel im 
(Schlöffe, ber ©efangenmärter öffnete bte £fjür unb rief 
herein: „3h* SJerteibiger!" 

3)ann trat er &urücf unb Hefe — 9Jkrie 2)uranb ein* 
treten. 

•Kit einem greubenruf trat ich ihr entgegen, wenige 
haftige 2Borte mürben gewechfelt, bann lagen mir uns in 
ben 2lrmen unb taufd&ten bie erfien ßüffe junger Siebe 
aus. 

•JJtorie wollte in ber Xfyat öffentlich als meine 33er« 
teibigerin cor ©ericht auftreten, unb ber $lan, ben fie 
hatte, fdjien Stuöfid^t auf Erfolg gu l)ahtr\. 2lls Partei« 
genofftn war fte ja legitimiert, uns gu üerteibigen, aber 
fie tfjat es auch no <h um meinetwillen unb um ihrem 
Dnfel einen Streich wegen unferer Serhaftung &u fpielen. 
S)uranb hatte *h r oor einigen Sagen einen Eintrag ge* 
macht unb war abgewiefen worben. <5ie hatte fein £auS 
oerlaffen unb Unterfunft bei Sefannten gefunben, wo fie 
bequem oon ihrem Vermögen (eben fonnte. 

9iach einer glücflichen halben 6tunbe oerabfd&iebete fich 
DJfarie von mir. — 

$er nächfte Sag brachte bie große 6enfation für 2lfh* 
lanb: bie SSerfjanblung unb Warte $uranb als 33er- 
teibigerin, währenb ihr Dnfel SBorfifcenber bes ©ericfjts* 
hofcS war. 

©efchroorene würben faft ausnahmslos ungebilbetc 
irifche £olafäller, Melleidjt nicht alle Anhänger SrpanS, 
aber politifch Dom SBorftfcenben leicht $u beeinfluffen. 5Dic 
Slnflage würbe uom ©erichtsfchreiber Beriefen, wir Sin- 
geflagten erflärten unS für nichtfdjulbig, bann erhob fid) 
Warie ^u folgenbem $Iatboi)er: • ) 

„Weine Herren! @3 wäre mir eine ßleintgfeit, hier 

*) cicljc bas Xitelbiib. 



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Don D. 3. IParreu. 79 

* 

fofort vox Shnen hunbert achtbare Beugen aufmarfdneren 
gu laffen, welche bezeugen würben, bafe fie ftd) in ber 
Schauftelluna, ber 2tngeflagten ausgezeichnet amüfiert haben, 
welche ftdj in leiner SBeife betrogen glauben, ja welche 
bereit waren, felbft für Jiö^ere greife, fofort wieber in 
eine SJorfteflung beS Ijiftortfdjen SHufeumS t>on ©arret 
& Gomp. 311 gehen. 215er nicht baS, was btefe 3™gen 
hier auSfagen, was fic meinen unb glauben, ift Ijier 
majjgebenb, fonbern baS, was ©ie, meine §erren ©e$ 
fcfjworenen, glauben, <5ie, welche entfdjeiben foUen, ob 
bie Slngeflagten fdjulbig ftnb ober nicht. Sie finb ntd&t 
fdjulbig, behaupte id>. @S wirb 3hnen befannt fein, bafe 
eS in unferer hetrlidjen Sprache 2Borte unb Lebensarten 
giebt, welche unwahr finb, welche etwas gang anbereS be- 
beuten, ald ber wörtliche unb gewöhnliche Sinn, ben biefe 
Lebensarten eigentlich hoben mü&ten. 2Benn SJcanner 
uns grauen einen £eirat3antrag machen, bann erllären 
fic gewöhnlich, fic fdjenften uns ihr §er& unb ihre £anb. 
— 3ft baS wahr? Niemals ! Unter 3hnen, meine 
Herren, finb fo unb fo Diele Verheiratete, bie wahr- 
fcheinlich auch unb £anb bem 2$eibe ihrer 3Saf)l 
gefchenft haben unb boch r)at jeber oon 3hnen ein §erj 
unb fogar jwei §änbe, h a * a M° nichts baoon oerfchenft. 
Söollen Sie bie 2lngeflagten fdjulbig beS Betruges finben, 
fo machen Sie fich felbft nur barauf gefaxt, ba& 3fa* 
eigenen grauen gegen Sie bie SBetrugSflage wegen ber 
biefen in 2Birflid)feit unterfchlagenen fernen unb §änbe 
anftrengen fönnten. 3Benn Sie baS nicht wollen, fo 
muffen Sie auch ben Slngeflagten baS Ledjt gugefiehen, 
Lebensarten ju gebrauchen, Behauptungen aufstellen, 
bie aHerbingS unwahr ftnb, wenn man fie wörtlich nimmt, 
bie aber einen anberen Sinn haben, wenn man fie con 
bem burchauS berechtigten unb geglichen Stanbpunfte beS 
£umorS aus betrachtet. Slber felbft, wenn Sie barauf 



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80 U?ie nur lllac Ktnley n>ieberroäl|Uert. 

beftehen, afleä, was bie Slngeflagten gefagt unb oor- 
. getrogen fjaben, wörtlich &u nehmen, müffen Sie 
einem greifprudfj fommen, benn <5ie müffen ben 2lt^ 
geflagten auch geftatten, bie Lebensarten onberer Seute 
wörtlich ju nehmen. Lun, meine Herren, ©ie wiffen, 
bafe man in gewiffen 2lugenblicfen beä SebenS „ben Äopf 
verliert". 2tuch §err 33rt)an ^at, fo behaupte ich, min* 
beftenS breimal in feinem 2eben in fdjwierigen (Situa* 
tionen fd&on ben Äopf oerloren. Siehmen mir biefe Lebend 
art wörtlich, fo fteht e8 feft, bajj ber verlorene Äopf 
93njan3 breimal oon irgenb einem Sinber aufgelefen roor* 
ben fein fann, biefe ginber aber waren bie Slngeflagten, 
bie nun berechtigt finb, biefe brei Äöpfe Bordeigen. 
Siefleicht finb baS trofcbem nicht bie Äöpfe SörpanS, unb 
bie ginber, bie 3lngeflagten, haben ftch geirrt. 2)ann ftnb 
fie t>on einer Selbfttäufchung befangen, aber bodjj feine 
©etrüger! £üten ©ie fid) alfo oor ber wörtlichen 2lu8* 
legung oon Lebensarten! <Sie fönnten fonft felbft in 
wenigen ^agen fykx auf* ber Slnflagebanf ftfcen." 

Subelnbev Seifall unb bröfjnenbeö ©eläcfyter im 3" s 
hörerraume! Linter Suranb liefe wütenb bie 3"^örer 
hinausjagen. Sie ©efchworenen aber fprachen nach nut 
furjer Beratung ihr „Lichtfchulbig" au§. 3Karie unb ich 
mürben oon ber 9Jknge oor bem ©eridjt, als mir baS 
£au3 oerliejjen, jubelnb begrüßt. 3d) h^t fofort eine 
Lebe ju ©unften aRacÄinletjä, unb abenb« mar unfer 
ÜWufeum wieber eröffnet. Sie ßleltorenroahlen fielen in 
Slfh^nb gu ©unften -Btac ÄinleijS au§. Lichter Suranb 
nahm feine ©ntlaffung, bie er fo roie fo erhalten höben 
mürbe, ©arret erhält jur Belohnung für feine politifche 
^hcitigfeit eine SlnfteHung im Staatöbienft, unb ich ^abc 
meine TOarie fofort geheiratet unb gebenfe oorläufig in 
9)iaine gu bleiben. 



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Die Weltmeisterschaft 

im Schlittschuhlaufen, 

Sportbilder von £. Roller. 

mit 9 Illustrationen. f ? (nacbdrudc verboten.) 

i 

(Bit jdjiuebcn, wir Wullen auf balleubtm Wctx, 
Vluf Silbcrfruftatlen babiu unb batjer: 
Ter 6ttifcl üt uu8 ftittid), ber $immet ba§ lad), 
Die Üüfte ftnb eiliß unb jdjWebcn unl nad). 
So fllcttcn wir, 93riiöer. mit fröblid)rm ©inu 
«nf eherner Siefe baS fieben bahjn. 

#erbcr. 

Daö Gelaufen, eine fcfjon in uralter * on ben ^far)(= 
Bauern mit ©djlittfcfyufjen aus ^ferbefnodjen geübte 
unb in norbifetjen Säubern gan& DolfStümlidje $unft, ift 
in neuerer Seit in Mitteleuropa unb ^orbamerifa nidjt 
nur §um befugten SÖinterüergnügen ber fjöljeren Stänbe 
geworben, fonbern e3 fjat ftet) audj ju einem regelrecht 
betriebenen internationalen 6port entroicfelt. Sßärjrenb 
in ©egenben, roeldje im Sßinter weit auögebeljnte @i$< 
flädjen barbieten, mef)r ba3 2£eit- unb ©djneflfaljren gc* 
pflegt wirb, finbet an Drten, benen nur fleinerc ßiSpläije 
jur Verfügung ftefjen, befonberS ba3 Jhmftlaufen eine 
forgfältige 2lu3bilbung. 3" tticlcn größeren Stäbten 
finö 6(§littidntl)läufer=^ereinc gegrünbet woiben, bie fid) 

1901. VII ü 



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82 IHc IPcIttucifterfcbaft im 5d)Iittfrf>nl]laufcn. 



geroöfjnlidj innerhalb bcr SanbeSgrenjen ju einem 33er* 
banbe oereinigen. 

©o Befielt gegenwärtig ein beutfdfjer unb ein öfter« 




Scnncllläiilcr auf der €isbabn in Davos. 
Sa* fintt gj^otoato^i« Don Stif*, $abo«-$Ia| 



reidjifdjer SBerbanb, bie mit benen 91uf$lanb3, Sfan* 
binaoienS, 3)änemarfS, ber 9tieberlanbe, ber (Sdfjroeta, 
©rofjbritannienS unb Ganabaö eine 3 n *ernationale 
@i*löuf«95creinigung (3- &&) Silben. 2luf bem 
alle )toei 3afjre ftattfinbenben ßongreffe biefer Bereinigung 



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84 IHe HMtmciftcrfcbaft im Siblittfcbublaitfen. 

roirb jetoeilen ber aus fünf SJtitgliebcrn bcfic^enbe 35or* 
ftanb gewählt, welcher bie ©efchäfte führt unb bie 2Jcr* 
anftaltung internationaler 3BettIäufe oeranlafet. gür Teuere 
befielt eine befonbere SSettlauforbnung, bie ade barauf 
Bezüglichen Sebingungen unb 33cftimmungen aufs ge* 
nauefie feftfieUt. 

5)ie internationale @islauf«2?ereinigung ^at au<h in 
©emeinfchaft mit bem beutfdjen (SiSlaufoerbanbe unb bem 
internationalen ©d&littfchuhflub „DaooS" ein eigenes 
amtliches Drgan, baS unter bem $itel „Deutfdjer @is* 
fport. gadjjeitfdjrift für bie Sntereffen beS GiSfports" 
wöchentlich einmal in Berlin erfcheint. @S enthält aufeev 
ben amtlichen 33efanntmadjungen jaljlreiche Slbljanblungen 
unb Berichte, fomie eingeljenbe Sdjilberungen ber in ben 
oerfdu'ebenen Sänbern oeranftalteten ffiettläufe. Diefe 
ftufen fidfj ab in ©chüler*, 3ugenb«, Vereins*, Behufs«, 
BerbanbS* unb internationale Söettläufe, welch (entere über 
bie BerbanbS* unb bie Söeltmeifterfchaft entfcheiben. 

3ur $eranbilbung tüchtiger (SiSläufer fteöen bie größeren 
Bereine befonbere Berufsläufer an, meiere bie nach ber 
^Jkifterfdjaft ftrebenben ÜRttglieber regelrecht trainieren, 
©ewöfjnltch oerfügen foldfje Vereine auch über awecfmäfeig 
eingerichtete UebungSräume, wie jum Beifpiel baS ©port; 
etabliffement ,,^öle 9c*orb" in 2öien, oon welchem ber 
„Deutfche@iSfport", bejfen neueftem Sahrgange 1899/1900 
mir oerfchiebene ber nachftehenben Angaben entnehmen, 
folgenbe Schilberung giebt. 

,,©eit ooriger ©aifon würben namhafte Berbefferungen, 
fowoljl in ben mafchineUen Slnlagen, als auch hinftdjtlich 
beS Komforts in ben SRäumlichfeiten unb ^läfcen, burdjj* 
geführt. Die eleftrifdje Beleuchtung wirb burch einen 
©aSmotor erzeugt, ber bie Dgnamomafchine, gleichzeitig 
aber auch e * n ^ 'Pumpe treibt. Der 400 Ouabratmeter 
grojie, in fdjwebifchem ©til gehaltene ^aoiHon umfaßt 



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8(3 V\c lUeltmeißerfcfyaft im Sdjlittfchuljlanfen. 



einen Süffettraum, ßüdje, brei große ©arberobenräume, 
(SanitätSaimmer, ßanjlei, Drchefterraum, Slrbeiterraum 
u. f. ro. £)er 10,000 duabratmeter große 6port§plafc ift 
im ©ommer in jroei Abteilungen geteilt unb bietet Raum 
für fechs Saron SenniS^läfce, eine 200 Duabratmeter 
große Rabfahrbahn mit aufgebauten &uroen unb einen 
5000 Duabratmeter großen Rabfafjrplafc. $a8 „Sßöle 
Rorb" ift heute bereits ©ammelftelle ber eleganten 2Se(t 
in 2Bien unb oieler ehemaligen -BRitglieber beS SBiener 
(SiSlaufoereinS, welche ooratehen, in fd&öner Umgebung, 
in gefunber, frifdjer Suft ben ©port auszuüben." 

£)a bie Teilnahme an einem 2Bettlaufen burch ba$ 
oorhergefjenbe, jeitraubenbe trainieren unb bie oft be* 
beutenben Reifefoften große SluSgaben t>erurfacht, fo wer* 
ben biefe bisweilen com ganjen herein beftritten, bem 
bann bafür bie @ljre ju teil werben fann, ein mit ber 
SBerbanbS* ober SBeltmeifterfchaft ausgezeichnetes Sttitglieb 
ju befifcen. 2)er Drt unb bie 3eit eines internationalen 
SöettlaufenS werben »on bem Sentrafoorftanb unter mög* 
Udjfter Einhaltung einer regelmäßigen Reihenfolge unter 
ben in Betracht fommenben Säubern beftimmt. 3)a aber 
bei bem Eislauf im freien bie Temperatur* unb SBitte* 
rungSoerhältniffe eine große Rolle fpielen, fo fann bie 
SJlöglidjfeit eintreten, baß tum bem urfprünglid) gemähten 
SBerfammlungSorte abgefeljen unb ein anberer bezeichnet 
werben muß. 6o gefdjah eS in ben Sauren 1899 unb 
1900, baß ber für SBten in SluSfidjt genommene 2Bett* 
lauf für bie SBeltmeifterfdjaft wegen ber außergewöhn* 
lidjen 3Jlttbe beS 3BinterS nach $aooS in ber (Schweiz 
oerlegt werben mußte, welches ade für ben (Schnee« unb 
(SiSfport unerläßlichen S3ebingungen erfüllt unb gubem 
als (Sifenbaljnftation audj leicht erreichbar ift. 

SDaS aus einem flüchten Söergborfe ju einem ftattlichen 
2Binterfurort h^rangemachfene $aooS liegt 1560 3Jteter 



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Von Koller. S7 

t)od) in einem von beroalbeten 53ergen umfd)loffenen 
SUpentfjal. ©egen Horben unb Dften ift eS burd) fjofje 
©ebirgSftöcfe befonberö ge(d)ü£t, nmfjrenb im 6üben bie 
anmutigen Krümmungen be3 $auofer Sfjaleö, feine 
fd&roellenben blumigen 2luen, feine fanften 5lnl)öt)cn unb 




Kunstlauf zu zweit (Wiener Cäuler). 
fla$ einer $feotograp&ie Don ÜReiicfc, SaDoMUafc. 



Iärdf)enbejäumten §ügel unb ba3 fie burd&fdjlängelnbe ftlber- 
fdjimmernbe Sanbroaffer einen SBorbergrunb unb eine 
9ftittelanfid)t barfleüen, meldte von bem au§ ©letfdjern, 
(Sisfelbern unb gelöfup^en beftefjenben £intergrunb felt-- 
fom abfielen unb bodj mit biefem jufammen ein fyar-- 
monifdjeö (Sanjeö bilben. 3)urdj feine Ijofje Sage eignet 
ftcf> $at)03 bei einer mittleren ^«^eötemperatur oon 3 biä 



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I 



88 X>ic lUcltmeiftcrftfiaft im SAlittfdmMaiifen. 

4 ©rab GelftuS ganj befonberg für ben $öinterfport, 
welchem -äJtonate hinburdj ohne Unterbrechung gefmlbigt 
werben fann. So pnben benn auch bort jeben hinter 
2öettfchlittenfal)rten unb SBetteiäläufe ftatt, an benen fid? 
nicht nur aus (Suropa, fonbern auch auö Amerifa Sport- 
liebhaber beiberlei ©efdjledjtS beteiligen. 3" biefem Smdc 
haben (entere aufjer ihrer eigentlichen Sportauäbilbung 
noch eine befonbere Srainierung burdjsumachen, fte muffen 
fid) nämlich juerft burch einen mehrtägigen Aufenthalt unb 
mäßige Bewegung an bie §öl)enluft gewöhnen. Unmittel* 
bar nach ih re * Anfunft in 2)aoo8 finb bie meiften Säufer 
aufeer ftanbe, anftrengenb flu laufen. 9Jietft fchon nad) 
fur^er Stit Mit ihnen ber Atem infolge ber bünnen 
Suft, unb ihre Sunge arbeitet in furjen fd^neHen Stögen, 
^ach unb nach werben bie Atemzüge wieber ruhiger unb 
tiefer, aber erft nach einigen £agen ber Angewöhnung 
fehrt bie frühere SeiftungSfähigfeit wieber, unb nach furjem 
Aufenthalt Ieiftet ber Säufer fogar mehr als oorfjer im 
£ieflanb. $ie meiften Säufer bereiten ftch wochenlang 
in ®aoo§ vor, fern oon bem (betriebe ber ©rofjftabt mit 
ihrer Unruhe unb ihren vielfachen 3^Preuungen. Sie 
haben für nichts au forgen, fonbern ben ganjen £ag für 
ihren Sport &ur Verfügung, baju bie wunberbare ftaiib* 
freie Suft, ba3 gehlen faft jeglidjen reijenben SBinbeS, 
bie ^crrlid^e 2öärmeftrahlung, bie eine größere $älte nicht 
auffommen ober nicht gum Söemufjtfein fommen läfet; 
ferner alö nicht ju unterfd)ä$enbe3 Moment eine fdjöne 
(Siöbahn, bie täglich minbeftenS jweimal für Sdmeflläufer 
abgefperrt wirb. 

$er vergangene Söinter 1899/1900 war für ben 
$5at>ofer @i§fport von befonberer SBebeutung wegen be8 
2öettlaufen§ um bie 2ßeltmeifterfd)aft, bei bcm bie <ßhoto< 
grapljien aufgenommen würben, nach tenw unfere Qllu* 
ftrationen angefertigt worben finb. 



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90 Die UVItmcifterfcbaft im Sdjlittfdjuljlaufen. 



2lm 24. Sftooember mürbe bie 24,000 Duabratmeter 
grofee (Siäbaljn unter ben klängen ber ßurfapelle eröffnet. 
2ßeit in ba3 %i)<xl ^inauö üerfünbete bieS bte auf bem 
Xurme gefjifete rote @isbaf)nflagge unb mit biefer bie 
33anner aller Nationen (SuropaS unb ber bereinigten 




Gustav fjügel (Kunstlauf), 
flad) einer Wotograptjie bon Keifcfc, 2at>oS-^Ia1j. 



Staaten von Slmerifa, beren bunte garbenprad)t fid) 
roirfungöuoll oon ber in fjeflem ©onnenlidjte ftrafylenben, 
von bem Haren, blauen Gimmel überwölbten Sßinterlanb* 
fd)aft abfjob. 

£)urdj ein SluSfdjreiben beS internationalen ©djlitt* 
fdjufyflubS „$at)03" war eine allgemeine (Sinlabung jum 
internationalen (Siöroettlaufen für §errenläufer am 10. 
unb 11. gebruar 1900 ergangen, foroie ju bem <Sd^neII= 



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92 Sie ItMtmciftcrfcfoaft im Sdjlittfd^ufilaufcu. 

laufen für ©d&üler unb ßinber, einem Figurenlaufen 
unb einem internationalen SÖettfdjlitteln. 

$ie nrichtigften Söcftimmungen für baS Wettlaufen 
waren folgenbe: SBeim ©djnelllaufen mußten fünf ©treefen 
tum 500 ; 1000, 1500, 5000 unb 10,000 Bieter burd)* 
laufen werben, ber (Sieger über minbeftenS brei biefer 
fünf ©treden erhielt bie große golbene 3RebaiHe unb ben 
filbernen Pofal twn $)aüos\ S3eim Stunftlaufen mußten 
gewtffe corgefchriebene Pflichtübungen ausgeführt werben, 
worauf bann jeber Teilnehmer in einem fünf Minuten 
bauernben Kürläufen nach eigener Söafjl feine fchönften 
giguren auf bem (fife betreiben fonnte. 

Schon im -ftooember fanben fich Sportliebhaber in 
$aoo3 ein, um fich bzn üerfdjiebenen Vorübungen unb 
SSinterbeluftigungen hingugeben, unter benen baS ©dritteln 
auf ber 3000 3Jteter langen unb jur Sequemlichfeit ber 
galjrenben mit einer SDrahtfeilbafm cerfehenen ©djliitel: 
bahn ben größten Sufprudj fanb. 

2lm 10. unb 11. gebruar 1900 fanb mit ben auf- 
getriebenen unb oben ermähnten kennen auch ber oon 
2öien nach 3)aooö verlegte 903ettfampf um bie 2Beltmeifter- 
fchaft im flunftlauf ftatt. 

$a3 Preisgericht für baS ßunftlaufen beftanb aus 
einem ©d)iebSridjter unb fünf Preisrichtern, baöjenige 
für baS ©chnelllaufen aus einem ©d)iebSrid)ter, einem 
©tarter, einem Sielrichter, einem 3*itnehmer, S*« 3«t ! 
fontrotleuren, einem geitangeiger, einem Protofollführer, 
groet ^unbenjählern unb trier Bahnrichtern. 

3m ©dmelllaufen fiegte ber Norweger Deftlunb, ber 
10,000 SHeter in 17 Minuten 50 ©efunben gurücflegte 
unb ben filbernen pofal oon 2)ar»oS, bie große golbene 
5Jiebaille unb t>ier golbene ^eforbmebaiHen erhielt. 

3m fiunftlaufen erhielt ber Liener @. £ügel a jg 
©ieger ben Titel „Ufleifter ber äßelt im ftunftlaufen für 



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Von £ Koller. 93 

1900", bic golbene 9J?eifterfd)aft3mebaitte, ben filbernen 
PoFal oon $aoo3, foroie eine Heine golbene 2Rebaitte 
für bic bcfte Seiftung in ben Kürübungen. 2Uä jroeiter 
erhielt ber ©crjroebe U. <5aldjoro au&er ber gro&en golbenen 
9JJebaitle einen (SljrenpreiS unb eine fleine golbene WU- 
baille für bie befte Seiftung in ben Pflichtübungen. 




• • ' • i l ! ' ■•»« 

Berliner Kunstläufer. 

Ua<$ einer pijotogtopt)ic pob Ättfdj, Xat>o5$!a|. 

3Son ©uftao ©ügel, ber fcfjon 1897 in ©iocffjolm bie 
2Beltmeifterfdjaft errungen rjatte, fagt ein Jyadjmann: 
„£ügel3 SJteifterfdjaft liegt Ijauptfädjlid) in ber Kür. (Sein 
Saufen ift roeirf) unb graziös, feine Haltung gut, fein 
Programm ftetS fjarmonifd) cntroicfelt unb abraedjölung^* 
reich." Ulrich Saigon), geboren 1877, i>on grofeer, fchlanftr 
©eftalt, roar roieberholt Sieger in ben fcljiuebifdjcn s J?a- 
tionalrennen, errang 1898 bie (Suropameifierfdjaft unb ift 



: 



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94 IHe !Dcltmeifterfcf?aft im S^Iittf^uMaufen. 

oljne Qmtfzl baju berufen, fidfj einft bie ^öd^ften @fjren 
im flunftlauf ju erringen. 

■Eßäljrenb bie Säufer ftc§ bei ben Pflichtfiguren fireng 
an bie SBorfd^riften galten muffen, fönnen fie beim ßunft« 
lauf if>re 3nbioibualität gan^ jroangloS entfalten unb bie 
fchmierigften Äunftftücfe ausüben. Sei ber Beurteilung 
biefer festeren fommt nicht nur beren ©chwierigfett in 
Betracht, fonbern auch bie Haltung unb Bewegung beS 
Säufers, bie möglichft anmutig unb gefällig fein foH. 3n 
biefer Begehung giebt eS allerbingS eine große üDlannig* 
faltigfeit von Slnfc^auungen unb Regeln, fo baß ämtfdfjen 
ben fogenannten ©tilarten ber uerfchiebenen Sänber, wie 
Dcfterrcidt), $eutfchlanb, ©d&weben, ein ziemlicher Unter* 
fd&ieb beftefjt; jebodfj gleist fid^ biefer immer mehr aus, 
fo baß e8 in Suropa balb nur noch groei ßunftlauffcljulen 
geben wirb, bie fontinentale unb bie englifche, oon benen 
jebe il)re eigene SRidfjtfchnur bes guten (3tilS unb ihre 
eigenen (Sinfdjränfungen behalten wirb. 

Stuf bem britten Kongreß ber internationalen @t3lauf* 
Bereinigung ju ©tocfholm im Qafjre 1897 würben folgenbe 
Regeln über richtige Haltung unb Bewegung angenom* 
men: „aufredete, in ber £üfte nicftt eingefnicfte Haltung, 
ohne fteif &u fein, ©tärfere ßnie* ober Rumpfbeuge nur 
oorübergeljenb. $opf aufredet. (Spielfuß nur wenig nom 
(Sife weggehoben, nicht nachfdjjleppenb ; mit abroärtä unb 
auswärts gefegter ©chlittfchuhfpifce; im $nie leicht ge* 
beugt, für gewöhnlich hinter bem 6tanbfuß gehalten, fonft 
aber frei fchwingenb unb bie Bewegungen unterftüfcenb, 
bodfj ofjne benfelben weit wegzuheben. Slrme ungezwungen 
herabfjängenb, fönnen wie ber 6pielfuß mit ihren S3es 
wegungen unterftüfcenb gebraust werben, bodfj ohne (Silenz 
bogen ober §änbe weit oom Körper abzuheben; festere 
auc§ womöglich nie über ©urtljölje. ginger weber ge* 
fpxci^t noch juv gauft geballt. 3m allgemeinen alles 



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f)C> Bio IVVItmeifterfcbaft im Sd>littfdnifylanfen. 

£ejtige unb (Sdige ober 6teife in ben Bewegungen 
üermeiben; feine ftarf ausgeprägten §ilfen, fonbern ber 
ßinbruef ber mühelofen Ausführung anstreben." 

$)ie Anmut unb ©efäHigfeit ber Körperhaltung unb 
Bewegungen jeigt fidj namentlich auch beim $aar* unb 
®ruppenlaufen , entmeber für Herren allein ober für 
tarnen unb Herren, wie au§ einigen unfererQUuftrationen 
ju erfehen ift. Solche ©efeflfehaftsübungen ftnb gan$ 
BefonberS geeignet, auch ben weniger gewanbten Säufern 
großes Vergnügen unb üoHe Sefriebigung }\u bereiten 
unb in iljnen Suft unb Siebe gu weiterem Setriebe auf* 
red^t flu erhalten. 3n allen fällen aber fann ba3 Schlitt-- 
fdjufjlaufen, ob e$ nun einjeln ober gruppenweife, als 
Schnelllauf ober ßunftlauf betrieben werbe, als ein in 
gefunbheitlidjer Beziehung fehr wertootteö Littel pr 
görberung ber förperlidjen firaft unb ©ewanbtljeit aufä 
wärmfte empfohlen werben. 



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Jbre Schuld« 

novellc von Gtnma ITlerk. 

f 

(Dacbdrudc verboten.) 

€ine fdfjlcmfe elegante ©eftalt in lidfjtgrauem Sfteifefleibe 
fprang auf bem fleinen Saljnfjof in ©munb am 
Segernfee aud bem (Sifenbaljnroagen. £)a3 ©fjepaar, ba3 
fte erwartet Ijatte, eilte ifjr entgegen. S)ie beiben 2)amen 
umarmten ftdfj. 

„©rufe ©ott, §ebroig!" 
\,2Bie lieb, bog bu fommft, ©erba!" 
„3dj banfe S^ncn, bafj ©ie Söort galten, gräulein 
Älinger!" 

„3)aS ift bodj natürlich, £err ^rofeffor! 3dj freue 
midj ja fo fefjr, 3fjr ©ommerfjetm fennen gu lernen," 
perfekte ©erba. 

Sie brei beftiegen ben ßaljn, in bem fte fid^ über 
ben See rubern liefjen. *ftad) bem üKenfdjentreiben auf 
bem Sa^n^ofe, nad) ber Saftigen erften 33egrüfjung würbe 
es ganj ftiH unb etnfam um fie f)er. 2ln bem roalbigen 
2Seftufer lag fdjon tiefgrüner bunHer Statten auf bem 
SBaffer, roäfjrenb $ur 2infen nodjj bie 6onne auf ben 

1901. VII. 7 



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<)8 



Neffen glänzte. 3n ber plöfclidjen Stühe, bie fte umgab, 
in ber weiten abenblidjen Sanbfdjaft würben fte unwill* 
fürlich befangen, ©te Ratten fta) manches 3ahr nicht 
gefehen unb fanben nicht gleich ben regten %on für ein 
©efpräch. 

©erba beobachtete bie greunbe. ®3 fiel ihr auf, wie 
grunboerfchieben bie beiben ©atten bech auSfahen. $ebwig 
fchien in ber Swifc^enjeit jünger, «isolier geworben ju 
fein, fte war eine blenbenb fjübfdje (Srfcheinung von bieg« 
famer ©chlanffjeit mit einem entgücfenb weichen Äinber* 
gefixt, ©an& funftloä war biefe <Sc§ön^cit ja nicht, 
ba3 bemerften ©erbaS äugen recht wohl; aber $ebwig 
befaß jebenfafls ein hwoorragenbeS Talent, ftd) gu fleiben. 

Unb neben biefer eleganten SWobebame ber tiefernfte, 
bleibe ÜWann mit ber ^o^en ©tirn, ben tiefliegenben 
Slugen unb ber giemlich läfftgen Haltung! @r war 
entfdjieben gealtert, unb fein 2tu8brucf war nicht Reiter. 
2Bie Trauer lag '8 über biefen unregelmäßigen 3öö en » 
bie fo unrerfennbar baS ©epräge ernfter ©eifteSarbeit 
trugen, bie aber auch fo *on warmer £ergen3güte burch* 
leuchtet fchienen, baß fte fof ort ©nmpatljie erweefen mußten. 

©erba empfanb wieber eine Segung be8 üJlitleibS für 
ihn; gerabe fo wie twr neun 3ahren, als berfelbe 9Wann, 
bamalä noch ein blaffer, etwaä fdjüdjterner ©tubent, ihr, 
bem übermütigen fechjehnjährigen 3)ing, mit bewegter 
©timme geftanben hatte, baß er fte liebe, ©eine leiben« 
ftfjaftlidje (Srregung war ihr wunberlidjj erfdfjienen. ©ie 
war noc§ triel $u unreif, oiel ju finbtfch gewefen, um 
gu begreifen, was in ihm vorging. Gsr hatte ihr auch gang 
unb gar nicht gefallen, faßlich fanb fte ihn mit feinem 
bartlofen, hageren ©eftcht unb feinen eefigen Bewegungen. 
Slber er hatte ihr bodj fehr leib gethan, alö er fte fo emft 
unb fchwermütig angeblich, unb e§ war feine Lebensart 
gewefen, wenn fte ihm mit heißerrötenbem ©eftcht erwibert 



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Hopellc von (Emma Itterf. 99 

» 



^atte : „3<$ »erbiene ja gar nidjt, bafi ©ie mtdj lieb 
^aben. 3<5 &in ja mel ju bumm für ©ie. äber wenn 
id> ©te einmal beffer oerftefjen fann, bann foUen ©ie mir 
ein guter greunb werben. SRid^t mal>r, £err 3*ff*n?" 

2118 {te bann einige 3afjre fpäter Ijörte, er fei oerlobt 
mit einem frönen, reiben ÜJtäbdjen, ba3 fte oft in ©efefl- 
fdjaft getroffen, ba war fte im erften 3Homent bod) ein 
wenig enttäufät gewefen, bafi er fo fdjnett mit feiner 
„großen, unglü (fliegen Siebe" fertig geworben war. 3t6er 
fte Ijatte tfjm fjerfllid) gratuliert unb war fofort in feiner 
SBraut geeilt, um baä junge 9JtäbdS)en, baS bem guten, 
eblen unb flugen SKenfd&en baS ©lücf fd&enfen wollte, 
baS fte i§m oerfagt Ijatte, gärtlid), ja faft mit einem @e* 
füljl ber 3)anfbarfeit, als neunte fte eine ©cfculb tum itjr, 
auf ben SRunb j\u füffen. 

©ie ^atte ftd) über biefe 2Bal)l gewunbert, natfjbem 
fte bie fdfjöne ßebroig näf)er fennen gelernt fjatte. ßwalb 
Reffen, ber ernfie ©ele^rte, unb biefeS mit bem Seben 
fpielenbe, »erwöljnte 28eltbämd)en ! 9lber fte !am bann 
öfters in baS £eim beS jungen $aare8, bie beiben fdjienen 
aufrieben, ja bie feligften ©atten, bie man ft<$ beulen 
fonnte. ©o mujjte benn wofjl eine edjte, tiefe Siebe alle 
©egenfäfce in i§ren (5I)arafteren überbrüeft fjaben. 

3effen war fpäter einem SRuf an eine fübbeutfc&e Uni* 
nerfttät gefolgt, unb feit ein paar 3aljren Ratten fte nur 
brieflich miteinanber aerfeljrt. 

2öie feltfam, bafe nun bei biefem SBieberfeljen ttyr 
altes ferner jlic^eä SJlitletb mit bem bleiben ernften ÜWanne 
fofort i^r Gmpfinben beljerrfdjte ! £)a8 war bod> Ijeute 
nid&t meljr am $la$, wie ehemals bei bem jungen ©tu* 
benten. $e$t war Seifen ja nidjt meljr ber unbebeutenbe, 
ausftc^tölofe Slanbibat ber $l)ilofopf)ie, ber mit bem ©tu« 
btum, baS er gewählt, alt werben fonnte, bis er eine 21m 
ftellung fanb. @r war jefct ^ßrofcffor an einer ber größten 

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100 



beutfdjen Unioerjttäten, Ijatte eine reigenbe %xau, mochte 
im 2Btnter ein £au8 unb wohnte im Sommer in feinet 
eigenen $}ifla. 2Bahrltch, er war feine ^erfönlicfjfeit mehr, 
ber man biefeS beflemmenbe Mitgefühl entgegenbringen 
mußte, ba3 fte roieber ergriffen hatte. 

Sie gab ftd) 9Jiühe, es abgufdjütteln, unb fing gu plau« 
bern ,an. £ebroig ^ord^te neugierig auf, als fte von bem 
©eebab erjagte, in bem fie t>or ein paar 2Bo<hen geroefen 
mar, »on all ben berühmten SJJerfön Umleiten, bie fte ba 
gefehen hätte. 

„2Ba3 bu für ein intereffantes Seben §aft, (Serba! 11 
rief fie. „äBährenb mir allfommerlich in ber Sinfamfeit 
hier ftfcen! Einmal fdjicfft bu eine Sßoftfarte von ber 
SRioiera, bann roieber von $arte ober von -ftorberneg. 
S)u 5(ei6ft eigentlich nur gerabe lang genug in SSerltn, 
um bidj beinen SBefannten gu geigen unb roieber eine neue 
Unterhaltung auSguftnnen. " 

©erba ladete. „2öarum foll ich feßhaft fein, ba ich 
boch fein rechtes £etm Ijabe unb niemanb mich braucht? 
Seit meine Altern tot finb, werbe ich tum allen SBefannten 
inä Schlepptau genommen unb bin balb ba, balb bort 
gu ©aft. 2luf biefe 2ßeife ^abe ich mich allerbingä baran 
geroöljnt, meine £age gang müßig gu oertröbeln. " 

„Schabe," fagte ber ißrofeffor mit einem ernften S3licf 
auf ihr lädjelnbeS ©efidjt. 

@ine ärgerliche SRötc flieg ihr in bie SBangen. äBenn 
fte auch felbft ihre oberflächliche SebenSführung verurteilte, 
fo ^5rte fte bod) oon anberen nicht gerne einen £abel. 

£ebrotg aber rief ihrem SWann fdmippifch gu: „D, 
©erba $at gang recht, fich gu amüfteren! Sßenn alle 
SBenfdjen ?J^i(ofop^en mären — brrr! — ginge es ba 
langmeilig gu auf ber 3Öelt!" 

@6en flog ein Segelboot an ihnen vorüber, ein $err 
hatte lebhaft gegrüßt ; ©erba brücfte bie Sorgnette an bie 




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Horcllc von (Emma HTcrF. 



101 



2Iugen, nicfte unb fagte bann, angenefjm berührt: „Sa 
treffe iclj ja gleidj in ber erften Stunbe einen SBefannten 
auä Berlin! 3Bie broIUg! Sie SBelt ift boefj Hein, unb 
fd&öne Seelen finben fidfj SBaffer unb ju JBanbe." 

„2Ber roar e§ bennV frug <gebn?ig neugierig. 

„SRittmeifter Xanten, ©in feljr guter ©efeßfdfjafter. 
@r fdjeint wogl in Urlaub gier ju fein. Su roeifit niegt, 
raem ba§ Segelboot gehört?" 

„Sldg nein! 2üir fennen ja gier gar niemanb. 3n 
unferen guepbau ba brausen verirrt fieg niemanb, ba 
fiegt man nur Äüge." 

„9ta, jur äbroedfj Slung ift ba3 aueg ganj nett, " meinte 
©erba vergnügt. „SJlenfcgen fiegt man ja eigentlichem 
33erlin gerabe genug." — 

Sie beiben Segelfagrer ftanben in igten meinen 
Sportanzügen am Steg, als ber fiagn Scffcnä fieg bem 
Ufer näherte. 

„©näbiges gräulein, Sieker? SSelcgeUeberrafcgung!" 
rief ber SRittmeifter. 

„Sie erftaunte grage fann icg Sgnen jurüdfgeben. 
2Bie fommen Sie an ben Segernfee?" 

„9Rein greunb Möllmann" — er fteHte feinen 8c 
gleiter lacgenb vor — „berügmter 33ilbgauer, gat mir fo 
lebhaft augerebet, gier meinen Urlaub aufbringen, unb 
id& freue mieg barüber, befonberö in biefem Slugen* 
Mief." 

6r oerbeugte fteg vor ben Samen, ©erba madfjte ign 
mit igren greunben befannt. 

Ser Sötlbgauer mit feinem breiten, vergnügten ©e-< 
fugt fag reegt unfegeinbar aus an ber Seite be3 gocg= 
gervaegfenen, fcglanfen unb gefegmeibigen DfftjierS. Seffen 
gute ©rfegetnung verleugnete fteg aueg in bem bequemen 
Sommeranjuge niegt, unb er geigte in ber 2lrt, roie er 
bie junge Same begrüßte, mit ber gübfegen grau $ro* 



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102 3f?re Sdjulb. 

fcffor ein fjeitereS ©efpräch begann, fofort bie liebend 
würbige ©ewanbtheit eines flotten SaoalierS. 

@erba ^atte fidj im Söinter ein paarmal ausgezeichnet 
mit ihm unterhalten unb freute fid^ , in biefer fremben 
Umgebung, in biefer Iänblidjen (Stille fo unvermutet mit 
i^m pfammenäutreffen. 

3Jlan rief fich gegenfeitig ein ^e^Iid^eS „9luf SBieber* 
fefjen" gu, ehe man ben furjen 2Beg nach ber 3JiUa an* 
trat. (SS war ein hübfdjeS SBanbern in ber 2lbenbfühle, 
burch 2Biefen, an hohen Säumen oorüber, immer weiter 
fort oon ben oon ©ommergäften wimmelnben Sorfhäufern, 
immer näher ben Sergen gu, immer tiefer in bie (Sin* 
famfeit. ©erba bewunberte baS „SBalbhauS", baS auf 
einer Stnhöfje ftanb, hinter ber ein grüner Sergrücfen 
fachte anftieg. SlingSum ^o^e Sannen, nur 28albeS* 
raufchen, baS reigenbe Murmeln eines SadjeS, baS Clingen 
ber fiuhgloden unb im ©arten blühenbe Slofen. 

„2lber baS ift ja eine herrlich ift es bei 

euch! 1 * oerficherte fie immer wieber. 

2)er Sßrofeffor bliefte fte banfbar an, mit warm leuchten» 
ben Stugen. „3$ wujjte, baß es Qhnen gefallen würbe!" 
fagte er gang bewegt. 

@S fchien, als fei £ebwigS Abneigung gegen bie SSiHa 
ein Schmers für ihn, ber ihm tief ging. 

©in blonblocfigeS Heines üDtäbchen oon fünf 3 a ^ ren 
fprang lebhaft in baS 3unmer unb fircefte bie £änbdjen 
aus, in benen eS einen Slumenftraufe hielt. „3)a, 9Kama, 
liebe 9Hama!" 

$ebmig ftanb oor bem ©piegel, orbnete ihr £aar unb 
fdjenfte ber fileinen wenig Seadjtung. 

„3)er grofeen, lieben Sante mufct bu ben Strauß 
i^eben, mein 2JläuSchen," fagte fte nur über bie ©chulter 
hinweg. 

Serba war niebergelniet unb füfite mit warmem 6nt« 



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HorcÜc von (Emma UTcrf. 



103 



jücfen bcn rofigen Äinbermunb. (Sin fo füfeeS, IjerjigeS 
©efd&öpfd&en ! 

£ie -Mutter war nodfj immer mit iljrer grifur he- 
fd&äftigt. SDodjj bcr ^rofeffor na^m nun fein Jtinb auf 
ben ärm, fein ernfteS ©e|idf>t erfdfjien wie oerroanbelt. 
©lücffelig flaute er in bie IjeHen lad&enben äugen ber 
kleinen unb brüefte feine 3Bana,e auf bie Blonben Soden, 
©erba burdfoitterte SRfifjrung bei biefem Slnblidf. üftit 
ber ganzen 2iebe3füfle in feinem bergen fdfjien er an bem 
£tnb ju Rängen, als befä&e er nichts auf ber 2BeIt als 
biefeS fleine ©efööpf, baS bem $apa fo glüdflidj bie 
SBangen ftreidjjelte. 

Sfikr er einfam in feiner Gfje? Ratten bie beiben 
9Wenfd)en, bie einft fo glüdflid& fdjienen, einanber verloren? 

©er ©ebanfe mar für ©erba peinlich, unb ba fte ftdj 
iJjre (ebenSfreubige Stimmung nidjt gerne ftören lieg, mar 
fie frol), bafj am nädf)ften Sage fid(j gleidj) eine 3erftreuung 
bot. Sittmeifter x>. Tanten machte mit feinem greunbe 
Sefudf) unb braute eine Slufforberung au einem Söalbfefte, 
baS bcr 5>erfdf)önerung3üerein Segernfee an bem fdjattigen 
23}cftufer abgalten wollte unb bei bem bie t>ornel)mften 
in 2egernfee meilenben Familien ifjre Beteiligung t>er* 
fprod&en Ratten. Der *Profeffor, ber fidj gegen bie beiben 
§erren giemlidf) füfjl oerljielt, unb bem ber Verfefjr mit 
bem SRittmeifter nid&t befonberS erroünfdjt fd&ien, fagte 
nur: „2Benn Fräulein Älinger Suft fjat, bann roirb meine 
grau fie roof)l begleiten. 3dj barf mid& entfdjulbigen, 
niefct wafc?" 

„•[Ratürlidfj geljen mir!" rief ©erba mit einem über« 
mutigen SBlicf auf ben ^Jrofeffor. ©d&on aus £ro$ gegen 
iljn f)ätte fie jugefagt, audfj roenn fie weniger Spaß an 
bem SluSflug gefunben fjätte. ©erabe weil fie ifjm eine 
fotöje ©eringfdSjä'fcung für bergleidjen Vergnügungen unb 
für ifjre lebensluftigen Sefannten anmerfte. D, er foHtc 



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104 3l?rc Sdmfo. 

tljr nid^t bic grcube an ihrem ©efeflfdjjaftstreiben Der* 
leiben, er foflte fie nicht ergiehen motten! Sic mufete 
ihm gleich vom Anfange an geigen, bafc ihr SBitte nid&t . 
fo leidet gu beeinflujfen war. Sie freute fidj übrigens 
auch, ftdj an bem Nachmittage von bem SRittmeifter ben 
$of machen gu (äffen. @r ^atte Bei feinem furgen $3e= 
fudj am üDiorgen feine lebhaften bunflen äugen mit einem 
fefjr betounbernben AuSbrucf auf ihr ©eflc^t geheftet. Sie 
oerftanb biefen Slicf. Sie roujste gang genau, bafj fie 
fein Sntcreffc erroeefte, unb bafe er nur auf eine (Seiegen* 
heit wartete, if>r feine £ulbigung bargubringen. 3118 
hübfcheS, teid^eS ÜHäbchen, baS fd&on burch bie Stettung 
ifjreS Saterö — Sufiigrat Älinger war jahrelang SReichs* 
iagöabgeorbneter geroefen — in ben Ijöfjeren flreifen Der* 
fefjrte, war fie feit %a\)xzn gefeiert unb auSgegeidjnet 
raorben unb Ijatte auch fdjon manchen ßorb ausgeteilt. 
3)er 3roeiW> ob es ihren Bewerbern roirflich um ihre 
Sßerfon ober in erfter Sinie um ihr Vermögen gu tfjun 
fei, ^atte fte bisher baoon abgehalten, ihr 3an>ort gu 
fpredjen. 215er fte fanb es \)i\h\ä), ein bifjdjen mit ber 
Siebe gu fpielen, in SJtänneraugen baS Seftreben gu lefen, 
ihr toohlgugefatten, unb mit feinem Saft jebe ernftere 
Ieibenfchaftliche Annäherung abgmoehren. @S war tljt 
eigentlich gar nicht wohl, wenn fte nicht einen Verehrer 
in ber 9?äf)e hotte, ber ihrer ßitelfeit fchmeichelte. 

2)er erfte Xag ihres SanbaufentfjalteS liefe fich gang 
nach 28unfch 'an. Tanten war nrirfltch ein amüfanter 
SKenfeh. $er mit gähnen unb bunten Büchern gefchmücfte 
SBalbplafc bot mit ben hellen Toiletten ber S)amen einen 
heiteren Änblicf . 2)ie ÜHuftf fpielte, unb ber blaue Gimmel 
lachte burch bie Säume, ©erba unb $ebroig mürben mit 
einem Greife oon frohen 3Wenfchen befannt, bie allerlei 33er* 
gnügungen planten : gemeinfame Sootfahrten, eine S3erg* 
partie. Unb Xanten pfterte ihr mit bem lebhaften Auf* 



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Hopcüc von <£mma HTcrF. 105 

bitten feiner Stugen bittenb gu: „Sie fommen bodfj? Sie 
tfjun bodt} mit? $ie ©efchtdjte ^at ja nur *Rei$, wenn 
Sie babei finb!" 

Sie ladete über feinen (Srnft. Slber eS fdjmeic|elte 
\f)t bodfj. (St war befannt wegen feiner Erfolge bei ben 
©amen, Sie backte nid&t baran, bafe er fid& wirflidj um 
fie bewerben motte. @r freute fidfj nur, gerabe roie fie, 
über eine Ijübfd&e Unterhaltung, eine Heine, flüchtige Lie- 
belei in biefen Sommerwodtjen auf bem Sanbe. 

So überliefe fie ftdfj benn arglos unb (eisten Sinnes 
biefer ernften, oertraulidjeren Slnnäfjerung. 

©egen Äbenb fam ber Sßrofeffor in feinem ßaljn ^er- 
übergerubert, um bie ©amen abholen. @r ftanb »er' 
einfamt unter ben gröfjlid&en ; £ebwig plauberte fofett mie 
ein junges SWäbdfjen mit ben Herren, liefe fidf) ben §of 
machen unb fümmerte fiefj gar nidfjt um iljren SJlann. 

2)a3 ÜBerfjältniS jwifd&en ben beiben warb ©erba immer . 
um>erftänblic$er. 216er fie munberte fic§ in ben nädfjften 
Sagen oft über „bie jwei Seelen in i^rer 33ruft". 3n 
ber yiäty bes SßrofefforS füllte fie immer ben ©influfe 
feiner tieferen 9?atur; fie fpradfj mit iljm über ernftere 
fragen, fie las bie 33ücfjer, bie er iljr gab, unb bie Trauer 
in feinen Slugen weefte iljr eine lebhafte (Sntrüftung gegen 
£ebwig, bie niemals ein ItebeuotteS 2Bort für iljn Ijatte, 
bie rürfjic^täloS gegen feine Arbeit am SKorgen am Ria- 
wer trällerte, Dperettenmelobien fpielte, wäfjrenb er an 
feinem Sdjreibtifdje fafe, unb bie eigentlich i^ren Sag 
nur bamit äubradjte, fiel) ^übfd^ anjujtef)en, in ben Spiegel 
ju guefen unb &u feufjen über bie Sangeweile im Stoib« 
f)au§. 

äber jebeSmal, wenn Serba i&r Vorwürfe machen 
wollte, entwaffnete £ebwig fie wieber buref) i^r Sachen, 
burc$ bie reijenbe Bewegung, mit ber ftc ifjr ßinbergefidjjt 
an bie Sdjulter ber greunbin fdjmiegte, burdfj tljre ge* 



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10(5 3t?re Sdjulb. 

roinnenbe 5lnmut. 3Jlit einer folgen SBärme plaubette fte 
oft von i^rem legten 2tufentljalt in Serlin im £aufe ber 
SJlutter, in ben alten Greifen, bajj e3 faft ben änfd&ein 
Ijatte, als fei iljre Unjufriebenfjeit nur eine 2trt £etmn>el}, 
als Ijabe fte nur nid&t feften gujj faffen tonnen in ifjrer 
neuen Umgebung, <5ie würbe e$ nidf)t mübe, nadf) ben 
©efellfd&aften &u fragen, bie ©erba im äBinter befudjjt, 
nadj ben STOenfd&en, bie fte fennen gelernt, unb e3 lag 
bann immer ein feljnfüdjtiger Eon in tyrer ©timme. 

„Sei ©efjeimrat @0er mar einmal eine fyübfdfje ®e* 
burtötagSfeier, " erjagte ©erba gelegentli<$, als bie beiben 
Samen allein im ©arten fafjen. würben luftige 

Xx] Treben gehalten. 3$ erinnere mt($, bajj mein 9lady 
bar, Saron ©efjler, mic§ feljr amäftert, oiel — * 

„Saron ©efiler? gebor o. ©efeler? ©u fennft iljn?" 
frug #ebroig merfroürbig erregt. 

„ftatürlicfc, " ladete ©erba. „3öer fennt ben »aron 
mW 

„2Biefo? 38ie meinft bu baS?" Hang eö tljr fafl 
jornig entgegen. 

„9tun, er gehört eben audfj au ben SKenfd^en, bie nid&tS 
ju tljun Ijaben; man trifft if)n bei jebem geft, bei jeber 
ßrftauffüljrung im Sweater, in jebem S3ajar, in einem 
falben ©ufcenb ©alonS." 

„6r fjat bir roof)l audj fd>on ben £of gemadfjt?" rief 
£ebmig mit einem fjarten, fpöttifdfjen aufladen, unb einen 
Moment fprüfjten aus ityren Slugen 3orneSblifce auf baS 
Ijübfdje ;äHäbd)enI)aupt, baS fidc) läfftg in ben ©artenftuljl 
jurücflefjnte. 

„21^ nein, feine Sbee!" wehrte ©erba flüchtig ab. 
„Sitte, fag es mir offen! 3$ will eä roiffen, J)örft 
bu?" 

„3lber id& begreife beinen @ifer gar nidfjt! 2öaS gefjt 
bidfj ber SSaron an? 2öar er einmal ein SOereljrer r»on 



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XloveWc von €mma IHcrf. 



107 



bir? Äannft bid^ übrigens beruhigen. 34 Bin i&m rool)I 
ebenfo unauSftetyli4 tote er mir." 

$ebwig tadjte wieber, oiel freier, übermütiger, als 
oorfjer. „Um fo befjer!" 

,,2ld}, ic§ erinnere mi4, er fpra4 bamals bei ©eljeimrat 
(SBer fogar oon bir." 

„2öa3 fagte er? Sefhtne big, ©erba! Sitte, bitte!" 
£ebrotg Ijatte ben ärm um bie Spultet ber greunbin 
gelegt unb f>or4te mit gefpannten Slugen. 

„D, nichts SSefonbereS. gnterefftert bi4 baS toirfli4? 
(Sr frug, ob mir no4 miteinonber oerfeljrten. Db i4 bi4 
ftir$li4 in Serlin getroffen fjätte, njaS i4 verneinen mufjte, 
ba i4 bamals bo4 oerreift geroefen mar. Ob bu in beiner 
@$e glü(fli4 feift." 

„Unb bu? 2BaS ^aft bu i$m ermibertr 

„34 natürlich ein Soblieb auf beinen ©atten 
gefungen unb gefagt: 3Barum foflte fte nidjt glücfli4 fein, • 
ba fte einen ber beften, ebelften *D2enfc$en aus Siebe ge- 
heiratet fjat?" Unb ernfter fügte fte f)inju: „34 toü&te 
au4 nrirfli4 »id^t, melden ©runb bu ijätteft, mit beinern 
©ef4icfe 3u großen, eine grau, bie ein fo ^erjigeä, 
liebes £tnb befifct — " 

$ebtoig lehnte, oon ifyr abgeroenbet, an bem Pfeiler 
ber Saube. Das grüne Slättergeranf warf einen blaffen 
©Limmer auf ü)re erregten 3üge. 

„$4 roaS, es ift au4 fo eine allgemeine Lebensart, 
bafc $tnber unfer §erj ganj ausfüllen! 3$ mödjte leben, 
(eben, nid^t oerfauern in biefer Debe, bie bu jur 2lb* 
we4Slung fo ibglltf4 pnbeft, bu mußt bi4 ja nid)t jeben 
(Sommer Dier oergraben! 34 miß mi4 ntd^t im SBinter 
unter ben toürbigen Sßrofefiorenfrauen langweilen unb 
unter ben bemooften, gelehrten Häuptern ! 34 6in nun 
mal fein ©eleljrter, fein 2öeifer roie mein ÜKann!" 

©erba fjatte bie greunbin einen üWoment rote er* 



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108 3!jre Sd ? ulb. 

fd)rocfen angeblicft. Slber bie legten SBorte beruhigten 
fte tmeber. ^ebroig war bodj im ©runbe nur ein Der- 
gogeneö Äinb, ba3 nach 3 er P^ euun Ö# nac § Vergnügen 
»erlangte, ©ie nahm ftdj öor, bem ^rofeffor eine Heine 
SSorlefung barüber ju galten, bafj er bei att feiner fllug* 
heit (eine junge %xan nicht richtig ju befjanbeln totffe. — 

2lm nädjften Sage ^atte ber $rofeffor einen ©pajier» 
gang t>orgefd) tagen, ©erba war fofort bereit, t(jn ju be* 
gleiten. Slber $ebroig lehnte mit gelangroeittem ©eftcht 
ab. ©ie mar an bem borgen fehr übellaunig, ©ogar 
@di3 fjelleS Sachen unb ihr reijenbeS Sßlaubern fyatU fte 
ungebulbig gemalt, unb fte Ijatte ba3 ^inbermäbdjen ge* 
rufen, bafe biefe bie kleine fortführe. 

3h* SHann fagte fein 3Bort ; er bliefte fte nur an mit 
ftummem Sorrourf. ©erba warb orbentlidj oerlegen für 
bie greunbtn tiefem ftrengen, traurigen 93lidf. Slber 
* §ebroig fd)ien ftdj um bie SHiene i^reä ©atten nicht im 
geringsten ju befümmern. @r war fidjtlidj »erftimmt, 
al3 er bann mit bem jungen 9Räbdjen burefj ben 2Balb 
roanberte. 

„©tauben ©te nicht, $err Sßrofeffor, " fagte ©erba, 
roäljrenb fie auf einfamen 3Begen am teife raufdjenben 
Sadj in bie #öf>e ftiegen, „bafj £ebnng ein &u einfameS 
Seben führt? ÜÄir macht es ben (Sinbrucf, als fdjmolle 
unb trofce fte nur aus jurücfgefjaltener SergnügungSluft. 
©ie ift jung, fte mar ju $aufe an oiel SJerfefp: gentöhnt." 

„Unb ©ie benfen rooljt, ich fei ein ©rteSgram, ber 
feine f)übfd)e, junge grau einfperrt?" fagte er mit einem 
bitteren Säbeln, „©ie tf)un mir unrecht. 3dj fyabe 
§ebn>ig8 $erfef)r nie eingefdjränft. fflir haben fogar im 
legten Söinter fef>r gefellig gelebt. Slber natürlich, id) 
fann meinen Söefanntenfreiä nidjt ummanbeln. @8 gefällt 
ihr nidjt unter ben ©elefyrten. 2)amit fte tanken fonnte, 
^abe ich mich übrigens auch auf manchem 93all getang= 



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rtorcllc von <£mma Hlcrf. 109 




metlt, wnb bann war fic ein paar ÜJtonate in Berlin, 
©eitbem ift fic in biefer gereiften, fetnbfeligen Stimmung, 
bie ©ie ja mofjl aud^ bemerft Ijaben, gräulein ©erba." 

Serba war bei feinen legten Sorten leidet jufammen* 
gedurft, ©ett i^rem 2lufentf>alt in Berlin alfo mar £ebroig 
fo »öflig uermanbelt ! ©ie mufjte an ifjr gefirigeS ©e* 
fprädf) benfen, an bie plöfclicfye Seibenfdjaftlicfjfeit ber 
jungen grau, unb eine bumpfe älngft fcfjnürte ifjr baä 
#era jufammen. 3" ber ©tunbe ba oben in ber 2Balb* 
einfamfeit mar fte fo beljerrfd&t oon ber warmen Seil« 
na^me für ben greunb, oon bem Ijeijjen SBunfdfj, bie 
SBirren biefer ßlje ju fd&Iidjjten unb jjur Sermittlerin 
groifd&en biefen beiben 3Renfc§en gu werben, bie iljr nalje 
ftanben. 

SIber mit ber raffen 23eroeg(i<$feit tfyreä Temperaments 
fam fte fofort in anbere ©ttmmung, als fie 6ei ber £eim* 
fef>r oon £ebmtg mit Weiterem ©eftd)t empfangen mürbe, 
unb biefe lebhaft berichtete : „föittmeifier v. Tanten ift Ijier 
geroefen. 2Bir f)aben über eine ©tunbe miteinanber ge* 
plaubert. <Sr ift mirflidj ein Iiebenämürbiger, roifciger 
SKenfö." 

„Sor ein paar Tagen fjaft bu htfyauptzt, er Ijabe ein 
lecfeS, fpötttfdfjeS ©efidfjt," warf ©erba I)in mit einer 
eiferfüd&tigen ©ereijtfjeit, über bie fte fiel) im näc^ften 
Moment felbft ärgerte. 

„2)er Sittmeifter ift mit fo oielen meiner Sefannten 
au§ Berlin befreunbet," bemerfte bie junge grau. 

Sllfo beSljatb! SSon Serlin fjatten fte gefprodfjen, 
barum faf) #ebroig fo angeregt aus. ©erba flaute fte 
forfdfjenb an, mit roieberermadfjter Unruhe. 

„UebrigenS," fuljr £ebmig fort, „fd&cint Xanten ernft* 
Iicf> in bidj »erhebt. @r märe bodf) eine red&t fjübföe 
Partie. @r ift im ©eneralftab ein begabter SJienfdj. (5r 
mafy ftd&er (Saniere. Unb er ift ein 3Rann oon 2Selt." 



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110 3fac Sdjwto. 



„$u benfft wo$I, eä wäre 3«* f ü * auS Slngft 
cor bcm „Sfjorfölufc" rafd& bcn näd&ften bcftcn gu nef)* 
men?" rief (Serba lad&enb. „$er Stittmeiftcr benft bod> 
ebenfowenig baran, um mid& gu werben, wie td), ijjn gu 
heiraten. @r, ernftyaft verliebt! @ef>, td& bitte bid&!" — 

Sinen Sog fpäter l)ätte (Serba ber grreunbtn woljl 
faum eine fo füljte, ruljige äntwort gu geben oermod&t. 

Sie Samen fyatttn in größerer ©efeflfdfjaft einen äug* 
flug 311m Sauern in ber 2lu unternommen, unb Xanten 
war auf bem weiten SBege in baä fd&öne 2BalbtfjaI uner* 
müblid) an ©erbaS ©eite geblieben. ©0 oft fte emporfafj, 
begegnete fte feinem 33licf, unb wie fte fidj audfj wehrte 
gegen feine fedfe, ungeftüme 93ewunberung, fte füllte, 
bafe fte admäljliclj ityre ©idjerfjeit i|m gegenüber certor. 
ßin reifes ©rauen befdfjlidfc fte guweifen unb warnte fte 
cor einer ©efafjr, in bie fte ftdjj lad&enb oerftricfte. Slber 
e£ fyatte bodf) einen Sieig, bem fte nidjjt gu wiberfte^en 
Dermodfjte, ftdfj einmal mit fo leibenfdjaftlidjer 2)ringtidfj« 
feit ben £of madjen gu (äffen. 28enn Xanten ifjr eine 
Slume reidfjte gu bem ©traufc, ben fte auf bem *Radf) s 
fyaufeweg pflüdfte, bann ftreifte feine £anb ifjre gingcr, 
unb fte faf) eS an bem Sluöbrucf feines ©eftdfjteS, ba& 
bie Ieife Serüfjrung iljn bewegte. @r flüfterte iljr mit 
einem Ijeifjen Sone ©orte gu, bie tfjr nie norfjer ein 
SRann gu fagcn gewagt ^atte. 

„SBarum ftnb ©ie fo füf)l, gnäbigeS Sräulein? 28arum 
wenben ©ie ftd) fo feinbfelig t>on ber Siebe ab? @in 
üWäbdjen wie ©ie, fo gefdjaffen gu beglüdfen, wie faum 
eine anbere ! D ber feiige 9Jtonn, ber biefe Sippen f üffen 
barf! ©ie aljnen gar nic^t, welche ÜJtodfjt ©te beftfcen, 
©erba." 

Unb fte feljrte ifjm nidfjt, entrüftet über biefe vertrau* 
Iidfje ©pradje, ben Slücfen. ©ie bulbete, bafe er in tyrer 
9tä[)e blieb, ja, fte erfüllte feinen äBunfd), Iangfamer gu 

■ 

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ZTopellc von <£mma IHerP 



111 



gehen, ba er fo bringenb bat: „Sich, laffen ©ie boch biefe 
anbeten langweiligen ÜWenfchen vorausgehen! 3$ fann 
ba§ 2lfftag$gefchroäfc nicht ertragen, ba3 man reben mufe, 
fobalb ade biefe neugierigen Dhren aufhorchen. 3)er 
Spaziergang ift jja fo munberbar fd^ön, wenn man nur 
Qfjre ©timme ^ört, nichts ju fehen Brauet, ate 3Ü re 
fdjlanfe ©eftatt, t>on ber ich träumen werbe bie ganje 
SRad&t!" 

2&ar'3 bie frembe Umgebung, biefeS SSanbern in ber 
föftlid&en SBergluft, mar '8 ber leudjtenbe, glühenbe ©ommer * 
abenb, ber ihr eine fo beraufdfjenbe, letdjtfinnige Sebent 
luß werfte? 3h** SBangen brannten fo warm, ihre äugen 
glänzten, ©ie fanb es füg, biefem Reiften ©eflüfter &u 
lauften, unb eS Hang nidt)t mehr gang gleich gültig, wenn 
fte ftch auch ju einem fiädjeln zwang, als fte bann fragte: 
„2Bie oft ^aben ©ie ähnliche 3Borte wohl fd&on gefagt, 
$err Sittmeifter?" 

„©erba, ©ie finb graufam!" 

„3lch, leugnen ©ie bodj nicht! -äJton ergäbt von fo 
manchem Abenteuer, ba3 ©ie fd&on erlebten, von fo 
manchem gebrochenen 9Räbchenheraen." 

@r mar fielen geblieben unb fah fte mit einem vollen, 
warmen SSlicfe an. „9Kan erjagt! 3lber glauben ©ie 
wirflidt), was bie böfen 3 un 9 cn S u re *> en roiffen? 3$ 
will mich ja nicht bejfer machen, als ich bin — ja, ich 
^abe mannen ^xxtnm hinter mir, bin manchmal in 
meinem Seben letdfjtftnnig gewefen unb fyahe mich in 
fetalem ©enufj gu betäuben gefugt; aber glauben ©ie es 
mir — eine echte, tiefe Siebe Ijatte ich nie gefunben — 
big jefct. Wut eine reine ÜKäbchenfeele, nur eine t>or* 
nehme weibliche Statur, j\u ber ich emporfd&auen mufc mit 
unbegrenzter SBerehrung, fann mich wirflich feffeln, meine 
Retterin werben, mich Sreue lehren." 

@S (lang wie eine rüdf^altlofc Seilte, unb auf feinem 



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112 3f?™ Sdfulb. 

hübfdjen bunflen ©eftd^t lag ein SluSbrucf warmer @r* 
geben^ett. 

Serba ging namentlich, fdjroeißenb neben ihm weiter, 
mit einem rafd&eren ©djlage i^red £er&en3. 3lu3 bem 
©piel mürbe 6rnft; fte fonnte eä fich nicht oerhehlen. 

$ie meiere ©timmung biefer Minuten mürbe burdj 
bie ©ajmifchenlunft Möllmanns geftört. ®cr S3Ub§auer 
iu ar am Morgen auf ben §ir fchberg gefitegen unb fam 
ihnen nun, erl)i?t, mit einem grofjen ©traufc SUpenrofen 
auf bem SRucffacf, nachgeeilt. 

„$u fcheinft ja fdjrecf bar ernftyaft, mein Sieber !" rief 
er mit feiner lauten ©timme. „$at ber 2Renfc§ fich oer* 
änbert, gnädiges fjräulem! 3$ * enne *h n fci* einiger 
£eit faum ntieDer. " @r hatte offenbar beim Sauern in 
ber äu in ber §aft ein paar Släfer 2Bein hinunter« 
geftürjt unb mar etwas angeheitert. 

2)er 3tittmetfter fdjien eine taftlofe Semerfung feines 
greunbeS ju befürchten, bie ihm in biefem Slugenblicf 
hödjfi peinlich gemefen märe, benn er fagte rafd): „S)u 
mu&t beine Sllpenrofen an bie SefeUfd&aft oerteilen. — 
9Jteine $amen!" rief er ben SSoranfchreitenben mit fetner 
ßommanboftimme nad). „Sitte, marten ©ie einen Slugen* 
blitf. $er $irfdf)berg fd^ieft 3*)nen feinen ©rufe!" 

£u einem ämiegefprädj mit Serba mar feine ©elegen- 
heit mehr, unb am nädjften Xage regnete es in ©trömen. 
2)ie geplante Sootfafjrt nach Kaltenbrunn mujjte unter« 
bleiben. £ebmig fd&ien befonberS ärgerlich über baS 
f^lechte SBetter, flaute mit Ungebulb in bie graue Sanb* 
fdjaft hinauf unb flopfte immer wieber an baS 33aro* 
meter, ob baS Duecffilber nicht fteigen wolle. 

Serba, bie in ber ©tiUe beS SöalbhaufeS wieber oiel 
über baS ©djicffal ber greunbe nadfjbachte, ^ätte gerne eine 
oertraulichere Slnnäljerung an £ebroig oerfucht, um ihr 
ein wenig ins Sewijfen ju reben, aber bie junge grau 



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Zloveüt von (Hmma HTcrf. 



113 



mar von einer Stuljelofigfeit unb Serftreutljeit, 
mit betn Seften SEBiflen fein ernftljafteS ©efpräch mit ihr 
beginnen liefe. Salb fcftte fte ftch ans Älaoier, balb lief 
fte ins flinberjimmet, balb in bie Äüdt)e, unb bann flanb 
fte roieber feufjenb am genfter unb ^ord^te auf ba§ 
Sauften ber Säume unb Hagte, bafj man boch minbeftenS 
einen SBagen ^aben follte, wenn man in biefer troftlofen 
(Sinöbe leben müffe. (Snblich !am fte am ÜRachmittag in 
ihrem Sobenanjug aus ihrem 3immer unb erflärte: „34 
gehe jefct nach Jegernfee. 34 m u& einige @in!äufe madjen 
unb fühle mi4 an folgen trüben Jagen frifdjer unb 
lupiger, wenn id& orbentli4 herumlaufe." 

©erba flaute fte befrembet an. @3 fiel ihr au4 auf, 
bafe 23ettp, bad ßinbermäb4en, mit einer gang merf* 
mürbigen Betonung frug: „flann ich nicht für Sie gehen? 
ßann i4 ba3 nic^t bringen, mag Sie aus Jegernfee 
n>ünf4en, grau ^rofeffor?" 

„SRein!" erroiberte $ebroig fc^roff unb mit einem gor* 
nigen ölief. ®ann lief fte fort in ©türm unb Stegen. 

Slber ihre Behauptung, bafj ein foWjer Spaziergang 
fte frif4 unb luftig madje, bewahrheitete ft4 nic^t. Sie 
fam im ©egenteil in feljr gereifter Stimmung jurücf, bie 
fich hauptfächlich gegen Settp bemerfbar machte. Sie 
fchten offenbar nach einem Slnlafe ju fu4en, um einem 
heimlichen Slerger Suft ju machen, fudfjte im ßinberjimmer 
herum, janfte über ©Iiis 2ln$ug, ben fte ju leicht fanb, 
riß aber gleich darauf baS genfter auf, trofcbem ber Sßinb 
ftarf heteinmehte, weil fte behauptete, es fei nicht ge* 
nügenb gelüftet. Sie flaute in bie Schubfächer, fanb 
bie Schürten ber flleinen nicht hübfeh gebügelt, nmnberte 
[ich, bajj bie 5Bäf4e noch nicht fertig auSgebeffert fei unb 
warf mit übellaunigem Jone fyin: „2BaS thun Sie 
eigentlich ben ganzen Jag, Betty? 3$ glaube wirf lieh, 
Sie fchlafen." 

1W1. VU. 8 



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114 



$er Vorwurf mar ganj ungerecht unb unoerbtent. 
216er S3ettn bejroang if)re im ©runbe heißblütige ©emütä* 
art unb naljm bie üble Saune ber Petrin olme SBiber* 
rebe f)in. 

Sie roenbete ftdj nur mit trofcigem ©eftd&t ab, um 
bie Ijetau8geriffenen Sadjen roieber aufammenjufalten unb 
einzuräumen, unb gab audj nur feljr fnappe 9lntroort, als 
£ebn>ig eine grage an fie richtete. 

„9?atürlidj! *Run fpielen Sie roieber bie gefränfte 
Unfdjulb unb geben mit 6eletbigter SRicne Fjerum. Sie 
meinen, man bürfe 3(jnen gar nidjtö mefyr fagen. 2lber 
idj bin fo frei, 3^re -ifladjläffigfeit ju rügen, fo oft tdr> 
fie bemerfe." 

Sern SWäbdjen ftieg eine fjeijje Slutroelle in ba3 ©es 
ftdjt, unb fte verlor in einem Slugenblicfe §orniger 2luf* 
mallung bie $errfdjaft über iljre 3unge. faff e mi* 

gerne etroaS fagen, grau $rofejfor," erroiberte fie bebenb, 
„aber nadjläffig bin idj nidjt, unb idj fann bod& ntd^td 
bafür, bajj bie grau ^rofeffor Ijjeute wofy umfonft an 
bie $oft gelaufen finb unb ftdr) ärgern, roeil Sie feinen 
Jörief befommen Ijaben!" 

Sie erfdjraf, fobalb ber Safc gefprod&en mar. 

§ebmig mar bleidj geworben. Sinen Moment flaute 
fte baä ^Jiäbdjen ftarr an, mit Ijartcn, broljenben Slugen. 
3)ann eilte fie, ofjne ein 2Bort ju fagen, in if)r 3immer. 

9tadj wenigen Minuten fam fte roieber unb roarf nur 
über bie Sdjulter Ijin: „gier ift 3fjr ©ienftbud) unb S&r 
Sofjn für einen ÜJionat. Sie oerlaffen augenblicflidj ba§ 
§au3! 3$ behalte eine $erfon, bie mir Unoerfdjämt* 
betten fagt, feine Stunbe länger in meiner ^äfje." 

Settn, beren £orn mittlerroetle roieber oerfüfjlt mar, 
ftammelte: „Serben Sic mir, grau $rofeffor. @3 fuljr 
mir fo fjerauS. Unb idj fyabe bod) bic kleine fo gern." 

Sie mar nun gan$ meid) unb fing $u meinen an. 



i 

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Horclle von (Emma ITCerf. 



115 



„<Sie pacfen 3ljren Koffer — fofort!" gebot §ebroig. — 

3)er tßvofeffor, ber fid) an bem Regentag in feine Sir* 
beit oertieft Ijatte, mar fe^r überrafdjt, al§ SBettn in ber 
Slbenbftunbe in §ut unb Hantel, mit ber SKeifetafdje in 
ber £anb an feinem flopfte unb mit rotgeweintem 

©eftdjt bei ifym eintrat. 

„3$ möchte bem §errn *ßrofeffor abieu fagen unb 
für alleä nodj banfen." 

£)ie tränen ftanben ifjr in ben klugen. 

„3a, roaS bebeutet benn ba§, SBettn? Jöarum wollen 
(Sie flnaH unb Satt fort? §aben ©ie eine f djlimme 
9tad&rtdjt oon 3F)rer Butter?" 

@r Ijatte ba§ 9)täbd)en als geroiffenljaft unb forgfam 
erprobt, roäfjrenb feine grau in Serlin geroeilt Ijatte, unb 
\\)x ba3 flinb allein überlaffen geroefen mar, unb er 
fcfjäfcte i^re Slnfjänglidtfeit unb irjre Siebe für @Hi. 

33ettn fdjüttelte verlegen ben ßopf. „$ie gnäbige 
grau fjat fyeute fo t)iel in mtd; l)ineinge§anft, unb ba 
r)abe idf) iljr eine feefe Slntroort gegeben. 9htn fjat fie 
midfj gleid) roeggefdjitfr. " 

„3lber Setti;!" fagte er mit ernftem 23orrourf. „3d& 
roiU übrigens feigen, ob fid) bie 6ad>e nicfjt roieber eins 
lenfen läfjt. s Benn <5ie meine grau um ßntfdfjulbiaung 
bitten 

,,9(d) nein, £err ^rofeffor! Wix tfjut'3 ja freiließ 
fdfjredlidfj leib, bajj idf) oon bem ßinb fort fott, aber e3 
gef)t bod& nidf)t mcfjr, bafj id; bableibe. 5Die gnäbige 
grau fann mi<$ nidfjt meljr leiben, roeil id(j roeijj, bafj fie 
fidfj Ijeimlid; Briefe in Xegernfee fyolt, poftlagernbe, üon 
bem #errn Saron, bem fie fo oft fdjreibt." 

Der ^rofeffor roar 5ttfammenge$ucft. @r erroiberte 
fein SSort, ftellte feine grage auf btefe Iefcte Semerfung, 
mit ber 33ettt) fidf) an ifjrer Herrin rächte. 

„3llfo laffen Sie ftdj'ö gut geljen, Öettn!" fagte er nur. 



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116 



3fyre Sdjulb. 



6rft eine ©tunbe fpäter »erliefe er fein 3immer. 

.gebraig, bie im <5alon am Älaoier gefeffen fjatte, 
blidfte auf, als er eintrat, unb erfd&raf über ben ftrengen 
Sluöbrucf feines ©eftdfjtä. 

„3$ mödfjte bidfj fragen/ Begann er, „wer ftdjj nun 
in ben näd&fien Sagen @0i§ annehmen fott. 3)u weifet 
bodfj, ba& id) morgen nad) ^änd^en reifen mufe $u ber 
$fodjologent>erfammlung. 3$ will nid&t, bafe baö $inb 
ber jroeifel^aften ftürforge ber Äöd&in überlaffen bleibt, 
bie, wie bu felbft bemerft Ijaft, fortläuft, fobalb man ben 
SRttcfen breljt." 

„$u ftnbeft alfo, @n>alb, bafe id& SettgS %xt$ty\t 
gan& ruljig Ijätte tyinneljmen f ollen, bafe idj einfadfc f$wei* 
gen unb jebe Um>erfd)cimtf}eit ertragen müfete!" »erfe^te 
fie fjocljmütig. 

„34 finbe Ijauptfäcf)lid&, bafe bu fte nidfjt $ur gredfc* 
Ijeit fjerauSforbern unb ifjr leine ©elegenljeit fjätteft geben 
foHen, bir Semerfungen $u machen, bie bir peinltd^ ftnb. 11 

6r richtete bie Slugen babei fo fdjarf auf fte, bafe fte 
untmHfürlidj errötete unb ben SSlicf fenfte. 

„2)u fjaft fte natürlich auSgefjorc^t. Unb fie Ijat ge* 
flatfdjt über midfj!" rief fte bann, i^re SBerlegenljeit mit 
einem Singriff gegen if>n überwinbenb. „3d& finbe bas 
beiner nidfjt würbig. Stenftbotengefdjwäfc!" 

„@8 ift mir nidfjt eingefallen, fte ju fragen, ©ie 
warf ein boshaftes 2Bort fcin. SRatürlidfc, fte mar er* 
bittert gegen bidfj. UebrigenS Ijätte i^ aud& ofjne biefe 
(Srflärung wofjl burd&fdjaut, bafe bidfj ein gan$ beftimmter 
©runb »eranlafet fjaben mufe, baä üerläßlidje SKäbcfjen fo 
plöfclidj wegzujagen, wäljrenb ^ter bod) nid&t fo leicht ein 
@rfa£ ju finben ift, unb bu gewife feine Suft !>aft, ju 
§aufe *u bleiben unb bid) mit beinern flinb ju be* 
fdfjäftigen." 

„D, fei unbeforgtl" erwiberte fte fpifc. „3$ »erjic^te 



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HorcIIc von €mma ITTerF. 



11? 



gerne auf bie „raufd&enben SSergnügungen", bie mir fjier 
$u teil werben. 34 9^9 i a « u « fort um ©erbaS willen. 
SWir felbft liegt an biefen Segernfeer Spaziergängen gar 
nichts." 

Sie lefjnte ft$ in ifjren Stufjl jurücf unb machte eine 
aeräc&tlidfje SWiene. Sie wußte, baß fte fefjr f)übfd& aus* 
fal) in biefer Stellung, in bem weiften ©ewanbe, baS 
fid) lofe an tljren fc$tanfen Hörper fd&miegte, mit bem 
üppigen £mar, baS auf bem gelten Stuf)l iljr Iid&teS ©e* 
ftdjt wie ein bunfler SHafjmen umfdjjloß. 

SIBcr tljre Slnmut, bie fte für unwiberfteljltti) l)ielt, 
^atte bie 2Radjjt über fein fd&wergefränfteS §erj verloren. 
@r ftanb fremb unb lalt vor tfjr unb fagte heftiger, als 
er je gu iljr gefprodfjen: „§öre, £ebwig! 34 § a & c ™ 
biefem Safjre meljr ©ebulb unb SRad&ftdfjt für btd& gehabt, 
als wotyl irgenb ein anberer 2Rann. SlUe beine Sieb« 
loftgfeit, alle beine fmbiftfjen Saunen Ijabe idjj ertragen 
ofyne einen SBorwurf. 34 wollte bir feine böfen 2Borte 
Jagen, bie eine unoerwifdjbare Sitterfeit jwif4en uns 
jurücflaffen mußten. 34 hoffte no4, baß bu bidfj be* 
ftnnen, baß mir uns um bes ÄinbeS willen wieber ein* 
anber nähern tonnten. 2Iber eS giebt eine ©renje für meine 
©ebulb! ÜDtit ber Süge im $aufe will \6) ntdfjt leben. 3)ie 
Süge ift baS Serberben für ein £eim. SBor biefer un* 
gefunben Suft werbe id& mein fiinb ju fdjüfcen wiffen. 
#eimltdjfeiten bulbe idj nidf)t. SGBerbe bir flar über bi4 
felber, unb bann gelje offen unb gerabe ben 2öeg, ben bu 
gefjen wiflft! 34 Ijinbere bidfj ntdfjt. " . 

Sie fjatte tljre feefe Haltung, mit ber fte fonft jebe 
ernfifyafte Unterrebung abjufd^neiben wußte, völlig Der« 
loren. @S war etwas ©ebietenbes in feinem 2Befen, unb 
fte fürchtete ftdf) oor bem ftrengen Slidf, mit bem er auf 
fte Ijerabfdjaute. ©anj fleinlaut faß fte oor ifjm unb 
ftarrte tym no4 wie »erfteinert nad&, als er fdjon baS 



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118 



3fyre Sdnüb. 



Simmer oerlajfen hatte. Sittmählich nur fafetc ftc ftd; 
roieber unb befann ftd), ma8 gefdjehen mar. 25a3 ©cfü^I, 
bafi er fie burchfdjaut unb gebemütigt hatte, bafj er ber 
©tärfere geroefen, baft fte fid) ftumm hatte fdjelten laffen, 
ftimmte fte nur trofciger, feinbfeliger gegen ifjn. D, er 
follte nur bie golgen fetner £ärte trogen! ©ie mottte 
fidj fdjon !(ar werben. 0 ja! ©ie war gutmütig unb 
fdjroach geroefen unb fjatte ftdj einzwängen laffen oon 
Müßten. 9lun trieb er fte felbft ju einem (Sntfchlufe. 
Gr wollte es nicht anberS. 

Um ifjm flu jeigen, baf$ er fie nicht erschüttert, nid^t 
mürbe gemalt habe, bafc fte nidjt &u flreuje froch, fefctc 
fte fid& wieber an ba$ ßlaoier unb fpielte mit leibenfdjaft* 
liebem 2lnfdjlag bie ©chlujjfcene au£ ber SEramata. @r 
follte ^ören, bafj fte nidjt hier fafe wie ein gegoltenes 
flinb unb meinte. 

S)er ^rofeffor mar in baä ßinberjimmer gegangen 
unb hatte (SHi auf ben ©chofe genommen, @r fuchte $roft 
in ben flugen, Haren äugen feines SiebltngS, wäfjrenb 
bie 2Jcufi!ttänge ju ihm h**anraufchten, in trofciger 3lb*. 
mehr, wie eine $rieg3er!Iärung. 

(Serba mar leife eingetreten, um nach Gfli ju fehen, 
bie fte um ihre Settg hatte meinen hören. 

@r nahm fidj gufammen, ba ihr forfdjenber Slicf ihn 
traf, aber fte fah boch fein cerftörteS @eftd)t; fie fühlte 
inftinftio, bafj bie 28olfen ^eute über biefem £etm fo 
fchroer lafteten, mie braufjen über ben Sergen. 

„@3 thut mir leib, bafj ©ie fo unerfreuliche Sage 
hier erleben," fagte er mit einem 23licf auf bie regennaffe 
Sanbfdjaft. Säber fie erriet roohl, bajj er bie trübfelige 
©timmung im Saufe meinte. 

„SBünfchen ©ie, bafj ich abreife?" frug fte rafd;. 
„Sitte, fagen ©ie eö mir gan<\ offen!" 

„D nein, im ©egenteil, ich &ttte ©ie bringenb, bleiben 



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Hopelle von <2mma Ittcrf. 



119 



6ie, wenn Zfintn baä Dpf er nicht au grofj ift ! 3<h mu 6 
morgen fort für mehrere £age. 6ö ift mir Beruljigenb, 
©ic hier &u miffen." — 

gür ben 2l6cnb mürben ©äfte erwartet. @in be* 
freunbeteö @ljepaar unb Xanten unb Möllmann. Die 
Ginftlbtgfeit beS SßrofefforS fiel nicht auf; man fannte ihn 
als fchroeigfamen 3Kann. 5(ber £ebroig hatte eine reijenbe 
gelbe Toilette angezogen unb geigte, wie aus Srofc gegen 
ihren Wann, eine gang befonberS lebhafte, auSgelaffene 
§eiterfeit. 

3h* Sachen tFjat ©erba in ber Seele roefj. 2öie eis* 
falt mufete fte fein, um fo luftig plaubern j\u fönnen, 
roäfjrenb fie bodj fdjon nmjste, reelle <5eelenfchmergen ihr 
©atte litt nach ber fdjarfen 2lu3etnanberfe$ung, bie e§ 
mo^I grotfehen ben beiben gegeben hätte. 

2tm Abenb hatte ber Siegen nachgelaffen, unb ©erba 
atmete auf, als man nadj bem @ffen ein roenig in ben 
©arten hinaustreten unb bie munberbar erfrifchte 2uft 
genießen fonnte. 3(j* war ber #al§ roie gugefdjnürt 
geroefen ba brinnen; fte Ijatte faum j\u fpredjen uermocht 
oor peinlicher 93eflemmung. 

Xanten fjatte immer roieber gefragt unb geforfdjt: 
„äBarum fo ernftfjaft? 2Ba3 fjaben 6ie nur, gnäbigeS 
tJräulein?" 

3m freien fudjte er fie fortziehen von ben anberen, 
unb als fte ihm auf einen ber fdjmalen ©artenroege ge* 
folgt mar, flüfterte er mit einer Erregung, bie auch fte 
ergriff: //£ö&e ich 3h** Xlngnabe oerbient? 2BaS fyabt 
idt) getfjan? 3ürnen (5ie mir, ©erba?" 

„SRein, nein!" fagte fte. „3$ mar perftimmt — 
frembe Angelegenheiten, bie mich beunruhigen. 3<h bin 
njoljl fefjr langmeilig geroefen bei Sifdj?" 

„Sangroeilig ftnb ©ie nie. 3lber ©ie glauben nicht, 
wie ich gelitten fjflbe unter 3h rem Schweigen." 



120 3fa e Sdjulb. 

@3 Hang eine tiefe Ergriffenheit au« feinet Stimme, 
unb er brücfte mit lebhafter, ftütmifcher greube einen 
langen auf ihre §anb. 

2ro$ ber fpäten ©tunbe lag noch weiches Dämmerlicht 
über bem ©arten, benn ber 2Jtonb burchleuchtete bie Stebel* 
fchleier. 6r fonnte fefjen, bafj Serba freunblich lächelte. 

@r behielt t^re £anb in ber feinen, unb ft$ ju ihr 
herabbeugenb, flehte er leibenfdfjaftliclj : „2Benn i(fj ©ie 
nur einmal, nur eine SSiertelftunbe lang allein fpredfjen 
bürfte! D biefe ÜRenfchen, bie mich von Shnen trennen! 
SWorgen #rb ein ©ommertag werben. Äann ich ©ie 
morgen nicht fehen?" 

©if fchüttelte ben Äopf. „3<h weife nicht — ber Sßro« 
. feffor oerreift, £ebwig hat noch nid^t gefagt, was fte thun 
wirb. 3$ beule, mir muffen &u §aufe bleiben bei ber 
kleinen. 2)as ßtnbermäbchen würbe weggefdjicft." 

„Soffen ©ie boch 3hre greunbin allein! Stachen ©ie 
fich Io3!" 

„2)a3 wirb nicht wohl angeben. 3dr) bin boch gu (Saft 
^ier." 

„©eien ©ie nicht graufam, @erba! ©ie wiffen bodfj, 
bafj ich ben Ö^njen $ag herumirre in ber Hoffnung, 
3hnen begegnen. Unb wenn ©ie fich tags über 3hrer 
greunbin wibmen müffen, fo erlauben ©ie mir, bafj ich 
©ie abenbä abhole ju einer ©eefafjri im SRonbfchein. 
2Bir werben morgen gemifj eine wunberbar helle SRadjt 
haben, ©ie wiffen gar nicht, wie fchön baS ift auf bem 
SBaffer. 2Benn ber SJJrofeffor nicht hier ift, fönnen ©ie 
boch um fo leichter fommen, bie grau ^rofeffor verübelt 
3hnen boch ba$ Vergnügen ftcher nicht. Keffer freilich 
ift'ö, ©ie fagen auch ihr nichts. ©ie'foKen allein fommen, 
©erba. 34 warte hier am ©artenjaun, mein Sahn ftefjt 
bereit am Ufer, niemanb wirb ©ie erfennen, unb ich — 
ich wäre fo glücflich!" 



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XXovtUt von €mma Hier!. 121 

6ie f)ätte fofort ablehnen foHen, fte wufjte eS woljl. 
©ie füllte in bem £albbunfel, wie brennenb feine Slugen 
auf ifjr ruhten, er war iljr fo nafje, feine §anb Bebte in 
ber i§ren ; wie eine Ijeifje glömme ber Seibenfd&aft fdfjlug 
e« ifjr entgegen. 

2lber e8 lag ein geeinter gj e ^ j n biefem Slbenteuer 
eines ©tellbicfjetnS, biefer ©eefatjrt im 2Honbfdfjein, ber 
etwas 23erIocfrnbe3 fjatte. ©ie fanb ni$t bie Äraft gu 
einer raffen Slbweljr. 

2)a er faf), bafj fte fd&wanfte, umfd&meidfjelte er fte 
mit fjeijjeren Sitten: „©erba, lommen (Sie! 3d) würbe 
mid& fo unftnnig freuen. Vertrauen ©te mir, ©erba, 
©ie Ijaben ja ©eroatt über midj. üRur einmal mif 3(jnen 
fprcd&cn bürfen, allein, ungeftört, meines ©lüd!" 

©ie rifj ftdfj los. ©ein 3Hunb war if)r fo nafje, unb 
fte füllte, bafj eine fdfjwüle ©eljnfudjjt fte überfam, fu§ 
Hiffen ju laffen tum biefen Reißen Sippen. 

„gaffen ©ie mtc§ jefct, mir mttffen jurücffeljren &u 
ben anberen! 3$ fomme, wenn eS irgenb möglid> ift." 

Slm näcfjjien Sage reifte ber Sprofeffor ab. @r brttefte 
beim 5lbfd;ieb nodj ©erba bie $anb r>oU freunbfdfjaftlicfjen 
SertrauenS. „3$ banfe Sfynen, bä& ©ie bleiben." 

§ebwig Ijatte baS SBettdjen beS ßinbeS in baS Simmer 
im oberen ©todfmerf neben bem if>ren aufftetten laffen, 
unb bie ftleine mar ganj brao unb vernünftig ofjne t^re 
33ett9 eingefdfjlafen. 2)a8 fyübfdfje 3immer, k<*S ©erba 
eingeräumt roorben mar, ftie& an ba3 ©tübdjen beS Atn* 
be§, unb baS junge Sttäbdjen Ijatte @lli am borgen be* 
fudfjt unb ftdE) über i§r Sachen gefreut, wenn fte iljr ben 
©ummibatt in ba8 ©d^ürjd^en warf. 

„$u bleibft mofjl oormittagS §u #aufe, nid&t wa^r, 
©erba?" fagte £ebroig. „6Hi ift ja ganj brao, wenn 
bu fte mit in bie Saube nimmft. 3$ mujj nac$ Segern* 
fee herein. 34) fontme balb wieber." 



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122 



3*?re Sdjulb. 



Sie festen biefeS -SM bei t^rcr Nachfrage auf ber 
Sßoft befferen Erfolg gehabt ju ^aben, benn fic fam fefjr 
nergnügt nach #aufe, blieb aber ben größten Seil beS 
Nachmittags in ihrem 3immer, um ju fdjreiben. ©erba 
ging mit bem 5linb fpajieren unb sergaß über bem 
lieben ©eplauber bie fchroüle Erinnerung an ben legten 
Slbenb, bie ihr bie gan^e -Wacht burd) bie Neruen ge« 
gittert unb ihr ben Schlaf uerfdjeucht hatte. 

2lm Slbenb half fie £ebnrig, bie kleine ju 93ett §u 
bringen, unb fte faßen beibe noch an bem $3ettdjen, bis 
ber blonbe flopf mtibe in bie Äiffen jurüeffanf. Dann 
fehlten fie Icife fort. §ebn>ig fanb es beffer, bie $l)ür 
nad^ ©erbaS 3*™"** offen fte^en ju lajfen unb bie nach 
ihrem 3immer ju fließen, ba l)\tx ber Dftroinb herein* 
wehte. Die ßöchin mürbe beauftragt, einigemal nach* 
jufehen, ob baS Sinb ruhig roeiterfchlafe; benn 6ß* unb 
SBohn^immer lagen im unteren Stocfroerfe an ber an: 
beren Seite beS Kaufes. 

SBei Sifdj faßen bie beiben ©amen einanber einftlbig 
gegenüber. (Sirft als bie Detter weggenommen waren, unb 
fte allein blieben, begann §ebwig jogernb unb in ficht« 
licher Verlegenheit: „68 ift mir f ehr peinlich, ©erba, aber 
ich m ufe eS M* *> oc & fagen, bamit bu bich banach richten 
fannft. 3dj werbe rooljl in ben nädtfien Sagen abreijen. 
Unb ba bu bod; nicht wof)I allein mit meinem -Ulanne hier 
bleiben fannft — " 

©erba ftarrte fie beftürjt an. „Du gehft fort? So 
Pölich?" 

„@S thut mir ja fehr leib, baß ich f° ungaftlich gegen 
bich fein muß, aber ich hoffe, baS noch einmal gutmachen 
ju fönnen," fagte $ebrotg mit einfchmeichclnbem Xonc 
unb legte ihre §anb auf bie ber greunbin. 

„@S ^anbelt fich nicht um mich/' warf ©erba ein. 
„DaS ift boef) -Siebenfache." 



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Horelle von €mma ITTcrf. 



123 



„Stein, Siebfte, burdfjauä nidfjt. 3$ fd&äme mia% bafr 
bu in meinem $eim fo wenig StngeneljmeS erlebt Ijaft. 
2lber in einem 3<*()* bin id) fjoffentlidfj $errin in einem 
großen §au§, in bem bu bidj nid^t mel)r langweilen foUft, 
wie bu es Ijier getfjan ^aft. £)ann wirb eine anbere 
2eben3füf)rung bei mir fein, id) werbe geigen fönnen, bafe 
id) jur S)ame geboren bin, bajj idjj im großen <3til &U 
leben Derftefje." 

(Sinen Moment glaubte ©erba wtrflidjj, bie junge grau 
Ijabe ben Serftanb verloren. „$u träumft, §ebwig!" 
rief fie. „2Ba3 fott ba3 l)eifcenV Unb biefe Stbreife — " 

„3$ gefje vorläufig ju meinen Altern, bis ber Qrr» 
tum meiner @f)e rüdgängig gemalt ift. $ann aber — 14 

„£)u wittft alfo einfach weglaufen oon beinern Wann, 
von beinern flinb?" rief ©erba gana faffungäloS. „3)u 
nennft beine @(je einen Irrtum ! Slber bu Ijaft bocfj gewählt 
in uofler gretf)eit! $u I)aft beinen 9D]ann lieb gehabt!" 

„9Ba3 weife benn ein ad)tsef)njä(jrige8 3)ing von feinem 
^er^en?" oerfe^te £ebwig adjfeljutfenb. „@8 fennt ftclj 
ja felber nidfjt. 3$ glaubte ifjn lieb ju fjaben, ja; unb 
gerabe weil alle fagten: „3)u bift t)iel gu oberflädjlidj für 
einen ©eleljrten," wollte idj mit finbifdfjem @igenfinn 
zeigen, bafe er nidf)t ernft unb gu flug für midj fei. 
damals meinte id) auclj nodfj, icfj fei bie erfle, bie ein* 
j\ige, bie @walb je geliebt, fein -JJiäbdjen auf ber gangen 
SBelt fönnte ifjn fo glüdlidfj madjen wie idj. Solange 
biefe Ueberjeugung t>orf)ielt, blieb mein ^erj warm für 
iljn. 3)ann fjat er felbft mir in einer »ertrauenStiolIen 
<5tunbe ergäfjlt, bafe er als <3tubent bid(j geliebt fjabe, 
bafj bu ifjn aber abgewiefen fjabeft. ©eitbem ift eö wie 
eine flluft &wifdfjen if)m unb mir. 3$ fann eä i^m nidf)t 
rergei^en, bafc idj gewiffermafjen ber (Srfafc gewefen bin, 
nur weil eine anbere iljn oerfd^mä^t Ijatte. Unb mein 
Selb fpielte babei mofyl audj eine entfdfjeibenbe SRoUe." 



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124 3l?re S^iil*. 



©erba war entfe^t aufgefprungen. ©offte fie bie 
(Sduilb tragen an bcm 3erwtirfntS gwifd&en biefen beiben 
ÜRenfc^cn? $och nein! 2lutf; aus bicfen SBorten mar 
ja nur ber eisfalte, graufame SgoiSmuS £cbrotQ3 Fjcrauö^ 
gufjören — beleibigte Sitelfeit, nichts weiter. 

w S)u fuchft nur nach einer Sntfdjulbigung oor beinern 
eigenen ©ewiffen!" faßte fie entrüftet. „$u fd^ömft bidj 
boch ein wenig, bafj beine 9leigung fo rafdj oerflog, unb 
beSfjatb biefe Slnflage gegen ihn, bie bodj gang ungerecht* 
fertigt ift. " 

„@S foff gar fein SBorwurf fein, weber gegen bich, 
noch gegen meinen 2Rann," wies £ebwig fie mit füfjlem 
2one ab. „3$ erjage nur bie Sljatfad&e, bafe ich feit 
jenem Sag aus meiner blinben Befangenheit erwarte unb 
mein Seben mit prüfenben Slugen anfah. 9lun erfannte 
ich, was ich nicht hatte glauben wollen, als bie anberen 
eS mir fagten: mir paffen nicht gufammen. 3BaS mir 
©paß macht, ift it}m bummeS 3 eu 9» m ^ langweilt, 
was ifjn interefftert. 3« bumpfer Ungufriebenheit feinte 
ich mich nach einer @|ifteng, bie meinem SGBefen Beffer 
entfprodjen ^ätte, unb oor wenigen ÜHonaten fanb ich ben 
3Rann, mit bem ich glüeflich geworben wäre. Unb ber 
SWann liebt mich!" 

„$ebwig, er fyat gewagt, eS bir gu fagen, bir, ber 
fjrau eines anberen? Unb bu §aft ihn angehört?" 

„D, ich war bamals tfjöricht genug, abgreifen, weil 
id^ nic^t ben Wut hatte, mit allem gu brechen, meinem 
bergen gu folgen. 6r fchrieb mir gltihenbe ©riefe. 3<h 
habe gefämpft unb gerungen — aus Slngft oor bem 
©fanbal, aus SMitleib mit @walb, unb weil ich ntid^ oon 
meiner ftifeen Gfli nicht trennen wollte. Slber er felbft 
fagte mir ja geftern, ich Wie wi* ^ ar werben. 92un, ich 
thue, was er befahl. 3<h 9*h e g«abe unb offen ben 
2öcg, ber mich gu meinem ©liidf führt. " 



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Hooeflc von (Emma Itterf. 125 

„Ober in einen t>iel, mel tieferen 3 r ^um # als beine 
(Sfje gewefen ift. #ebwig, ich Befchwöre bidj, Bejtnn bidj 
bo<h! Sein flinb willft bu t>erlaffen, uon bem ebelften, 
Beften Sflenfchen wittft bu btch trennen — unb für tuen? 
D, ich errate ben tarnen ! gür biefen eitlen ©alonfjelben, 
ber ftolj ift, wenn fein -Kante bei einem gefte genannt 
wirb, für biefen Blonben ©ecfen, ber wie ein wanbelnbeS 
9Jiobejournal herumläuft, von einem Vergnügen jum am 
beren." 

„Sitte, ©erba! SEBie fannft bu fo reben? ®u thuft 
ja auc§ nichts anbereö als bidfj amüjteren." 

„Seiber! 316er einen müfjigen -Kann finbe ich fd^rccf« 
lic^. 3u beinern ©atten h«f* bu bod) emporfchauen 
lönnen — " 

„®efj, bu haft Swalb ja auch nicht heiraten mögen!" 
lachte £ebroig fpöttifd) auf. „%f)ut boch nicht fo, als ob 
feine ©elehrfamfett nach beinern ©efehmaef märe!" 

3Kit jebem 2Sort, baS fte taufchten, war ©erbaS @m* 
pörung über bie pflid&tlofe grau, bie fo fü(jl über ein 
£erj hi nmc 9f<hritt> gemachten. Sei biefem fpöttifchen 
Sachen cerlor fte uöllig bie ©ebulb. 

„fiöre, £ebwig!" rief fte mit unverhohlener @nt* 
rüftung. „3$ weijj nicht, was ich gethan hatte, wenn 
(Swalb 3e(fen mich e ^ n paar 3ahre fpäter um meine $anb 
gebeten hätte, als ich nicht mehr bas thöridjte fiinb mar. 
216er eines weife ich: wenn ich t^m einmal gefagt hätte, 
baf$ ich ih m Qut fei* bann wäre es mir auch ernft ge» 
wefen mit meiner Siebe; unb wenn ich ih n geheiratet 
hätte, bann wäre ich ih m auc h «ine treue ©efährtin ge« 
worben, unb fein 9Jtonn auf ber 2Belt fy&ttt mich ^atfx 
Bringen fönnen, oon ihm unb von meinem Jtinb fort« 
julaufen." 

„Stecht fchabe, ©erba, bajj bu beine trefflichen (Sigen* 
fchaften jur Ghefrau fo lange einroften Iäfet!" bemerlte 



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£ebroig fpifc. Jimm bidf) in adjt, bajj bu nidjt eine 
bifftge alte Jungfer wirft!" 

*3dj c3 ift beffer, unfer ©efprädj abjubredjjen, " 
fagte ©erba. „2Bir »erftefjen uns ganj unb gor nidfjt 
unb werben nur gereift gegeneinanber. ©ute ■ftacfjt." 

„@ute 9tadjt ! 3$ treibe ofjnebieS noefj an 3Jtoma !" — 

©erba gitterte nor (Erregung, als ftc nadj biefem 
Auftritt mit £ebmig in iljr 3immer im oberen ©todfmerf 
fam. $a3 Jtinb nebenan fdfjlief mit aartgeröteten Söangen 
in glüdfeligem grieben. 

„2Irme !(eine (5IIi!" badjte fie. „§aft beine Butter 
fo gut wie oerloren!" 

D, fie wufete, @walb mürbe fie §ief)en (äffen, aber fein 
Sinb nidjt. $on bem blieb fie getrennt. Unb ©erba 
gönnte eö §ebwig als geregte ©träfe. 6ie fjatte biefen 
ffeinen ©d(ja$ nidjt oerbient. 

Der s JJJonbfdfjein, ber in baö 3^ mmer P e l erinnerte 
Serba plöfclidj an baä Skrfpredjen, baS fie bem 9titt* 
meifter gegeben fjatte. @r wollte ja auf fte warten ba 
unten am ©artenjaun. <5ie erfdjraf orbentlidj bei bem 
©ebanfen. 9?ein, nein! 6ie mar jefct nidfjt in ber 
(Stimmung, Siebeäworte ju f)ören. 

6ie fing an, in ifjrem ©cfjlafaimmer tfjre ©adjjen ein» 
äupaden. 2Bof)in fte gefjen wollte, wufete fie nodjj nidjt. 
©leidjjoiel, fort mufcte fie. $ebwig f;atte es iljr beutlidj 
genug gefagt. @in wefjeS ©efüfjl bnrcr)gittertc fie. 28ie 
rwgelfrei fie mar! WrgenbS eine fefte Stätte, nirgenbS 
ein #eim, in bem fie erwartet würbe! 

@3 warb iljr gan^ wetcf) $u ÜÄute. Sefjnfudjt über* 
fam fte nadj einem ÜHenfdjjen, ber ifjrer beburfte, ber an 
iljr Anteil nafjm. Unwtllfürlidj trat fie an ba§ genfter 
unb blidte Ijinauö. Söirflidj, ba brausen auf ber SBiefe 
ftanb eine bunfle ©eftalt. Xanten war ba unb ^arrtc 
ifjrer. 3f)n würbe eö bodjj woljl fdjmcr^en, bafj fo balb 



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i 



ZToocüe von (Emma Werf. 



127 



ber Äbfdjieb fam, er mar bodfj roirflidfj tief beroegt ge* 
mefen geftern abenb. SBarum foöte fic tfjm nidfjt bic 
greube biefeö Ickten 3ufammenfein§ machen, ba fic morgen 
bodj auSeinanber gingen? SBarum if)m nidjt gleidf) lebe* 
roofjl fagen? 

2In Schlaf fonnte fte ja bodj nidjt benfen. flinb 
brauste fte nid)t. §ebwig fafj unten über iljrem Srief. 

3br §er$ flopfte erroartungSooß unb bang wie r»or 
einem 2Bagni3. 3 cr f ircu * un *> erregt fucljte fte nad) einem 
$udfj, ba3 fte über ben ßopf fdjltngen rooHte. Sie Ijatte 
i^re ruhige Sid&erfjeit ganj oerloren. G§ fiel ifjr ein, 
bajj fie Xanten tfjr 33ilb öerfprod&en ^atte, unb ba e§ 
benn bodjj eine leftte Begegnung fein fottte, fo nafjm fie 
bie Sampe, ftcCftc fte auf baS Sifdfjdfjen am genfter unb 
öffnete in §aft ein Sdfjubfadf, um bie ^^otograp^ie 
JjerauSfluneljmcn. Sie meinte unten im $aufe Schritte 
ju ^ören, ba3 Sdfjlicfeen einer £fjür. £ebroig roäre fte 
nid)t gerne begegnet. 

(Siligft fdjlüpfte fie auf ben glur unb Ijordjte. @3 
mar alles ftiH. SRafdj unb letfe r)ufdt)tc fte über bie treppe 
hinunter. $ic Sfjür an ber ©artenfeite ftanb nodfj offen. 
9tun mar fte brausen in ber listen, glanjburdfjroogten 
ftad&t. 

Sie mufjte erft Sttem Ijolen, ftd) fammeln. 6r foHte 
nidjt erraten, raie erregt ifjr §er& flopfte. 

Slber wie fte ftd) audfj 51t befjerrfdjen fud(jte, er füllte 
an bem 3ittern iljrer ginger, an bem 2Iu3brucf ibrer 
blaffen 3"9 C / fc<*6 *> cr ungeroöfjnlidj« Stritt, ben fte 
roagte, il)r bie gaffung raubte. 

Gr brüefte einen Sufj auf ifjre §anb unb faßte mit 
bewegter Stimme: „$anf, Oetzen $anf! 34 bin fo 
ftolj, baß Sie Vertrauen ju mir baben. 3ft bic 9iadj)t 
nidfjt j\auberl)aft fdjön?" 

(Eine $öeile gingen fie ganj ftumm bal)in; iljr Sinn 



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128 3l?rc Sd)ulb. 

lag in bem feinen, tiefe ©ttlle war um fte. 9lur in bcn 
Ijoljen Äfjornbäumen am UBege raufdf)te ber iRadjtroinb. 

„gaft fjätte id& bodfj nidjjt SOSort gehalten, $err 
p. Xanten/' Begann fte, etwas ruhiger werbenb. „Stber, 
wer weife, ob idfj ©ie morgen nodj fefjen fönnte, unb tdfj 
tüollte bod) nidfjt, bafj ©ie eine jornige (Erinnerung an 
mi$ Ijaben, wenn idj fort bin." 

,,©ie wollen fort — fo plöfcßdj? 1 ' rief er mit leb* 
$after »eftürpng. „2Barum biefer rafäe Sntfd&IufeV 3$ 
bin faffungöloö. " 

«3$ ^üttc aHerbtngS oor, länger ju bleiben, aber ba 
meine greunbin in ben nädfjßen Sagen nadj Berlin fäfjrt 
ju iljren eitern — " 

„D, ift bie ©efjnfudfjt na<$ bem blonben 39aron fo 
ftarf geworben?" frug er mit einem fpöttifdfjen Sachen. 

©erba blieb fteljen unb ftarrte if)n an. „SBie fommen 
©ie ju biefer »emerfung?" fragte fte. „3d(j finbe es 
nidjt f)übf$, ba& ©ie über meine greunbe fpotten." 

„Slber gräulein ©erba/' entfd&ulbigte er ft$, „bie 
rei&enbe junge grau mad)t wirflidj aus ifjrem Sergen feine 
Sföörbergrube. (Sine t)otte ©tunbe lang $at fte mid& über 
Saron ©a&ner ausgefragt, ba fcätte bodj ein Ätnb ©d&lüffe 
gießen muffen. ÜJtidfjt wa^r?" 

©erba fdjwieg mit einer büfteren Saite auf ber ©tirne. 
2Senn §ebwig ftdfj oor gremben fo fd&led&t be&errfdjjte, 
wenn fte tfjren -Jflann Iädfjerlicf; machte t>or aller 2Belt, 
bann war es in ber %f)<xt beffer, wenn fte ging, fo balb 
als möglidjj. 

Xanten fjatte SJtülje, iljre ©ebanfen abjulenfen. Stber 
er war ftd&tltdj fo glüdflidj über bie einfame ©tunbe mit 
ifjr, er plauberte fo liebenäwürbig, mit fo feinem Ser* 
ftänbniö für ifjren ©emütSjuftanb, bafj fie aHmäfjlidjj fröl)« 
lieber würbe. (£r fjatte wirfli($ baä Talent, fte in eine 
lebendluftige Saune ju oerfefcen. 



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Horcüc von (Smma IHeiF. 



129 



2Bte in einer ©tlberflut fdjwammen fic bal)in in bem 
fleinen ßafjn. 3tm Ufer waren nod& ©ergebene Soote 
ftc^tSar gewefen; man Ijatte laute (Stimmen gehört. 21(1 - 
mä^lid^ aber mürbe es immer ftiHer um fte Ijer. $)ie 
Äanbföaft falj wie oergaubert aus in bem meinen ©fange. 
SBie aus $uft gewoben erfd&ienen bie Serge. (Sin breiter 
Sidjtftreifen gitterte über bem Söaffer, unb traumhaft 
fd&ön fptegelten ftdj bie Ufer in ber fdjimmernben glädje. 

©ie fafj bem SRittmeifter gegenüber; er taufte lang- 
fam bie Muber ein, bie Slugen immer auf tfjr ©eftcfit ge- 
heftet. 60 fuhren fle eine 2öeile fdfjmeigenb baljin in 
tieffter ©infamfeit. 

?Mö$lidj liefe er bie §änbe finfen. $ie Sluber be* 
wegten ftdfj nidf)t mefjr; ber Raf)n glitt nodj ein wenig 
weiter, bann breite er fid^ aümä^lidj Iangfam mit feiner 
©pifce nadfj linfs unb fdjaufelte fteuerloS bafjin. Xanten 
aber Ijatte ftdf) immer weiter vorgebeugt, bis er förmlid; 
auf ben flnieen t>or tyr lag. ©r fdf)lang feine Slrme um 
if>re ©eftalt. 

„©erba, geliebte ©erba! ©ie wollen fort? 3d& ?ann 
3^nen nidjt lebewofjl fagen, fann nidfjt 3lbf<!)ieb nehmen, 
©ie wiffen ntdjt, wie namenlos tdfj midfj felme nadfj %foxtn 
Sippen. " 

©ie füllte wieber ben fjei&en 53licf, ber foldje Sfladfjt 
über fte fjatte. ©S überfam fic wie eine bumpfe 93c« 
täubung, wie eine füge Söillenloftgfeit. 

£a flang burdlj bie tiefe ©tille ein lautes, fdfjrifleS 
.^ornfignal. 

GS war wie ein SßarnungSruf, wie eine ma^nenbe 
©timme, bie fie erbittern machte. 

„2BaS war baS?" rief fte erfdjrocfen unb fudfjte fidj 
loSgumad&en aus ben fie umflammernben Firmen. 

„2BaS fümmert eS uns in biefer ©tunbe, ob fte bort 
am Ufer bie tjeuermeljr gufammenrufen? ©3 brennt 

1901. VII. 9 

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130 



3*jre Sd>ulb. 



ujoIjI in irgenb einer ©djeuer. Sitten ©ie bod) nia)t bar- 
auf! 3<6 Bitte <Stc # (Serba. 3n Serlin ift in jeber 9tad)t 
einmal geuerlärm, ©ie Ijören e3 gar nidjt. @8 pnb 
feigere flammen, bie 3^"*" fa x entgegenlobern. 3a) 
f)abe biefen Slugenblicf erfeljnt mit folgern Ungeftüm, 
mit fo ruljelofem bergen. (Sagen ©ie mir nur ein 
fflort — " 

Slber uom Ufer fjer Hang immer roieber ber fdjauer* 
Iid^e, roie um §ilfe fleljenbe $on, ber iljr ba3 $er^ er- 
bittern machte. 

„Steden ©ie auf, £err Sfattmeifter, mir motten jurücf* 
fahren! 3°) ™ u ß roiffen, mo es brennt!" fagte fte mit 
fold)er 33efttmmtf)eit, baß er rooljl gef)ordjen mußte. 

3(jr aber froa) langfam, beflemmenb, eine bunffe 
2lngft über baS .perj unb jagte iljr falte ©djauer burdj 
bie Slbern. 

©ie mußte plöfclia) an bie 2ampe benfen, bie fie auf 
baS Sifdjdjen am genfter gefteHt ^atte. ©ie befann ftd) 
nidjt, baß fte fte auägelöfdjt fjatte. S)ie (Erinnerung oer* 
fagte ifyr. @8 mar mie eine bunfle $öanb oor ifjrem ©e= 
bädjtniä. 

2113 man ftd> bem Ufer näherte, faf) man eiligft bafjin* 
laufenbe Männer ; ba unb bort blinfte ber geuermefjrtyelm 
auf; t)or ben f leinen Käufern, bie fdjon in tiefer SRadjt* 
rufje gelegen Ijatten, mar e3 roieber lebenbig geworben. 
5Wenfdjen ftanben jufammen unb flauten nadj bem $im* 
mel, an bem eine Ijofye rote geuerfäule emporfdjlug. 

Unb immer biefer flagenbe, langfjingejogene $ornruf ! 

•SRun rourbe au<$ bie Äirdjenglocfe gelautet, gettenb, 
roimmernb Hang eö burd> bie iftad&t. 

„eilen ©ie ftdj, rubern ©ie, fo rafdj ©ie fönnen!" 
flehte (Serba, ©ie meinte, baö §erj muffe iljr $er; 
fpringen. ©ie fagte ftdj freilidfj, baß biefe 2tngft über« 
trieben fei, baß fie ftdj unnötig quäle. 3" wenigen 



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. . . . i 



Xlovcüt von (Emma ITTcrf. 



131 



Minuten würbe fie roohl roieber befreit aufatmen formen. 
@3 war ja m'el tDa^tfd^etnlid^er, baj$ in einem Säuern« 
häufe geuer ausgebrochen war, als in ber 93iu*a 2öalb* 
hauS. ©ie nahm ftdj gor, ben unglüeflichen Seuten morgen 
eine gro&e ©umme §u fcfjenfen. (5s mar iljr, als müffe 
fie bas ©djicffal milbe ftimmen, fein Erbarmen mit einem 
Dpfer ju erfaufen fudfjen. 

©obalb ber SRittmetfter ba§ Söoot an ben Steg ge* 
sogen unb ®erba fjerauägeljolfen hatte, eilte er fort, um 
fldj &u erfunbigen, roo es brenne, @r mar ja feljr ent* 
täufcht über biefen Ausgang ber pifanten nächtlichen ©ee* 
fahrt; aber er falj, wie beunruhigt ©erba mar, unb wollte 
eä nicht an ItebenSmürbiger Teilnahme fehlen laffen. 

©erba lehnte einftroeilen an ber San! am Ufer unb 
hörte baS jammern ir)reS §erjen3. 2Bie eine (Sroigfeit 
war es ihr, mährenb fte fiebernb cor SBeforgnis f)kx 
ftanb unb auf ben Sefdjeib harrte. 

Xantens ©efichtSauSbrud beftä'rfte ihre fchlimmften 
Befürchtungen. „$>er SDtann meife offenbar nichts," fagte 
er auSmeichenb. „$ie ©prifcen finb bort hinausgefahren. 
(Urlauben ©ie, bajs ich ©ie führe." 

(SsroarberSBeg nach bem 2ßalbr)auS, ben er einfcr)Iug. 

©ie mußte feinen 2lrm nehmen. S)ie güfje trugen 
fie faum. 3n ihrer ©emütSoerfaffung mar es ihr auch 
gang gleichgültig, ob man fte mit ihm gehen fah, fie badjte 
eigentlich nur an bie Sampe, bie fte auf ben $ifch am 
genfter geftellt hatte, unb babei ftarrte fie mit entfetten 
Slugen auf bie 53ranbheHe, bie ben §immel rötete, auf 
bie fchroeren SRauchroolfen, bic emporftiegen. 

3e|t bog ber 9Beg um eine Gcfe. @S blieb ihr fein 
3meifel mehr übrig. @S mar bie SBiHa 2Salbhau3, bie 
brannte, ©ie rijj ftch los von bem 5lrm beS SRtttmeifterS 
unb rannte bic lefcte ©treefe in bumpfer SBerjroeiflung 
uormartö. 



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132 3^re Sdjnlb. 



2Öie eine Slfjmmg log'S über ijjr, baji gurd&tbareS 
fte erwartete. 

®ic ©prifcen arbeiteten fc$on tüchtig, man ijörte bas 
Sifäen beS 2Baffer3 auf ben glüfjenben »alfen, meifeer 
3)ampf qualmte au8 ben genftern. 

3n bem fleinen ^aoillon beS SorgartenS ftanben 
SJienfdjen beifammen. ©erba ftürjte auf fte ju unb ftie& 
einen roilben (Schrei aus. Stuf bem $ifdje lag eine fleine 
roei&e ©eftalt, ein ßöpfdjen mit blonben ßotfen, unb ein 
3Kann mit grauem SBart — offenbar ein Slrjt — beugte 
fidj über bas regungslofe üinb fyerab unb f)ob baS Sermdjen 
in bie £ölje, bas rote leblos roieber fjerabfanf. 

„2öaS ift — roaS ift mit bem ßinb?" feudjte ©erba 
Ijeroor unb ftarrte l)alb roaljnfinnig auf bas roeifee ©e- 
fidfjtdjen, bas fie cor !aum einer <3tunbe fo rofig, in 
frieblidjem ©Plummer, fjatte liegen fefyen. 

„21$, gnäbigeS gräulein," fagte ber £au$biener, ber 
jugletd) ©ärtner mar, unb mit oerftörtem ©eftdjt neben 
bem ßinbe ftanb, „in bem Simmer oom gnäbigen grau« 
lein mufc bie Sampe ejplobiert fein. 3$ bin nur eine 
Heine SSiertelftunb* fort g'roefen, unb roie td) auf baS 
£auS 8ufomm\ ba fei)' idj baS geuer. Unb fein ÜHenfdj 
weit unb breit. $)ie Äödjin natürlich, bie ift roieber 
roeife ©ott roo." 

„2lber baS ßinb — baS äinb! 3ft eS tot?" preßte 
©erba jroifdjen ben ^itternben Sippen Terror. 

$er 3Wann fdjüttelte ben flopf. „3)er £err 3)oftor 
meint, es tfjät' fdjon roieber aufroadfjen. Unfer Herrgott 
geb'S. 3$ 9 e l/ lieber ins 2Baffer, als baf* id) unferem 
§errn nodj mal ins ©efidjt fdjau', roenn baS Sinb 
ftirbt. @S mufe aus bem genfter fyerauSg'f allen fein, 
ber 9kudj Ijat'S fjalt rooljl aufg'roecft, unb roie'S baS 
geuer g'fefjen Ijat, ift'S aus bem Seit g'fprungen unb 
Ijat g'roeint unb g'fdjrieen. SRiemanb Ijat'S g^ört. Sie 



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HoDcIIe von (Emma ITTerF. 133 

©näbige mar nodj unten im SBohnjimmer. Unb ftatt 
bafe es burch baS Schlafjimmer von ber gnäbigen grau 
hinausgelaufen mär', ift'S in ber 2lngft ans genfter f)in, 
baS arme $afd)erl, unb ba f>at fidj'S roohl recht roeit 
htnuntergelehnt unb gmifc immer gerufen nach feiner 
ütfiama unb nach feiner Settn, unb bann ift'S hinauSgeftürjt. 
2öir ^a6en'§ auf bem f leinen SBalfon hinten g'funben — 
es Ijat ftch nicht mehr g 'rührt. 3$ rjab* g'meint, mich 
trifft felber gleich ber Schlag. Sum ©lücf mar ber §err 
2)oftor grab in ber 9?äf)\" 

©erba manften bie flniee, fie preßte bie #änbe oor 
baS ©eficht unb fdjluchate, als rnüfete i^r baS $erj in 
Stüde geben. £)er SRittmeifter hatte nach *h r flefuc^t unb 
bemühte fich nun, fie ju tröften. 

w 2lber gnäbigeS gräulein, bie ©efahr ift ja faft t>or* 
über, baS geuer greift nicht mehr weiter um fich. ^ es 
ruhigen Sie ftch bodj!" 

Sie mehrte ftch gegen ben »rm, ber fte Berühren 
roollte, unb baS thränenüberfirömte ©eftdjt emporhebenb, 
beutete fie auf baS fiinb. „5Jceine Schulb — meine 
Schulb! D, marum bin ich fort? D, l^ätte ich Sie nie 
gefehen! 2)ie arme Heine @lli — fie mirb fterben." 

Sie mar roie aufjer fich- Sie meinte fo her^erbrechenb, 
bafe ber frembe Slrjt erbarmen mit ihr r)attc. „ s iJcut, 
gräulein," fagte er, „bie fileine ift nur betäubt von bem 
gaH. SBenn fie nicht eine fdjroere ©ehirnerfchütterung 
bauongetragen r)at, fo fann alles noch gut raerben." — 

§ebraig t)atte baS Seroufctfein oerloren, als fie bie 
glammen faf), als man baS fiinb an ihr oorübertrug. 
2)er armen ©erba nerfchleierte feine Ohnmacht bie ge« 
quälten Sinne. Sie mufjte jebe Stunbe biefer SeibenS* 
nacht mit offenen 2lugen unb jittembem §erjen burdj* 
leben, unb feinen Moment »erliefe fie bie marternbe Slngft 
»or ber Sftücffehr bes unglüeflichen 93aterS, cor bem XobeS« 



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134 



3hrc Sdnilb. 



fchrecfen auf feinem ©eftdjt, wenn er baS weiße ©efidjtdjen 
feines SieblingS fah, oor bem namenlofen ©chmerj, ben 
er burchleben mußte — burch ihre ©djulb! @r ^atte ihr 
oertraut. @c hatte ©uteS gehofft twn ihrem flommen. 
@r Ijatte ifjr am borgen noch gebanft für ihr bleiben. 
@S märe beffer gewefen, fie hätte nie ben guß über bie 
©cfjroelle feines $aufeS gefefct. 3)en Serrat feiner Stau 
hatte fte nicht p rerhtnbern t>crmoc!jt, unb nun that fie 
ihm baS 6d)limmfte, baS ©raufamfte an. ©ie raubte 
ihm fein flinb. 

®ie SSorte: „@ine Sampe ift esplobiert," maren ein 
paarmal an ihr Dfjr geflungen. 6ie wagte nicht ju 
wiberfpredfj en ; fte wagte ntdjt ein*ugeftehen , was fie in 
einer franfhaften SrcangSoorftellung immer ju benfen 
mußte: baß fie in ihrer Aufregung unb 3 c *ft*eutheit ^ e 
Sampe gu nalje an ben Vorhang gepellt Ijatte. Sein 
unglüdlidfjer 3ufall — Saljrläfftgfett, Setdfjtftnn Ijatte baS 
Unglücf herbeigeführt. ©ie mar bie SSeranlafferin beS 
SranbeS gewefen. Um ihretwillen mar baS arme ge* 
ängftigte $inb gum genfter ^erabgeftür^t, weil fie fortlief 
wie eine gebanfenlofe %fyöx\t\ &u einem ©teflbidjetn im 
9Jlonbf chein ! 

2flan hatte, nadfjbem bie glammen gelöst waren, 
für baS ßinb in einem ber unteren, nidjt befchäbigten 
Zäunte ein Sager ^ergerid^tet. $ebwig faß nun weinenb 
an bem Settdfjen unb warf ein paarmal böfe 33licfe auf 
©erba. 

„Qch fonnte bodfj ntdjt ahnen, baß bu um jeljn Uh* 
nachts noch allein aus bem §aufe gehen würbeft," h a tte 
fte bem jungen Räbchen in oorwurfSooUem $one gefagt. 
„3<h höbe mich letber auf beine gerühmte ©emiffenhaftig* 
feit »erlaffen, fonft wäre ich nidjt ruhig im 2Bohn* 
gimmer geblieben." 

©erba neigte nur bemütig baS $aupt. ©ie fühlte, 



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ilopcHc von €mma ITterf. 135 

bafj fie bcn Vorwurf perbiene, bafj fie bic ^Hüge fdjweigenb 
hinnehmen muffe. 

ßnbltch, als ber Sag fdjon graute, öffnete @Qi bie 
Slugen. 215er eö war ein ©chmerjenäflug in bem lieben 
flinbergefidjt; es war ueränbert. $er ©chrecfen l)atte bie 
Stige üerftört. 

2)er Slrjt traf feine weiteren Stnorbnungen, beobachtete 
jebeS ©tjmptom, unterfudjte nochmals bie Keine ©eftalt. 
9lach einer ©tunbe etwa erflärte er: „2)aS fiinb wirb 
leben!" 

(io Hang wehmütig faft, nicht freubig unb trium* 
p^ierenb, wie ©erba geglaubt, bafj biefe befreienben Sßorte 
Hingen müßten. — 

$aS geuer war auf bie bret 3immer be« oberen 
©tocfwetfä befdjränft geblieben, unb wenn auch bie SBaffer* 
maffen, bie man auf bie glammen geworfen, manches 
jerftort unb oerborbcn Ratten, war ber ©djaben bo<h nicht 
grofs. ©erbaS mitgebrachte fileiber, ihre ffiäfche, alle 
ihre fleinen SujuSartifel waren allerbingS oerbrannt, unb 
fie mu{$te eiligft nach München fcfjreiben, um fich baS 
^ötigfte fchicfen $u laffen. Slber wie leichten #er&enS 
hätte fte biefen SSerluft oerfchmergt, wenn nur @Ht nicht 
ju ©chaben gefommen wäre. — 

2ln ben $rofeffor war eine $epefche gefchitft worben. 
3m Saufe beS SBormittagS fam er an. (Serba hatte nicht 
ben 9Jlut, ihm entgegenzugehen, ©djeu unb flitternb 
ftanb fte auf ber Seranba, als fie feinen ©chritt hörte, 
unb ftüfcte fich an ben Sfjürpfoften, weil fie weinte, fie 
muffe umfinfen, wcil)renb er an baS 33ettd)en eilte. 

©ie hörte einen tiefen ©eufeer, fie fah, wie er fich 
hinabbeugte unb einen Sfufj auf bie ©tirn feines SinbeS 
brücfte. 

2)ann wan!te fie auf ihn ju unb fagte wirre 2öorte, 
wufjte fie faum, ob er fie hörte, beim er fdjaute nur 



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136 3bre Sd ? ulb. 

immer auf baö oeränberte, Blaffe fteine ©efidjt. 68 war 
eine rücffjaltlofe ©elbftanflage, ein flefjenbeä Stammeln 
um SBerjeihung. 

„Sagen Sie eS mir offen, £err ^rofejfor, ob ffintn 
nach bem, waä ich oerfdjulbet, mein 2lnblid unerträglich 
ift. 3$ fönnte begreifen, bafc e8 °$ntn eine (Erleichterung 
märe, mich nicht mehr ju fehen. älber wenn Sie noch 
ein bifjehen (Srbarmen für mich übrig haben, fo laffen Sie 
mich bleiben, bis eS @üi beffer geht. 3<h »^6 ja nicht, 
wie ich «8 tragen follte, fern ju fein — ohne SHadjricht. " 

@r fdjaute nun %u if)r auf, er fah, wie tief pe litt, 
unb bei allem Schmer^ auf feinen 3*igen mar in feinem 
Sölicf eine warme ©üte, bie fie nie, nie wteber oergefjen 
fonnte. 

„@ä ift ein Unglücf, baä un§ alle getroffen h<*t. 
fragen Sie es mit un$, ©erba! 2Benn es 3h nen nid^t 
&u traurig geworben ift bei uns," fagte er fanft. 

Mehrere Sßochen lang glich ein Sag bem anberen. 
2ßte ein grauer Schleier lag'ä über bem SBalbhauS. 

Oben arbeiteten bie Schreiner, Maurer unb 3Kaler, 
um bie Simmer wieber in ftanb ju fefcen. ®er $ro* 
feffor fchlief in feiner StrbeitSftube, £ebmig ^attc fich in 
bem Salon ihr Sett auffchlagen laffen, unb ©erba liefe 
e$ fich nicht nehmen, auch nachts bei bem Äinbe ju bleiben. 
$er $rofe|for fyattz jwar biefem 2Bunf$e eifrig wiber« 
fprochen, unb £ebwig fyaüt fpöttifch gerufen: „2öa3 
würbe bein Verehrer Xanten fagen, wenn wir beine 
oolle 3 c ü ™ Slnfpruch nehmen, bir nicht einmal 9Zadjt« 
ruhe oergönnen!" — 

@3 war auch e * n * Pflegerin engagiert worben, aber 
bie Sieine, bie noch immer fehr erregbar war, fürchtete 
fich *>or ber weiften £aube, oor ber grauen ©eftalt unb 
wollte nur ©erba um fich h<*ben. 



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Hooeüe von CEmma ITTerf. 137 

Seben 2lbenb, wenn cä bunfel würbe, Hämmerte fie 
fid) ftebernb an ben 9lrm beä jungen Stäbchens unb flehte- 
angftooQ : „flommt baS $euer nid&t wieber? Du bleibft 
bei mir, ntdfjt maljr, Sante ©erba?" 

Unb fie mufete mit leifer ©timme ©ebtdfjtdfjen Ijerfagen, 
Heine, Ijarmlofe ©efdjidfjten ergäben, um ba8 arme flinb 
&u beruhigen. 

£ebmig fyatte fein SBort meljr t)on iljrer Slbreife ge* 
fagt, unb es festen faft, als märe (Söt gutn grtebenSengel 
gwtfcljen ben Sotten geworben, als Ijätte gemeinfame 
©orge fte wieber jufammengefü^rt. §ebmig meinte oiel 
unb füfjlte ftd^ fef>r angegriffen, obwohl fte wenig ©efd&idf 
geigte, ftdfj im flranfenjimmer nüfclidfj gu madfjen. 

SWmäljlidfj liefe ba§ gieber nadj. Die kleine ^atte 
aud& Suft gu effen — fte lachte wieber. 2lber fie blieb 
merfwürbig gern in ifyrem 93ettd&en liegen unb fdfjien ifyre 
bisherige lebhafte 33emeglid)feit oöllig verlernt gu fjaben. 

©erba ^atte fd&on lange bemerft, wie forgenooK ber 
^rofeffor feinen Siebling betrachtete, unb fte fafj eines 
SageS oont genfter au§, bafe er bem 5lrgt, ber wieber 
bagewefen war unb 9tuf)e unb ©dfjonung oerorbnet Ijatte, 
in ben ©arten folgte unb mit ifjm fpradj. 

@r fyatte üjn wofyl um eine (Sdlärung gebeten über 
ben «Suftanb be§ ßinbeS. ©erba meinte, fie müffe burd&3 
genfter oon ben Sippen, oon ben ÜDiienen ber beiben 
■JJiänner ablefen tonnen, was fie fpradjen. Slber ber 
2lrgt war ficfjtlicij fo gewöhnt, feine 3üge gu befjerrfdfjen, 
baf$ fte nid^tg gu erraten oermotfjte. ©ie falj jebodf), wie 
ber ^Jrofeffor nodfj bleidjer würbe, als er ofjnefn'n fdfjon 
war, unb bann ging er mit gebeugtem §aupt in baS 
£au3 gurücf. 

3^r war fo bang, fo fdfjwer. @S mu&te eine fdfjlimme 
SluSfunft gewefen fein, bie ber Slrgt gegeben Ijatte: ber 
^tofeffor war offenbar fdfjwer betroffen. 



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138 3l?rc 5d?n!b. 

©ie mar \d)on Iängft bie alte nid;t mehr. 2)iefe 
legten äBodjen Ratten fie gana oeränbert. Sie mar nicht 
mehr bie ladjenbe, oberflächliche ©erba, bie nur ihrem 
eigenen Sergnügen lebte. 60 weit, fo fern fdfjien baS 
alles. ©ie begriff nicht mehr, ba& ber tecfe Xanten nur 
einen Moment SJiadjt über fie gemonnen, ba& fic im S3c= 
griff geroefen mar, fich oon feinem SiebeSroerben hinreifjen 
N 8u laffen. 3h* Seben hätte fie hinwerfen mögen, um 
ba£ ftinb $u retten. 9lur ein einjigeä l)t\&% Verlangen 
mar noch in i()r, fich aufopfern *u bürfen, bleiben au 
bürfen bei ihm, bei bcm ßinb, um in treuer Eingebung 
ju büfcen für iljre ©djulb. 

Sie ftanb im ©arten, mäfjrenb (Sfli fchlief, unb flaute 
in bie grauen §erbftroolfen, bie fich um bie Serge ju- 
fammenjogen, unb horchte auf baä Dlaufchen beS ©turmeS 
in ben Räumen, bie ftch fchon gelblich &u färben be* 
gannen. 

3)a trat ber ^rofeffor an ihre ©eite. ©ein ©eftdjt 
mar mieber ruhig gercorben, aber feine ©timme bebte, 
als er leife fagte: „(SHi mirb gelähmt bleiben ihr Seben 
lang, ©ie mirb nie mieber gehen tonnen." 



2tn einem milben Dftobertage hatte man bie Äleine $um 
erftenmal im SMmagen ins greie, in bie ©onne gefahren, 
^ebmig mar in ihr 3* mmßr geflüchtet; fie fonnte ben 
Slnblicf nicht ertragen, ©erba begleitete bie flleine, auch 
ber *ßrofeffor ging ftumm neben ihnen unb fudj)te ju 
lächeln, roenn baä flinb j$u ihm aufblicfte. 

S)a trat ein Sote uom Sßoftamt in ben ©arten. 

„(Eine SDepefdje für grau ^rofeffor 3 c ffc"." 

„Xragen ©ie fie inö §au3." 

33alb barauf fam £ebroig aufgeregt in ben ©arten, 
baS geöffnete Telegramm in ber $anb. 

„Steine -Kutter ift ferner franf," fagte fie mit ge* 



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Xloveilt coli <£mma IHcrf. 139 

fcnltcm Slicf. „©ie wünfdjt, bafj idj fofort fomme. 
Sitte, Heg! 2ßaS foH id) tfnm?" 

@erba flaute in ba8 crrötenbe fyübfdje ©ejid&t. Sie 
zweifelte leinen Slugenblitf, ba£ bie ßranffjeit nur ein 
SJorwanb war, bog bie junge grau ftd; baä Telegramm 
beftettt Ijatte, um abreifen ju fönnen. ©ie fjatte in bei 
legten $z\t häufig nadj ©erlin gefdjrieben, unb ©erba 
Ijatte Iängft bemerft, bafj bie ßrfd&ütterung über ben Un* 
fall beS ßinbeS, bie fte eine 2Beile gurüdgeljalten, aH* 
mär)(t(^ an 2Rad&t über ifyre ©eele uerlor. *Run faßte fie 
fidj wofjl, bajj es ein nodj triel ernftereS Seben fein würbe 
aU bisher, ba3 fte an ber ©eite ifjreä ©atten führen 
müfete, unb lieber liefe fte ifjr armes, gelähmtes Äinb im 
©ti$, als fic§ in biefeS traurige ©d&idfal ju fügen. 

©erba muftte fid^ gufammenneljmen, um nid)t in feiger 
Empörung gu rufen: „(53 ift eine Süge! S)u wiHft fort 
für immer!" 

Db @walb fte woljl audj burdtfd&aute? (Sr r)atte fein 
SBort beS SBebauernS, feine grage, fonbern fagte nur: 
„2Benn man bidt) in ^Berlin brauet, barf idj bidj nidjt 
gurücf galten." 

Slber feine ©timme mar finfter, unb er fafj ber 
fd&lanfen ©eftalt mit einem »liefe nadj, ber fein SBlifc 
trauen verriet. 

3n §aft mürben bie Koffer gepaeft; e8 fdjien faft, als 
Ijabe £ebwig fdjon rjeimlidj tr)re Vorbereitungen getroffen, 
fo tafer) war fte fertig. Slber es lag in tf)rer Ungebulb 
weit efyer eine f reubige • Aufregung als bie bange 33e> 
forgntä um eine ©djmerfranfe. 

Die tränen, bie fie an @ttis SBettdjen meinte, Der- 
gitterten rafdj auf it)ren rofig gefärbten 2Bangen. ©ie 
gab i&rem -äJtonn mit gefenften Slugen bie £anb. 

„2eb woljl, (Swalb!" 9lod) eine füfjle Umarmung für 
©erba. „£5u bleibft bod) Ijier? 3ct) banfe bir, bafe bu 




fo Uebeooll für baS arme fiinb forgft." S)ann eilte 
fie in ben fchon bereit ftehenben ältogen unb roinfte noch 
einmal mit bem 2ucfj. 

©aä 2Balbhau§ mit ben brei traurigen 5Jienfchen mar 
balb hinter ihr oerfunfen. SSorroärtS — inö Seben hinein 
ging bie gafjrt! 

gür ©erba gab eö feine f [einliefen 33ebenfen, ob fie 
allein mit bem ^rofeffor im SSalbfjauS molmen fönne. 
Sie mar jefct ^ier unentbehrlich, greilich, roaS weiter 
gesehen fotttc, wenn nun bie Sorlefungen an ber Uni* 
cerfität roieber begannen, unb 3effen in bie<Stabt jurmf* 
teuren mufcte, ba8 raupte fte nicht. 

$er Slr^t hatte erflärt, e§ märe für bie ©efunbfjeit 
beö ßinbeS roünfchengtoert, bafc eö ben SBinter in einem 
milben JUima jubringe unb oiel im freien fein fönne. 
§ebmig ^atte ftdt) auch bereit gezeigt, mit @Qi nach Slrco 
ober nac§ ©ftrbone ju reifen. 5tber mürbe fie ftdj noa) 
einmal auf ihre Pflicht beftnnen? 

SGBenige Sage roaren feit £ebroigä Slbreife erft oer- 
gangen, ba mürbe eines 3Jiittag3 ber SRittmeifter o. Tanten 
gemelbet. ©erba erfchraf. 6ie I>attc eine peinliche (Stm 
ofinbung, alö habe er Urfadje, ü)r p grollen. 33alb nad; 
bem SBranbe mar fein Urlaub ju @nbe geroefen, unb fie 
hatte fich nicht entfdjltefeen fönnen, ihn noch einmal $u 
fehen. ($3 fchauberte ihr oor jener (2tunbe, in ber fte 
allein mit ihm im fleinen $ahn auf bem ftillen, monb* 
burchleuchteten <5ee herumgefahren mar, in ber er oor ihr 
auf ben ßnieen gelegen hatte. -3)er große ©chmerj, ben 
fie erfahren, ber tiefe (Srnft, in bem fie biefe SBocfjen 
oerlebt, ^atte eine foIdt)e Umwälzung in ihrem SDenfen 
unb (Smpfinben h^oorgerufen, baß fte nicht mehr begriff, 
mie fie ftch jemals &u bem feefen, flotten Sebemann hatte 
hingezogen fühlen fönnen, mie fein hübfdjeS ©efid)t je 
SRacht über fie gemonnen hatte. 



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ZtoDclIe ron <£mma ITTerf. 



141 



6r begrüßte ftc mit bem alten vertraulichen %on, als 
erinnere er ftdj nicht, baß ihre lefcte Begegnung fc^r 
wenig freunblich geenbet hatte. „3Rein gnäbigeS gräu< 
lein, idj h°be meinen eigenen Dhren faum getraut, als 
ic§ työxti, ©ie feien noch l)kt. SJteine erfte grage nach 
meiner SRücflehr von ben 9ttanöoern galt 3h n * n - Itc» 
manb mußte, wo ©ie fich aufhielten. Dann traf ich vor 
ein paar £agen grau ^rofeffor Seffen unb erfuhr, wo 
©ie weilten. 3<h nahm fofort Urlaub, ich reifte mit bem 
SWachtfchnelljug, um nur rafdj t)kx einzutreffen. 3<h 
mußte mich überzeugen von bem Unglaublichen. 3a, 
gräulein ©erba, wollen ©ie fich tmrflich h* cr als ßinber* 
Wärterin engagieren laffen?" 

„SEBenn baS ginge — am liebjlen möchte ich es wohl," 
erwiberte fte mit ruhigem @rnft. 

Sr flaute Jie forfchenb an, halb oerftänbnisloS, aber 
mit einem geärgerten SluSbrucf. ,,©ie ftnb ja völlig »er« 
taufet unb verwanbelt worben in biefem unheimlichen 
äSalbhauS. ÜHan fennt ©ie nicht mehr. 2Bo ift 3hre 
muntere Saune geblieben, 3h" frohe SebenSluft?" rief 
er, fich ju einem Sachen jwingenb. 

©ie fchüttelte traurig ben fiopf. „Dahin — wohl 
für immer. 3<h tarn nicht »ergeffen, was ich oerfchulbet 
habe." 

„Da3 ift franffjaft, mein gräulein. ©ie foHtcn ftch 
mit aller ©ewalt losreißen. Unb wenn ich e $ wagen barf, 
auch von mir ein SSÖort ju fagen: ich habe wohl alle Ur* 
fache, ferner gefränft gu fein. (Srft fchienen ©ie wirflich 
ein wenig 3«tereffe für mich zu haben; mit einemmal ift 
baS nun wie fortgelöfcht." 

Sine feine SRötc ftieg ihr in bie blaffen ÜBangen. 
„©ie haben recht, verzeihen ©ie mir!" bat fte bekämt. 
„Slber ich habe wirflich für nichts mehr auf ber SEBelt 
3ntereffe, als für baä arme £inb." 



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142 



3fyre Sdjulb. 



©eine Slugen bluten aornig auf. (Sr beljerrfd&te nur 
müfjfam feinen ©roll. „28irflid& nur für bas ßinb?" 
frug er mit einem fpöttifd)en Xon, Bei bem irjr baS Slut 
noefj feiger in bie ©tirne ftteg. „31)*« ©teHung fyier 
wirb bodj auf bie $auer unhaltbar fein. (Ss madjte mir 
nid&t ben (Sinbrucf, als bädjte bie Stau beS §aufe3 fo 
balb äurücfyufeljren. Unb ©ie bleiben bennodj? OTan 
mirb barüber fpredjen." 

„2Ba8 fümmert es midj? m$ ijält eine ^eilige 
<ßfKc$i I;icr. " 

„3Wan merft ben Umgang mit einem ^Jfjilofopljen. 
Das SSBeltfinb ift befeljrt roorben," fagte er füf)l, inbem 
er fidj mit einem ädjfefautfen err)ob. 

6r beugte ftdjj über ifjre £anb §erab unb fügte fie 
mit §öflid)feit. Slber fte füfjlte beutlidj, bafe er Ijeimlidfr 
badete: „©ie ift eine überfpannte Närrin. 3)a ift nid&ts 
mefjr gu machen." Unb roie fie biefem rjarten, gleidfc* 
gültigen SBlicf feiner bunflen Slugen begegnete, befd&lidjj 
fte ein ftarfer S^eifel, ob er jemals, audfj bei feinem 
bringenben Sterben, ein warmes (Smpfinben, eine wirf* 
lidfje Neigung für fte gefjabt fjabe. 

3Bie grembe gingen fte auSeinanber. — 

Reffen rjatte ben SRittmeifter baS §auS oerlaffen fefjen. 
@r mar am Slbenb nodfj fdfjroeigfamer als fonft. 

„©ie bringen bem Stinb ein ^u großes Opfer, grau« 
lein ©erba," fagte er plöfclidfj. „63 mu& ein @nbe Ijaben." 

„SSoIIen ©ie mid^ fortfd&itfen?" frug fte erföroefen. 
„Slbcr Glli mürbe boer) fo meinen, wenn Sante ©erba 
nid^t mefjr ba märe." 

„SSarum follten ©ie ftd^ uon ßinbertljränen galten 
Iajfen, roenn bie eigene Butter ftd; fo leisten §erjenS 
t)on bem armen $inbe loöreijjt?" 

©ie flaute ifjn fragenb an. 

„$ebroig fommt nidjt wieber, " fagte er fjerb, bitter. 



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ZTooellc von €mma Itterf. 143 

„3$ befam ^euie einen 33rief meiner Schwiegermutter, 
fie fdjjrteb, fte Ijätte einen ^erjframpf aus Sorge um ifjre 
Xodjter gehabt, bie fo unglücflicfje Briefe nacr) $aufe 
fd&rieb. Sie finbe §ebraig elenb, abgehärmt, e§ bürfe 
nid§t fo roeitergeljen. 60 leib es ir)r tfjue, fte müffe baS 
2Bort, baä allein Söfung bringen fönne, auSfpredjen : 
©Reibung." 

„Unb Sic roittigen ein?" frug ©erba. 

($3 fiel tym auf, baft baö Wäbd&en feinerlet Ueber* 
raf^ung tjcrrtct. 

„Sie fjaben geahnt, gemußt, baft e§ fo fommen mürbe, 
©erba?" fagte er langfam. 

Sie nicfte. @inen Moment lag e§ if)r auf ber Bunge, 
ir)m ju »erraten, roarum £ebrotg fort mar, für wen fie 
iljn geopfert Ijatte. 2lber fie überroanb bie fjä&ltd&e SRe* 
gung unb fd&roieg. 

„3dfj werbe eine grau, bie rnicf) r>erlaffen will, nidfjt 
fingen, an meiner Seite flu bleiben," erflärte er mit 
einem 3ucfen um bie Sippen, baö itjr roer) tfjat. 3)ann 
fuljr er fort: „63 tfjut mir freiließ leib für ba§ Sinb, 
bafj e§ nun in ben Stabtftrafeen im Stottmagen Ijerum* 
fahren foll, bafe man eö bie groei r)ol)en treppen herunter* 
tragen mufj, biä idfj eine anbere 3öor)nung gefunben fjabe, 
brausen oor ber Stabt, in einem ©arten, allein baS 
ift nidfjt ju ä'nbern." 

„Sieber §err $rofef)or," bat ©erba mit faft leiben* 
fcr)aftlicr)er Slngft, „trennen Sie mief) nidf)t oon bem $inbe! 
Vertrauen Sie e3 mir an, idfj miß es r)üten mie meinen 
Augapfel. Soffen Sie mid) @Öi mitnehmen nacr) ©ar* 
bone ober irgenbroofjin in ben Süben. Söenn idj um 
fie fein barf, bin idj ruf)ig, fonft quält micr) Sag unb 
SRadfjt ber ©ebanfe an ba3 ßinb. D, ftrafen Sie mief) 
nicfjt fo graufam!" 

@r brüdfte if)r bie $anb, ergriffen non ir)rer tiefen 



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144 3bre Sdnilb. 



(Srfcfjütterung, von ihrem ucr^roeifeltcn 93licf. „ärme 
©erba! Stuf 3h*e ©eele fyat ftch f)ier eine fernere Saft 
gewollt, unb bie glügel ftnb 3h ncn befdjjnitten worben. 
®S wirb mir fd&wer werben, mich t>on bem Jtinbe ju 
trennen. 216er wenn ber Srjt es wünföt, unb wenn 
©ie wirflich 3h*e fd&öne greifjeit opfern wollen, fo füge 
ich mich." — 

3a, eine fernere Saft ^atte ftd^ auf ihre ©eele ge* 
weilet! ©erba füllte eS in biefer 9ta<ht, in ber fie fid> 
ben Sopf barüber ^erbrach, warum gerabe lieblofe, falte 
grauen wie §ebwig fo tief unb Ijetfe geliebt werben, in 
ber fte ftch mit eiferfüchtigem ©roll unb augleich mit 
bangem (Sntfefcen geftanb, bafe fte ber Ereulofen biefeS 
SKänner^erg nicht gönne. 

Unb am nädfjften $age empfing fte oon $ebmig einen 
langen 33rief. £)iefe bat um üHadjricht über baS Äinb. 
©ie gab flu, bag ftch fo man<$eS anberS geige, als baS 
Heimweh eS if>r tiorgefpiegelt tyabe, bafe fte ftch ihren 
©djritt erft in Stühe überlegen müjfe. ©erba ^abe wofjl 
oftmals recht gehabt. 

2BaS bebeutete baS? ©erba Parrte lange mit büperen 
Slugen auf baS 93latt. SBottte §ebmig einlenfen? «e< 
reute fte ihren ©chritt? £atte eine neue Saune ft<h ihrer 
bemächtigt? 

Unb f i e foßte nun bie Sermittlerin fein? $er Srief 
war wof)l eigentlich für gwalbS Slugen beftimmt. Gr 
foüte bie SluSreijserin bitten, äurücfyufommen, ihr ben 
erften ©chritt entgegentf)un. D, er war ja noch immer 
verliefet in fie! 9Ber fonnte miffen, ob er nicht alles 
uergajj, wenn fte nur ein freunblicheS SBort für iljn 
hatte. 

©erba fühlte freilich eine wilbe Empörung bei bem 
©ebanfen, bafj er feinen ©tolj fo weit oergeffen fonnte, 
bafj bie Seid&tftnnige fo mit ihm fpielen bürfte. ©ie 



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HorcUe von (Emma liier? 



145 



fjatte £ebroig all$u flar burd&fdfjaut, fic uerabfd&eute ifjren 
<5f)arafter. 9Dtft einer feigen Süge fjatte ftc ftdfj fort* 
geftofjlen aus feinem §aufe, fte f)tng nidfjt einmal an 
ifyrem fiinbe mit roirflidfjer Steigung, fie liebte nur ftd^* 
fel6er, if)rc 6dfjönfjeit, ifjre fdjjlanfe ©eflalt, it)r meines 
&mbergeftcf)t. ^übfd^e Sieiber an$tel)en — baS mar für 
fte bie flrone beS Sebent. 

9J<it einer geroiffen ©enugtljuung Raufte ©erba 2lm 
Hagen unb Sorroürfe auf bie IeidEjtfmnige junge grau, Bis 
ifjr plöfclidjj baS 33lut in bie ©tirne ftieg, unb fte ftdj 
befdfjämt eingeftanb: bu fträubft biclj nur gegen biefe 
^ffid^t, bie bod& unabweisbar ift. @r roünfdfjt ja bocfj im 
©runbc feines £erjenS bie Serföfjnung mit £ebroig. 
3lber bu roiflft nidfjt, weil bu biclj nicljt trennen magft 
oon bem Sinb, weil bu unentbehrlich fein roiflft für i>en 
5Kann, ber einer anberen gehört. 

(Srft beim Äbfdfjieb ^atte fte ben <5ieg über ftdf) er* 
rungen. 6ie gab bem ^rofeffor ben SBrief feiner grau 
unb fagte: „3dfj fjabe an §ebroig gefdfjrieben, ba& ich mit 
@Hi nach bem ©üben reife. Slber <5ie fet)en, £err $ro* 
fefior, fte ift voü Zweifel, ringt mit ftdj. 2Benn <5te 
ihr noch einmal bie ßanb entgegenftrecfen, roer roetfj, ob 
nicht alles roieber gut werben fann." 

@r lieft mit ernften 3lugen ben ©rief in bie £afd(je 
gleiten; aber fie vermochte nicht ju enträtfeln, ob in 
feiner <5cele ein §offnungSfchimmer aufleuchtete. 



3n ben 2öintermonaten fafjen bie in ©arbone am 
fd)önen ©arbafee roeilenben ©äfte täglich eine hübfcfje 
junge ©ante mit einem Stube, baS man im Sftollroagen 
fuhr. $ie jungen 9Jiäbchen, bie grauen maren alle er» 
griffen oon ber Schönheit ber armen kleinen mit il)ren 
golbblonben Socfen, bic ein roaljreS (SngelSgeftchtchen um« 
floffen. Wlan braute ber fleinen CSUi Sölumen unb Spiel* 

1901. VII. 10 



146 3t?rc Sdjulb. 



fleug, man überfd^üttete fie mit Siebe, Die §erren Ratten 
bagegen lebhafteres ^ntereffe für bie Segleiterin, bie fich 
fo unnahbar verfielt, unb nur für baS Äinb lebte, von 
bem fte 2ante (Serba genannt mürbe. 2llfo nicht bie 
ÜJtutter! Unb bennoch biefe ^ingebenbe 3^^^' @* n 
blaffer junger 3Wann, ber im ©ommer ferner Iran! ge* 
mefen mar, fa& täglich auf einer ber 33änfe, an benen fie 
oorüberfam, grüßte fie fefjr ergeben unb flaute ihr mit 
roarmen, fefjnfucht3uolIen Slugen nad). 

Einmal fyatU Serba Sefannte aus Berlin getroffen, 
bie nicht genug ftaunen fonnten, baS gefeierte -Dtäbchen 
fo Döttig öerroanbelt roieberjufinben. ©ie fonnte nicht 
umhin, währenb beS (SefprädjS nach aerfdjiebenen -äRen* 
fdjen ju fragen, um auch enblich ben tarnen beS SBaronS 
©ejjler einfließen flu (äffen. $ebroig fc^rieb roofjl ab 
unb ju unb befam SRadjridjt über baS ftinb, aber es mar 
(Serba ganj bunfel geblieben, mie fid^ baS ©djicffal beS 
grreunbeS geftattet hatte. 

„2ldj, haben ©ie baS nicht gehört?" erjagten bie 
berliner. „Der Saron Ijat fich ja gänalich unmöglich 
gemacht. @r hat fehr hoch flefpielt; aber baS märe nicht 
baS ©djlimmfte. @r ift auch in biefen neueften Spieler? 
pro^eß mitoerroicfelt, unb ber StuSgang ber @efchichte 
fcheint für ihn höchft zweifelhaft. Sfta, jebenfallS wirb 
nun feine 9loUe in ber ©efeHfdjaft &u @nbe fein." 

@in bitteres Sädjeln ^ufd^te um (Serbas Sippen. Dann 
mar fidjer auch §ebroigS Segeifterung für ihn vorbei. 
Daher alfo ihre Skrftimmung, ihr Söunfdj, einjulenfen! 
Db ber s #rofeffor roohl ftolj unb unbemegt geblieben mar? 
@r fchrieb ja häufig, aber fie fpradjen in ihren Briefen 
nur über baä $inb. — 

SBährenb ber erften SBochen in (Sarbone ^atte fie ihm 
eine fo freubige Nachricht fchreiben fönnen. ©in ju SRate 
gezogener italienifcher 2lrjt behauptete, fein bcutfd)er 



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Zlovtüe von (Emma 21terf. 



14? 



College ^abe ftdj über ben 3uftanb beS ßinbeS geirrt. 
2)urch feine öehanblung würbe bie kleine wieber t>oll* 
ftänbig ^ergefieHt werben. 

216er als ^rofeffor 3*ff*n um bie SBeihnadjtSaeit fein 
Äinb Befugte, ba fchritten fte nach wie vor hinter bem 
SRollwägelchen ^er unb befdjloffen, bie nufclofe Quälerei 
aufzugeben. 3)er 3trjt felbft erflärte nun ben %aU für 
hoffnungslos. 

„2öie traurig $ebwig baS pnben würbe!" fagte (Swalb, 
als ©erba einmal felbft bie fileine ins Sreie trug. 

@r backte alfo immer noch an fte! 93eftänbig an fte! 

3m grüfjjafjr fottte baS Äinb nach 28ieSbaben gebraut 
werben. 9Jian öerfprach ftdj ja feinen Erfolg mehr, aber 
©erba bat fo lebhaft, boef) noch biefen Serfudj ju machen. 
3m nädjften 3^re mufete @lli lernen; bann burfte man 
feine Reifen mehr unternehmen. Vielleicht ihr felber um 
bewußt, unterftüfcte ©erba biefen SSorfdjlag einer 33abe* 
für mit foldjer äBärme, weil ihr bann baS Äinb noch 
eine äBeile allein überlajfen blieb. 

<5ie meinte, baS £erj müffe ihr in ©tücfe gehen, 
wenn fte an eine Trennung bachte. Unb fte hotte früher 
gemeint, bafe fte fein 3ntatfffa für fiinber §abz. üftun 
war ber mütterliche 3ug in ihrem SBefen mit einer leiben* 
fdjaftlichen ©ewalt erwacht unb fettete fte an biefeS h^f s 
lofe ©efchöpf, bafe fte ihr ganjeS bisheriges geben barüber 
oergeffen fonnte. — 

Sluch aus 2öieSbaben famen feine tröftlichen 9tach« 
richten an ben $rofeffor. @Hi fühlte ftch jwar frifdj unb 
war munter, aber es blieb alles beim alten. 

9Jian h^tte oerabrebet, bafc ©erba (Snbe ÜJ^at nach 
bem SöalbhauS jiehen unb bort mit ©Iii bleiben foUe, 
bis bie Serien bes ^rofcfforS begannen. Slber er befam 
oorher einen 33rief, in bem ©erba ihm fchrieb : ©Iii habe 
in äBieSbaben ein gleichalterigeS 2Jiäbchen fennen gelernt, 



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148 3f?re Sdjulb. 

baS auch nid^t gehen fönne. $ie Bcibcn ßinber Ratten 
eine rttfjrenbe greunbfcfjaft füreinanber unb feien troftloS 
über ben Slbfdjieb. $ie Mutter ber fleinen 3ba habe 
bcS^alb bringenb gebeten, ob @fli nicht mit ihrem Softer-- 
djen noch eine 2öeile aufammenbleiben tmb auf ihrer Sßiüa 
bei Slugäburg wohnen bürfe. (53 fei eine fefjr feine %a- 
milie, @Hi habe wieber fröhliches Sachen gelernt mit ihrer 
©efährttn. 

Der ^rofeffor fdjrieb umgeljenb: „5öa8 bem armen 
ßinb greube macht, foll ihm gemährt roerben. 3ch werbe 
fo balb als möglich nach SlugSburg fommen, um bie bei« 
ben Steinen, bie fich gegenfeitig ein $roft jinb unb fiel* 
leidet als ©chicffalSgenoffmnen eine greunbfd&aft fürs 
Seben fdjtiefjen, gu fehen." 

2(ber fein Sefudj lieft lange auf fich warten, ©erba 
war beunruhigt. Sie r>attc auch non £ebwig feine SRach* 
rieht met)r erhalten. 

Ratten bie beiben fich roiebergefunben unb in biefer 
SerföhnungSfreube baS franfe flinb oergeffen? 

<5ie oerlebte biefe 2öochen in einer Ijodjgrabigen (Sr* 
regung. 

Dann fam cnblict) ein 33rief be§ ^ßrofefforS. Sr fei 
fel)r franf gemefen, habe heftiges gieber gehabt, fei noch 
fehr fd&wacf) unb muffe fidt) fronen. 

Sie riet ihm bringenb, fich baS äöieberfeljen mit (Sfli, 
baS i^n bodfj immer angreife, bis auf baS äBalb^aud ju 
erfparen, in bem fie nun binnen fur^em eintreffen wür* 
ben, unb bat um 9?adfjridf)t über fein weiteres 93efinben. 
$ch, fte wagte ihm ja nicht ju fagen, nrie eS fie betrübte, 
ihn allein &u wiffen, franf, ohne Heberolle Pflege, mit 
feinem traurigen, verarmten §eqen ! 

(Sfli h^tte jum erftenmal, ba fie bei ©erba fdjreiben 
gelernt, einen ©rufe an ben lieben ^aya gefchidft. 

@S mar geworben, als ©erba mit bem äinb bie 



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HoücUc Dort (Emma Jllerf 



149 



Steife an ben Segernfee antrat. 3m 2Mbf)auä war längft 
alles gu if)rem (Empfang vorbereitet worben. 

fic glücflicf) in bem ©ommerFjeim angelangt waren, 
fd&icfte fic eine $epefd;e: w s H>ir finb Ijier unb Marren 
3J)reä 23ef udjeS." 

«3$ fomme morgen," lautete feine Antwort. 

(sin fo ferner, geller ©onnentag! ©erba tyatte fcijon 
bie ©onne erwägen fefjen, fo ungebulbig Köpfte tfjr £erj 
biefem borgen entgegen, ©ie ftanb am ©artenjaun unb 
flaute IjinauS in ben blauen £)uft, ber über ben Sergen 
gitterte, bie Söelt festen ifjr wieber fo fdjön, fo wunber* 
bar fdjön. @S war, alö feien in iljrem £er$en Quellen 
ber greube, bie fidj wieber regten, bie jrotfd^en Slngft 
unb Seflemmung unb ©orge fyertwrbradjen mit wilbem 
Ungeftüm. 

Unb nun l;örte fie einen 2ßagen. ©ie füllte, ba& fte 
blafj geworben war oor übermächtiger Erregung. 

2llä er ir)r nun mit feinem warmen „©rüfi ©Ott!" 
bie £anb entgegenftredte, ba erfdjraf er über iljr bleid)e8 
©cftdjt unb rief: „2öo ift (Slli? 3ft fie franf?" 

„•ftein, mein Jyreunb. Mi fommt gleich 3d; Ijole 
fte. ©ie foüen bas ßinb Ijier begrüben ^wiferjen ben 
SRofen." 

©ie eilte in baö £auS, gleidj barauf fam fte wieber. 
Slber nid)t mit bem traurigen ©efäljrt, auf baS er wartete 
— nein, mit @üi, bie an tfjrem Slrme Ijtng unb fid) 
bann loäriji unb auf ben SJater juftürgte unb il)m um 
ben §al3 fiel unb jaudjjte: „3$ bin wieber gefunb, 
Sßapa! 3$ ^nn wieber fjerumfpringen!" 

©erba füljlte: baö war ©lücf, ba3 ljöct)fte, menfdj* 
lidjfte, felbftlo[efte, unocrgef$licf>fte ©lücf, wie fie nun in 
biefen ernften äügen bie Iidjte, banfbarc greube auf* 
leudjten fal). 

„(Sßi! Weine GOi!" 



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150 ZJtjre Sdjulb. 

@r fonnte nur bic paar SÖBorte Ijeruorftammeln. @r 
Ijob baS Jltnb empor unb brücCte es an fid& unb fteHte 
cS bann, üorfidfjtig, ängftlidj faft, roieber auf bic güfce, 
als fönne er noefc nidjt glauben an baS SBunber, baS 
Ijier gefdfjeljen war. 

„3ft es benn roaljr? ®u fjaft feine ©dfjmerjen meljr, 
mein ©djafc? 3ft n>irHidfj alles gut?" 

@r prefite in feinem @Iü<f ©erbaS §anb, als wolle 
er fie nie roieber los laffen, er flaute fie an fo banfbar, 
fo roarm, als fyabe fte felber bie Teilung oollbradfjt, als 
Ijabe fie iljm bas Seben roiebergegeben. 

©ie fjatte 2f)ränen in ben Slugen unb in ber Stimme, 
roäljrenb fte entgegnete: „3d& fabe $ftnm uerfdfjroiegen, 
baft idfj eine neue ßur oerfudfjte, §err $rofcf[or," fagte 
fie beroegt. „2)ie (Altern ber tleinen Qba, oon ber idj 
S^nen ja f<$rteb, unb bie tfyatfädjjltdfj in ber 9tälje oon 
SlugSburg wohnen, rieten mir fo bringenb, baS fiinb in 
eine £eilanftalt für SDIedjanotljerapie, ju einer ÜRaffage- 
unb SeroegungSfur gu bringen. 2öenn ©ie gefommen 
mären, Ijätte idfj %§ntn freiließ alles geftefyen müffen. 
Slber ba ©ie fern blieben, franf unb erregbar roaren, 
wollte td£> S^nen nid&t neue Hoffnungen, oielleidfjt neue 
(Snttäufd&ungen bereiten. $er armen fleinen 3ba fonnte 
audj biefe §etlroeife nidjt Reifen, unb idjj fyabe beftänbig 
gegittert, baj$ bie erften Slnjeidjen ber 23e)ferung bei @üt 
trügen fönnten, ba& nadj einigen 2öodfjen ber froren 3«' 
oer{id)t ber alte 3ammer roieberfefjren mürbe. SaS wollte 
idj 3^nen erfparen. Unb bann, als es fo rafdj, fo über 
Erwarten gut mürbe, ba fonnte id& mir bie greubc biefer 
lleberrajdfjung nidfjt oerfagen." 

©ie fd&lenberten burdfj ben ©arten, in ben bie frifdjc 
Sergluft fyeretnroeljte ; er fjielt Gflis £>anb, freute fid& über 
jeben ifjter ©d&ritte unb Ijordf)te mit gefpanntem S^terefje, 
als ©erba ergäljlte, mie l)offnungSooll ber Seiter ber 2ln* 



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. I 



Hodcüc von €mma IHerf. 151 



palt ftdj fofort auSgefprodjen, bafe er an eine 3?erle$ung 
bcS SRücfenmarfeS nicht geglaubt, auf welche SBeife er 
bie 9BuSfeln &u ftärfen gefugt unb bie erften ©efjübungen 
ceranlajjt IjaBe. 

(Sin paarmal machte @Qt eine brollige Semerfung, 
unb ©erba l)örte ben ^rofeffor froh lachen. 2luch fah 
er fo frifd) unb jugenblidf) aus, wie nie rorher. 

„2ftir ift e§, als märe id) eines 3llpbrucfeS lebig/' 
rief er tief aufatmenb. „3$ werbe wteber ein anberer 
9Henfd) werben fyzx im SöalbljauS. " 

9iadj als (SEK ein wenig fdjltef, fafjen fte gu* 

fammen im SSo^njtmmer. Die 3>alouften waren ^erab* 
gelaffen, ein wohliges grünes Dämmerlicht ^errfcfite in 
bem füllen SRaum; man hörte beS SadjeS 9toufdjen, unb 
ber Duft ber Sinbe wehte herein. 

Der Sßrofeffor raupte feine 3»9«^- ©erba fjatte ihm 
ben Kaffee etngefchenft. 9^un \)k\t fte ihre ©tieferei in 
ber §anb; aber fte fonnte nicht arbeiten, fte fühlte ein 
3ittern bis in bie gingerfpi^en. 

„deinen <5ie nidjt f bafe man $ebwig fofort Nachricht 
geben müffe über bie Teilung?" begann fte leife. „3$ 
habe es noch nicht gethan. 6ie mußten bodj ber erfte 
fein, ber es erfuhr. Slber fte ift bie Butter." 

(Sr niefte, unb es lag ein gewiffeS ©taunen in feinen 
2lugen. „Sie ftnb gut unb großmütig, 14 fagte er. „<5te 
haben twßfommen recht, man muft eS ihr fdjretben. @S 
wäre unnatürlich, wenn fte nicht einen 9foft t>on Slnteil* 
na^me übrig hätte. SSenn eS 3h™n nid)t ju fchwer faßt, 
gräulein ©erba, fo übernehmen 6ie Den 93rief. 3jc§ würbe 
ben 2on nicht gu treffen wiffen, 6ie begreifen baS wohl. " 

©erba ^atte bie Slugen weit geöffnet. 3^re Sippen 
bebten. „Sie fyahtn §ebwig nicht mehr getrieben, auch 
nicht nach jenem ©rief, nach jenem t>erföhnlichen $on, ben 
fte anfehlug?" 



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152 3^ rc Sdjttlb. 

„Wu\\" ermiberte er Bart. „2Benn fte fjättc j%urürf= 
fefjren mollen, fo wäre cS an i^r gemefen. al§ Sittenbe 
&u fommen. 3$ Bettle nidf)t um eine Stcbe, bie ftdj t>on 
mir aBgeroenbet Ijat." 

(Sine heftige S^ube burdjftrömte ©erba Bei feinen 
Söorten. <5ie mar frolj, bafe er in bem Sämmerlidjt 
ntd&t feBen fonnte, mie tftre Söangen glüBten. ©leidfj 
barauf fdjämte fte ftd&, bafe fte t>ergejfen Ijatte, mie mel 
biefer ©tolft iBn gefoftet IjaBen mußte. 

,.<3e&en ©ie, lieBe Steunbin," fuBr er erflärenb fort, 
„mein SeBen lang Bemülje id& midfj, fceltfd&c Regungen, 
feinfte (Smpfinbungen be§ OTcnfd^cti^er^enö 311 ftubieren 
unb ergrünben, itnb als e§ ftcfj um mein eigenes ©lücf 
Banbelte, mar idj fo Blinb. fjaBe eine grau gelieBt, 
fte Bat jahrelang an meiner Seite geleBt, ofjne bafe i<$ 
ftc fannte. SIBer nad&bem biefc ©rfenntniä gefommen 
mar — eine in ber $fjat feBr fd^mer^tid^e @rfenntni§ — 
ba fonnte icB ftc fortan meber adfjten nod) Heben. $afe 
fie, bie SJhttter, im ftanbe mar, ba§ arme, Bilflofe ßinb, 
iBr eigenes Ainb, »erlaffen, ba§ geigte eine .gerflloftg* 
feit, bie i(B nidfjt geaBnt fjatte. 3$ fonnte eS mir felBer 
nidf)t tjer^ei^en, ba& idfj mid& mie jeber junge £f)or von 
3cpn!jeit oljne ©üte t>erBlenben liefe." 

©erba fafe gan& ftill, mit einem Seudjten in ben 
Slugen. „©eine Siebe für §ebmig ift tot!" jubelte es 
in iBr. 

@r ftanb am Senfter, oon il)r aBgemenbet. 2Bie in 
einem roefjmütigen ©elBftgefpräd) fuljr er fort: ,,3cf) ge* 
fjöre nun einmal &u ben 9Jlenfdfjen, bie nidjt gelieBt roer* 
ben. 3)ie Statur foflte tfjre ©aBen nur gleicBmäfeiger 
verteilen unb Seuten, benen fie ein ungefälliges Sleufeere 
gab, audjj ba§ §erj »erhärten unb tljre ©eele Bemalen 
uor ©efjnfudfjt naclj ©lücf, nad& ©d&önljeit unb Siebe!" 

2tdf>, mie biefeS Sefenntniö fie rührte, ergriff, mie fte 



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ZTocelle von <£mma IHerf. 



153 



xfyx onbltcfic mit einem warmen, oerljetßenben Säbeln! 
Slber er faf) ben 2luSbrudf auf iljren 3«9^ nw&t un *> 
fie wagte fein 2Bort &u ernribern. 

@r mar im 3immer auf unb ab gegangen. GS f$ien, 
als liege ifjm eine gragc auf ben Sippen, als jögere er 
nur, fie auSjufpred&en. 

„3d& fürd^te, Serba," fagte er enblid), bie §anb auf 
iljren ©tuljl ftüfcenb, „idj muß 3()nen felbft eine 9tad(j* 
ridjt mitteilen, bie ©ie fdjmerjen roirb. 3$ badete, ©ie 
fjätten roofjl audf) fdfjon oon ber merfroürbigen Verlobung 
fpredjen fjören. 216er eS fjat faft ben Slnfdfjein, als märe 
3(jnen baS ©erüdfjt nod& ntdjjt ju Dljren gefornmen." 

„©ine Verlobung, bie midj fd^merjen fönnte? 3$ 
I)abe ja allerbingS ganj wie oerfdjollen gelebt. Stber idj 
müßte nidfjt — " 

„§ebtoig mirb ftdfj jefct, nad&bem bie ©Reibung aus- 
gefprod&en ift, mit Sfattmeifter ». Xanten »erloben!" 

„Wt Xanten?" fd&rie Serba auf. 

GS mar nidjt Seftürjung, nid&t ©d&merj, maS fie em* 
pfanb, es mar ein ©emifdfj oon 3orn, Sefdjämung unb 
DJJenfdjenoerad&tung. 

$er Sßrofeffor fjatte bie §anb auf iljren 2trm gelegt. 

„GS tfjut mir leib, baß idj Qfjnen wefj tljun mußte. 
216er es fonnte 3*)nen ja nidjt oerborgen bleiben. Unb 
fefjen ©ie, ©erba, idjj fann es um 3$retnrillen faum be* 
flogen, baß ©ie ifyn an eine anbere oerloren Ijaben. 3J2ir 
fjatte gebangt um ©ie. 33> ^ätte ja faum ein dhfyt ge* 
Ijabt, ©ie ju marnen, unb ©ie fdjtenen i^n roirflic^ lieb 
ju Ijaben." 

„■Kein, nein! kennen ©ie es nidfjt Siebe, roaS mir 
ein paar ©ommertoodjen lang bie ©ebanfen oertoirrte. 
@S liegt fo fern, fo weltenfern hinter mir, baß idfj mir 
faum bie ©timmung jener Sage jurücfjurufcn oermag. 
©eine Sctbenfd&aft fdjien fo edf)t, fie Ijatte etroaS SRitfort* 



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154 



3fyre Scfyulb. 



reifcenbeS, SeftricfenbeS. Unb alles nur ßomöbie, 33c* 
red&nung! D, nun burd&fdjaue id) ir)n!" 

6ie fdjlug bic £änbe vor baS ©eftdjt. $ie ©rinne* 
rungen an ben vergangenen ©ommer flogen Ijaftig an if;r 
vorüber. (Sie füllte mit tiefem ©rauen, wie nafje fie 
baran gewefen mar, willenlos in feine Slrme ju finfen. 
Gr fjatte geraupt, bafj bie ©ef)nfu<$t nadj bem 33aron 
§ebwig aus irjrem §etm forttrieb, unb als beffen 9lame 
mit ©djanbe bebedft mürbe, als er einfar), bafe feine S3c* 
müfjungen um baS junge 5Jtäbcr)en auSfidjtSloS feien, ba 
änberte er rafcr) feinen SriegSplan unb warb um bie 
junge reidje grau. 

Seffen fdjien ©erbaS ©ebanfen ju erraten. „§erflloS 
unb falt wie §ebwig; fte paffen flu einanber," fagte er. 
„§ebwig ift eine reiche grau, bie gute Partie, bie er 
fucfjte. Qcr) rjabe fel&ftuerftänbfid) auf alles oerflid&tet, 
wa§ tfjr gehörte. QebeS ©tücf ift jurücfgewanbert nadj 
Berlin. 2Hir bleibt nur biefeS liebe 2Balb$auS, baS id& 
von meinem Dnfel geerbt fjabe, unb baS $ebwig ja immer 
nie! flu fdjledjt unb anfprudjSloS fanb." 

@HiS Stimme, bie nad& irjr rief, weefte ©erba aus 
ir)rer fdjweren Serfunfenrjeit. ©te eilte fort unb fd&lang 
bie 5trme um bie Heine ©eftalt unb füfete irjre SBangen 
in Ijetfjer, if)r §erfl burdjjttternber SDanfbarfeit. Gilt war 
ja tfjre Retterin gewefen, ifyr ©crjufcengel. 



2(lö bie erfien ©Ratten über bem ©arten lagen, ftan* 
ben ber ^rofeffor unb ©erba auf ber SSeranba. GÜi fafe 
braufeen auf ber 2öiefe unb flodjt einen Äranj für trjren 
weiften ©pi§, ber gefdjäftig um fte fjerum fprang. 

3effen Ijatte bie £anb ©erbaS ergriffen unb fagte be« 
wegt: „9?un fönnen ©ie bie Saft abfdjütteln, ©erba. 
■Jiun bürfen «Sie wieber fortfliegen in bie greiljeit, bie 
©ie fo lange entbehren mußten." 



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ZloveUt von €mma UTerF. 155 

„TOufe idf) fort?" fragte fie mit gepreßter ©timme, unb 
er falj, bafc i(jr bie Slugen oott £fjränen ftanben. 

w ©ie Ijaben @Hi fo lieb gewonnen, Serba V fagte er 
tief gerührt. 

„3<*," ertmberte fte leife. „3f)r flinb, Sroalb — 
unb ©ie!" 

„Serba!" rief er, tljre beiben £änbe faffenb. 

(Jinen Moment lang flaute er ergriffen auf iljr er« 
glüfjenbeS ©eftdfjt mit ben feud&tfdjimmernben Slugen. 

„©ie täuben ftd§ über ftdfj fel6er," fagte er bann mit 
fanfter ©üte. ,,©ie fefjen miclj einfam. ©ie roijfen, wie 
idf) mid& fefyne nad& einer roarmen, lieben $äu§lid)feit, 
roie wir beiben Serlaffenen, bie fleine (Slli unb idfj, 3^rer 
fo bringenb bebürfen. Unb ©ie motten 3^ entfagungä* 
t>olle Sftolle roeiterfptelen, (Sie fjaben fidj nodfj nid&t genug 
getfyan an felbftlofer Eingebung? ($3 ift nur 2Ritleib, 
Serba, roaö ©ie für midfj übrig Ijaben!" 

„Stein, Sroalb, nein! 3113 idfj ©ie roieberfalj oor 
einem %al)T, ba Ijatte idjj freiließ ein beflemmenbeS ©e< 
füljl, als müfcte idjj ©ie bebauern, als bebrüde midfj 3§ r 
(Srnft, ber mübe 3itg um 3^ Slugen. 63 t^at mir fo 
roefj, bajs icO ©ie fo einfam mieberfanb. Unb bann, 
als \d) Sljnen fclber baS ©djlimmfte angetan f)atte, ba 
roarb biefeS SWitleib förmlidfj ju einer ferneren Saft, bie 
alles erftiefte, n>a£ idjj früher genmnfdjjt unb begehrt, bie 
mein ganjeS 2öefen uerroanbelte. 93i3 idfj mir bann 
eine« SageS gefteljen mufjte, bafj in ben traurigen ©tum 
ben, unter roilben ©d^merjen, bie Siebe über midj ge* 
fommen mar, bie erftc, tiefe, grofie Siebe meines SeBenS. 
@3 ift nur ein 3a^rgel)nt §u fpät, id& roetfe eS, 6roalb. 
316er fagen mufj idj eä $t)r\t\\ bennodj." 

©ein äu& erftiefte ifjre SBorte. Gr Oiett fte feft an 
feine SBruft gebrüdft unb flaute fic an mit üerllärten 
Slugen. 



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156 31?« SdjuiD. 




„Serba, foH benn mein 3ugenbtraum fiä) mirflidj 
nodft erfüllen? SJtein fünfter Sugenbtraum!" 

@ng aneinanber gefdjmiegt fajjen fte in bem grünen 
SSerftedf. 

„W\x ift, als feien all bie 3af)re ein im 
3)unfeln gemefen, als möchte idj mein Seben uergeffen 
bis gu jenem SBintertag cor einem 3a^rje^nt, n?o idj 
©crjtDcifclt über bein Dlein fortlief in <5turm unb SRad^t. 
Slber ©erba, glaub mir'S'! 3$ l)ättc bamals baS ©lütf, 
bidj ju befifcen, nidjt in feiner ganzen ©röjje uerftanben 
wie fjeute. 9hm weife idj erft, roaS eS bebeutet, fein 
£aupt an eine treue 33ruft legen ju bürfen, roaS eS Reifet, 
eine oerftänbniSooIIe ©efäfjrtin gu fjaben." 

2)aS ßinb fam fyerbeigefprungen. @roalb naljm es 
in feine Slrme unb flüfterte ein paar Stortc in baS Heine 
Dfjr. 

©in roenig oerlegen fdfjmiegte ftdj ©Iii an ©erba unb 
fdjmeidjelte mit ifjrem Ijdlen ©timmd&en : „DKutter! Siebe 
Butter! — Slbcr nid)t roafjr, bu geljft nid)t fort, bu 
bleibft immer bei uns?" fügte fie bann mit ängftlidj 
fragenbem ©efidjt Innju. 

„3mmer, immer, mein $tnb!" gelobte ©erba Ijalb 
ladjenb, fjalb fdjlucfoenb. 

$ie (Sterne begannen am Slbenbljimmel aufjuleua^ten, 
ate ber ^rofeffor bie S3iöa verliefe, ©erba Ijatte ifjm baS 
©eleite gegeben burd) ben ©arten, burdj ben bie ©lü^ 
roürmdjen flogen. 

„OTein #er$ lajfe idj f)ier gurücf bei eudj," fagte er mit 
einem legten 93licf auf ifjr liebes ©eftdjt. „Söalb nafyt 
ja ber fjetfjerfefjnte Sag, an bem es feinen Slbfdfjieb me^r 
giebt aroifdjen uns, feine Trennung meljr, nie uneber!" 




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Die Grotten und I>öblen von 

5t. Cancan. 

Eine Sabrt in die Unterwelt des Karstes. 
Uon Bans Sdwrwerker. 

f 

mit n [Illustrationen. (nad)druck verboten.) 

ärjrenb nörbltd^ von Saibadj bie impofante ßette ber 
3ulifdfjen 2Upen ftdj ergebt, gipfelnb im geroaltigen 
£rigla&ftocf, beginnt füblid) bie gormation beä ÄarfteS, 
bie ftdfj über $rain, 3K«rien unb Sftricn erftreeft in 
gorm von £od)flädjen, bie, oielfad) jerttüftet unb von 
Ueffeln, Bulben unb Sridjtern unterbrochen, [teil &um 
Slbriatifd^cn 9JJeere abfallen. 

ift ein öbe§, aber ^oc^intcreffanteä ©ebiet. SBcit* 
rjin fiefjt man ntc^td als in ber 6onne roeifj glänjenben, 
naeften unb allenfalls mit ©eftrüpp bürftig betteibeten 
$alffelfen. §ie unb ba Kulturen in ben 33obenfenfungen, 
2öälber, audf) SluSfidjtSpunfte, bie einen 33 lief über eine 
gan& eigenartige 2öelt barbieten. 216er be§ Äarfteä größte 
SBunber ftnb feine £öf)len unb ©rotten, feine trister* 
artigen ©infenfungen (Colinen) unb fd)acf>tartigen 216* 
grünbe (Saubenlödjer), entftanben buref) bie jum £eil 
unterirbifdjen glufeläufe. 3)iefe Unterroelt be§ Äarfteä, 




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15S IHc ©rotten mib Vioty 



en oon St. clat^ian. 



in ihrer 2lrt nidjt minber 
großartig als bic flogen 
Zürnte unb ^nnen ker 
2Upen, ift oon ber Xou* 
riftenmelt noch oiel 51t 
wenig befugt unb ge* 
roürbigt. 

(Sine 2lu3nahme madjt 
allein bie weltberühmte 
SlbelSberger ©rotte. 3h*e 
günftige Sage an ber Bahn- 
linie Saibadj— £rieft, if;re 
gewaltige 2lu8bef)nung unb 
babei überaus leiste 23e* 
gefjbarfeit, bie ÜRenge unb 
(Schönheit ihrer £ropf= 
fteingebilbe fliehen maffen* 
haft SBefudjer gerbet. 216er 
wer nur bie Slbelöberger 
(trotte gefeljen hat, fennt 
bie Unterwelt beS ßarfteS 
noch lange nicht. 2Bilber, 
ursprünglicher, bei weitem 
großartiger unb padenber, 
wenn auch nicht fo mär* 
chenhaft, tritt fte ihm ent* 
gegen in ben ©rotten 
unb fohlen oon 6t. Gan« 
jian. 

»Sie finb oon ber hier 
inö (Srbinnere eintretenben 
9fafa auögefpült worben 
im Saufe feljr langer 3d* ; 
räume unb bilben ein in 





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160 X>ie (Stötten nnb Fjötyen von 5t. <£aii3tart. 

feiner 2trt einzig baftefjenbeä Stoturnmnber, baö, obroot)! 
fdjon oor\ bem (Sljroniften $aluafor 1689 erroäfjnt, botf) 
erft in ber groeiten §älfte be3 19. 3af)rf)unbert3 erforfcf)t 
unb erft in jüngfter 3*i* *>«»»» größeren ^ublifum äugäng« 
lid) geroorben ift. 

3um erftenmal befuf)r 93runnenmeifter ©. <3oetina 
auä trieft 1840 einen $eil be3 unterirbifdjen glufclaufeS 
ber 9tefa. 2)ie eigentlichen ßrfdjliefjungäarbeiten aber 
begannen erft 1851 burdj 21. Sdjmibl, ber im Auftrage 



ftüfct oon bem SBergpraftifanten 3- 9iubolf unb üier 
Sergfnappen auö 3bria entbecfte er bie nach i(jm Be* 
nannte ©rotte unb noch graei anbere großartige $o$U 
räume, ben SRubolfS' unb ben 6t>etinabom, aber alle 
$erfudje, weiter oorjubringen, fcheiterten. (Srft breiunb; 
breifeig %atyt fpäter gelang eä ben Slnftrengungen ber 
6eftion flüftenlanb be3 ©eutfdjen unb Defterreidjifchcn 
Sllpenoereinö, mit frifdjer ßraft ba3 intereffante unb 
fchroierige Sorfd^ungäroerf fortzuführen, unb il)re „216* 
teilung für ©rottenforfdjung," an beren Spttje bie uner* 
müblidjen Pioniere s 2l. £anfe, 3- 9flartnitfch unb g. 9HüUer 
ftanben, h at in unermüblidjer Slrbeit burdj ßüfjnheit 
unb ©efchicflichfett erreicht, roaS tfjrcn Vorgängern Der* 
fagt blieb. 

25ie Grfchltejjung ber Unterwelt uon St. Ganjian ift 




beS öfterreichifchcn 



§anbel3mini* 



ftertumS bem t>cr= 
borgenen Saufe ber 
3^ela Don bem ©ro* 
fjen Trichter (23elifa 
$olina) bei ßanjian 
an, mo fie in ber 
Grbe uerfchroinbet, 
nadjfpürte. Untere 



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102 X)ic trotten unb f^öt^Icit von St. <Zan$\an. 



\i)x 98er!, unb nidfjt weniger alö 50,000 flronen hat bie 
rührige SllpenuereinSfeftion barauf oerwanbt, um burdfj 
Anlegung fixerer Steige biefe 9Jaturwunber auch bem 
grofjen «J5ublifum zugänglich ju machen. 

2Bir wollen heute unfere fiefer burch 2Bort unb 33ilb 
in jene Ijodjintereffante Unterwelt beä SarfteS einführen. 
$)ie brei Äarten werben eö jebermann leidet machen, 
fief) *u orientieren. 

2lu3gang§punft für ben Sefudj ber ©rotten unb 
§öf)len r»on ©t. (Sannau ift bie (Sifen&afjnftation $i&aca 
auf bem ßarftplateau oberhalb trieft. S)ort fann man 
@infpänner finben, aber beffer unb angenehmer ift es, 
ben 2Beg bis 6t. (Sangian *u gufe &u matten. @r ift rot 
marfiert unb bafjer nicht ju t>erfef)fen. ®r führt gunädjft 
nach bem eine SSiertelftunbe entfernten 3)orfe Unter«2efece 
auf ber Sanbftrafje bahnt, bann auf einem fjufeftcigc burch 
bie öbe, aber intereffante flarftlanbfdfjaft. Sinfö unb rechts 
gewahrt man Colinen, in beren ©runbe ber 2öinb unb 
ber gleifs ber TOenfdfjen bie rote (Srbe angehäuft hat, bie 
^ter allein ben 9lnbau erlaubt. Sonft ringsum ein 
©eroirr »on fallen Äalffteinen unb flippen, in beren 
SRifcen nur ärmliche ©räfer unb Kräuter, fax unb bort 
auch eine oerfrüppelte göljre ober ein SBacholberbufch 
fortfommen. 3* 1 be* 3*rne aber roalbige ^öfjenjüge, 
überragt t>on ber fptfcigen Suppe beö Trainer ©chnee« 
bergS. 

Stach furjer SBanberung führt ber SBeg an bem fteil 
abftürjenben SHanb ber gud&Sboline vorbei, bann burch 
ein Sufchroälbchen, unb plöfclich fehen mir t>or und ober: 
halb gewaltiger Slbgrünbe auf fyofym gelfen malerifch 
baS 2)orf (3t. (San^ian liegen. 

(Sine mit foliber ©tetnbrüftung nerfehene gelSfanjel, 
bie Stephaniewarte, erlaubt und, bis an ben SRanb ber 
©rofjen Coline heranzutreten unb in bie 160 Stteter jäh 



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164 



5t. Cai^ian. 



aOftürgcnbc $iefe f)inabaufdjauen, in beten ©runbe bie 
3kfa fdjäumenb über mehrere gätte fjerabftürjt unb einen 
fleinen 6ee bilbet, elje fte, biejen oerlaffenb, iljren @in* 
flug in bie Unterwelt fjält. 2Beiterl)in ift audj bie kleine 
Coline fidjtbar, baureiferen Der beibe trennenbe gelSgrat, 
auf bem ber ^llpcnoereinsroeg fyinabfüf)rt. $ie 9?efa 
burdjbridjt ben ©rat unb bübet eine enge JMamm, bie 
SRiefentfjorflam m. 

9tad)bcm wir uns an bem großartigen Silbe gefättigt 
Imben, fefcen mir unfere ffianberung burd) ein fleines 
©el)öl$ abwärts bis ( ^u ben «Käufern von 9ftatatmn ober 
Sftataun fort, roo mir im ©aftfjauS beS 3. ©ombac uns 
eine (SintrtttSfarte (Öfen unt> uns einen güfjrer unb 33e- 
leud)tungSmaterial beforgen. 

%ixx bie gemöfjnlidje „große ;£our" burd) bie s Jitta- 
r)öt)(en bis jum ^üderbom , fobann burd; bie #öljlen 
unter bem $orfe 9t. Ganjian (üRajjomc* unb s JWarinitfdj5 
l)ö^le) finb brei bis oier Stunben erforberltd), menn man 
alles orbentlict) feigen tritt. 2luSgerüftet mit einer 
facfel, ein paar fleinen 3i»^«cfeln unb einigen Detern 
■JJkgnefiumbanb jur Beleuchtung ber $)ome machen mir 
uns auf. $)er iilbftieg gefd)ief)t auf bem SllpenoereinS* 
roege. 3)lan paffiert bie einen guten (Sinblicf in bie 
Sieine Coline gemä^renbe 9Jtarinitfd}n>arte. £odj über 
bem grünen 99ufdjroerf, baS bie Coline ausfüllt, tfjront 
6t. ßanjian. 

ßine oerfdjloffene XIjür fperrt je$t ben 3tteg. £)er 
gü^rer öffnet, unb mir fteigen am fteilen £ang auf 
gutem 3tä&ftcfroeg metter abwärts, (Sleidj unterhalb ber 
%$\ax bieten baS Sugecf, eine in bie ÄalffelSroanb ein* 
gefprengte 5Wifd>c „ einen überrafdjenben Blicf in bie 
70 9Keter ^ot)e Sliefentfjorflamm, burd) meiere bie SRefa 
in fünf gäHen braufenb fic§ jroängt. 9iodj großartiger 
ift ber 33licf in bie fllamm uon ber £ommaftni* 



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160 X>ie vßroücit uub Ijöljleu von St. vlaiijian. 

6 r ü <f c auö, bie roir auf etwas fdjroinbeligcm, aber 
üöHig fixerem Steige erreichen. $ier treten bie gelfen 
ganj nafje jufammen, nur 9 ^Dieter (Entfernung trennt 




Sd)mIdlgrotle. 



fte. $onnernb ^aflt von unten ber ©dfjall ber ftürjcnben 
. 2öaffer Ijerauf. 

3öoHen mir con ber ©eroalt biefer ftürjenben 2öaffer 
aber eine oöflig juveidjenbe s ^orftclIung gewinnen, jo 



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170 X>ie (trotten unb £7öl|leti von St. Carijian. 

müffen mir buvd) einen uon ber 9ieta in früheren $af)T' 
taufenben geroüljlten engen ©ang, ben fogenannten 9^otur= 
ftoßen, ftur Dblaffcrroarte Ijinabfteigen. Äuf biefem 
fjeroorragenben fünfte fel)en roir un§ in unmittelbarer 
s J?d()e ber Mefafätte, bie roir bisher nur au§ ber £ö[)e 
beobachtet baben. 

(Sin in ben fenfredjten Reifen gefprengter 6teig füljrt 
uns an ben tobenben gluten vorüber in§ greie. 33eim 
Austritt auö ber gelfenenge befinben roir uns in ber 
©rofeen Coline, unmittelbar am See, in ben fid) bie 9lefa 
Ijinabftürjt. #odj oben, 40 ÜJJctcr über un§, fdjroebt bie 
luftige Sommaftnibrüde. 

Unfer nädfofteö 3^ ift bie Xomincgrotte , bie fid) 
alä eine £alle oon 20 big 30 SJieter breite unb 80 OTcter 
£iefe frei nad) ber Coline öffnet Wlan fanb bort eine 
grofee 2liij\al)l oorgefdjidjtlidjer 9le[te au$ ber jüngeren 
Steinzeit unb ber ^aUftätter ^eriobe, audj ©egenftänbe 
aus ber 3lömcr^eit, bie beroiefen, bag biefe fdjroer ju^ 
gänglidje $ö\)k jafjrfyunbertelang alö 2Bo!)nung unb 3« 5 
fludjtöort üon ^Jflenfdjen gebient Ijaben müffe. 

$on ber Xomincgrotte gel)t eö auf bem ber fenf? 
redeten gelSroanb abgerungenen „^lenferfteig" unb bem 
„^a^eroeg" nad> ber © djmib Igrotte, einer ge* 
roaltigen 30 s JWeter l)ol)en $alle, in bie aber ber Sag nod; 
IjeU f)ineinfdjeint 2)ie $ede roirb burdj bie rounber= 
lidjften Xropffteingebilbe oerjiert, bie Söänbe fdjieben fid; 
fuliffenartig ^intereinanber. @3 ift bie SBortjaHe gu ben 
Söunbern ber Unterwelt, bie ju flauen roir unä nun 
vorbereiten. 93i§f)er roaren roir in ber SDoline unb nod) 
uom Sidjt beö Sageä geleitet. ^zx werben, roäfjrenb 
roir bem £intergrunbe ber @d;miblgrotte pfdjreiten, 
bie gaddn angejünbet. @$ gef)t f)inab inä Shinfef. 

Suite im §intergrunbe ber ©rotte öffnet ftdj eine 
Seitenfdjludjt, in ber roir abroärtö fteigenb oorbrtngen. 



- 

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Don funs Sdjünucvfcr. 171 




miillcrdom. 



®umpfe§ ©etöfe fd^allt uns aus bcr gtnfterniä entgegen, 
dürftig erhellen bie gacfeln nur gerabe ben 2öeg oor 
unferen Süjjen. Hub fo ifi eö eine gewaltige Ueberrafdjung, 



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172 



Vic (Srottcii mib Iiöblcn rem St. Caitnatt. 



wenn un§ bcr güf)rer 
ftiHftef)en Fjei&t, 3Jiag; 
nefiumlicfyt aufflammt, 
unb mir uns plöt3lidg im 
SRubolfSbom fefjen, 
einer §alle # beren Ti- 
menfionen abjumefien 
un3 im erften 2Iugen* 
bliefe nicfyt gelingen miß. 
(frft nadj unb nad) ge-- 
winnen loir einen ridjti* 
gen ßinbrud biefeö un- 
terirbifdjen 9faturbome§. 
©egen 80 Bieter l)od; 
roölbt ftdj bie §alle über 
unferem Raupte, iljre 
Sänge beträgt 113 3J?cter. 
$rei gäße bilbenb eilt 
bic 9iefa fjinburd). 2lm 
beften überblicft man bie 
gewaltige §alle vom 
„üöetoebere" aus. 

2)er fidjere , nadj 
aufjen mit Gifengcläm 
bern Derfeljene $fab 
jieljt nun an ber gctö= 
roanb roeitcr, umgel)tba§ 
(Silifap , wo fid) bie 
$ecfe ber £öl)le tief 
Ijerabfenft, unb erreidjt 
bann einen ^junft, wo 
ein Seitenpfab jur OTecf)» 
ten flur 53runnengrotte emporfüfyrt. £iefe laffen mir vor* 
läufig liegen unb bringen weiter vor bi$ gum 6oetina< 




Ranlukanal 



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Von Bans Sdjarmerfer. 173 




9faufd)en unb Traufen 

roirb Ijäufig fo ftarf, bafj cö ben 3djaDl bcr menfd)ltd)en 
Stimme oöllifl übertönt, befonberö jefct, wo wir uns bem 



174 X>ic (Stötten unb Böhlen ron St. <£att3iatt. 

Reiften unterirbifdjen gatte nä&ern. S)er (Steig geljt 
nafje ber 5Wefa entrang unb gur Safoaforroanb empor, 
unter ber ft$ ber fed^fte gall bonnernb in eine enge 
Slamm ftürgt. ©in (Stücfd&en weiter erreicht man ben 
5RüIlerbom, ben Ijödfjfien unb intereffanteften biefer 
unterirbifc^en £ofylräume. SRieftge, glatte üEBänbe tragen 
bie 85 3J2eter fyolje Kuppel biefer §aüe, bie unten ber 
glatte (Spiegel beö 3Wütterfecö erfüllt, beffen abfliejjenbe 
(Seroäjfer fidj) burdfc gelätrümmer unb Älippen in eine 
enge, ^o^e ßlamm, ben £anfefanal, i&ren 3Beg 
bafjnen. 

£ier enbigt bie geroöf)nlidje £our. 9Ber nod& me^r 
3eit unb Suft l;at, in bie Unterroelt be§ SarfteS tiefer 
einzubringen, mufj graei güljrer nehmen, bodlj roieberfjolen 
ftd^ im ©runbe immer biefelben Silber, bie ba§ bisher 
GJefetyene faum erreichen, gefdjweige benn überbieten. 
SSom fogenannten SRinalbinibome an fyört au&erbem ber 
gute ©teig auf. 9Jtan bringt auf fdfjmalen, feud&ten halfen 
cor, bie an ber glatten gelöroanb mit (Sifenflammern 
befeftigt finb ; eine in Sd&ulterfyö&e angebrachte Sifenftange 
bient ber £anb als £alt. Son einem nad) äugen fd)ü$en* 
ben ©elänber ift feine 3tebe, unb baljer biefer Seil ber 
§öf)len nur Don geroanbten, fd&roinbelfreien Seuten bege!)* 
bar. 33dm üJlartelfee aus enblid) wirb man in einem 
Keinen 33oot burd) bie I)ier gang niebrig merbenben filüfte 
bis jur -iUlardjefettiljöfjle meitergetragen, an beren unterem 
Snbe bie ftefa in einen ©ang eintritt, ber ttfflig tum 
9teifig »erftopft ift, ba3 man nod) nidjt im ftanbe mar, 

entfernen. 

33i8 baf)in roagen fid^ meift nur Sllpiniften. -Sßir feljren 
beim TOüHerbom um, fd&lagen aber ^nx 9Utc!feljr ni#t 
benfelben SBeg.ein, fonbern fteigen in eine (Seitengrotte 
hinauf unb empor ju bem 60 Bieter fjofjen -ftoraffap, 
einem rorfpvingenben getegrat, con bem ftdfj ein fdjroim 



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Von Bans 5d>armorfcr. 175 

belnber 23licf in bic £iefe eröffnet. @in füfjner, in bie 
SBänbe be§ Pürier* unb ©oetinobomeä eingefprengter 
Steig, ber „£of)e ©ang", ber bis ju 45 -Dieter über bei* 




Abstieg zur tnabo-cicböblc. 



dlrfa auffteigt, fiifjrt §u ber rounberooflen 33runnengrotte 
mit ifjren ßalffinterterraffen, ben „Brunnen", unb an 
ber äöanb be§ ^ubolföbomeä entlang jurücf jur ©djmibl: 
grotte, roo mir nad) ber langen unterirbifdjen 5Banbcrung 



17G $ic (Srotteu unb tföfylcn von St. <Zan$ian. 

mit greube roieber baä Sageölidfjt begrüben, baä unfere 
Slugen in ber ©rofcen Coline faft blenbet. 

2Btr fdjreiten bieämal nidjt jum Sugecf hinauf, fon* 
bern nadfj ber iljm gerabe gegenüberliegenden ©utten» 
berg&alle, einem geteoorfprung unter bem natür= 
lidjen Sogen, ber bie Siiefentfjorllamm überfpannt, unb 
genießen fyier nochmals einen rounberooHen 93lidC in bie 
tiefe 3dfjlud&t mit iljren 2öa ff erfüllen. $ann burdjfdjreiten 
wir bie f leine 3df)röbergrotte, foroie einen fünftlid&en Tunnel 
unb betreten bie fileine Coline, in ber, gerabe unterhalb 
beö $orfe3 3t. ßanjian, nodjj einige #öl)len liegen, beren 
93efidjtigung niemanb oerfäumen barf. 

Sin ber Sridjjtagrotte oorbet auf eingefprengtem 2öege 
errei^en mir bie fionforbiabrücfe, übeifdfjretten bie SWefa 
unb fteigen Ijinab in bie $torinitf$l)öf)le. £)er 2Beg wirb 
immer intereffanter, aber audfj beben flidfjer, unb befonberö 
ber Slbftieg juber großartigen -INaI)orHcf)öf)le ift fo 
alpin, baß er nidjt jebermann angeraten werben fann. 
Sßunberootle Sidjteffefte erzeugt f)ier baä t>on oben unb ber 
(Seite Ijer einfaHenbe Sidfjt im herein mit bem braufenben 
2öaff er f e-mail, ben ber $fab an mandfjer ©teile beS legten 
Xeileä faft ftreift. 2öir burcfyfdjreiten bie 9Haf)orctfl)öljle 
unb fteigen von ber anberen 3eite bis *ur ßirdje öon 
6t. Gan^ian empor, roo fid) bem SBlicfe eine umfaffenbe 
Sunbfidjjt über ben fiavft,» foroie in ben Slbgrunb Dfroglica 
erfdfjließt, ber bis jur 9JtoljorcicfjöI)le Ijinabreidjjt unb 
biefer burdj jmei große Deffnungen 2idjt fpenbet. 

Wit ber SHücffefjr nad& bem ©aftfjauö ©ombac im 
naljen 3Jiontaoun, roo mir und nadfj ben gehabten 
ftrengungen ftärfen tonnen, ift bie 22anberung burdj bie 
£öl)len unb ©rotten oon 3t. ßanjian beenbet, beren ge* 
maltige (Sinbrücfe unoenmfdfjbar im ©ebäc&tniä eines jeben 
33efud)er$ l)aften. 

— < «■ > 



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Die vier Cemperamente 

oder 

Die Reise nach Berlin. 

Bumoristisd)e Skizze von Sriedrid) Cbieme. 

f 

OlacbdruA verboten.) 

Der Sanguiniker. 

Der Slffeffor 2co ^flooöBacfj ladjt laut auf unb ruft mit 
fd)aflenber (Stimme nadj feinem Steuer: „3ofjann — 
3of)ann 1* 

„Söeijjt bu fdjon baS fWeucftc?" 

3o^ann ftefjt feinen §errn neugierig an, unb roeil 
biefer Iad^t, fdjmunaelt er audj. 

„3$ bin Dnfel geroorben. -JJlein 6djroager bepefd)tert : 
„fiomme nadj ^Berlin jur Xaufe Seines Steffen." 2Bir 
moUen fofort abreifen, 3o^ann. Ser 3ug um @If — 
bu gel)ft mit. — Söarum freuft bu bidj benn übrigens 
fo, Sodann?" 

/,3$ fwuc midj nur, weil 6ie ftd) freuen, £err 
äff eff or. " 

„<PftffiluS bu - na* ©erlin, oerfteW bu wo§l?" 

1901. VII. 11 



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178 Die Dtcr (Temperamente ober Die Heife nadj Berlin. 

„yiafy Berlin," roieberljolt Sodann ftra^lcnbcn 2lugeS. 

„bereite alles nor, i<$ roitt unterbejfen Toilette 
madjen. 5Die 3eit brängt. Unb nobel müffen roir auf* 
treten, 3°ljann — ^Berlin ift — Serlm ift — bu »er* 
fte&ft mic& fäon?" 

„3$ werfte^e fd>on, §err 2Jff cff or. " — 

„©eV id& benn nodfj einigermaßen acceptabel aus?" 
fragt ber Slffeffor na$ einer 2Beile, inbem er cor ben 
©piegel tritt. 

„D, §err 2lf[effor, wie ein SlpoHbo." 

„SlpoHo, bummer Serf. 3$ &in fecfjSunbbrei&ig, alter 
greunb, baS barfft bu nid^t oergeffen." 

„DaS fie&t 3^nen niemanb an, §err Slffeffor." 

„#m, id) benfe bod) audj — idfj meine überhaupt, es 
foUen oergnügte ^age werben, 3o^önn." 

3oljann reibt fidj lädjelnb bie $änbe. 

„Dafj bu bidj aber folib f)älrft, alter grcunb," fä^rt 
ber 2lffeffor läc^elnb fort. „$a& bu mir nia^t roieber bie 
9tadfjt fyerumfd)roärmft nrie oor ^roei 3ol)ten, als roir &ur 
£odfoeit meiner ©dfjroefter bort roaren. Söci&t bu nodj, 
roie bu früf) um oier Utyr in ber griebridjftrajje gegen 
midfj anrannteft?" 

„2ldfj, bie griebrid&ftrafee!" ruft ber Diener ent^ufta* 
ftifd). Dann rennt er eifrig IjinauS, um alles für bie 
9Wfe in ftanb &u fe$en. 

„Sietteid&t giebt'S aud) fd&on auf ber ßifenbaljn ein 
f (eines Abenteuer," jubelt ber Slffeffor im SSorgefü^l 
froher Grlebniffe, raäfyrenb er einige inbisfrcte ©raue aus 
bem etroaS bürftigen SBeftanb feines SlpotfofopfeS ejmit« 
tiert. ,,©df>roager ßarl ift ja aud) ein fibeles £auS — 
wbirbt feinen ©pafe - fann einen ©tiefei vertragen. 
D Berlin, f)errlid&e8 Berlin !" 

©djmunjelnb beenbet er feine Toilette, ©d^munjelnb 
roidjft 3ofjann ©tiefei, fc^munjelnb bürftet er bie ßleiber. 



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Von ^riebrich (Cfjieme 



179 



Schmun&elnb ftefjen £err unb Liener enblich reifefertig 
ooreinanber. 

„9htn, 3o^ann f tote fei)' ich aus?" 

„©d&neibig, #err Slffeffor." 

„Weht älter rote breifeig, rote?" 

„SBie achtunbaroangig, #err Slffeffor." 

„Unb ba3 ba" — ber Slffeffor beutet fchmunflelnb auf 
ben leudjtenben Sftonbfdjein feinet roürbigen §aupte8 — 
„gefdjicft üerfchleiert, roie?" 

„Glicht bie ©pur bemerfen." 

„2)ann man loS, mein Sunge." 



Dtr Phlegmatiker. 

„Wad) Berlin foll ich reifen? Steh bu lieber ©ott!" 
ftöfjnt Rentier Völler unb lehnt ftcf) in feinen Se^rtftur)! 
äurücf. „Unb bei bem SBetter!" 

„äber <ßapadjen, c3 ift gan* gut für uns, wenn roir 
mal aus bem alten ©djlenbrian herauSfommen," ermutigt 
ihn feine ©attin. 

„3<*/ ja, ^ama — aber Berlin — fo ein Rollens 
pfur)I — mich fchauert fchon, roenn id) an baS -äRenfdjen* 
geroimmel bort nur benfe. 2)ie ©töfje mit bem (Sflenbogen 

— baä £aften, Wärmen, Gaffeln — brr! 3<*j lobe mir 
meine SRuhe, bu roeifjt eä ja." 

„©eroifi, üDtänndjen, aber e§ geht boch nicht anberS, 

— unfer flinb — " 

Der Rentier feufjt. „9?a meinethalben — roann geht 
benn ber nächfte 3ug?" 
„Um @lf." 

„3n brei ©tunben — ba3 ift unmöglich- 2öei&t bu, 
*Pauline, roenn roir heute abenb um fed)8 Uhr fahren, 
ift eö auch noch 3^it genug." 

„ s 2lber roir f ollen boch gleich fommen." 



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180 Die vxtx (Temperamente ober Die Hetfe nad> Berlin. 

„9ln bemfelben Sage, ift baS etwa nidfjt gleicty?" 
r/ 33BaS für eine wichtige Veranlagung tann baS nur 
fein?" 

6r feufjt. „Vermutlich nichts von Gelang, — bummeS 
3eug, einen beSwegen aus alter ©emütlidjfeit ju reißen. " 

„Vielleicht bift bu gar ©rojjoater geworben, unb id) 
©rofjmutter." 

„3Jieinft bu?" 

„Ober pe haben in ber Sotterie gewonnen." 
„Möglich." 

„Ober ift vielleicht etwas pafftert — was benlft bu? 1 ' 
„Slber ^erje^en, ich weift es boch nicht! 3<h könnte 

hunberterlei benfen unb es trifft nichts bapon &u, alfo 

benfe ich lieber gar nichts unb warte es ab. 5Benn wir 

hinfommen, werben wir es ja erfahren." 

„Söillft bu nicht beine Vorbereitungen treffen, 3ofep(? M 
i»3e4t fchon? SDaju fyabz ich ja noch überflüfftg 

Seit." 

£err Voller frühftücft in aller (Seelenruhe, bann lieft 
er feine 3 e *tung, bann begiebt er fid) jum gewohnten 
grühfdjoppen in ben „Slbler". 3n ber Siegel trennt er 
fidj gegen ein Ufjr nach bem britten Seibel, ^eute läßt 
ihn feine grau bereits mel früfjer abrufen. 

„§err -JJiöller, baS 6ffen fteht auf bem £tfdje — Sie 
möchten fofort fommen," flüftert ihm baS abgefanbte 
£ienftmäbchen ins Dhr. 

„Sefct fcf)on? Romme gleich." 

Diachbem er gewiffenfyaft auSgetrunfen unb ausgeraubt, 
begiebt ftch ber biefe §err in feine 2Bof)nung. 

„3dj §abe heute baS @ffen früher angerichtet, 3<>feplj, 
wegen ber 9Reife." 

„Schon gut." @r fe§t fid) hin unb biniert mit ber 
ganjen SeiftungSfä^igfeit eines SJianneS, welker 3eit unb 
SMSpofition im Ueberflufe jur Serfügung Ijat. 3)ann 



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Von ^riebrid? (El]icme. 181 

ftrecft er ftdj auf bem ©ofa aus, um fein 3Rittag8fdf)läfd()en 
in Slngriff &u nehmen. 

„2lber 3°fcP&, (jeute bod& nicljt — §eute mujjt bu eim 
mal rerjid)ten. " 

„Sergicfjten? Sluf meinen SJlittagSfd&laf? SBarum 
nidjt gar — oljne ben bin id) ben ganjen Sag nidjtS wert. 
Sieber mag ganft Serlin ju ©rafe gel)en." 

„Slber unfere £odf)ter — " 

„2tc§ roas, fte fann roarten — mir fjaben audfj warten 
müffen, bis bie ©epefd^e fam." 

©pridjjt'8 unb f)ält ganji roie immer feine ©tefta, nur 
baf$ feine ©atiin tt;n freute fdjon um brei Ufjr JU roecten 
beginnt, fo baß er eine Ijalbe ©tunbe fpäter, nadfjbem er 
lange $e\t roie tyalbtrunfen mit glaftgen Slugen um fidj 
qeblicft, fein reales Senmfjtfein fo roeit roieber gefunben 
l)at, baf$ er fid) nun mit ber ifjm eigenen oorftd&tigen 
Sangfamleit an bie Slrbeit beö $acfen8 mad&en fann. — 

„gertig, 9Hänn<$en?" 

„@leid&." 

„2Bir müffen fort — mad& rofd&." 
„D^ne Sbenbbrotr 
„2Bir effen im $UQt. u 

«Sit fold&er #aft unb Aufregung? 3)a fd&metft mir 
fein Siffen. Dljne Slbenbbrot feinen Stritt, 3Wama." 

©ie feufjt unb läfet in aller @ile anrichten. „9ton 
fdjnell, Qofeplj, unb idfj bitte bid& um alles in ber Sßelt, 
eile, fonft uerfäumen mir ben 3ug." 

„9la, Ijeien fann id(j nid§t." Unb er fpeift mit ge* 
rcoljnter §artnäcfigfeit. 

„3lber fo madfj bod>, 9J?ann — bu fjaft ja bie ©ttefel 
nodjj nid&t an, ben ©dfjlipä noc§ nid)t gebunben 

„SBirb alles, Sinken. 3^ur feine Ueberftürjung — 
gieb mir mal ben ©dfjinfen bort Ijerüber." 

Herrgott, 'S ift bie $ödf)fte 3eit." 



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182 X>ie otcr (Temperamente ober Die Heife nadj Berlin. 

„äuf bic Minute fommt'3 nun aud) nidjt an." 

(Snblidj fertig, roifdjt er fidj mit ber Sertriette ab, 
bann ergebt er ftcf) unb jieljt gemädjlidfj bie Stiefel an. 
6eine grau ftef)t mit $ut unb SdjlipS ungebulbig uor 
ifjm. 

„$ier, fjier!" 

gleichzeitig fann idj bod) nic$t bie Stiefel am 
gießen unb audj ben SdfjlipS binben." 

„(Snblidfj — roaö, bu fteefft bir audfj noch eine 3^ 
garre an? $u Bringft einen jur Sergiceiflung, SJiann." 

„Tlxt $ampf geht'S beffer. §aft bn ben Gognac ein« 
gepaeft? $ie 3^9 a ^ren? ©ut, bann fann'S losgehen." 

©eine grau jiel)t ifyn ^aftig mit ftclj fort. Sluf ber 
Strafte bleibt ber Rentier atemloö fteljen. 

„33ift bu toll, Stndjen? So fann ich nicht laufen — 
wir fommen fdfjon noch ^recht." 

„Sann motten mir lieber eine $rofdjfe nehmen — 
e§ ift bie hödftfte 3eit." 

Sie nehmen eine Srofdfjfe, trofcbem fährt ihnen, als 
fte ben 23afmhof erreichen, ber 3 U 5 *>or bzx *Wafe roeg. 

„QafyV idj'3 boch — o bu trauriger Umftanbäfaften 
bu!" 

„2lber SWamachen, rege bich boch nicht fo auf. üöir 
fahren bann eben morgen frül) mit bem erften 3 u fl£ — 
eine Nachtfahrt ift in unferem Sllter fo roie fo nicht gefunb!" 



Der Choleriker. 

„^auline — ^auline— e— e! 3<h mu6 Fjcutc abenb 
nach Berlin reifen! 2öo Meibft bu benn in aller SSelt? 
Schnell, fdfmett, wenn nur mit allen Vorbereitungen fertig 
werben motten, müffen mir unä bajuljalten !" 

„33i§ Ijeute abenb ift '3 ja noch lange f)in, lieber 9Jcann." 

„9toch lange hin? 2öa3 benfft bu bir benn eigentlich 



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Von ^riebridj (Externe. 



183 



von fo einer SKeife? SBerltn ift weit, t>erftanben? SBaS 
mu& idjj ba nid^t alles mitnehmen? 9Jiir fd&roinbelt ber 
Slopf, wenn idf) nur baran benfe. 2Bie foll bag nur alles 
nodfj möglich werben in ber furjen $t\t\ $>u fyaft ja 
aud& nodfj ben ßnopf an meinen blauen SRod flu näfjen, 
*ßauline." 

«3 a r j°# c § wirb gefdfjefyen. " 

„Unb mir bie Dberfjemben ju bügeln unb bie ®e* 
fdfjenfe für 5lnna f^auSjufudfjen, bie idj mitnehmen foll. 
Unb Sertfja foll gleich jum Sd&ufjmadfjer unb bie Stiefel 
Ijolen, granj foll mir ein 5htr3bu<$ beforgen, aber 
fofort. Sdjroerenot, roo nefmte id) benn einen floffer 
Ijer? deiner ift ja faput! $auline, ^auline! (^auline f)at 
ftc§ nä'mlicfj eben entfernt.) iRatürlidfj, roenn man baS 2Beib 
brauet, ij* es nie in ber 9*%! 2Bo ftetfft bu benn?" 

//3^ § a & c nur &eine Slnroeifungen — " 

„ s 2ldj roaä, ba§ fonnte im jefynten ^cil ber 3cit ge« 
ftfjefjen fein. 3cfj Ijabe ja feinen Soffer, $auline." 

„2öir borgen roieber ben oom Setter 9Jiorifc." 

„granj foU il)n auf ber ©teile Ijolen. £aft bu ben 
Snopf angenäht?" 

„%)dj ni<$t." 

„Wod) immer nidfjt — lieber §immel, '§ ift ja bie 
Ijödfjfte 3eit! 53ertlja foll mir Zigarren Ijolen — ift 
benn baö bämlidje grauenjimmer nodj nidfjt roieber ba?" 

„6ie ift ja nodj gar ntd^t fort, fie mufe ftdj bodj 
erft anfliegen." 

§err 6cfjulfie fäfjrt roie ein roütenber Söroe empor. 
„Sombenfcfjodfbonner, ift benn baä Snbioibuum närrifdj? 
3dfj roill iljr Seine machen, ber faulen «Sanne, ©oWje 
3bioten! Unb tdj uerfäume belegen ben 3ug! 3)u 
fteljft audjj Ijier unb gudft ben 9)tonb an, fiatt bafs bu 
bidf) rüfjrft! 2So ift benn unfere Olga, fann fie bir nidfjt 
Ijelfen?" 



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184 Die wer (Temperamente ober Die Hetfe nad> Berlin. 

„©ie macht ihre Schularbeiten. u 

„Saju ift noch Seit genug — fte foH bie 3tgarrcn 
holen. 2Bo roittft bu benn fdtjon lieber hin* ^auline? 
$annft bu benn nicht roarten, bis mir alles befprodjen 
haben? Su rotttft bich blofc brücf en, wie, üerehtte3Rabame?" 

„3ch mufc boch ber Olga fagen — " 

„üWa, ba wirb 'S aber höchfte &t\t" 

$au(ine eilt ab, Sertlja fommt. 

„■Ra, tonnen ©te bie Seine nicht ein bischen rafdjer 
»oreinanber fefcen? Sie ©tiefei, bie ©tiefei, wo fyabzn 
©ie benn meine ©tiefei?" 

„Sie werben erft in einer ©tunbe — " 

„SBaS? Siefer infame, frummbeinige ßnafterbart — 
bie £aare einzeln Fönnt' ich i^nt ausreißen! Db biefe 
@fel mohl je ©ort holten, unb bann nmnbern fte fich, 
bafj baS £anbroerf ju ©runbe geht. SSon nun an follen 
bie ßerle mir fommen, ich unterftüije bei ber 3Bar)I baS 
©roftfapital. — -Ra, roas gaffen ©ie mich benn an ? 93or* 
roärts, mieber f)'m, roarten ©ie brauf, brängen ©ie ben 
Summier!" 

Bertha geht roieber. 

„Sßauline, SJkuline, roo jum ßucfucf ift benn mein 
geuerjeug? SiejeS lieberlichc grauenoolf — ja fo, ba ift'S 
ja in ber Safdje. 3ft benn grans mit bem Soffer noch 
nicht ba? gran^, nidjtSnufciger ©chlingel, roo ^aft bu 
benn ben floffer?" 

„Sa bringe ich erft baS ßurSbudj, £err ©chulfce," 
nerfefct ber Sehrling treuherzig. 

„SaS fluräbuch! Unb baS fagt ber Hümmel mit 
einer ©djafSmiene — ber Koffer ift boch »tel notwendiger, 
ich ^nn boch bie ©adjen nicht ins Kursbuch paefen, bu 
^flaumentoffelgeficht ! Wa los, loä, SufelFopf, ben fioffer, 
ben Koffer, oerftehft bu ntdjt?" fchreit er ben t)eulenben 
Sungen mit ber ©timme eines rafenben Söroen an. 



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Von Jricbridj CCbtcme. 



185 



grang trollt fic$ eiligft. ?Rad& einer Ijalben ©tunbe 
erfdjeint Sert&a mit ben Stiefeln. 

„9ta, enblidj — unb nodj nid)t mal geroid&ft? 2Ba3 
foU benn ba3 feigen?" 

„3$ wollte mc$t länger warten, ba ©ie — " 
„2BaS? ©ie $aben fi$ rooljl baneben Ijingeftettt? 
§a[)af)af)al)a, ba3 nennt fidj Sßflidjtgefüfjl ! Unb bafür 
mufe unfereiner begaben! ©ie müjfen nicfjt red&t bei 
Serftanbe fein, Sertfa." 

„Slber ©te ijaben mir bod& befohlen — " 
„2Ba8, idfj? Silberne ©an 8, waä fällt 3f)nen ein? 9la, 
fold&e 9Kenfd)en, unb ba wolTn fie audj nodfj bie ©eftnbe* 
orbnung »erbeffern. — Sßauline, ^Sauline! Du fjaft mir 
ja ben ©djltpg nidfjt auSgebeffert, obgleidj idfj bir'ö fdjon 
geftern abenb gefagt Ijabe. — 9la, maS wollen ©ie benn 
nodj, 53ertl>a, ^aben ©ie weiter nidjtä gu tfjun — ©ie 
^onftrum?" 

„3dfj bin fein -SWonftrum, ba8 braudj' idj mir nidjt gu 
gefallen gu gelaffen," flennt ba8 SWäbd&en. 

„2Ba8? Qnfuborbination? SBenn ©ie nodfj ein 2Bort 
fagen, jage idfj ©ie gum Teufel." 

„3# Iaffe mir — " 

„gort! 2luf ber ©teile ! 3$ germalme ©ie, ©ie Um 
geheuer! ©ie uerlaffen auf ber ©teile ba§ $au§! $foxtn 
Sofyn bis gum Cuartal8fdf)lu{$ befommen ©ie, aber icfj will 
©ie nic^t mefjr oor Slugen fel)en. M 

«Pauline ftürgt fjerbei. „215er SuliuS, was föttt bir 
ein?" 

„9(dj waä, tdfj laffe nidjt auf mir £olg fjaefen! — 
33iingt benn ber SRacfer ben Koffer nodfj immer nidfjt? Herrgott, 
jefjon gwölf Uljr — " er finft, am gangen Seibe fdjroifcenb, 
auf einen ©tu&l. „3cfj löfe midfj auf, idj löfe midj auf!" 

Den gangen Sftadjmittag fäljrt §err ©d&ulfce fort im 
ßaufe wie ein rafenber SRolanb gu toben. Salb taud&t 



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186 X^ic oier (Temperamente ober Die Heife nadj Berlin. 



er f)ier, balb bort auf, bie grau meint, SBertfja Ijeult 
in ber Sücfje, granj mirb jitternb umfjergejagt, D(ga be= 
fommt breimal Ohrfeigen angebrof)t, unb ber jüngfte 
©prbfe ber gamilie, ber fcd^Sjä^rigc 2Jto£, wirb mit bem 
wtlben Sluäruf : „Warfdfj auä bem 2Bege, SBrut!" beifeite 
geftofeen. 

3e näljer bie <3tunbe beä 2lbfdjieb3 rüdt, je toller ge* 
bärbet ftdO $err 6cfjultJe, er fpeit förmlidjj geuer, feine 
$ruft arbeitet, feine Slugen flammen, „*ßauline, $au* 
line!" gellt feine bereits Reifer geworbene 6timme burdj 
ba§ §auS. „2öo bleibt benn mein fragen? 3cfj werbe 
nid)t fertig, nidjt fertig! 2öo gum Teufel ift bie 3igarren= 
tafele? 9JJetn Gimmel, nur nodfj eine Stunbe — unb 
maä fe^tt nidf)t nod& afleS! SDie Söüd^er jur Seitüre, ber 
2Bafdjjlappen, fiamm unb SBürfte, ber ©piegel — tjaft bu 
mir brei 6tearinferjen beforgt, für ben gall id) nadfjte 
nidjjt f Olafen fann? 3)er 6tiefelfnedjt ift audf) nodfj nidjt 
gepadt — granj foll fdfjneH nodfj Sßoftfarten unb Warfen 
Ijolen, bamit idj jebergeit fdjreiben fann. 9?un fefylt audjj 
nodfj 2inte, geber unb SBleiftift, ein SReferoefjut, bie 
ßleiberbürfte, ein $aar §ofenträger für ben gatt bie 
anberen reiften — bie dritte, reo ift meine SBriHe? £)ie 
r)at mir ber Unbanb, ber War. 

„£ier liegt fte ja, Sßapa." 

„2Ber I)at fte ba Eingelegt? 'ö ift jum Jkrrüdtwer* 
ben! — 28o Ijaft bu bie £afdfjentüdfjer? — 3$ werbe bod; 
nid&tö cergeffen? Sie Söürftdjen, $auline, bie 9Bürft$en 
— ba3 Dpernglaä — ba liegen ja aud) bie Zigarren nodj, 
unb wo ift bie glafdje Portwein? iftodf) eine ©dfjad&tel 
(Sdfjweben, SBertlja, Äreu5miUion — na, wie lange bauert 
benn ba3? ©dfjmieren <Sie bod) 3^re Spajierljöljer ge= 
fäHigft ein !" ' 

(Snblidj ftfct £err Sdjul^e im 28agen, ber if;n nad& 
bem Saljnfjof bringen foll. 2Iücö ift fertig, ber Koffer 



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Von friebridj (rfjtemc. 187 

fteljt neben tym, unb er fjat nod& fo viel 3*^ bafc et am 
23aljnl)of fidfjerlidj breioiertel ©tunben — fcfyledjt gerechnet — 
warten mufe. 2Wmäl)lic!j glättet fi$ nun feine ©tirn, 
feine rollenben Slugen nehmen einen milberen StuSbrucf 
an, aulefct erfdjeint eine $f>räne in feinen Stoßen. 

„9la, flinber, nidjts für ungut, bie Aufregung bei 
einer folgen £our — meine nidjt, ÜWajel, id) bringe bir 
ein grofeeS ©djaufelpferb mit. ßomm, Diga, einen $uf; 
— nun, Sert^a, 'S mar nidtjt fo böd gemeint — l)ier 
fjaben <Sie einen Sfjaler — unb bu, granj, nimm biefe 
Matt, madfj bir einen luftigen Slbenb. — $u bift mir 
bodfj nidjt böfe, grau? £)er t>ermünfdjte %äfo—, elj, 
bie oertracfte 9ieroofUät, bie fatale 9ten>ofität!" 



Der AßeUnchoUher. 

£)oftor Qmmanuel 3Honbling nimmt erbleicf;enb unb 
jitternb bie eben abgegebene ©epefd^e in (Smpfang. 

„©runbgütiger ©Ott! Slmalia, geliebtes 2Seib, roaS 
mag ba gefdjefyen fein? D, roic mein $erj fcf)lägt! ©es 
roifj nrieber ein entfe^lidfjeS Unglücf!" 

„Oicfjerlidj nidjt, •JWännd&en. -äJtad) fie nur auf, roafjr* 
fd&einlidfj eine Sefteflung." 

„(Srbridfj bu fie, Slmalia - - idj — idj fann nidfjt. 
Ginen »ugenblicf - marie, Bis t<$ mic$ gefegt fjabe - 
fo — mas — " 

„6ie ift oon unferem ©d&roiegerfofni : ßommt fofort, 
mistige Seranlaffung, Gbgar." 

„;KHdjttge Seranlaffung? flommt fofort? D §immel, 
unfer Äinb ift fdjroer franf ober üietteic^t tot!" 

„Slber roer fagt benn baS, $apa, eS ftefjt bod) gar 
nicljt ba." 

„3dj afjne, bafi fie tot ift! 3a, unfere geliebte 
Süjefla ift un§ entriffcn — idj füljlc eö in meinem 3" s 



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neren. 3$ unglücflid&er Sater, wir bebauernS werten 
Altern! SWgufrül) unb fern ber #eimat, wäljrenb nodj 
bie 3ugcnbIocfcn iljre ©djultern blonb umgaben." 

„$ann ^ättc bod& gbgar ftc^erlid^ eine Slnbeutung ge« 
macht." 

„D, er ift &u aartfüfjlenb — pa& auf, e8 folgt in flärje 
ein gmeiteä Seiegramm, welches näheren Sluffchlufc bringt. 
@r will uns nur vorbereiten. 14 $oftor 3wmanuel 3Jlonb« 
ling lehnt ftch ftöhnenb in feinen Stuft! &urü<f. „»He* 
Unglüdf fommt auf unfer £aupt!" flagt er mit ftarren 
©liefen. „2Bir ftnb nun einmal präbeftiniert — Ijafyalja 
— mir Slrnten!" 

„Sei fein tyox, bu fjaft ftcherlich im (Segenteil ge* 
rabe Urfadjje jur greube. 2)u bift waftrfcheinlich ©rofc 
cater geworben, weiter ift '3 nidjtS." 

3)er 2)oftor ftöjjt einen tiefen Seufzer au3. „Strmcr, 
fleiner, unglücklicher SBurm 1 0, wie bemitleibe i<$ bidj ! 
(Sine SBctt ooll Seiben oor bir! Keffer, bu wäreft nicht 
geboren — * 

„2Bir müffen gleich fahren, Immanuel — mach bidj 
fertig." 

„3$ fomme, ämalia." 

„Sich wie fdfjabe, ba fängt e$ gerabe an gu regnen." 

,,9?atürlid&! Sßarum foQte eö au<h nicht? 2Benn ich 
reife, ich — ftaftafja!" 

„Steh Sftorheit, ^eute wollen fidjer £unberte unb 
Saufenbe baä ©leidjje thun." 

„So müffen bie ärmen leiben um meinetwillen — 
mein Unglücf fommt mit über fte!" 

„Sich wie bumm, tyeute ift nun gerabe im Sweater 
„Slönig 2ear", ben bu fo gern anfefjen woKteft." 

25oftor OTonbling lad)t bitter. „SerhängniS, Verhäng* 
ni3!" 

„@3 muf$ auc^ g«abe fo jufammentreffen." 



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Von friebrid? tCftteme. 



189 



„Unb ba3 wunbert bidj, SlmaliaV $aft bu bcnn bie 
(Sinftd&t nodj immer nidjt gewonnen, bafj i$ — bafc alles 
@ute in meinen £änben ftdf) jum ©dfjled&ten fef>rt? 2)af$ 
alles, ©lücf, 3«föÖ, üttatur, ©d&icffal, gegen midj finb 
unb £ag unb Utadfjt grübeln, wie fte mir etwa* am 
3euge flicfen fönnen?" 

,,2ld) gel), bu bift ein ^ßefftmift . . . beeile bidj nur." 

„©oll idj baS ganje Selb mitnehmen? 9lud& bie 
©taatSpapiere?" 

„SBarum nidfjt gar. Sag fie nur rufjig im ©efretär." 

„deinetwegen. SSenn mir roieber jurüdtteljren, ftnb 
fie bod) geflogen ober verbrannt, benn geuer bricht aus, 
id& füfjle t%. u 

„5Ber wirb benn aber an fo was überhaupt nur 
beulen?" 

„3$ fabe eine Sl^nung. 3)ann fjetjjt es nodjj, mir 
§aben eS angejünbet unb ftnb nur oerreift, um ben 33er« 
badjt twn uns abjulenfen. D Gimmel, idj ertrage ben 
SBcrluft ber greifjeit nid&t, id(j fterbe im ©efängniS!" 

„SRebe nicf>t fo, unfer ©ofjn Sßaul mit grau unb 
ßinbern bleibt bodj im $aufe." 

„$ie flinber werben mit ©treid>f)ölad()en fpielen unb 
bog Unglücf ift pollbracfct, Stmalia!" 

3)ie ©tunbe ift ba, es gel)t ans 2lbfdf)iebnefnnen. 3Kit 
büfterer -Kiene ftef)t £err $oftor donbling im Greife 
ber ©einen. „©o lebt benn wol)l, fo lebt benn woljl! 
(Sott fegne eudj, fegne eudfj alle! döge baS ©dfjidfal 
eud(j gnäbig fein!" 

„SIber Sater, bu tfjuft ja, als oerreif eft bu nad) bem 
Slorbpol." 

„ßältft bu eine SReife nacij Berlin für ein tfinber* 
fpiel? 3" gegenwärtiger $t\t, wo fo oiele 3«ge jufammen: 
ftofien?" 

„Siele? 214 ba§ ift nidjt fo fdjlimm!" 



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190 X>ic oier (Temperamente ober Die Heife nadj Öediii. 



„Wlöäixti), aber ber 3ug, w htm idfj fifce, roirb pd^cr 
»erunglürfen — idj mü&te nidjt idj fein — " 

„9iid)t bodj, SBater, bu fte^ft $u fdjroarj. 2luf fröfj* 
lidjeä SBieberfefjen !" 

, y 3luf 3Btcbcrfcf|cn? ßinber, lebt mo^l! SWeine SUjmmg 
fagt mir, bajj wir einanber ni$t roieberfeljen werben. 
9tun, mag mein ©c^ieffat ftd& erfüllen!" 





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Hus dem Ctben 

der Jnsehten und Spinnen* 

• naturwissenschaftliche Skizze von 
Professor Dr. GU. ßess. 

f 

mit 10 3ll«$trationea. (nad)drudt verboten.) 

Üor mir liegt eine SReifje oon oorgüglic^en 2lbbilbungen, 
roeldje, nadj bet Üftatur aufgenommen unb oergröfcert, 
Ijödjft c§arafterifttfc§c Momente aus bem Seben oerfdjiebener 
Snfeften unb Spinnen barftetten. 6ie beljanbeln nur gan& 
geroöfjnUdfje Siere, tueldje mir in unferer Umgebung in 
#au3 unb ©arten ftets beobachten fönnen, unb bodj bieten 
fie fo tuel 3ntereffante3, bafc e§ rooljl ber 3Jiü^e loljnt, 
fte etngef)enb ju befpredjen. 

2)ie erften Slbbilbungen geigen uns oerfcfjiebene gormen 
ber befannten 6djabe, <5d)roabe ober Äaferlaf, roeldje 
mir in ßüdjen unb anberen mannen Stemmen ju unferem 
Seibroefen nur gu oft finben. SBenn mir eine (Sdjar 
6d;a6cn bei ifjrem treiben belauften, fo faßt un3 auf, 
bafe bie Stiere nidjt alle gleich geftaltet finb. 9Han fönnte 
leicht glauben, gan$ »ergebene s ilrten cor fid& &u Ijaben. 
3unäd)ft ift ber ©röfjenunterfd)ieb fefjr bebeutenb. SEBir 
bemerfen Stere in allen Slbftufungen oon 5 bis 22 SKifli* 



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192 2lus bcm £eben ber 3 ?l f c ' ten tt "b Spinnen. 



meter Sänge, bann ift audj bie garbe oerfcfjiebcn. Einige 
Siere, namentlich bie Keilten, finb faft roeiji, anbere lidjt* 
braun, toteber anbere fdjroarjbraun. ©djliefjlidj finb 
einige £iere flügellos, anbere mit glügelftummeln per* 
feljen unb nodj anbere geflügelt. 




Tig. I: männliche Schabe (fliegend). 

Sitte biefe $krjdjiebenf)eiten l)aben im 2Uter unb ©e* 
fd;led)t iljren ©runb. 2)ie Ijett gefärbten unb flügellofen 
Sicre finb Saroen, bie gruben fdjroarjbraunen bis ped}* 
fc^marjen, nur mit glügelftummeln oerfeljenen 2öeibdjen 
unb bie ebenfo gefärbten, geflügelten bie SDlänndjen. $)ie 
2$orberflügel bebeefen bei biefen ungefähr jroei drittel 
beö Hinterleibes. Unter biefen überflügeln befinben fidj 
nod; jmei grofse häutige Unterflügel, roeldje in ber 9hil)e 



Von profcjjor Dr. W. tfefi. 193 

längsgefaltet finb unb baljer unter ihnen oerborgen liegen. 
W\t £ilfe biefer glügel ifi baS Männchen im ftanbe, $u 
fliegen, eine ©igenfdjaft, bie roenig befannt ift. S)arau3 
erflärt fich ba3 geheimnisvolle SBerfdnmnben ber männlichen 
©c^aben, meldte von einem erhöhten $Iafj herunterbringen, 
unb bie man oergebenS an ber barunter befinblichen 




fig. 2: Uitiblid)« Scbabe mit €ikapse1. 



Stelle be3 (SrbbobenS fudjt, ba ifjre glügel fie roeit fort- 
getragen ^aben. gig. 1 fteHt ein üflänndjen im fliegen* 
ben 3uftanbe bar. 

ÜBäfjrenb beä «Sommers fönnen mir oft roeiblidje (Schaben 
beobachten, auö beren §interleib3jpifce ein anfänglich 
meiner unb weichlicher, fpäter fich bräunenber unb er« 
härtenber ßörper mehr ober weniger h^roorragt (Sig. 2). 
tagelang fchleppen bie $iere benfelben mit fidt) herum, 
um ihn fpäter an einem oerborgenen Drte abzulegen. (Sr 

1901. VII. 13 



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11)4 2lu$ bem £cben ber 3nfcftcn Spinnen. 

Ijat bie (Seftalt einer 33of)ne, lj a * cilie Wwarjbraunc gär- 
Bung angenommen unb ift 10 Millimeter lang unb 5 2}iilH* 
meter bidf. 2luf ber einen SängSfeite ift er Bauchig auf* 
getrieben, auf ber entgegengefetjten gufammengebrütft unb 
mit einer fraufenartigen üRaljt oerfefyen. Wan f)at biefeä 
©eBilbe für baä allerbing§ unoerljältntemäßig große @i 
ber 6cfjaBe gehalten, @ine genaue Unterfudjung leljrt 
und jebod>, baß es eine ©ifapfel ift, in roeldjer fltoei SReiljen 
oon je fedj§ länglid&en Giern . liegen. 3?on jebem @t 
füfjrt ein feiner ßanal nad) ber sufammengebrüdften fiante 
ber (Sifapfel unb öffnet fid) in ber fraufenartigen 9?af)t, 
um bem @t Suft gujufüfjren. ©in SßeiBdfjen legt im 
Saufe beö (Sommers oier fold^er ßapfeln. 

3)ie @ier entroidfeln ftdt) nad) Saljreöfrift, bie jungen 
£iere IjaBen im wefentlidjen bie ©cftalt ber alten unb 
ftnb fjefl gefärbt. 6rft nad) fünf Sohren ftnb fte er* 
roadfjfen. 2Bäfjrenb biefer $e'\t l)äuten fte fidf) fteBenmal, 
inbem bie $aut auf bem dürfen plafct, unb baä nodj 
ganj weiße 2ier IjeroorBridjt. $ie lefcte Häutung eines 
roeiBlid&en SiereS geigt un§ gtg. 3. — 

2SBer foflte eä ber Blutbürftigen Spinne jutrauen, 
baß fte mit großer Eingebung iljren -JJtotterpfiidfjten oB* 
liegt? SIBer bennodfj ift bieä ber gaH. 23iele roetBUdjje 
©pinnen oerfertigen auä ben reinroeißen 6eibenfäben ber 
©pinnbrüfen einen fdjjalenförmigen @ierjacf, inbem fte 
ben Hinteren £eil ir)red .fjinterleiBeö mit Setbenfäben um« 
gießen. 3ft bie ©dfjale groß genug, unb Ijat bie Sßanbung 
bie nötige $icfe, fo ftreift ba3 2ter biefelBe ab unb legt 
nun feine galjlreidfjen ©er Ijinein, fo baß biefelBen roeit 
auö ber Sdjale Ijeroorragen (gig. 4). darauf Beginnt 
ba£ £ier roieber bie f)ert)orftel)enben @ier mit Heibenfäben 
in umjieljen, Bis ber ©ierfad oößig gefdfjloffen ift. 6o 
ftnb bie Sier burdj bie bidfe SBanbung oon Seibe Ijim 
retc^enb gegen Aalte gefdjüfct. 



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Von profeffor Dr. W. ßeft. 



195 



Einige Spinnen begnügen fid) bamit, ben (Sierfacf an 
einem verborgenen Drte aufzuhängen unb bis jum 2(uä= 
fdjlüpfen ber jungen fo r 9fam j$u beroadjen, anbere befeftigen 
ir)n bagegen an ifjrem §interleibe unb tragen üjn mit ftdj 
Ijerum. Vermöge ir)rer langen Seine ift e8 irjnen möglid), 
bie Saft ofjne grofee Sefdjroerbe mit ftd) ju führen. 2öenn 




5ig. 3: Weiblich« Schabe wahrend der fiäutung 



ein geinb ifjnen ben ©ierfaef ju entreißen t>erfucr)t, bann 
uerteibigen fie iljn mit äufierfter $artnäcfigfeit unb fefcen 
lieber ifjr Seben aufs (Spiel, cl)C fie iljn preisgeben. 

Sonnet trieb eine Spinnenmutter mit ifjrem ©ierfäcf* 
djen in bie ©rube eines Slmetfcnlüroen, jenes für mele 
3nfeften fo furchtbaren 2iereS. „$ie Spinne fucrjtc baoon« 
jurennen, mar aber ntdr)t fdfjnell genug, gu uerfyinbern, 
bafc ber Slmetfenlöroe ifjren ßierfarf padte, ben er unter 
ben Sanb au jenen fucrjte. dagegen mehrte fid) bie 
Spinne mit allen Gräften, aber baS Sätfdjen rifj ab. $a 



196 2lus bcm £eben ber 3 || fc?ten u,| b Spinnen. 

erfaßte e3 bie ©pinne tuteber mit iljren liefern unb ner^ 
boppelte if)re Slnftrengungen. $od) oergebenä — ber 
2lineifenlöroe mar ber Stärfere unb 50g baö ©tieften gu- 
gleich mit ber Skrteibigerin in ben Sanb hinein. 5Die 
unglücflid&e Butter r)ätte if)r Seben retten tonnen, wenn 
fic bie Gier fjätte fahren laffen, aber fie wollte efjer 
lebenbig begraben werben, als fid) oon ifjrer 93rut trennen. " 




fig. 4: (Dabliebe Spinne mil eiersack. 

$)aä befanntefte Snfeft ift orjne 3weifel bie S t u b e m 
fliege, beren grenjenlofe Unoerfdjämtrjeit unb 3ubring* 
lidtfeit, mit melier fte immer roieber auf ben tylafy jurüdf- 
fefjrt, von bem man fie fortgefdjeudjt fjat, uns jur SBer* 
groeiflung bringen fann, unb bie alle ©egenftänbe unferer 
2Bor)nung mit ifjrem Unräte befdnrtufct. 

3erbrü(fen mir ben flopf einer (Stubenfliege, fo tritt 
ein roter <5aft auä, roeldjer tuelfad^ für Sölut gehalten 
roirb. @3 ift jebodj ba§ rote Äugenpigment. $)a3 SBlut 
ber gliege ift roeiß. $ie Stubenfliegen befi^en jmei große 



• 

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Don profeffor Dr. W. ^cg. 197 

facettierte Slugen unb bajnrifdjen nodj brei fleine $unft* 
äugen. $er Düffel ift jum Secfen eingerichtet, gig. 5 
&etgt uns ben Düffel, wie er ein ßörn djen 3"^ r umfaßt, 
burdj giüffigfeit auflöft unb auflecft. 

2öenn audj ein jeber bie (Stubenfliege fennt, fo wirb 




5ig. 5: Siubtntliege, ein Zudmkörncbcn aufsaugend. 



bodj Dielen bie gortpflanjung biefer Qnfeften nidjt be» 
fannt fein. 2Me «Stubenfliege legt ifjre (Sier in Raufen 
von 00 6tücf oor^ugöroeife in ben Stift ber §üljner unb 
$ferbe, jeboü) uerfdnnäljt fie aud; uerborbene ■Mafjrungö* 
mittel nidit, wenn fie nur feudjt finb, unb nimmt aud; 
mit Sleifd) unb toten Bieren uorlieb, legt fie fogar nidjt 
feiten in (Spurfnö'yfe, wenn biefe nicr)t reinlid) gehalten 
werben . 



198 2lus bcm £cbcn ber Jiifeftcit nub Spinnen. 



$ie Gier haben eine walzenförmige, am oorberen 
(Snbe etmag jugefpifcte ©eftalt unb ftnb uon einer garten, 
perlmutterglänjenben £aut umgeben. Schon nach ungefähr 
jroölf ©tunben fommen bie jungen 8art>en au§ bem fpifcen 
@nbe Ijernor. @ä ftnb fopf* unb beinlofe weiche SHaben 
uon roetfelicher garbe, glänjenb unb burchfeheinenb. $fyxt 
©eftalt ift fegeiförmig, am Hinteren @nbe abgeftufct. Slm 
uorberen @nbe befinben ftch j\roei fchroarje, ungleich gro&e 
£öcfer, welche jum greffen unb zugleich &ur gortberoegung 
bienen. Sm Hinteren 6nbe jeigen ftd) aroei f^roarje 
$Hinge f von benen jeber ein 2(tem(odEj bezeichnet. 

Die namentlich in ber Sugenb feljr lebhaften Üüiaben 
ftnb, obwohl fie feine 2lugen beft^en, gegen Sic^t feljr em- 
pfinblich unb wühlen ftch fofort in bie SRahrungöftoffe ein. 
9*adj trierjehn Sagen ftnb fie erroadjfen unb ^aben eine 
Sänge non 9 Millimeter erreicht. 3e$t fud&t jebeS $ier 
einen troefenen unb gefchüfcten Ort, um fich px verpuppen. 
$ie SSerpuppung geht bei ben SJfaben ber (Stubenfliege 
unb ihrer SSerwanbten in etroa§ anbever SBeife vox fidf) 
wie bei ben übrigen Snfeften. 2Säf)renb bei biefen bie 
Sarnen^aut abgeftreift wirb, ba fich um baä Xxtt eine 
neue ^uppenljaui gebtlbet hat, bilbet bei ben gliegenmaben 
bie erfjärtenbe Sarnenljaut felbft bie $uppenf)üHe. $iefe 
rotbraunen, fogenannten Sönnd&enpuppen (äffen feine 5CciIc 
be3 3«f^tS erfennen (gig. 6). Stach ungefähr »ierje^n 
Sagen flöfet bie junge gltege ben £)ecfel ab unb fommt 
fjeroor. $te gan^e (Sntnricfelung bauert ungefähr fünf 
Söocljen. 

2öer ben berüchtigten D h r ro u r m betrachtet, wirb 
meift nic^t baran benfen, bafe berfelbe fliegen fann, unb 
boch gehört er ju ben geflügelten 3 n feften. $ie lebet« 
artigen SDecfflügel ftnb aderbingö fehr furj unb bebeefen 
ben Hinterleib nicht, dennoch bergen fie grofee, häutige 
glügel. 3"bem biefe uon einem (Menfe auö fächer« 



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Don profifor Dr. IV. tfcfi. 199 

förmig faltbar unb bann auf ein drittel i^rer Sänge 
fturücffdjtaabar finb, ift eö möglich, bajj ftc unter ben 
fleinen glügclbeden s }Uafc finben. gig. 7 fteUt einen 
Dhwntrm fliegenb bar. &af$ man ben D^rrourm feiten 
fliegenb beobachtet, hat feinen ©runb barin, bafc er ein 




fitj. 6: Puppen d«r Stubenfliege. 



nächtliches $ier ift. UebrigenS ift ber Dhrrourm befjer 
als fein Diuf- @ine befonbere Seibenfdjaft, ben Seuten 
in bie Dfjren ^u frieden, hat er nämlich burcrjauS nicht. 
(5r fchabet burch 3^magen füjjer fruchte unb ber SBIumem 
blätter ber helfen, ©eorginen unb anberer 3^rpflan,^en. 
dagegen nü$t er nicht unerheblich burch Vertilgen von 
puppen fchäblidjer 3"f e ^en. SemerfenSroert ift noch, 
bafj baS SBeibdjen beö Dhrrourmä foroohl bie (Sier alö 
auch vi* auägefchlüpften jungen, welche fidj um bie 
Butter fcharen, forgfam behütet unb bewacht. 



200 2üis bcm £cben fcer 3ftfe!ifll un ^ Spinnen. 



SDie Heine jierlidje o 1 1 e bringt ntd)t feiten abenbö 
burdj bas geöffnete genfter in unfere 2Bol)nung unb um* 
fliegt, burdj ba3 2id)t angezogen, unfere Sampe, roärjrenb 
fie fidj am Sage »erborgen l)ält. Sie felbft ift eä nidjt, 
weldje unfere 3i$olI' unb ^elsfadjen serftört, benn fie be; 
fifct einen langen SRollrüffel, mit welchem fie rool)l jüfte 
Säfte faugen fann, bcr aber nidjt baju geeignet ift, fefte 




Sig. 7: fliegender Ohrwurm. 



Stoffe *u j^erbeifeen. 2öenn nun aber, wie id) gar Ijäufig 
gehört Ijabe, gefagt wirb: bie fliegenben Stötten finb nidjt 
jdjäblicr), unb eö ift unnüij, fie ju töten, fo ift bie3 bennoer) 
eine falfdje $lnfid)t, benn bie junge 33rut ber 9)iotte fügt 
unö ben Schaben ^u. SSktin mir bafjer bie weiblidjen 
Kotten töten, fo uernidjten mir bamit jugleid) bie ju* 
fünftige 33rut. 

$ie 3)iotte legt il)re weiften, länglichen C^ier namentlich 
in wollene Stoffe unb ^el^werf. ®urdj üjre Ületntjeit 
unb burdj ben ilmftanb, baft fie bie §intcrleiböfpi£e weit 
Ijeruorftrecfen unb in bie feinften SRi|en unb Spalten 
einfdjieben fann, wirb i()r bieä ©efdjäft fe()r erleichtert. 



Don profcffor Dr. W. Rc(j. 



201 



üRadj adjt bis oierjefw Sagen frieden aus bcn @iern 
bie fed)äef)"füfeigen , gelblidjwcifeen unb braunföpfigen 
Staupen, lueldjc eine fpinbelförmige ©eftalt fjaben. 6ie 
beginnen fofort bie 2öoU* ober ^kljfadjen |U benagen unb 
fidj aus ben abgenagten gäben ober .paaren eine etwas 
breitgebrüdte, oorn unb Ijinten offene dlöljxt gti oerfertigen. 
5DiefcI6c bient iljnen als Slufcnt^altöort, unb fie frieden 




Tig. $: Auskriechende Wolle. 



mit ifjr wie bie Sdjnedfe mit intern $aufe untrer. 38enn 
bie Raupen burcr) $ä'utung größer werben, fo oergröfjeru 
fie audj ifjr gutteral. 

3m üftooember ober TejemBer ift bie Staupe erwacfyfen. 
©ie fpinnt aisbann bie oorbere Deffnung }ti unb bleibt 
wäljrenb beS Linters unoeränbert in ifjrer äBofjnung. 
@rft im 9)iai beö folgenben 3al)rc3 ftreift fie bie £aut 
ab unb wirb flu einer gelbbraunen, fdjlanfen flippe. 
9tadj 9tage$n Sagen fprengt bie 9ftotte bie ^uppenfjüüe 
unb burd)bridjt aud) baä gutteral, wie 3ig. 8 geigt. 9ttd;t 
alle 5lrten ber ßleibermotte bauen fid> jebodj gutterale 



2In5 i>em £eben ecr 3«f^n 11110 Spinnen 



aus Ujren gutterftoffen, einige Slrten fpinnen fid) wei&e 
öeibenröfjren. 

2luf bie perfdjiebenfte SSeife forgen bie 3nfe!ten für 
ifyre junge 23rut. SBefonberS intereffant ift bas 33erfaf)rcn 




lig. 0: Scblupfwespe, «ine Blattlaus anbobrend. 



ber 3djneumonen ober 6cf)lupfn>efpen, roeldje anbere 
Snfefien als ßleinfinberberoaf)ranftalt betrauten. Sßie 
ber ßuefuef feine @ier in frembe Hefter legt, fo legen bie 
©djlupfroefpen ifjre @ier in we^rlofe Raupen unb Saroen, 
^uroeüen ober audj in ooüfommene Snfeftcn unb fyaben 
bamit für iljre junge 23rut au3reidjenb geforgt. <5o fucfyt 



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Von profcffor Dr. W. ftcft. 208 

eine Heine <5d)lupfn)efpe bie 93lattläufe auf, fefct fidj, wie 
bieö giß. 9 geigt, auf ben dürfen berfelben, beugt ben 
Hinterleib, burd)bofjrt mit i^rem fdjarfen Segebofjrer bie 
§aut unb legt trjre @ier in ben Körper. 2lu3 ben Giern 
entroirfeln fid) nadj fur^er 3*i* fleine, roeifje, fufelofe Üfta* 
ben, weldje junäc^ft ftd) von ber iölutflüffigfeit ber SQlatU 
lauS ernähren, bann aber beginnen, iljre Pflegemutter 
Stücf für Stürf aufjufreffen. ©obalb bie ^um Sieben 
nötigen Drgane angegriffen werben, ftirbt bie Ölattlauo 
unb nimmt im £obe eine weij}lid>e gärbung an. $ie 




f ig. 10: Carve der Schaumzikade. 



9)2aben ber (5d)(upfroefpen uerpuppen fid; in bem toten 
ßörper, unb in furjer 3^it entftef)t aus ifjnen wieber eine 
©eneration uon Scfylupfwefpen. 

$a bie Slattläufe burd) <3augen an ben Pflanzen 
fefyr fdjäblidj finb, fo werben fic r»on ben 9)fenfdjen mög* 
lid)ft oertilgt. 2luS bem oben (Gejagten gerjt nun Ijeroor, 
bajj man bei ber Vertilgung barauf achten mufj, bie 
weifigefärbten Jölattläufe nierjt mit ju oernic^ten, weil fte 
bie nüfclidjen ©d)lupfwefpenpuppen enthalten. 

•fticfyt feiten bemerfen wir an r>er(ri)i ebenen Pflanzen, 
namentlid) ßurfurfälidjtnelfe , Söiefenfdjaumfraut, ©rä- 
fern, Reiben u. f. m., eine fpeidjeläljnlidje, flaumige 
glüffigfeit, bie unter bem tarnen „flucfudtefpeidjel" be* 



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204 2lns bem leben ber Jnfeftcn unb Spinnen. 

fannt ift. gig. 10 &eigt uns biefelbe auf ber Oberfläche 
beö abgebilbeten 33latte3. s Hknn n>ir biefe glüffigfeit 
forgfältig entfernen, finben roir unter ifjr eine Heine, gelb* 
grüne Same. @S ift bie Saroe ber ©chaumjif abe. 
Da3 geflügelte Sier ift 5 big 6 ^Millimeter grofe unb hat 
eine blaftg aufgetriebene ©tirn. Die gärbung ift fef>r 
üeränberlid), ^eQbräunlic^, gelb bis frfjttmr^ Sin ber 
©pi$e be$ ÄopfeS flehen meift oier fleine fdjroarje glecfe. 
Daö 2Bci6cr)cn legt im £erbft feine Gier in öaumri^en, 
namentlich ber äöeiben, ab, roo fte überwintern. 3m 
'Jlpril beö folgenben 3ö^e§ fommen bie Keinen Saroen 
aus, wie fte gig. 10 geigt. 6ie finb feejr beweglich unb 
fudjen bie 6tengel unb Blatter ber oben ermähnten 
^flan^en auf. Dort bohren fte fogleidj ihren fräftigen 
Schnabel in bie Oberhaut ber ^Jflangen ein unb faugen 
ben Saft, ber nach erfolgter ^erbauung in ©eftalt Heiner 
i8lä§c§en auö ber $interleib3fpifce hervortritt unb bie 
Saroe umhüllt. Entfernen roir bie glüffigfeit, fo wirb 
fte in furjer fyit roieber erfefct. Sie fdjütjt baö junge 
£ier gegen feine geinbe, namentlich bie infeftenfrefienben 
SSögel unb SRaubinfeften. 3m Sluguft bilbet fid; bie Sarue 
nach mehrfachen Häutungen jur wQfommenen gorm aus. 
Sie bebarf, ba fie jefct geflügelt ift, beS Schubs nicht 
mehr. Die glüffigfeit troefnet ein, unb ba§ üoHfommene 
3nfe!t fliegt baoon. Der Schaben, ben bie £iere an 
ben -^flangen anrichten, ift nicht r»on Sebeutung. 




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6mpb)?sem und Hstbma. 

flerztlicbe Skizze von Dr. med. Kreusner. 

t 

Der 28inter ift für ba3 gro&e £eer ber Sungenfranfen unb 
2ungenfdjn>acf)en bie fd;tcd^te Sa^rc^cit. %m §aufe 
bie balb ju falten, balb überheizten 3immer mit iljrer 
burtfj ben $unft ber Sampen unb ber Oefen oerun* 
reinigten 9ltmofphäre, brausen im greien bie fcfyarfe Suft 
unb ber Strafeenfd&mufc — baS giebt Ieid)t SJnlafi $ur 
(Sntftehung von (Srfältungen unb ßatarrtjen, rocldje bie 
größten geinbe ber Sungenleibenben finb. 

3n befonberS hohem ©rabe gilt bieö oon allen, bic 
mit (SmpfjBfem behaftet fmb ober an Slftrjma leiben, (£$ 
läfjt fich faum ein anbereS fiungenletben auSfinbig machen, 
meines für ben baoon Gefallenen langwieriger unb qual< 
DoDer wäre als @mpfn)fem. ®enn roährenb ben $u6cr= 
fulöfen oft nod^ in ^ en legten <5tabien ein relatioeS 2Bor)I= 
befinbeh über baö 6djroere unb ©efahrbrohenbe feiner 
flranfheit hinroegtäufcht, burdjlebt ber (Smpfjttfematifer lange 
qualoode Qahre, innerhalb beren er unenblidj oiel leibet, 
unb er roirb oft burdj bie grunblofe Stngft nor einem ger* 
ftörenben Sungenleiben oietleicht feelifdj noch gefoltert 
als förperltdj. 



200 €mpljYfem uub 2lftfjma. 

$aä ^auptfomptom beö hodfjgrabigen (SmphnfemS, bie 
Atemnot, ^at ihren ©runb in . einer eigentümlichen 33er* 
änberung beS Sungengewebes, meiere ftdj am treffenbften mit 
bem 3uftanbe e * neS überbefjnten, ftd) nicht mehr felbft 
äufammenjiehenben ©ummibanbes vergleichen lägt. 3Benn 
häufige ßatarrfje in ben 3ugenbjafjren nicht genügenb be* 
achtet werben, jjaben fte bie Neigung, djronifch gu werben. 
3Ber fld^ aber mit einem djronifdjen 33ronchiaIfatarrh burdjS 
Seben fdjleppt, wirb ben Ruften mit Ausnahme ber wärmften 
Sommermonate in ber Megel nicht (08. 35or jebem Ruften* 
ftoge wirb nun bie Suft ftarf in bie Sunge gebogen, fo 
bafj biefe ausgebest wirb, bann wirb bie Stimmrifce 
verengt, unb bie Suft mit plöfclichem ftarfen iDrucf heraus« 
getrieben, ber bebeutenb F;ö()cr ift als bei gewöhnlichem 
2lu§atmen. Snfolgebeffen behnen fich bie SungenbläSdjen 
aus. gür gewöhnlich gießen fie fid) ja nach jebem Ruften* 
ftofte wieber jufammen, aber bei jähre* ober jahrjefjnte* 
langer Slnbauer beS Katarrhs führen bie hw»berttaufenb- 
fadfjen £uftenftö{je ju einer bleibenben SluSbehnung ber 
SungenbläSchen. SMefe IjaUn ihre fo notwenbige ©lafti* 
flität verloren, infolge bauon nimmt bie Sunge einen 
bebeutenb größeren Dtoum ein, als in normalem 3uftanbe, 
brüeft auf baS S^erchfell unb bie (Singeweibe, unb es 
entfteht baS unerträgliche ©efüf)l beS SolIfeinS, beS SJiagen* 
unb SeberbrucfeS, welches ju ben ftänbigen fllagen biefer 
ßranfen gehört. 

Sine weitere golge ift eine Störung ber $er&thätigfeit. 
3)a8 §erj wirb nicht nur mechanifch burch ben SDrucf ber 
aufgeblähten Sunge beläftigt unb eingeengt, fonbern er* 
leibet auch Störungen in feiner Shätigfeit. 3)enn ba in 
ber Sunge beS SmphgfematiferS bie feinften Slutgefäjje, 
bie fogenannten §aargefäf$e, bebeutenb verengt finb, ftaut 
fich rücfmärts baS anbrängenbe S3Iut; baS rechte #erfl wirb 
baljer mit 93lut überlaben. Um baS StauungShinberniS 



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Von Dr. med. Kreusner. 207 

flu überminben, flieht es ftch fjaufiger jufammen unb nimmt 
bei reichlicher Ernährung wie jcberftarf angeftrengte Wülfel 
an Waffe gu. 3nfolgebeffen entftefjt eine ßeratjergröfeerung 
O&erahpertropfjie), bic bei ftatfer -WahrungSaufuh* jiem* 
lieh ungefährlich ift, bei banieberliegenber ©Währung aber 
Su bebrof)lidjer ^erafchwädje führen fann. 

$ie SBlutftauung wirft aber noch weiter rücfwärtä, 
namentlich auf bie blutreichen Organe beS Unterleibs, unb 
führt ju 93lutüberfüllung in Seber, SWierc unb 2Jc% Sie 
wirb enblidj in ben Söfutgefäfjen beS £)armeS nicht feiten 
&ur Urfadje ber fo überaus Iäftigen ^ämorrljoiben. 

SDie Sunge, welche je nach ber Sonftitution beS ein« 
feinen Wenfdjen ein SuftfaffungSoermögen üon 3500 bis 
4500 flubifeentimeter befifct, giebt bei jeber gewöhnlichen 
2lu§atmung etwa 500 ßubifeenttmeter Suft ab, um eben« 
fomel neue einziehen. S3ei ber Sunge beS @mphgfema* 
tiferS ift aber bie Wenge ber (StnatmungSlufi bebeutenb 
herabgefe^t; bie Sunge befommt bei jebem 2ltem$uge nicht 
ben genögenben Sauerftoff, unb baS 33lut bleibt anbauernb 
mit Äohlenfäure überlaben. 3m ©eftcht beS empfjgfema* 
tiferS ift meift bie »enöfe Slutüberfüllung beutlich 5" 
ernennen. 3)ie 93enen treten bort, fowie an ben (Sjrtremi* 
täten als biefe (Stränge Ijeruor ; ber meift furge, gebrungene 
£als roirb im Saufe ber $a\)xt burd) ben fortroährenben 
Ruften gerabeju auseinanbergetrieben unb ftdjtltch biefer, 
unb ber SBruftforb, ber fich normalerroeife bei jebem Ätem« 
pge erweitern unb oerengern follte, wirb ftarr unb unnach* 
giebig. 3" oorgefchrittenen gälten ruft fchon eine geringe 
Bewegung non wenigen hunbert (Schritten, noch mehr aber 
baS (Srfteigen ber treppe ober einer mäßigen Slnhöhe leb« 
hafte Sltembefchwerben fyxvox. 

2lm qualooUften aber ftnb bie SlfthmaanfäUe, welche 
namentlich bei 9tadjt eintreten. 3)er Seibenbe erwacht mit 
bem ©efühle ber Atemnot, bie fich jufehenbs fteigert, 



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208 (HmpfjYfem unb H^ma. 

ridjtet fidj im SBette auf unb ringt mit Blaurotem ©cfid^t 
unb blaßblauer Hautfarbe unter ben 3*i$*n ber größten 
Slngft nadj Suft. $)er SluSbrudj r»on ©djroeiß »erfünbigt 
baS 9Jadjlaffen beS meift nur fürjere S^it bauernben Sin* 
falleä ; baS erfdjredenbe pfeifen unb Gaffeln in ben 2uft= 
röhren Ijört aUmäfjlid) auf, unb ber ßranfe fd)läft erfdjöpft 
ein. @r erroadjt am anberen borgen etroaS angegriffen, 
aber fonft ganj roofjl. 

$er ßranfc, ber fic3& in guten 33erf)ältniffen befinbet, 
roirb bei biefem Seiben geroöfjnlid) alt unb erfreut ftd), 
wenn er einigermaßen oorfidjtig ift, eines relativen 9Bo^l* 
feinS. Siel fdjlimmer ift ber Sinne baran, ber ftdj aßen 
ffietterunbilben auofefcen muß. $enn $urd)fältung unb 
$urdjnäffung mit ben unoermeiblid) nad^folgenben Ra- 
tavrfjcn Derfdjlimmern baS Seiben feljr unb führen häufig 
flu befonberS in üorgerüdten Sauren bebenflidjen Gntgüm 
bungen ber SttmungSorgane. 

$ie uns jur Verfügung ftefjenben $ e i ( m 1 1 1 e I ftnb 
teils gegen bie aftf)matifdjen Unfälle, teils gegen baS ©runb; 
leiben gerichtet. Unjroeifelfjaft finb bie erfteren oorroiegenb 
neroöfer -Statur, wie überhaupt fjartnädige §uftenanfäfle, 
bie man mit allen möglichen antifatarrfjalifdjen Mitteln 
jahrelang erfolglos befjanbelt, oiel häufiger als man 
glaubt auf neroöfe (Sinflüffe jurücf jufü^ren finb. 3lüe 
neroenberuljigenben SJtittel, vom üflorpfnum unb ber 93elfa= 
bonna bis jum Stechapfel unb 93ilfcnfraut, fmb baljer 
beim StnfaUe oft oon großem 9<*u$en. £)ie neuerbingS 
t>on $aris unb 5Jlarfeifle aus mit großer Sfteflame oer« 
breiteten ©ef)eimmittel, meiere jroanaigfad) überja^lt roer* 
ben, gehören hierher unb befielen meiftens aus ben 33lät* 
tern ber ebengenannten ^flanjen unb ber Sobelie, beren 
SSerbrennungSgafe eingeatmet rcerben unb fo bireft auf bie 
^eroenenbigungen ber <5d)leimf)aut in Suftröljre unb 
Sunge einnrirfen. lud) bie befannten Slft^majigaretten 



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Von Dr. med. Krensncr. 209 

enthalten unter bem Sabaf Söeimtfchungen oon Stechapfel« 
fraut. Stiele firanfen fpüren eine bebeutenbe (Erleichterung, 
wenn fic bie fünfte einiger auf baS Safdfjentudj getrau* 
felter tropfen 2lmulnitrit ober Sßuribin einatmen ober bie 
kämpfe oon angejünbetem ©alpeterpapier. Sluch baS 
(Shloralfmbrat ftejjt in Ijoljem ^Cnfe^en. $)och bleibt cS 
immer bebenflich, ben ßörper an ben bauernben ©ebrauch 
ber SRarfotifa ju gewöhnen; benn baS ©runbleiben, baS 
Gmphpfem, bleibt babei gänjlich unberührt. 

(Ein DoQig auSgebilbeteS (Emph^fem ift unheilbar; es 
fann nur barauf Eingearbeitet werben, ben $uftanb ertrag* 
lieh ju machen. 3n ben meiften gäUen aber hat baS 
(Emphufem noch burchaus nicht alle Seile ber Sunge an* 
gegriffen, unb auch in ben erfranften Seilen haben bie 
Sungenbläödjen oft felbft nach Sahrje^nten nicht bie (Elafti: 
jität gänzlich eingebüßt, bafjer ift meitgehenbe Sefferung 
möglich. 

©änger, SRebner, 3nftrumentenbläfer, ©laSbläfcr, über* 
Ijaupt alle, bie nach tiefer (Einatmung bie Suft nur lang« 
fam aus ben Sungen entlaffen, neigen jur (Smphtyfem* 
bilbung; bie (Emfchränfung ober Unterlaffung biefer Shättg* 
feiten ift baljer eine ©runbbebingung ber Teilung, ßbenfo 
ungünftig wirft baS §eben fchwerer Saften, bie ©chmiebe* 
unb 3* mtnermann öarbeit. SEBichtiger als baS ift aber bie 
(Erhaltung ber £erjfraft, welche burch eine eiweißreiche 
Nahrung beforbert wirb, unb bie SltmungSgomnaftif, welche 
einen ausgiebigeren Suftmechfel in ben Sungen beforbert. 
$icS erreicht man am beften, inbem man nach mäßiger 
Ginatmung (angfam, aber fo tief wie möglich ausatmet, 
unb biefe Ausatmung noch baburdj unterftüfct, baß man 
mit aufgelegten £änben ben unteren Seil bes SBruftforbeS 
jufammenbrücft. &iefe Hebung erfefct, wenn fie oftmals 
am Sage wieberholt wirb, ben ©ebrauch beS nur für 33e* 
mittete zugänglichen pneumatifchen ßabinettS, bei meld&em 

l*>i. vu u 



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210 (Smp^yfcm nnb tffthma 



oerbidjtete Suft eingeatmet unb in uetbünnte Suft auä* 
geatmet wirb. 

gettfüchtige Seute, beren fietj nicht genug Xriebfraft 
befifct, um baS Sölut fchnell burch ben Äörper 5U treiben, 
neigen meiftenS jur ©rfranfung an ®mpht)fem. $a§ finb 
aber bie banfbarften 5äHe ; benn eine mit flonfequena unb 
Sorficht geleitete (SntfettungSfur beseitigt hier oft in wenigen 
ißodjen fämtliche Sefchwerben. 

©roße Hoffnungen fefct man auf bie oor furjem in 
großem SWaßftabe gelungene SBerflüffigung ber Suft.*) 
Sic flüfftge Suft enthält einen bebeutenb ^öljeren 5$ro$cnt* 
fafc ©auerftoff als bie gewöhnliche Sltmofphäre. £urd) 
Einatmung ber erfteren, reelle man langfam im 3immer 
oerbunften läßt, hofft man alfo ben Sungen ben mangelnben 
Sauerftoff in reichlicherem ÜUtoße juführen unb ber über- 
mäßigen Slnhäufung oon flohlenfäure im 33lut oorbeugen 
gu tonnen, welche ein £auptgrunb ber afthmatifchen 2ln* 
fälle ift. 

33iele Slfthmatifer fyalUn ftch wegen be3 chronifdjen 
$atarrh$ unb beS bamit oerbunbenen &u3murfed für tuber* 
fulöS. ©anj mit Unrecht, Sie baten in biefer £inficht 
nichts in befürchten. $ie $uberfulofe fefct ju ihrem @nt* 
ftehen unb SSortoärtSfchreiten eine UeberfüHung ber Sungen 
mit arteriellem S3fut oorauä; beim (Smphufem ift aber 
gerabe bai ©egenteil ber gall, unb ber Uebergang be8- 
felben in Sungenfchminbfucht gehört beS^alb &u ben größten 
Seltenheiten. 

UebrigenS muß ermähnt werben, baß, obwohl beim 
Sungenemphpfem im fortgefcfjrittenen guftanbe föft regel* 
mäßig auch Slfthma oorhanben ift, boct) lemeSwegS ba3 
Umgefehrte fiattfinbet. ®8 giebt auch ein Slfthma rein 



*) »ergieße ben Buffafc „Süffige Suft" von ^rofeffor 
tfeffer im II. »anb be§ laufenben Jahrgang«. 



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Von Dr. med. Kreusner. 211 

neraöfer 9{aiur # ober eä getagt mit einer d)ronijd;en @r* 
franfung ber SSerbauungSorgane aufammen. Solche $er- 
fönen brausen alfo, rocil fte an periobi[dfjen Slfifjmaanfä'flen 
leiben, bc§r)atb nodj nidjt für ©mpfjrjfematifcr &u 
Ijalien, falte bie übrigen, oben angegebenen Beid&en biefeS 
SeibenS fehlen. 



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Cßannigfaltiges. 

f in ?<tfer, ber flQ }» Reffen wetg: — 3m %al)xt 1766 war 
©raf 3B , ein oerbienter Cffaier Sriebriajs beö ©rofjen, nac() 
93aben:33abcn gereift, um bort bcn 6ommer mit feiner 2oa)ter 
Helene gu verleben. 3)tefe mar jung, fa)ön, ^atte ein grofceö 
Vermögen 311 erwarten unb fafj ft$ beeljalb fetyr balb von einer 
9Henge SBereljrer umworben. Unglütfltdjerwetfe fiel bie 2öaf)l 
be§ unerfahrenen 3Räba)enö auf einen i^rer am roenigften 
würbigen 3Rann, einen jungen Italiener mit blifcenben fa)roarjen 
3ugen unb langem bunflen £>aar, ber fia) in gefellfa)aftlta}er 
93ejie^ung aroar feljr gut ju benehmen unb 3Räba)en $u feffeln 
raupte , bem jeboa) alle fittlia)en Gigenfdjaften fehlten, bie bem 
SWanne 2Bert »erleiden. Gr mar ein gewerbsmäßiger ©pieler 
unb mar auö Neapel wegen JaIfa)fpieIenS auSgewtefen morben. 

©obalb ©raf 3GB. bieä erfuhr, befajloß er, feine Xodjter um 
jeben $rete vor bem G^rlofen au bewahren. Gr maajte i^r 
93orfteHungen über iljre Neigung unb warnte fie ; baä junge 
3Jläba)en war jeboaj ju naio unb unerfahren, um ben 
3Borten ir)re« Stoterö ©tauben ju fa)enfen. Sie meinte, ber 
©clteOte fei bei i$m nur oerleumbet morben, weil er e§ rer* 
ftanb, fia) bei i^r ftetS in bem uoriei (haften Sickte eineö tief 
unb järtlitt) empfmbenben SiebtyaberS barjuftellen. ©ie fuhr 
bafjer fort, i§m i^re ßtebe ju fa)enfen, unb ber Staliener benufcte 
bie Gelegenheit, fia) bie reia)e Grbin ju fiajern. 2)er ®raf liefe 
fid) jeboct» babura) niajt irre maa)en, fonbern befa^lojj, bem Uns 
roürbigen feine geliebte 5£oa)ter um feinen ^3reiS 3U überlaffen, 
unb müßte er felbft baju fa^reiten, i$n au Dermalen. 



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mannigfaltige*. 213 

GineS XageS fiel bem (Strafen ein 99rtef in bie §änbe, in 
wela)em ber Italiener Helene jur glua)t aufforberte unb fte ju 
biefcm 3roede um e * ne ^eimUc^e Unterrebung bat, wenn t$r 
Sater be§ 2l6enb3 im ÄonoerfationSfjauä weilen würbe. 3" m 
3eia)en tljrer Einwilligung foHte §elene am SRadmtittag auf ber 
<ßromenabe eine weifje SRofe an ber ©ruft tragen. 

Helene erhielt biefen ©rief oon il)rem 23ater natürlia) nia)t 
auögetyänbigt. 

„6terfe Ijeute biefe SRofe an," fagte ber ®raf, alä fte fia) 
jum 9lu3gef)en vüfteten. 

Helene gef)ora)te läa)elnb unb ftetfte bie if)x bargereta)te weijje 
9tofe an bie SBvuft. 

2luf if)rem (Spajtergange begegneten fte bem 3taliener, beffen 
2lugen »or Jreube funfeiten, als er bie 9iofe erMief te. 2)ann 
bradjte ber ©raf feine $oa)ter ju öefannten unb bat fte, 
bort auf tfjn $u warten. Gr felbft fe^rte naa) ber fleinen 23tlla, 
bie fte beiwohnten, 3urücf, fajicfte feine $>ienerfa)aft fort unb 
blieb allein. 

3ur beftimmten 6tuube erfdjten ber Seltener, fprang über 
bie (Gartenmauer unb ftieg, als er bie Xljür oerfa)loffen fanb, 
bura) eineö ber 3 en f* er 31t ebener ßrbe. S)ann eilte er bie 
treppe fytnauf unb trat in §elenen§ 3* mmer > oaä i§ m be« 
fnnnt war. 

$a fam \f)\n ftatt tfjrer jeboa) ber Sater mit einer ^iftole 
in ber §anb entgegen. $er (iJraf oerfa)lofj bie £fjür unb fagte 
)tt bem jitternben 3taliener: ,,3a) fönnte 6te o$ne weiteres 
erfdjtefjen, benn ia) fjabe ba3 9ka)t baju, einen ©tnbretfjer, ber 
bei 9Jaa)t in mein §au$ einbringt, einfaa) nieber$üfa)iefjen." 

„216er §err ©raf," ftammelte ber gtaliener, „trt; bin fein 
2>ieb." 

„2ßa§ finb £te fonft?" bonnerte ber ®raf. „Sie wollen meine 
$oa)ter — eine Gr&tn unb ein Vermögen — ftefylen. §ter tft 
3^r «rief, ber 3(}re oerbretf>erifa)e 2lbfta)t enthüllt. 3a) werbe 
feine ©nabe gegen ©ie üben, boa) will ia) 3§nen baS Seben 
fa)enfen, wenn Bit mir gef)ora)en." 

„Unb waö oerlangen Sie oon mir, §err ©raf?" 

„$ajj <Sie 39aben-93aben oerlaffen, unb 5war fogleia). Sie 



214 mannigfaltiges. 

bürfen fic^ mir unb meiner £oa)ter nie roieber nähern. 9U3 
?reiö für 3(jren ®et)orfam erhalten ©te je^ntaufenb Sranfen." 
£>er 3taliener wollte fprea)en. 

„Äein 2Bort!" rief ber ©raf. „©ie fennen mia)! SSers 
ftanben? 3§r £eben ift in meiner §anb, unb wenn ©ie 
einen 2tugenbltd jögern, fo jage ia) 3$ ncn e » ne Äuget bura) 
ben Äopf." 

„®ut, ia) ge§ora)e," polterte ber Staliener. 

„2)a3 ift 3§r ©lüdt! 3fjue se^ntaufenb Sranfen liegen 
bort in jenem ©a)reibtifa). «Keimen ©ie biefelben." 

„Urlauben Sie mir, 3()r Anerbieten au3jufa)lagen." 

(Sine gebietende SBeroegung mochte jebod) ber falfa)en ©e: 
fü)eibenf)ett ein ©nbe. 

„2)er ©a)retbtifä) ift aber oerfä)Ioffen," fagte ber 3taliener. 

,,©o öffnen ©ie iljn." 

„@8 ift rein ©a)lüffel baran." 

„99rea)en ©ie ba8 ©ö)lo6 auf." 

„Sie motten, ia) foU — " 

„Breden ©ie baä ©a)lo|$ auf, ober — " 

$>abei erljob ber ©raf bie ^iftole. 2)er 3taliener geljora)te. 

„(£8 ift gut," fagte ber ©raf, „nehmen ©ie bie ©anfnoten, 
fie gehören 3^cn. §aben ©ie eine 93rieftafa)e bei fia)?" 

„2öa$ enthält fie?" 

„(Sinige Rapiere unb SBriefe, bie an mia) abrefftert ftnb." 
„Saffen ©ie bie 93rieftafa)e oor bem erbrochenen ©ü)retb* 
tifa) fatten." 
„3ßoju ?" 

,,3a) mujj einen 33eroei$ ju %f)ttv Uebcrfüf)rung §aben." 
„Aber — " 

„$ein Aber, ia) mufj ben $ieb nennen fönnen. Xieb ober 
Xob! — ©a)ön. 2)a liegt bie 93rieftafa)e. ©ie werben jefct 
oor mir §inau$gefjen, unb ia) merbe ©ie nia)t eljer oer (äffen, 
biä ©ie eine SReile oon ©abens^aben entfernt ftnb. 3»» 
übrigen feien ©ie unbeforgt. 3a) werbe meine Anzeige erft 
übermorgen maa)en. ©ie fjaben ooUfommen 3eit jur gtua)t. 
3e*t fort !" 



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mannigfaltiges. 



215 



s Md) biefem 33orfaü\ ber grofje-3 Sluffehen erregte, fonnte 
Öelene nid)t länger jroeifeln. Sie verbannte ben 3talteuer au£ 
ihrem §er$en unb §at mit feinem Söorte fetner mehr erwähnt. 
9iad) einigen Monaten marb i§re Verlobung mit einem öfterreictyis 
fc^en SHittmeifter angc3eiat. st- 
reue frpnbuttflen: I. SBrieforbner nebft 2od)er. — 
Briefe, Rechnungen unb fonftige ©djriftftücfe fo auf3uberoahren, 
bafr fie djronologifd; , ober mie e§ fonft am praftifdjften er- 




Heuer Briefordner. 



fdjeinen mag, georbnet finb, ift nidjt nur im ©efchäftäleben, 
fonbem auch für jebeu orbnungoliebenben ^riuatmann uner- 
läßlich- 3Befentita) erleichtert nrirb ba$ burdj eine Vorrichtung, 
bie e$ ermöglicht, ©ajviftftücfe jebcijeit in biefe Orbnung au 
bringen unb fie bann jufammen fo aufjuberoahren , bafe eine 
93ernrirrung beim Umblättern u. f. tu. niü)t ju befürchten ift. ©in 
beroät)rteö berartigeS §ilf$mittel ftnb bie SBrteforbner, roeld)e 
bie ©chreibroarenfabrtf uon g. ©oennetfen in Sonn, Berlin, 
Setpjtg, Söien in üerfdjiebenen ©latenten ^erftellt. Um bie $a; 
piere cor bem 9lufeinanberfd)id)ten in ber auö unferer Slbbilbung 
ertlichen SBeife mit Sötern 3U oerfehen, bienen bie gleichfalls 
patentierten Socher. 2lud; uon biefen werben mehrere ©orten 
hergeftetlt, alle aber ftnb leicht unb bequem 31t (rnnbljaben. (53 



Dig 



216 mannigfaltiges. 




giebt £oa)er mit fein polierten §oljunterftüfcen nebft SRulbe für 
bie Sßapierfpäne unb mit einem oerftellbaren 2lnfa)lag, ber eö 
ermöglicht beliebige Jormate auf ba3 genauefte $u lodjen. 2)ie 
Sod)er werben au§ ©ifengufj ^ergefteHt unb bann lacfiert; fie 
ftnb in oerfdjiebener Spurweite unb für eine unterfd>iebliä)e 
Slnan^l oon Sbdjern ju fjaben. e. m. 

II. ©er eleftrifdjc Wann. — Slmerifanifdje (ärfinber 
ftreben nia)t nur naa) ®erainn, fonbern autf) naa) @rreia)ung 
fenfationeller SBirfungen. (StwaS nod) nid)t 2)agewefene$ mufj 
eö fein, ba3 ir)ren ©eift unb it)re X^atfraft beflügelt, unb ber 
„cleftrifcfje 9)iann", ben Souiö s }Sarew au£ Xonaroanba im 



d;en — nur nidjt empfinben unb benfen. Gr ift in einen 
weifien ©ommeran$ug gef leibet, r)at ein buntes £a)djentu$ 
in ber 23rufttafaje, Kragen, ©djltpS unb eine 3Jiüfee auf bem 
Ätopf. @r ger)t mit laugen, elaftifa)en ©abritten, mad;t 2Bem 
bungen naa) jeber Seite, fteigt über einen (Stein unb fagt 
mit tiefer, beutlidjer ©timme: „^dj fann oon Diera 9)orf nad; 
©an Jronciöco gefjen." %n ber Xljat r)at bie bereits gegrünbete 
„^Bereinigte ©taaten 2lutomaten=©efeIIfa)aft" angefünbet, bafj fie 
il;ren eleftrifajen Wlann quer bura) ben ganzen (Srbtcil get)en 
laffen raill, unb 3raar foll er einen leidjten tfutfa)wagen mit jraei 
s #erfonen siefjen, bie oon innen feine Bewegungen mittels beS 
eleftrifdjen Apparates lenfen. ©eine Uebungafafjrten mit bem 
Sagen fjat er frfjon gemadjt, unfer öilb ift nadj einer wäljrenb 




Cocbcr zum Briefordner. 



©taate Diera 9)orf je^t fon« 
ftruiert fjat, ift aHerbingö 
nod) n\d)t bageroefen unb in 
ber £§at ein Slutomat, ber 
alle feine berüljmteften 33or* 
gänger übertrifft. 2>er elef: 
trifdje 3Rann, ein SUefe 
auä §ola, ©ummi unb 3Die; 
taH oon 2,2 SJleter §ö^e 
mit bem größten 2lnfa)ein 
be§ Sebent, fann gefjen, 
laufen, fpringen, feine 2lu; 
gen oerbrefjen unb fpre: 



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mannigfaltiges. 



217 



einer foldjen Uebungsfafjrt gemalten ^fjotograpljie. 2>er <&x- 
finber behauptet, ber cleltrifct)c $Rann fönne mit feinem 2öagen 
in ber ©tunbe 30 Kilometer jurücf legen mit breima liger 91aft 




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Don je einer Stunbe täglich, roäfjrenb ber er „gefüttert" roirb. CSr 
mürbe alfo bie ungeheure «Strecfe, ju ber ber ISiljug 124 */« ©tute« 
ben brauet, in etwa 170 Stunben juriirflegcn. $er s JJIcct)aniö= 
ntuS beö Ktttomaten ift natürlid) ©efjeimniä beS (Srfinberö, bc- 
fannt ift nur, bajj er burd) einen eleftrifajen Apparat mittels 



218 



mannigfaltiges 



Seife ; 



jweter $räf)te gcCcnft wirb. 2113 3Rer!würbigfeit nimmt bet ctferne 
Wann jebenfatlS fa>n jefct eine höh* ©teile ein; ob er aud) 
einen praftifchen SBert hat, mu| erft ber Sterfua) lehren. f*. 3- 

DL $au$haltung$buttermaf ä)ine. — 2Benn man 
aud) unferer im allgemeinen baS 3 eu 9 n ^ mci!t uerfaejen 
Fann, bajj fie e« oerfteht, ftä) praftifdje Neuerungen rafd) an$u; 
eignen, fo gilt bie§ boa) nicht von allen ©ebieten in gleicher 
am wenigften vielleicht von bem ber §au8wirtfd)aft. 

§ier gilt ba« Skrtjarren beim 2llten 
unb „Bewährten" noch vielfach als 
Siegel, unb fo fommt e$, bajj manche 
wirtlich praftifchen Apparate unb 
(Einrichtungen in ber §au£$altung 
nod) nidjt allgemein (Eingang ftnben 
fonnten, obwohl bie oeränberten 
33err)ältniffe bie« längft hätten 
wünfchen«wert erfd)einen laffen. 

83ei feinem Nahrungsmittel !ommt 
e§ fo fe^r auf Hppetitlichfeit , abfo* 
lute Feinheit, SBohlgefdnnacf unb 
griffe an al« bei ber Butter, unb 
bodj bietet leiber bie gewöhnliche 
SHarftware in biefen fünften feljr 
wenig ©arantien. 2)ie <Sclbft^er= 
[tellung ber Butter ift beSfjalb für 
ben £au§halt h eute von großer 93c- 
beutung, unb wenn fie nicht längft 
allgemein eingeführt ift, fo liegt 
ber örunb jebenfaßs nur barin, bafe bie Sorteile bei eet6ft= 
buttern« noa) viel ju wenig befannt waren unb bajj eö fett* 
her an einer jwecfmäfiigen Buttermafchine gefehlt hat. ©ine 
folche fteht unferen §au«frauen aber jefet 3ur Bergung 
in ber oben abgebilbeten §ünerdborfffd)en §aushaltung«butters 
mafa)ine. 2)iefelbe befteljt aud einem ftarfen ©las'gefäfj, auf 
baS ein mit bem föührmerf verbunbeneS 3 a ^nrabgetriebe auf: 
gefegt wirb. Beim drehen ber Kurbel werben infolge äufjerft 
finnreicher Konfination be« £riebwerf« bie beiben 3tür)rflügel 




fiausMiungsbuttermascbin«. 



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mit großer ©chnelligfeit in entgegengefefcter Widmung bewegt, 
fo baß fd>on naa) wenig Minuten unb ohne jebe Slnftrengung 
bie 39utter abgefonbe.t wirb unb auö bem (Slafe genommen 
werben fann. Siefe öutter ift eine wahre $eltfateffe unb 
hält auch, weil fie nicf)t oortjer bura) alle möglichen unappetit; 
liefen Singer gegangen ift unb babei fteime aufgenommen hot, 
bie i(jr 33erberben bewirfen, otel länger als bie gefaufte. @3 
liegt ferner auf ber #anb, baß bura) baö ©elbftbuttern , inbem 
man ben aus ber täglichen 3Wilch erübrigten 9tar)m oerbuttert, 
eine beträchtliche jährliche ©rfparnte erjielt wirb, ba bie fo ge: 
wonnene SButter nichts foftet. Bußerbem gew innt man babei 
bie beim buttern jurücfbleibenbe 93uttermila) , bie ein oor* 
jügliajeö ®etränf für ©efunbe ift unb, weil oöllig fettfrei, bei 
oielen Äranfheiten äqtlia) oerorbnet wirb. £)ie $au8h°ttung§.- 
buttermafchine bient &ugletch a ^ praftifct)er ©d)neefd)läger, 
@ct)lagrahmmaa)er unb ©chofolabequirler u. f. w. ü 9R. 

§in fürftfia)f5 Honorar. — 3« Romanen wirb oielfaa) oon 
reiben ©olb- unb ©ilberfchäfcen gefabelt, bie noch ic^t in 
ben alten ©olbbergwerfen ©übamerifaS fchlummern. (Sine 
wirflich oerbürgte Xfjatfache ift aber folgenbe. 3m »nbem 
gebirge unweit ber ©tabt $uno in $eru lebte ein altes ©he 
paar oom 3nbianerftamme ber Slomara. 2)er Wann t)atte lange 
ein Jyußleiben gehabt unb hi n ^ e e * n wenig; man nannte ihn 
baljer ben lahmen ^ßereö. Gr war, wie bie meiften biefer SnbioS, 
ein büfterer, fdnoetgfamer ^)?ann; feine grau mußte früher ein; 
mal in ir)rer 5lrt eine Schönheit gewefen fein, fie hotte eble 
3üge, unb aua) ^ereö t)atte trofc feine« gehlerS etwas ^ot)eitä^ 
oolleS. $ie umwohnenben 3nbio3 h^ten großen SRefpeft oor 
ben beiben, e$ h ie ß> fie feien ebelfter Slbftammung, unb wenn 
eS irgenbwo ©treitigfeiten unter ben eingeborenen gab, würbe 
^PereS ficherlich als ©djiebSrichter angerufen. 2)a3 $aar war 
außergewöhnlich wohlh^^enb ; im ©taHe ftanben aa)t Äülje, unb 
bie in einen Seifen eingebaute £ütte war geräumig ; fo einfach 
bie innere SluSftattung auch war, f° f c ^* c c ^ * n ^ v Ö0C D nx(i )t 
an einer gewiffen ^Bequemlichkeit. 2luf ber Sßeibe war außer-- 
bem noch ™ ftarfeS «ßonn unb eine hübfa)e §erbe oon SUpafaS. 
$ere$' ©runbbefifc erftreefte fta) weit über taufenb borgen, unb 



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220 



mannigfaltiges 



man fagte, er hätte ein 2lnred)t auf ben Sorraberg, baS uns 
beftreitbar fei. 60 ©icl mar gewifj, 3Hinen würben bort niajt 
angelegt, $creS hatte äße bejüglidjen Änerbietungen abgelehnt. 

©me3 XageS fam ein tnbianifajer 3unge jum beutfa^en 2Irjte 
Dr. Söeibner naa) tyuno unb bat if)n, er möge jum lahmen 
$ere3 fommen, bie grau fei franl. SBetbner beftieg fein SRaul« 
tier unb maajte firf) auf ben SBeg ; ba er ein tüa)tiger Mineraloge 
mär, oergajj er nio)t, feinen Jammer mitjune^men. $er 3unge 
führte \f)n, benn fonft hätte er bie $eimftiitte beö ^JereSfd&en 
^aareö wof)l nie gefunben; ber 2öeg ging bura) eine ©egenb 
coli erhabener ©a)önfjett unb einfamer ©rofjartigfett. SBefonberS 
auffaHenb war auf ber §öf)e ein oon Seifen gebilbeter falber 
©djwibbogen, ber ben 2lnfa)ein hatte, als hätten 3Renfa)enhänbe 
ihn gebtlbet. 2)er Xoftor oerfua)te auf einem Umwege hinauf: 
$uflimmen, aber ber 2lufftieg ermteS ftdj als fo befa)werlid), bafj 
er baoon ablaffen mujjte. $3etm $erabfteigen fam er an einer 
fa)arfen flaute oorüber, bie metaHifa) gleiste. @3 gelang ihm, 
ein ©tüdf baoon abaufajlagen, unb er fanb, ba& eä ©puren oon 
Silber enthielt. 3nbe3, bie Qtit Drängte, er mufite ju feiner 
Äranfen unb fonnte ben Junb nicht weiter oerfolgen. 

$te Äranf^eit ber grau ?ereS erwies fta) al§ ein chronifa)eS 
Seiben, baS wieberfjolte örjtltcr)e $ilfe erf/eifa^te. (Slfmal mufcte 
Söeibner bie $ere3fd)e Sefjaufung betreten, ehe e£ ihm gelang, 
bie Seibenbe roieber^erjuftelfen ; aber niemalö fam er wieber 
an jener ©teile worüber, wo er ben ©ilberfunb gemaajt hatte. 
^ere§, ber au3 ben Unterhaltungen mit beut SCr^te bemerft hatte, 
wie eifrig ber frembe Softor um feltene Grje unb ©teine be* 
müf)t fei, fa)enfte if)m mancherlei, ein ©tüd ßupferfieg mit 
einem f leinen ©olbanfjang, ein paar prächtige ßroftalle, ein 
©tücf grünen SRarmorS, in bem ein Dmjr. fterfte, unb anbere 
Paritäten. (Subita), ba SBeibner feinen legten öefudj abgeftattet 
^atte, erbot fta) $ereä felber, ifjn hetmjugeleiten. 

„greunb Sßereä," fagte ber 2)oftor, „td) h flDe ben SBeg jefct 
fennen gelernt, bu braudjft bia) nicht ju bemühen." 

2)er 3nbianer lächelte. ,,3cf) weife," erwiberte er, „aber ich 
mujj bir für beine oielen 3Hü$en unferen $anf abtragen. 3a) 
weife, roaS bu gerne $aft, fomm." 



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mannigfaltiges. 



221 



2)er 2öeg füfjrte ind wtlbefte ©ebtrge Jinein. 2fn einem 
(teilen 2l&f)ang liegen bie beiben Gönner ifjre Leittiere gefeffelt 
juriic!, fo bafj fie fia) bewegen, aber nidjt entlaufen fonnten. 

„$u ^aft beinen Jammer unb bein ©ätf djen bei bir ? ©ut," 
fagte $ete8. 

2)er Slbfjang würbe umgangen, bann ging eö eine furc^en- 
artige Slinne fyinauf, an bem ftt^wtbbogenarttgen Seifen oorbei, 
ber bem 2lrjte fd&on früher einmal aufgefallen mar. 3n faVangem 
artigen unb freiöförmigen SBinbungen führte eine 9lrt g-ufspfab 
fjinauf unb fjinab, enblia) ftanben fie in einer Vertiefung, bie 
ringö von ragenben gelfen eingefa)loffen erfajien. 

„$u wirft ben 2ßeg nie wieber finben," fagte ber 3nbianer, 
„iaj !ann bir bafjer mein ©eljeimniS preisgeben." 

@r rüttelte an einem gelfenftürfe, t>on bem fia) ein $eil bei: 
feite fdjieben lieft, eine §ö$(ung t§at fia) oor i^nen auf. 2>er 
Slmnara jog eine allem Slnfdjeine naa) uralte fiampe hinter 
bem ©tein Ijeroor unb entjünbete fie, bann gingen beibe in 
einen engen unb niebrigen ©ang, ber fid) aUmäljliä) erweiterte. 
9faa) Verlauf einer Viertelftunbe ftanben fie in einer gelfenljalle 
fHH. ©taunenb blidte ber $oftor um fidj. 3m Schein beö 
SämpdjenS fafj er oor fia) einen leudjtenben S3locf, ber mit vitU 
fadjen 3adcn au$ ber £iefe aufragte, „9limm beinen ©ammer," 
fagte ber 3nbianer, „unb ftedfe bir oon ber Gtobe ber guten 
alten ©ötter ein, fo mel bu magft. (53 ift reines ©Uber." 

©o war eS in ber £f)at. 9tod) furjer y\üf)t ^atte ber &r$t 
eine anfefjnlia)e ©ilberftufe abgefajlagen. 

„3efct ift eS genug," $ob ber Slmnara wieber an, „eile bia), 
bamit bie Sampe ntdjt eriifa)t." 

2)a8 Slämmajen fladerte nur nod) leife unb ging balb au§, 
ben Steft beö ftücfwegeö mußten fte bereit« in völliger ginfterniö 
jurüdlegen. 3ln ber ©djafepforte häufte ber 3nbianer bereit 
liegenbe lofe ©teine auf, fo bafc balb jebe ©pur einer Deffnung 
oerfajwunben war. 

„2tber $ereä," fjob jefct ber 2>oftor an, „befinne bia) bodj, 
SWann! 3 m 99efifc biefer foloffalen 9tetä)tümer fönnteft bu bir 
ja $aläfte erbauen, in §ülle unb ftüUe leben unb eine grofee 
BoHe in ber SBelt fpielen!" 



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222 



mannigfaltiges. 



lieber ba$ 2(ntlifc beS tlmnara 50g e§ nrie ein ©Ratten. 
„3<5 nmfjte e§, ba(j bu mir fo etwas oorroerfen tottrbeft," fagte 
er, „aber für mia) ift ba§ nichts. $ie SBunber ber grembe 
reijen midj nidjt, unb bie 9?ot fel)rt in meine $ütte uid)t ein." 

„2lber ma3 fönnteft bu für bein Soll tfjun — roie ein 
Jürft !önnteft bu (jerrftt)en." 

3)er 2Ute nrinfte mit ber $anb ab. „Wein einjiger ©ofyn 
ift tot, unb mein 93ol! rufjt im ©Plummer. Wetnft bu, bafe cö 
fta) je tmeber ergeben fönnte ? ©tröme $Uute3 müßten fliefeen — 
unb wer toeijj, ob eg einen Wufeen braute? 2Bir finb frieblid) 
unb ergeben geworben unb (jaben unfere Hoffnungen lange bes 
graben. — ftomm, mir wollen unfere SKeittiere fudjen, unb td) will 
bid; auf ben gewohnten 2Beg bringen." 

SBalb barauf nahmen fie 9lbfd)ieb ooneinanber. 

&em 2)oftor lieg baö ©efjeimnte be§ ©Uberfa)afceS feine 
9tufje. 2Wit einer ©a)ar bergfunbiger unb befjerjter 3Äänner 
f)at er eS mehrmals oerfud)t, bie $öf)le roieber^ufinben — um-- 
fonft, ber 2lumara Ijatte redjt. 2113 Dr. SBetbner fpäter nad) 
(Suropa Ijeimfefjrte, oerfaufte er um eine tjofje ©umme feinen 
©ilberfdmfc an ein SBiener Waturalienfabinett. 3m Katalog 
fte§t: „9tr. 419. ©ilberftufe aus S(kru 5luS ber ©ammlung 
beä Dr. SBeibncr " , G. D. 

gin ßfeine* ^aifjoer/fänbnis. — 3m grütyltng beö 3 fl 0 rcS 
1804 fam ©djtller gum erften unb einzigen Wale naa) Berlin. 
3lm 4. 3Rai fa§ er im Xfjeater, n>ela)e3 unter 3ffCanbd treffe 
liajer Seitung ftanb, feine „S3raut oon SRefftna". 2113 er in 
bie Soge trat, rourbe er 00m jafflreid) oerfammelten ^ublifum, 
melapcö ifjm }u Gl;ren ftd) oon ben ©ifcen erfjob, mit 3ubel 
begrübt, unb fo aua) am 6. Wai, alö feine Ijerrltaje Sragöbie 
„2)ie 3ungfrau oon DrleanS" gefpielt mürbe. 

Sfflanb §atte ba£ lefctere ©tütf glänjenb in ©cene gefegt 
unb befonberö oiel ^Jradfjt auf ben $rönungö3ug »enoanbt, 
bafür aua) ein fo ja^lreia^eS ©taiiftenperfonal aufgeboten, ba§ 
eö bem 2>id)ter beö ©uten etgentlia) etroaä ju oiel fdjien. 

2lm folgenben Xag befaub ftd) ©djiller al$ f)od;gefü)äfctev 
Gbrengaft in einer auSerlefenen ©efeöfajaft. Wan bemerfte, 
ba& ber fränflta> $>ia)ter, nac&bem er mit ben Slmoefenbeu 



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mannigfaltiges 



223 



längere 3"t ftch recht angenehm unterhalten hatte, plö^Itc^ ftill 
unb in fcd^ gefehrt bafaj, anfcheutenb in üRachftnnen oertieft; 
Damen unb Herren fprachen beSk)alb leifer, um ihn nicht ju 
ftören, unb fte fdmuten mit ©Ijrfurd&t ben großen Poeten an, 
reeller ben beutfa)en Sühnen unb bem beutf$en Solle fcf>ou fo 
oiele ^errli^e SWeiftermerfe gefdjenft hatte unb nun auf irgenb 
ein neue« su ftnnen faxten. 

(SS rourbe uom tyzatzx gefprodjen, oon ber geftrigen Auf; 
füfjrung ber „Sungfrau ©on Orleans". 

Da fagte eine Xante etmaS lebhafter unb lauter: „(SS mürbe 
mir gefitem noa) Diel beffer im ^^eater gefallen haben, wenn 
nur nicht ber 3ug ftd^ fo unangenehm bemerfbar gemacht hätte." 

@a)iller hob plöfclich ben Äopf unb rief: „35a haben Sie ganj 
recht, meine ©näbige! (SS mar flu triel 3 U 9/ ftörenb für bie 
$anblung, weit er biefe gar ju lange aufhielt." 

„SSerjeihen 6ie, $err $ofrat, fo meinte ich eS eigentlich 
nicht." 

„2Bte benn, meine Onäbige?" 

„Sie benfen, fcheint e8, an ben ÄronungSjug?" 

„3a, freilia)." 

„Der hat mir ja gerabe ganj gut gefallen. SBelche $raa)t! 
2öte oortrefflich baS ganje Arrangement!" 

„greunb 3fflanb hätte lieber weniger babei thun follen. 
Der 3ug ift entfehieben ju lang." 

„Das finbe ia) boa) nicht, §err §ofrat." 

„916er welchen 3ug meinten 6ie benn oorhin, meine 
©näbtge?" 

„3ch meinte ben läftigen 3*»g, ber jebeSmal im Theater 
entfteljt, wenn bei Seginn eines AfteS ber Vorhang aufgesogen 
wirb. Diefe falte 3ugluft ift mir fehreeflia) unangenehm." 

Schiller begann fyttttx 3" lachen, unb baS flehte SDltfjoers 
ftänbniS mar aufgeflärt. 

Diefe ehrenvolle Aufnahme in Serltn mar einer ber legten 
unb fchönften Triumphe beS grojjen Dieters. (Sin 3ahr nachher 
ftarb er — ju frühe für Deutfchlanb. 3f 2 

fit« <ftine(if^e Stabfertn. — Dafj bie bejopften 6öhne 
beS SRetd&eS ber SJiilte trofc ber ©ojerberoegung im ©runbe feine 



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224 



ntattrtigfciftige* 



fo argen Jeinbe roeft lieber JTuItur unb mobemen gortföritteS 
ftnb, als man geroöfmlid) glaubt, beroeift bic Sfjatfadje, bafe in 
ben $ertrag§$äfen , roo eine enge Berührung 3roiftt)en Striefen 




€lnc cbinc$f$d)e Radltrfn. 



unb Europäern ftnttftnbet, ba§ mobernfte roefteuropfiifrfje gort« 
beroegungömittel, baö ga^rrab, aua) bei ben (Sf)iuefen Eingang 
gefunben f)at. 3unge Gf)tne[en alö SHabfatjrer fann man in 
©ajangfjai ober $ongfong in SDienge fef>en, unb fie leiften $um 
Xeil audj im ttunftfaljren ÜJorjüglidjeS, ba fie ftd) biefem (Sport 




mit großem Stfer Eingeben. 2lIIe unfere begriffe von d^ineftf^cr 
ÄulturfeinMtc^fcit unb ber niebrigen 6tettung beä d>ineftfc$en 
aaSctbeä wirft cä aber über ben Raufen, wenn wir erfahren, bajj 
eS aua) bereits junge tarnen im Steide ber SRitte giebt, bie 
rabeln. 3 um unwiberleglicf)en öewetfe biefer er ftaun liefen %fyaU 
fac^e führen wir unferen Sefern gräulein Äit:6en auf tl)rem 
3weirab im Silbe cor. $ie fa)Ii^äugige ©ajöne ift bie Xodjter 
be§ c$inefifc$en ©efcfjäft3fü$rer$ ber girma garbine & 3Rat$iefon, 
unb i§r Sater ift ftol$ barauf, bafc fie baö erfte junge 2Mba)en 
war, baS fia) in dfjina aufs ga$rrab wagte, unb bajj fie ifjren 
europäifajen ©efa)lec$t3genoffinnen in ©ewanbtljeit unb 9lu§= 
bauer ni$t3 naajgiebt. Sf. 3- 

Königin unb (fcuäßertn. — SJefanntlidj fennt bie SReligtonS: 
gefellfdjaft ber Duftfer feinerlei Spangs ober 5tlaffenunterfcfjiebe, 
fie jie^en vor ntemanb ben §ut ab, reben alle mit bu an unb 
nennen fid) untereinanber „greunbe". 3 m £*rbfte 1818 be; 
fuö)te bie Königin ßfjarlotte von (Snglanb bie ©aber ju 83atfj 
in Begleitung ifirer (Snfelin, ber ^rinjeffin (Slifabetfj. 93ei einer 
Spazierfahrt äufjerte fie ben SBunfa), eine in ber ftäfje wo^nenbe 
Duäferin ju befugen, um beren 2ßtrtfa)aft ju feljen. Siefe 
würbe von bem if)r jugebaajten Befuge unterrichtet unb liefe 
ber Königin fagen, bajj fie wittfommen fein werbe. $ie Königin 
war noa) nie mit einem 9)Utgliebe biefer ©efellfdjaft in 93es 
t'ütjrung gefommen, unb bie tarnen unb Herren, welche fie be« 
gleiteten, Ijatten nur fdjwadje Sorftellungen oon bem (Smpfange, 
ben fie &u erwarten fjatten, unb glaubten, bie Duäferin werbe 
wemgftenä fagen: SRajeftät, §o|)eit ober 3Rabame. 

$er föniglia)e SBagen fam aur beftimmten ©tunbe oor bem 
%$oxt beö ^arfeä an. ©3 fü)ienen feine Vorbereitungen $um 
(Smpfange getroffen worben ju fein, unb weber SBirtin noch 
öebiente ftanben bereit, ben ©aft $u empfangen. 3)ie ©locfe 
würbe enblia) angezogen, ba fam mit feinem grofjen £ut ber 
Pförtner herbei unb rebete ben bienftfjabenben Üorb, ohne fia) 
ju oerbeugen, mit ben Sorten an: „SöaS beliebt bir, greunb?" 

2luf biefe unerwartete grage erwiberte ber £orb: „(Sure 
fcerrin ift gewifj unterrichtet, ba& %t)vt 3Hajeftät fommt. ©efjt 
3U eurer ©ebieterin unb faget, bafj bie Königin hier ift." 

1901. VII. 15 



I 



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226 mannigfaltiges. 

„Wein," antwortete ber 3Rann, „baö ift nidjt nötig; i$ $abe 
weber eine ©ebieterin nodj eine $errin, aber bie greunbin 
SRafjel 2JWIS erwartet bie beine." 

3)er Königin unb ber Sßrinjeffin würbe au3 bem SBagen 
geholfen, unb fie gingen naa) bem Sorplafce. 3ln ber §auät$ür 
ftanb Stafjel im fa)Iia)ten Slnauge unb fagte mit fiterem 3u-- 
nicfen: „2ßie befinbeft bu bia), meine greunbin? 3$ &i« er- 
freut, bief) unb beine (Snfelin gu fe§en. 34 wünfdje, bafj bu 
bia) woljlbefinben mögeft! 39 leib unb erquitfe bu$ unb beine 
£eute, elje id) bir meinen Jpof geige." 

@S fiel fo in bie 9(ugen, bajj bie Üuftferin e8 gut, ja e§r* 
erbietig meine, bafj man iljr i§re Sieben niü)t übelnehmen 
fonnte. ©ie begleitete i§re ©äfte bura) i$r ganjeä ©efifctum. 
2>te «ßrinjeffin (Slifabetl) fal> babei im $tt$ner$aufe eine i§r 
niajt befannte ©attung Jpüfjner, gab ben SÖunfa) $u erfennen, 
einige biefer feltenen SSögel 3U befifcen, unb glaubte, bie Üuäferin 
werbe ifjreii Sßunfa) a(3 ein ©efefc betradjten. 

2)ie Üuäferin bemerkte aber nur: „6ie finb feiten, wie bu 
fagft; mären fie aber in biefem Sanbe ober anberwärtS ju faufen, 
fo mürbe id; fie wenigen grauen lieber als bir t>erfa)affen." 

2>ie ^rinjeffin äußerte barauf iljren 2Bunfa) beutlia)er, ba& 
fie einige oon biefen $ü^nem ju faufen wünfdje. 

„3a; laufe unb oerfaufe niä)t," antwortete Stotel SWiUg. 

„9hm, oieüeia)t wollen ©ie mir bann ein $adr fa)enfen?" 
fagte barauf bie ^ßrinseffm mit einem gewinnenben Säa)eln. 

v 9lein, wirflia) niajt," erwiberte SRaljel, „id) fjabe eö vielen 
greunben fa)on abgefdj lagen, unb e§ gejiemt mir nidjt, baö, wa8 
ta) meinen eigenen SSerwanbten oerroeigert Ijabe, einem anberen 
5U bewilligen. SGßir Ijaben un3 lange rüfjmen tonnen, bajj unfer 
£au3 allein nur biefe $ögel befafe, unb id) fann ju beinen 
©unften feine SluSnafjme machen." 

SRat)cI aJUUS behielt it>rc §ü§ner. SDBie aber biefe t$atfäa)lia)e 
Unterrebung mit ber Duäferin ber Sttajeftät unb ber ^rinaeffm 
©Itfabetf} beijagt f)at, barüber ift nia)tä laut geworben. 6. %. 

3>ie Jtpfefßne. — 3 m Mittelalter fannte man nur bie 
bittere Drange ober ^Jomeran^e; bie fü|$e Drange, unfere 2(pfel= 
fine, r)at erft siemlia) fpät ifjren öinpg bei und gehalten. Jöiö 



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mannigfaltiges. 227 

ins 17. 3ö5^unbcrt hinein war bcr 9tame für biefe 5rua)t 
„fiiffaboner Drangen", fpäter Ijtejj fte ,,©ina=9Ipfel" , bann 
breite man ben tarnen um unb nannte fte „Stpfelftne". S3eibes 
i|t basfelbe unb bebeutet Slpfel aus ©tna, wie man früher ftatt 
6$ina fpraa). 

2)er Orangenbaum fanb um fetner föftlia)en gruü)t Witten 
an ben Äüften bes 2Rtttelmeere« eine fa)nette Verbreitung, bte 
ftö) big in bie SReujeit ausbeute, wie ber billige $ret* feiner 
5rüa)te bewetft. eüblia) Don Neapel unb bei ©orent beginnen 
bie Orangenljaine, am bebeutenbften ftnb bie Drangen^aine von 
©igilten, ©arbtnten, bem fübliä)en ©panien unb bem weffcltä)en 
Portugal. 2)ort erreichen bie Slpfelftnenbäume audj bie ootte 
§ö$e unferer Apfelbäume. Sie oerlangen einen fruchtbaren, 
gut bearbeiteten unb gut bewäfferten ©oben. $er Orangenbaum 
blü$t nur einmal im Saljre, in ben Monaten Stpril unb SWat; 
bie Äetfejeit beginnt im 3anuar unb bauert bis aum Slpril. 
©eine grua)tbar!eit ift bebeutenb , feine Sebensbauer burd&mifjt 
mehrere Rentenalter. 

93efonbers erwähnenswert ftnb bie Drangenfjaine am Jufee 
bes SIetna um 9Refftna unb bei bem gegenüberliegenben SReggto 
auf 3taliens ©übfpifce; SRilis, in ber SRitte ber SBefttüfte ber 
mit reichem ^flanjenwuajS beberften 3nfct ©arbinien, jäfjlt in 
300 Orangengärten über 500,000 Säume, m la> burdjfajnittlia) 
12 aJlittionen golbene Slepfel tragen. Stuf ber 3nfel SRallorca 
finbet ftä) ein eine ©tunbe langes unb breiotertel ©tunben 
breites $ljal, angefüllt mit Xaufenben oon Orangengärten. 
Portugal fyat in ber ^Jrootnj SUgarue feine &pfelftnenf)aine. 
©e$r wohlfcfjtnecfenb ftnb aua) bie Slpfelfinen oon SDtalta. 3 e 
nad) bem ©oben, in welchem ber Saum wurzelt, jeigt er in ber 
Wenge unb ®üte ber grüßte merflidje Unterfd)iebe. 3Ran unters 
fd;eibet 40 oerfa)iebene Slpfelftnenarten. 

$te Slpfelfinen, welche jur Ausfuhr befttmmt finb, pflütft 
man, beoor fte bie oöllige Steife haben, unb fö)on an Ort unb 
©teile ftnb unmittelbar nach bem ^flücfen grauen bamit bes 
fdjäftigt, bie 5rüa)te in ©etbenpapter einjuwidfeln. SSöHtg reife 
grüä)te laffen ftd) nicht oerfenben. 

©panier unb ^ortugtefen brauten bie Drangengewädjfe aua) 




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228 !TTamtigfaltiaes. 

nad) 2lmerifa, too fte namentlich im Xropengebiete oorjüglich 
gebeten. Jrüher bejocj Slmerifa feinen Sebarf an Stpfelfinen 
aus bem f üblichen (Suropa, unb Sizilien gab lange 3at)re h ins 
bura) etwa jmei drittel feiner ©rnte an bie bereinigten Staaten 
ab. 2(ber fdjon cor 3ahr3et)nten ^atte bie Crangenfultur, 
namentlich ingioriba, Souifiana unb an ber ^acipcfüfte, eine 
fo auägebet)nte (Sntroicfelung genommen, bafj t)eute bie bortigen 
^Ipfelftnenplantagen ben Sebarf 9lorbamerifas uollftänbig bt- 
fheiten fönnen. <&. 

(Sin 2?orfäufer parnriits. — Son bem ebenfo ^eftig an: 
gegriffenen nrie begeiftert oeret)rten 5Raturforfa)er Karmin (f 1882) 
nimmt man gewöhnlich an, bafj er als ber erfte bie ganje SOBelt 
bura) feine Set)re aufregte, ber SWenfaj habe feine SCbftammung 
im ^ierreia) ju fua)en. Unb boa) fyat fa)on oor it)m ein ®e= 
lehrter SlehnlidjeS behauptet, einer ber auSgegeichnetften italies 
nifa)en Herste beS 18. 3ar)rt)unbert8 mar $ietro 3JcoScati, 
geboren 1736 gu HRailanb. Äaum groeiunbgroangig 3 fl h re alt, 
würbe er fä)on ^rofeffor ber SRebigin an ber Unioerfität gu 
$aota unb errangte burä) feine ®elet)rfamfeit grojje Serüt)mt: 
heit, befonberS aua) burdj bie wiffenfchaftlichen JBerfe unb 2lb- 
hanbluttgen, welche er im 2)rucf oeröffentlichte. 3m 3at}re 1770 
liefe er aber gu SWaUanb ein feltfameS Such erfdjeinen, welches 
bamalS ungeheures Sluffe^en erregte unb it)m nachher fein gangeS 
£eben lang manche Serbriefjlichfeiten bereitete. 

3n biefem Suche oerfuchte er nämlich mit oielen fehr fa)arf* 
ftnnigen Orünben ben anatomifchen SeweiS gu erbringen, bafj 
ber 3Jcenfdj in feiner ©igenfcfjaft als ebelfteS fieberoefen eigents 
lieh feit etlichen 3 a ^^ au f enDen gön^lic^ ausgeartet fei. 2)ie 
Watur ho^c oou Seginn an ben HKenfchen nicht gum aufrechten 
©ange beftimmt, fonbern oielmehr gum Saufen auf allen oteren, 
rote bie oierfüfjigen anberen Xiere. $aS ©ehen auf gmei Seinen, 
welches unglücffettgerwetfe bie 3Henfchen in ihrem lächerlichen 
Unoerftanb fich angewöhnt, fei bie Urfache vieler Äranffjeiten, 
oornehmlich aber ber ©eelenteiben. 3«öbefonberc bie Melancholie 
flamme baher; als Sterfüjjler mürben bie 3Jcenfa)en nicht fo 
fchwermütig fein, nicht fo oiel fich mit $en!en unb 6orgen abs 
plagen, auch mürben bann nicht fo oiele <5elbftmorbe ftet) ereignen. 



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mannigfaltiges. 229 

Gr nnberrtef biefe Slnfic^tcn niemals, fyatU aber in $aoia 
gar argen Sßerbrufj beS^alb, auS welkem ©runbe er feine 
$rofeffur aufgab unb nach fetner SSaterftabt 3ttailanb überftebelte, 
um bort fortan als ^rgt ju Wirten. 1796, aß er fedfeia, 3afjre 
alt war, mürbe er eifriger $oliti!er unb balb nachher juerft jum 
2)treftor, bann jum Sßräfibenten ber (£tSalpinifchen SRepublif er: 
nannt, trofc beS energifd&en 2BtberfpruchS feiner gasreichen 
polittfchen ©egner, welche ^öjnifa) behaupteten, bajj ein HJlenfd), 
ber ein fola) fonberbareS S3ua) oerfajjt §abe, welches bie emft 
gemeinte 2lnfia)t enthalte, baf$ baS Saufen auf oier Seinen oer? 
nünftiger fei, als baS allgemein übliche ©et)en auf awei Seinen, 
ganj unmöglich ben Staat auf oernünftige 9lrt regieren fönne. 
1799 rourbe er bei bem (Sinmarfa) ber Muffen unb Defterreidjer 
oer^aftet, aber fogleid) wieber in greiheit gefegt, ba ber ®vy- 
Ijeraog Äarl fdjwer etfranfte unb oon SJtoScati $Ufe begehrte, 
ber ifjn auch richtig titrierte. 1802 mar er h^roorragenbeS 3Jlit* 
glieb ber StaatSfonfulta, fowie 9Jttnifter beS öffentlichen Unter; 
ria)tS. @r mürbe aufjerbem noch Senator unb Staatsrat, auch 
in ben ©rafenftanb erhoben, ferner erfter Seibarst beS SiaefonigS 
eugen unb SRitter mehrerer h<>h c n erben. 3m Sanuar 1824 
ftarb er in feiner SBaterftabt 3Railanb in bem f)of)tn Sllter oon 
ac^tunbachtaig 3öS*k- ff. s - 

3>ie £prad)e ber Außen. — 2)er fogenannte Spiegel ber 
Seele, baS Sluge, ift felbft feines wedjfelnben SKuSbrucfS fähig. 
<5S ift amar eine Xhatfache, bajj unter bem @influffe oon ©emütS; 
affeften fta) bie ©röjje ber Pupille oeränbern !ann, bod) ift baS 
fo geringfügig, bajj eS mit ber fogenannten Slugenfprache nichts 
au tfjun h«t. 3ntereffante Unterfuchungen über bie Vorgänge, 
wela)e für bie „Sprache ber Slugen" majjgebenb finb, hat $ro; 
feffor Dr. SRitter o. Sieujj in Sßten angeftellt. Sie aetgen, bafe 
nia)t baS Sluge felbft, fonbem beffen Umgebung eS ift, bie feinen 
mechfelnben SluSbrucf bebingt. 

3)er Augapfel liegt mie bie Hügel eines ÄugelgelenfS in 
ihrer Pfanne; alle feine Bewegungen erfolgen um einen feften 
2)rehpun!t. Sie werben burch fechS SHuSfeln ausgeführt, welche 
alle Stellungen innerhalb ber geöffneten Sibfpalte ermöglichen. 
2lu($erbem haben bie Slugentiber zweierlei SHuSfeln, einen ber 



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230 mannigfaltiges 

ba§ obere Sib §ebt, unb einen ber, freiäförmig oerlaufenb, mit 
feinen t>erfd)iebenen Partien bie fiibfpalte leicht ober frampffiaft 
fd)ließt unb bie Siber an ben Augapfel anbrütft. 

3»it jebem «ufwärtärollen beS SlugeS erfolgt augleid} eine 
§ebung beä DberltbeS, bei jebem SbwärtSfefjen jugleia) eine 
©enfung beSfelben; nur einzelne Snbioibuen finb im ftanbe, 
nad) unten au Miefen unb augleid) ba§ Sib au Ijeben. 

2öenn mir juoörberft bie Bewegungen ber Slugenliber be^ 
obadjten, fo ftnben mir, baß biefe ein Serf leinern ober SSers 
größem ber ßtbf palte jur JJolge tyaben. 3ebe SSerfleinerung ber 
Sibf palte jeigt unS fanfte ©efityle, eine milbe ©emtitöfrimmung, 
etwa« ©utmütigeS, ober eine 2)epreffion unferer ©timmung, 8e* 
fa)eibent)eit, Semut, ©ram, Äummer, an; iebe Vergrößerung 
manifeftiert eine erregte Stimmung, freubiger ober nia)t freubtger 
ÜRatur. ©tnb bie oberen Siber nur leidjt gefenft, fo baß baburd) 
baä geuer beS 9(uge§ gebämpft, ba8 Ijeißt ber ©piegelrefler. ber 
§ornfjaut teilmetfe oerbeeft wirb, fo erhält ber ganje ©eftdjtäs 
auöbrucf etwas ©anfteS, bie 5Iugen finb fcfjmadjtenb. ©infen 
bie Siber no$ met)r Ijerab, fo mirb ber 93lid fd)läfrig. Seim 
©c^madjten finb bie SRunbminfel in bie $ö§e gesogen, aber nur 
gans wenig, ber HRunb ift au einem unmerflid)en Säbeln er* 
wettert. 93eim ©d)läfrigen Rängen bie 2Runbwtnfel e§er §erab. 
SSerwanbt mit bem ©a)läfrigen ift ber blafterte »lief, ber baS 
geringe 3ntereffe jeigt ober aeigen min, bad man an ber Süßen« 
inelt nimmt; bei i§m fommt jebod) nod) bie üBlicfviajtung in 
39etrad)t. Jpalb aftio, Ijalb paffio ift bad „Somoben^erabfe^en", 
nad) abmörtd gerichtete Slugen unb ein entfpred)enb gehobener 
.Hopf. Sterben bie SKunbwinfel babei nad) abwärts geaogen, 
ber ßopf etwas aur ©eite gebreljt, fo wirb gleidfoetttg 95eraa)tung 
auSgebrücft, ba3 ,,Ueber:bies2td)fel:anfel>en''. 2Rit einer meljr 
ober minber ftarfen ©enfung beS ßopfeS bei gefenftem SBlidfe 
unb gefenften Sibern ift oerbunben ber SluSbrucf ber Sefdjetbens 
Ijeit, ber €>cfjüd)tern$ett, ber 2)emut, aud) ber ©d)am unb beS 
fd)led)ten ©ewiffenö. 2)a man nid)t gut annehmen fann, bafs 
jemanb fontinuierlid) berartigige ©efufjle $at, fo werben wir aud 
ber ©eftänbtgfeit biefer Slugen^altung auf §eud)elei fd) ließen. 
Slua) ber Unglücf lidje , com ©ram ©ebeugte oerliert bie ftolae 



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mannigfaltiges. 23 1 



Haltung, Iafjt gleich f am alle« hängen, unb fo ftnb gefenfte £iber 
unb abwärt« gerichtete Slugen (mit abwärt« gerid)teten 2Hunb* 
winfeln) ba« 3 e *<h en be« ©rame« unb be§ Kummer«. 

(Sine ganj oerfa)iebene Sprache fpredjen aftio verengerte 2ib* 
{polten, bie burd) leid)te Senfung ber Dberliber gugteid) aber 
burd) §ebung ber Unterliber entstehen. 3n biefer Sffieife »er-- 
Weinern mir unfere ßibfpalten beim Sachen. 3um Xeite gehören 
hierher bie »erliebten Äugen; bie feelifd)e Sreube wirb ben 
Stuöbrudf be« Sä^efn« um bie Slugen jaubem, jugleia) mit 
etwa« ftärlerer ©enfung ber Dberliber, infofern ba« 6d)macf>s 
tenbe, Sa)iuärmertfcfie gleicf)3eitig jum Slu«bruc! gelangt, deinen 
p^i)ftognomifd)en Söert h°* bagegen bie SBerHeinerung ber Sib* 
fpalte, bie au« optifd)en ©rünben, um ba« ©er)en ju oerbeffern, 
ftattftnbet, wie bie« aum ©etfpiel bei ßursfichtigen ber gatt ift. 

2ßenben wir un« nun ju ben SJergröfjerungen ber fitbfpalte. 
3)ie S3ergröjjerung im allgemeinen jeigt an, bafi mir bie 9lujien= 
weit »oll auf un« einwirfen laffen motten; bie ©rünbe basu tonnen 
»erfä)ieben jein. SBir fet)en irgenb etwa«, wa« un« unerwartet 
Fommt ober ma« mir noä) nid)t gefeljen haben; mir mad)en er: 
ftaunte, »ermunberte Slugen; wer aber über alle« erftaunt, bem 
alle« neu ju fein f$eint, ber beftänbig bie Slugen aufreiht, ber 
erhält baburd) ba« Gepräge ber Dummheit, ober roer e« in 
folä)en Momenten t^ut / roo bie ©Ute e« oerbietet, ben 2lu«brucf 
ber grea)$eit. Slua) ber Neugierige roirb bie Slugen berart 
öffnen, wenn bie« erlaubt ift. (Sin anbere« 3Jtotio ift, einen 
angenehmen (Sinbrudf recht intenfio aufaunehmen. 60 ftnb roeit 
geöffnete Sibfpalten ber SluSbrucf ber greube; aud) ber eble 
Stol& unb bie Segeifterung werben in gleicher SBeife 5um Slu«-- 
bruet fommen, natürlich mobifijiert burd) bie HRttwirfung anberer 
2(ntli$mu«feln. 2)a« (Srftaunen über etwa« ©räfjlid)e«, ba« 
Gnifefcen über einen Slnbltcf, wie ber SluSbrucf be« größten Körpers 
fd)merje«, gum öeifpiel eine« Gefolterten, bebingen eine SSer^ 
gröfjerung ber Sibfpalte, unb awar bie tjöchftgrabige, f 0 bag ba« 
obere £ib fo hoch ge^ooen wirb, ba& ba« Söeifje ber Slugen ober; 
halb berfelben ftd) jeigt. S3ei allen biefen SRanifeftationen be« 
Staunen« werben gleichzeitig bie Slugenbrauen mit gehoben. 

©infame« Deffnen ber Slugen ohne biefe $ebung mit ruhig, $um 



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232 mannigfaltiges. 



»etfpiel auf eine ?etfon gerichteten Sfagen wirb bad ®efüht ber 
3ur>erftö)t, bed Vertrauend jum Sludbrudtc. bringen. Söirb babei 
bad Sluge naa) oben gerietet, ift ber Gimmel unb ©ort, ben 
wir bort fuä)en, bad 3^e( unferer SÜcfe, fo machen mir am 
bäa)tige klugen ; babei ift entweber bad .f>aupt in 2)emut gefenft 
ober in frommer Begetfterung gehoben; ganj oerfa)ieben wirb 
ber Sludbruct fein , wenn wir in profaifd)er Stimmung ben 
§immel betrauten, bann heben wir ben Äopf ftarf unb bafür 
bie Slugen im Verhältnid nur wenig. SDer ftetd bie Slugen ans 
bäa)tig erhoben trägt, wirb ald frömmernber fceutt)Ier erfa)einen. 

2Bir ^aben und btdfjer meift um bie fiibfpaltcn gefümmert 
unb und bie Slugen babei in einer beftimmten 9Ha)tung ruhig ge* 
bad|t. SBir fprect)en aber fein* oiel bura) bie Bewegungen unferer 
Slugen. Söer bie GJegenftänbe ruhig betrachtet, wer fia) erft, 
naajbem er ben einen ©egenftanb in gemeffenen Bewegungen 
mit ben Slugen gleia)fam abgetaftet hat, bem anberen auwenbet, 
^at bie f lugen Slugen eine« fdwrfen Beobachter«; wer bagegen 
unftet, fnftemlod feine Slugen balb hierein, balb borten wenbet, 
jeigt glüchtigfeit, Vlöbigfett ober Unbeholfenheit, aua) Verwirrung. 
SBer einem Vortrage aufmerffam aufjört, wirb fo lange bie Slugen 
auf ben Sprecher richten ; fangen bie Slugen an, Bewegungen $u 
machen, ift ber 3ufjörer unaufmertfam geworben. 25ad ruhige 
Slnbltcfen einer ^erfon, bad bei rhothmtfa) ftattfinbenbem £ib= 
f et) läge gefdjieht, barf man nicht oerwechfeln mit bem ftarren Slm 
bliefen mit unoerwanbt ruhigem Sluge, mit bem girieren, noch 
weniger mit bem Slnftarren; lefctered ftnbet häufig ftatt, wenn 
bie ^erfon fia) im öeifte mit etwad ganj anberem befefjäftigt, 
ald mit bem, bad fie anblicft, fpeaieH bei Ueberfichtigen. Slugen, 
bie mit bem oorljer betriebenen Sludbrutf bed Sächelnd feitwärtä 
bliefen, nennen wir fdjelnufche Slugen. Söerben bie Slugen leicht 
jur ©eite ober zugleich etwad naa) oben gebreht unb feiig 
läa)elnb auf ein Dbjeft bed SBofj Igef aflend gerichtet, fo finb bad 
oerliebte Slugen in Slnwefenheit bed geliebten ©egenftanbed, ber 
ebenfogut eine $erfon ald eine 6aa)e fein Tann. 

9loä) einiger Slrten bed unruhigen Vlicfed möge hier gebaut 
werben, ©o bed unruhigen Blitfed, ber ed ängftlid) oermeibet, 
ber angefproct)enen Sßerfon in bie Slugen ju feigen , woraud wir 



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mannigfaltiges. 233 

auf galfajfjeit fajUefcen, oft mit Unrea)t; ferner ber unruhig 
awinfernben Augen, wela)e baburd) oerbergen wollen , wol>in 
ber SBIicf eigentlich gerietet ift; ber fpäftenben Augen, bereu 
Sefifcer beu Äopf nad) einer 9ttdjtung bref>en, um nid)t merfen 
3U laffen, bafi bie SBlirfri^tuug naa) einer anberen «Seite ge* 
wanbt ift; ber unruhig roHenben klugen eines SBütenben; enblid) 
beö 3Ranöoer§ ber Äofetten, ba8 jiemlitt) fomplijiert ift. ©e* 
wöfjnlidj werben bie Siber leittjt, rote oerfdjämt gefenft, bann 
aber plöfclich unb met|t feitltdj auf bie ju be$anbelnbe $erfon 
gerietet, eine ganje 6aloe oon Augenfeuer wirb auf baS Opfer 
abgefa)offen ; eine ^roaebur, bie oft rafa) aufeinanber folgt, fo 
bajj man oon einer Äofette fagt: „6ie Happert mit ben Äugen"; 
in älteren 3 e *^« nannte man eö „fpiUenbe Äugen". 

2)iefe JBeifpiele mögen genügen , bod) ift bamit baS SBörter* 
bua) ber Äugenfpradje nodj lange nia)t erfdjöpft. SBie aber sur 
©enüge auö bem Angeführten fjeroorgefft, ift e3 niä)t baS Auge, 
wela)e8 „fpricf)t", fonbern bie SRuSfulatur ber Siber unb beä 
ganzen @efia)te§. SBenn bie Orientalen bie grauen hvoin$tn, 
xf)x ©efia)t oon unten Ijer fo au oerfjüUen, baj* nur bie'Äugen frei 
bleiben, fo fa)etnen fie au wtffen, bajj man mit ben Äugen allein 
nicht fprea)en fönne, ebenfowenig wie man baS !ann, wenn man 
eine Saroe oor baS ©efid)t hält, burd) weldje man nur bie Äugen 
fteht. ©äjmibt^SRunpIer eraäf>It, bajj er unter einer fotdjen Saroe 
ein möglia)ft aornigeS ©eftcht mad)te unb babei bie Augen wilb 
umherroflen lieg. 2)er 93eobaa)ter fragte: ,,©ie fua)en rooljl 

etwaS?" ©. SÖabermann. 

?rofgeria)tig. — SBctyrenb ber Regierung flarlö IX., ßönigS 
oon granfreidj, oerübte beffen ©ünftling, ber ©e^eimfajreiber 
SBournaael, einen graufamen SKorb an bem ©rafen be la Sour. 
2)aö ©ericht fprad) über ben HWörber baö £obeäurtetl auö, allein 
Äarl IX. fühlte ftd) bewogen, 93ournaael auf bie gürbitte feiner 
Angehörigen hin ju begnabigen, fo bringenb aud) bie SBitwe be§ 
©rmorbeten um ©erechtigfeit flehte. 3u ih rer S5efd)toid)tigung 
bot Äarl IX. ber ©räftn be la £our bie fonpaierten ©üter 
be3 Verbrechers an. „bewahre mich ©ott," antwortete bie 
Söitwe, „bafj id) baS SBlut meines ©atten oerfaufen fottte! Aber 
wenn benn einmal ber flrebit beö 2Jtörberä bie ©ered)ttg?eit 



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234 



fllanuigfaltttjes. 



überwiegt, fo »erben (Sure SRajeftät wenigfienö meinem ©ofjne 
btefelbe ©nabe erzeigen." 

„Syrern So&ne? SBaS $at er getijan?" fragte ber Äörng. 

,,©r $at noa) tttc^td getyan," lautete bie Antwort, „benn cv 
ift noa) unmünbig; aber fobalb er ljerangewatt)fen ift, fott er 
ben 3Rörber feines äkterä umbringen. 2}aau werbe i$ tfjn tag* 
Ua) ermahnen unb — be3f>alb bitte ia) im oorauS um eine 
gleiche 93egnabia,ung, wie fle SBournaael ju teil warb/' 

ßarl IX. fa)wieg oerlegen unb §ob bie S3egnabigung beö 
3Wörber$ wieber auf. 3. m. 

3*te man Karriere maa)t. — S)er 1678 tum oberften §of-- 
ranjler beö ÄaiferS Seopoib I. ernannte ©aron 3uliu8 Sriebria) 
SBucelini Ijatte at$ ©efretät im Sorjimmer au warten, wenn ber 
Äaifer mit feinen SRimftent fonferterte. $ajj er ljora)te, war 
natürlidj, unb wa§ er nia)t er§ora)te, fombinierte er ftaj au« 
fammen. 

31(3 ifjn einft nadj einer folgen ßonferena ber Äaifer in ba§ 
Äabinett rief, wo tym einer ber 2Jttnifter ben gefaxten 33efa)lufj 
biftieren folttte, warf SBucelini rafo) ba3 Äonjept au Rapier, elje 
ber SRinifter eä in feinem ©etfte geformt unb in Söorte gefleibet 
$atte. 

3Serwunbert fragte ber ßaifer, wo§er er ben 3n$alt ber ge= 
Reimen Beratung fenne. darauf (09 Sucelini unb fdjmeiajelte, 
bafj oon einem fo erleua)teten SJJonardjen unb oon beffen weifen 
SJliniftern naa) ©tanb ber Angelegenheiten fein anberer S3efa)Iufi 
$abe gefafjt werben fönnen. 

2)er über ben 3Serftanb be§ ©efretärS entaüdfte SWonaro) rief 
wörtlid) au§: „@i, ba geljörft bu herein unb nid&t in baö 93or* 
jimmer!" 

SJon nun an jog er ifjn aßen geheimen Beratungen bei unb 
madjte Ü)n, wie gefagt, tum erften §ofs unb etaatöfanjler, wo* 
bei fia) beibe Xeile feljr wo^l befanben. SB. 

£ine neue 3liagara0ru<fte, bie über bie tofenben 2BirbeI 
beö Stromes unterhalb ber gewaltigen gälte fü§rt, ift oon ber 
fanabif ajen „©ranb Erunf Staüwap" auö 6ta§l erbaut worben 
unb nia)t nur wegen t&rer bebeutenben ©pannung, fonbern aua) 
wegen tljrer boppelten 5a$rba$n bemerlenSwert. <S§ ift im 



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♦ 



< 



mannigfaltiges. 235 

©egenfafc 311 ber im 3afjre 1899 eröffneten neuen §ängebrütfe 
eine 33ogenbrücfe. 5luf ber oberften gafjrbafjn laufen bie ßifen« 
bal^üge, wie unfer naa) einer ^tyotograp^ie angefertigtes S3ilb 




geroafjren läfjt; bie jroeite, barunter liegenbe 93rücfenbal)n ift 
für ben SBagem unb gufjgängeroerfefyr eingerta^tet. Sluf ifjr 
bewegen fia) audj bie Söagen ber eleftrifcr)en ©trafjenbafjn vom 
fanabifdjen nad) bem amerifanifdjen Ufer be3 <3tromes\ Sie 
33rücfe ift ein ^eiftevroerf ber niobernen £ea)mf, unb oon ben 



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230 mannigfaltiges. 



turmljoa) über ben ftrubelnben 2ßaffern fajwebenben Jufcfteigen 
auf beiben Seiten ber unteren gafjrba^n Jjat man einen grofc 
artigen Slitf in bie Xtefe , wie weiterhin auf ben §ufeifenfaU 
bes Niagara, beffen Bonner nur ab unb au oon bem ber ferneren 
©ifenbaljnjüge übertönt wirb, bie über bem Äopfe bcS Sefä)auer3 
auf ber oberen Srüdfenba&n ba^infa^ren. 3f. 3 

/orb ISrtflofe &ttte. — Äorb Sriftol war ein eifriger 
tfunftfreunb unb leibenfa)aftliä)er ©emälbelieb^aber. 2luf feinen 
Reifen ber ü(f (tätigte er lobenSroerterroeife bei ben Anläufen 
für bie fa)öne Oemälbegalerte , n>ela)e er ju §aufe in feinem 
©a)loffe befafi, aufjer ben Silbern alter, längft begrabener unb 
oermoberter 9fleifter aua) bie ©a)öpfungen lebenber junger 
tfünftler von ©enie. 3m ©ommer 1795 fam et naa) 2Rüna)en, 
um bort Silber gu raufen, unb traf bort im $>otel mit bem 
Saronet Sereäforb jufammen, ben ebenfalls bie ©ua)e naa) 
neuen Silbern naa) ber fa)önen 3farftabt geführt fjatte. 

Sertteft in ein ©efpräa) über Äunft, blieften fie jufällig 
babei auä bem genfter. @ben fa)ritt ein junger SRann, beffen 
2leufjere$ beutlia) ben ßünftler oerrtet, brausen bie ©trajje 
entlang unb am §otel oorbei. 

„SBa$r§aftig, er ift eä!" rief ber Sorb. 

,,©ie fennen $errn o. ßügelgen?" fragte ber Saronet. 

„Sanx^l, ©ir Sereäforb. Sor einiger 3eit lernte ia) i§n 
in SRom fennen. @r ift ein au§ge$eia)neter flünftler." 

„$arin ftimme ia) 3§nen gern bei, 2ttnlorb." 

„5ür einen ber beften neueren 2anbfa)aft£maler Ijalte ia) i&n." 

„Serjeiljen ©ie, 9Rnlorb! Offenbar finb ©ie in einem 3* rs 
tum befangen." 

„Söiefo meinen ©ie ba$?" 

„@r ift fein 2anbfa)after, fonbern fciftorienmaler." 

„Wein, er malt nur 2anbfa)aften, feine anberen Silber, ba$ 
roeifi ia) beftimmt," rief £orb Sriftol. „3«>ei reijenbe ttalienifdje 
2anbfä)aften Ijabe ia) in SRom oon if)m gefauft." 

„§m, §m! 2>ie , möchte ia) boa) mirflia) erft fe§en." 

„©ir SereSforb, ©ie fagen ba$ in einem fo feltfamen $one, 
bafc ia) ju meinem Sebauern %f)txtn barüber mein Sefremben 
auSbrütfen mufj." 



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„Saju fjaben Sie gar feine Urfad)e, 3Rulorb." 
„O boa)! 2lber (äffen wir biefen Streit lieber nid)t ernft: 
^after werben/' 

„2)a8 ift aud) mein 2Bunfd)." 

„2)ie betben Sanbfdjaften fann id) 3^nen (eiber nidjt geigen, 
weil biefelben bireft von JRom nad) (Snglanb gefanbt warben 

finb." 

„$or etwa ad)t Sagen faufte id) ein fa)öne8 Heines $>ifloricn= 
bilb von $errn v. Äugelgen." 

„Sie beharren alfo bei Sfjrer 39e$auptung ?" 
„©ewifc." 

„Sie müffen fid) irren, Sir. <5r ift £anbfa)aft§maler. 3(5 
weiß ba3 gan$ befttmmt." 

„2öa3 id) fagte, ift wafjr. (Stauben Sie mir benn md)t?" 
„Sir SJereSforb — " 
„SHolorb — " 

„Wun, ftreiten wir md)t länger. Stetten wir lieber." 
„deinetwegen." 

„Um jebe beliebige Summe. Saufenb ?funb — ge^ntaufenb 
$funb — " 

„Wein. Um gar feine Sarfumme, 3Wi;lorb. $or meinem 
©ewiffen fönnte id) e§ nid)t üerantworten , 3§nen auf fold)e 
9lrt fo oiel Selb abjunefjmen. SBetten wir um ein feines 
Souper, woju wir ben ßünftler etnlaben, ber ja bod) bie SBette 
entfd)etben mujj." 

„@S fei." 

„®e$en wir fogleiä) au i$m! ©r wo$nt nämlid) nahebei. 
3n feinem Sttelier werben 6ie nur fciftorienbilber unb Porträt«, 
aber feine einzige £anbfd)aft feljen." 

2orb 93riftol war fofort bereit, unb bie beiben ßunftfreunbe 
begaben fid) nad) bem Atelier be3 ÄünftlerS, wo biefer fte 
äu&erft $öflid) empfing. 

Unb rtd)tig: eö befanb fiü) im 9ltelier feine einzige fertige 
ober halbfertige 2anbfd)aft, nur ^orträtö unb fciftorienbilber 
fafj man ba. 

„Seit wann malen Sie benn feine £anbfa)aften mefjr?" 
fragte ber Sorb. 



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238 mannigfaltiges. 

„3$ fjabe nie Sanbfd^aftcn gemalt/' verfemte ber Ättnftler. 

„28ie, toa3 fagen Sie ba? §abe ia) boä) felbft gefefjen, tote 
Sie an bei* Staffelei ftanben unb eine Sanbfdjaft aus ber 
römifa)en (£ampagna malten." 

„©ie irren fia), SWolorb." 

„$abe ia) boa) in 9lom fogar jwei Sanbfa)aften oon 3$nen 
ge!auft." 

„Widjt oon mir, SWglorb." 

„2)a§ ift toa§rlia) furioS! 9Ka)t oon 3§nen? 3a, ia) bitte 
Sie, oon mem benn?" 

„2Bo$l jebenfattS oon meinem S3ruber Äarl o. ßügelgen, 
ber jur 3«it in 9tom tooljnt." 

„3l§ — Sie ljaben alfo einen Sruber?" 

„So ift'S, SWolorb. 3ö) Ijetfie ©erwarb o. flügeigen unb 
bin Porträt: unb fciftorienmaler. SWein 3roining8bruber flarl ift 
2anbfa)aft3maler. «Rur in bem, was mir malen, untertreiben 
mir unö, benn fönft gleiten mir uns in allem anberen fo fe&r, 
bafj bura) bie frappante 2lef)nlttt)feit in ©eftalt, Spraye, ipaltung, 
33ene$men unb fo weiter f$on oft tounberlidje Sern) cd) Ölungen 
entftanben." 

Sorb Sriftol oerfor alfo feine SBette. 

©erwarb o. Äügelgen fanb fpäter ein tragtfdjeS (Snbe. 3 m 
SJtära 1823 würbe er in ber SRäije oon 2>re8ben ermorbet. ßarl 
ü. flügeigen mar ruffifa)er Hofmaler geworben. <5r ftarb im 
3afjre 1832. k 2. 

$in merftwürbiger 3?ttrnn — eine $lage für bie Sewoljner 
troptfdjer ©egenben ber alten SBelt ift ber*9Rebmas ober ©uinea=. 
wurm, ber fia) an ben ©einmuSfeln feftfefct unb bisweilen bie Sänge 
oon einem Sfteter erreicht. Söenn ftd) biefeS Untier in baS Bein 
gefreffen l)at, fü§lt man anfangs !einen Sdjmera, allein menn eS 
wäajft unb fta; aufrollt, bann entfteljen ©nt^ünbung unb Sa)meraen. 
2)a3 befte Littel bagegen ift, bie angegriffene Stelle jur (Sites 
rung ju bringen, bis baS ©efa)wür ben flopf beS SBurmeS jeigt. 
tiefer wirb fobann forgfältig fjerauSgeaogen unb an einen fletnen 
3meig befefttgt, womit man ben SBurm naö) unb naa) IjerauS; 
roinbet. SReifjt er ab, unb eS bleibt ein Stütf baoon im 93ein, 
fo erregt bieS feljr bösartige Gntaünbungen. u. 



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mannigfaltiges. 239 

pie pttgförfbfeber. — 2ll§ Äaifer gerbtnanb I. oon Defter* 
reta) am 2. 2)e$ember 1848 311 ©unftcn beS gegenwärtigen JtaU 
ferS SJran3 3°f*P0 abbanfte, fdjrieb ber SegationSfefretär Saron 
Jpübner baö betreffenbe SprotofoH unb trollte ftdj fobann bie 
Jeber, womit ber alte Äaifer unter$eiä)net Ijatie, als Slnbenfen 
behalten. (Sra^ersog 9Jtorjmilian aber, ber nääjfte »ruber beS 
neuen ÄaiferS, begehrte bie fjeber für fiä), unb »aron $übner 
fonnte ntä)t anberS, als gute 3Riene jum böfen @»iel ju maä)en. 
Allein inbem er bem ©ra$er$og bie geber barreiü)te, fiel fte ju 
©oben. 

„SJtöge btefeS feine fa)limme Sorbebeutung fein, Äaiferlidje 
§o§ett," fagte ber öaron, fta) nad) ber Jeber bücfenb, „fonbern 
möge jebeS 2öort, baS mit i$r gefä)rieben wirb, @uer ßaiferliä)en 
§ofjeit ©lüdf bringen." 

2Rit biefer geber unterfa)rieb aRarjmtlian fta) sunt erftenmal 
als Äaifer oon SKejüo auf ber bekannten (SrllärungSurfunbe in 
SÄiramare — ein 2)orument, baS mithalf, fein EobeSurteil §u 
begrünben. 91. 2>. ®. 

Per %aufa). — Xurenne, ber be!annte franaöftfäje 2Rarfa)aH 
(t 1675), bemerfte bei einer SReoue, ba& ein Offizier ein fe$r 
altes unb langfameS Sßferb reite. <£r erfunbigte ftd) unb erfuhr, 
ba& ben Dffoier feine 2lrmut Ijinbere, ftd) ein beffereS $ferb ans 
3ufa)affen. Surenne lief* ben Offizier rufen. „3$ (jabe eine SBitte 
an @te," fagte er. „3cf> $offe, 6ie werben fte Syrern 2Rarfa)aU 
niä)t abfragen. SWeine ^ferbc ftnb mir ju feurig, fte ermüben 
mtä) letdjt unb madjen mir beim leiten oiet 8« fajaffen, benn 
id) werbe alt unb fa)waa). 2Iber id) §abe l)eute bei ber SReoue 
3^r Sßferb gefe^en, baS würbe vortrefflich für miä) paffen. 3Bürben 
©ie wo§l geneigt fein, einen Xaufa) mit mir einzugehen unb 
$ferb gegen eineS auS meinem ©tafle auSauwedjfeln?" 

$er Offijier bura)fa)aute bie 3lbfia)t beS 3Rarfa)aHS, tljm o$ne 
Äränfung ju einem guten $ferbe 3U oerljelfen, unb ging gerührt 
auf ben Saufa) ein. x. 

ittäflen eflfeit. — 3n ben bereinigten 6taaten oon 9torb; 
amerifa ift bie SRebenSart „Äräfjen effen" für „fta) bemütigen" 
fet)r im brauch. 2)ie ^pr)rafe ift auf folgenbe SBetfe entftanben. 
Gin ©olbat ftanb oor ben SBefeftigungen oon 9iero 5)or! Soften. 



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240 mannigfaltiges. 

Stuf einer SBiefe bemerke er eine Ströhe, jielte auf ben Stogel unb 
fajoß i$n tot. 2)ann legte er fein ©eroef)r ^in unb ging, bie 
fträlje aufzunehmen. 9113 er fiä) roieber aufrichtete unb um= 
roanbte, fa^ er mit ©chreefen fein eigenes ©eroeljr auf fid> ge* 
rietet, unb jroar in ben §änben eines hoUänbifchen SJarmerS, 
ber offenbar in ber größten SBut mar, unb balb ftettte eS fta> 
IjevauS, baß bie Ärähe ein jahmer Sögel unb ber Liebling i^red 
SeftfcerS geroefen war. (Srft naa) langem Sitten gab ber $oHänber 
feine 9lbftd)t auf, ben unoorfi artigen 3&g** Sur ©üfjne för feine 
getötete flrähe nieberjufd)ie&en, jebod) nur unter ber 93e= 
binguttg, baß ber ©olbat baS $ier fofort oerfpeife. Swmer 
unter bem Sanne beS auf i(jn gerichteten ©eröeljrlaufS 
trug ber ©olbat einige ©päne sufammen, machte Seuer an, 
briet ben Sögel unb fing an, ihn aufaueffen. SllS er aber 
bamit bis jur ©älfte fertig roar, rourbe ihm fo miferabel au 
9Rute, baß er erflärte, lieber wolle er fia) totfehießen laffen, als 
roeitereffen. 2)er Qoxn be§ $otlänberS roar mittlerweile oers 
raucht, er fdjenfte bem ©ünber ben SReft ber ©träfe. unb gab 
ihm fein ©eroeljr jurücf. 9?un aber roanbte fia) baS Statt; ber 
©olbat richtete jefct feinerfeitS baS ©eroeljr auf ben $ottanber 
unb gwang ihn, bie anbere Hälfte beS unappetitlichen SSogelS 
ju oeraehren. $amü roar jebodj bie ©efchichte noch nicht ju 
®nbe. $er §oHänber führte ßlage beim Dberften beS SRegi* 
mentS, unb biefer ließ ben ©olbaten fta) oorfüfjren unb fchrie 
ihn grimmig an: „Äennen ©ie biefen SDtonn ba?" 

„3u Sefeljl, $err Dberp, ja," lautete bie Antwort, „wir 
haben ja geftern aufammen gefpetft!" 

3n bie $etterfeit, bie biefe Antwort erregte, ftimmte aua) 
ber ^oüdnber ein, unb oon einer Verfolgung ber ßlage roar 
feine Hebe mehr, aber ber SluSbrucf ,,Är%h effen" ift feit ber 
Seit geblieben. ©. «. 

jtiuMfdier Jieerflfatt0f. — ßönig SabiSlauS IV. oon $olen 
(t 1648), roar fo abergläubifdj, baß er fein ©a)lof$ am SRorgen 
nicht eher verließ, als bis er fich breimal um ftch felbft faxum- 
gebreht unb einen ©trohhflh" '« brei ©tücfe jerriffen hotte, Sö. fc. 

■ 

UNIV. Cr MICHIGAN, 



JUl, lo 1912 



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Dir glndtlidjr n fiuren 

in Sp<if^cn , S ort^fibtfdjer £ettanftaft in 5)cffau 

haben ben oorjüglicben Stuf biejcS cor nun halb 14 fahren gegrünbeten 9Jlufter»3nftitutS 
tangft aud) jenfeitS bei OjeanS «i n ber toirf jamftcn SBetfe oerbreitet. Denn ^afdjen betommt 
f di on fett öalr.c n außer feinen jaljtrcidiett beutfd)en Patienten A raufe nicht nur aus Statten, 
SRufelanb, f^ranfeeidd jc, fonbern aud) aus Anterita, Afrita unb Afien, unb bie foft aüjäbr» 
lid) oorgenommenen SBergrößerungen ber AnfialtSgebäube haben ftdi immer toieber ato un« 

iureid)cnb ertoieien. 2)urd) oerfdjicbene Neubauten präd)tigfter unb originellster Art, bie fld) 
iurd) ben Anfauf eines grofjen WadjbargrunbftüdeS ermöglichen tieften, ift in biefem 3afjre 
JBorforgc getroffen toorben, jobaft jettf faft bie boppelte 9tn3arjt Seibenber Staunt finbet unb 
ftd) trofcbem au dt bie tjertoöfjnteften Patienten bort in jeber SBeiie^iung wie )u $auje füllen . 
töntten. toirb ben Sefer intcrejfieren, ju erfahren, toaS eigentlid) bei $afd)en in 2>effau 
geseilt toirb. Alle Abnormitäten beS SKüdgratS, Säbmungen, ftufjleiben, Älumpfüfje, SRüden« 
marfjdm)äd)e ic. ! WatÜTÜd) überläuft ben Unfunbigen fofort eine ©änfebaut; benn er ficht 
im (Seifte einen großen DperationSfaal mit teuflifd) blifcenben Seffern, blutigen lüdjern unb 
anberen grufeligcn Dingen; ober er erinnert fid) gar ber 9iotij über baö JBerfatyren beS 
Dr. daüot in tpariS, ber armen ©udligcn frifd) unb fröhlich bie SBirbeljäule mit ©etoalt 
einbrüdt, um fie in bie normale fjfacon }u bringen An bergleidjen 6ad)en ift icbod) in ber 
$afd)en'fd)ett Anftalt gar nicht ju benfen! Ob, ne Operation, ohne ©etoaltmtttcl , ohne 
©ipöoerbänbe, o j) n e 6tredbett, nur burd) eigen! für jeben einjelnen ftan genau fonftruierte 
©elenfapparate ober Aorjetts , oerbunben mit oernün ftiger SebenStoeife, forgfältig geregelter 
Inodjenbilbenber liät, ERaffagen, (Hcttrifierungen, 39äber, Uebungen an £urn* unb öanb« 
opparaten :c. erjielt ber getoiffenbafte unb reich erfahrene Seiter be8 $cffau'jd)en 3nftitutS 
feine oft munberbaren erfolge. Wittels StöntgenapparatS toirb &\% unb Natur beS Seiben* 
]unäd}ft fefigefteHt, unb alsbatb gebt eS an bie ^erfteflung bei notigen au8 Seberbüljen, 
©tabjfdjienen, Folgerungen, lomplijierten Gbarnieren ic. aufammengebauten IRüftjeugfi, baS 
ben Patienten fofort in ben Stanb fetjt, baS ©iedjenlager oerlaffen unb, ohne Schmerlen 
iu empflnbett , fi«b frei betorgen ju tönnen ! SOöetd) wonnige (Smpfinbung burdjftrömt bie 
©ruf* foldjeä Armen, ber bic Hoffnung fdhon aufgegeben $atte, je wieber ©ebraud) oon 
feinen ©liebmafjen machen au tönnen ! &on 3abr ju 3ab,r fteigert fid) bie 3a^t ber gtücf« 
lid) ©ereilten, bie ibrettt Wetter nid)t lauf genug au jagen toifjen für bie überrafd)enbe 

tilfe, bie il>nen b,ier enblid) ju teil getoorben. SBeinbrüdjige , bie bisher au monatelangem 
iedjenlager oerurteilt toaren, erlangen mit Anlegung be§ Apparats fofort bie grähjgfeit, 
toieber au geben; {RüdenmarfSleibenbe , bie jahrelang im SRotlftu^l augebrad)t haben, ge» 
toinnen burdj baS Sfolioienforfctt toieber öalt im Äörper; Äinber, bie an Berfrümmungen 
leiben unb burd) bie Stredbettbebanblung fefr ^eruntergefommen flnb, erholen fidj t)ter idjneCl, 
ba fte fld) mit ibrem Apparat bewegen, im ^arf tummeln tonnen unb babureb Appetit unb 
SMutairfulation baben. 

^ajtben'S ^eilanftalt liegt in gefunber gartenreidjer ©egenb unb bod) nod) im 
9Q3eid)bitbe ber €tabt Xeffau. große ftomple; oon ©ebäuoen enthält neben fomfortabel 
eiugerid)teten 2öobnräumen für bie Patienten bie Arbeitträume beö SDireftorS nebft ben 
SÖerfftätten feiner SÄitarbeiter ; fobaun einen großen mit allen möglidjen 3:urnapparaten, 
Sreiräbern jc. auSgeftatteten 2umiaa(, einen brillant eingerichteten l'ejejalou, £peije> unb 
Cmpf augSräume , SÖabeaimmer, Jerncr baS burd) ben 9ieubau entftanbene ©onnenturhauS, 
einen tieinen ©la&palaft mit ben prädjtigften ßinbern ber füblidten ^flora auSgeftattet, fomie 
ein iu feiner ganzen einrttbtuug'^nchft prattijd) angelegtes ©djulgebäube, in beut bie f leinen 
Patienten auf aQeu nur müttjcv yfjtperten ©ebieten burd) eigene 2el)rträfte toeiter geförbert 
toerben. Xie ertodrmuttg ber SRaiime gefdjiebt burd) 6entral»aDBartntt)affer«Anlage; bie JBe» 
Ieudjtung burd) eieftrijität. r bie Anftalt umgebeube ©arten ift parfartig unb nur für 
bie Patienten benimmt. Tie SGBege barin ftnb ben Seibenben entjpredienb oorjuglid) gehalten. 
*ei fdjled)tem Slöetter bietet eine herrlid) belorierte 5ÖanbelhaUe ©elegenbctt aunt fronte» 
nieren. Ueberau ^errfe^t unter ben Patienten tJröhlidtfeit , nirgenbS fteht man Oerbriefe« 
Iid)e ©ertd)ter, niemals oernimmt man Aeußeruugen be§ 6d>meraeS. Q$ fühlt fid) eben 
• Jeber hier wohl unb geborgen, tröftlid)er £'tlfe ftdjer, tooju ba§ mufterbaft gefdjulte ^erfonal 
nid)t juteht betträgt. 

Aud) ärutiäV Autoritäten, mie ^rofeffor oon »ergmann, ^rofeffor oon Setoben, 
ber oerftorbene SBolfmann.J5?aIIe ?e. hoben bie Erfolge ^aidjen's oerfdjiebentlid) unb rüdbaltS. 
loS anertannt. Ta& 3nftitut jei baher allen , bte für bie obengenannten Reiben SBefjerung 
unb ©ettefung fud)en, mit ber SRofetttmg empfohlen, ba§ toaS ftc thun wollen, batbauthun. 
3e früher man gerabe bei biefen Äranfheiten oor bie rechte Scbmiebe gebt, je fixerer 
barf man auf Erfolg rechnen. ^ eoboc 



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fragen fußt , fonbem aud) auf ber Beurteilung toon mehr als 20 000 £anbfd)tiften 3)fr 
%utor, ber alö einer ber erfahrenden ^raftifer auf biefem ©ebiete gelten barf, ift bureb 
feine grapbologijdien Uuterfud)una,en in berborragenben ^eitichriften weit befannt geworben ; 
jardreidje 'ünertennungen unb 3 f ttung*rejenfionen auft aller Herren £änber fprerben bafür, 
bafc fein fiebrbud) ber ©rabbologie aü ein Ceitfaben begeiebnet werben barf, ber in fetner 
maBüollen unb geiftreiaVn <Dtetbobif ganj beionbetä geeignet iff . in aflgemcinberfianblldjer 
28cije ben bercd)tigten Äern ber Sdjrtftbeutung ju erläutern, ^n bem neubinjugefiigten Äa» 
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